Gibst du mir, so geb’ ich dir!

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Gibst du mir, so geb’ ich dir!

Von Journal21, 11.01.2021

Der amerikanische Botschafter in Marokko besucht die umstrittene Westsahara.

Marokko erhält die Westsahara und muss dafür Israel anerkennen. So sieht der Pakt aus, den die USA mit Marokko geschlossen haben.

Der Besuch des amerikanischen Botschafters David T. Fischer am Sonntag in Dakhla sollte die marokkanischen Hoheitsansprüche auf das umstrittene Gebiet besiegeln. In der Küstenstadt Dakhla, nicht in der grössten Westsahara-Stadt El-Ajoun, wollen die USA jetzt ein Konsulat errichten. In vielen arabischen Staaten wird dies als Provokation empfunden.

Eingefädelt wurde die Vereinbarung zwischen den USA und Marokko von Jared Kushner, dem Schwiegersohn Trumps.

Die einen betrachten das Abkommen mit Israel als grossen Erfolg für Marokko, das jetzt über die Westsahara bestimmen kann. In vielen arabischen und islamischen Staaten jedoch wird die Vereinbarung als „Kniefall Marokkos vor Trump“ kritisiert.

Arabische und islamische Staaten werfen Trump vor, er setze sich kaltblütig über internationales Recht und internationale Abmachungen hinweg und missachte Beschlüsse des Internationalen Gerichtshofs und der Uno.

Zuvor hatten bereits die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrein und der Sudan Abkommen mit Israel geschlossen.

Der Westsahara-Konflikt ist über 50 Jahre alt. Marokko beansprucht das Gebiet. Die Westsahara, im Süden Marokkos am Atlantik gelegen, ist gut sechs Mal so gross wie die Schweiz und zählt etwa 600'000 Einwohner.

Die Frente Polisario kämpft seit Jahrzehnten für einen unabhängigen Staat: für die „Demokratische arabische Republik Sahara“.

Der Konflikt ist ein Dauerthema der Uno. Immer wieder fanden Konferenzen statt, mehrere in Genf. Die Uno verlangt, dass der völkerrechtliche Status des Gebietes in einer Volksabstimmung geklärt wird. Marokko und die Polisario konnten sich jedoch nicht über die Modalitäten einer Abstimmung einigen. Marokko lehnt zum Vornherein alle Unabhängigkeitsbestrebungen ab.

Die Westsahara ist längst geteilt: Im Westen des Gebiets dominieren die Marokkaner, im Osten die Saharuis. Getrennt werden die beiden Einflusszonen durch eine 2500 km lange stark verminte Grenzbefestigung.

(Karte: Journal21.ch/stepmap.de)
(Karte: Journal21.ch/stepmap.de)
  • 1848 teilen die Kolonialmächte an einer Konferenz in Berlin Afrika unter sich auf. Spanien erhält die Westsahara zugesprochen. Schon kurz darauf lehnen sich die Saharuis (französisch: Saharouis, englisch: Sahrawi), die Einwohner der Westsahara, gegen die Spanier auf.
     
  • Ab 1965 verlangt die Uno den Abzug („Dekolonialisierung») der spanischen Truppen.
     
  • Anfang der 1970er Jahre entsteht die Befreiungsfront „Frente Polisario“. 1973 nimmt sie den bewaffneten Kampf gegen die Spanier auf.
     
  • Kurz darauf erhebt der marokkanische König Hassan II. Anspruch auf das Gebiet. Im Anschluss daran verlangt auch das Nachbarland Mauretanien eine Eingliederung der Westsahara in sein Staatsgebiet.
     
  • 1975 ermittelt die Uno, dass die Mehrheit der Bevölkerung der Westsahara nicht zu Marokko gehören möchte, sondern die Unabhängigkeit anstrebt.
     
  • Der Internationale Gerichtshof bestreitet die Souveränitätsansprüche Marokkos und Mauretaniens.
     
  • 1975: Der „Grüne Marsch“: 350’000 Marokkaner und Marokkanerinnen marschieren auf Geheiss ihrer Regierung in die spanische Kolonie Spanisch-Sahara, die heutige Westsahara. Sie verlangen die Übergabe der Kolonie an Marokko.
  • Nach dem Tod Francos 1975 verlassen die Spanier das Gebiet.
     
  • Am 6. Oktober 1975 entscheidet der Internationale Gerichtshof, dass die Bevölkerung der Westsahara über ihre Zukunft entscheiden soll.
     
  • 27. Februar 1976: Die Polisario ruft die „Demokratische Arabische Republik Sahara“ aus. Sie wird von 80 Staaten anerkannt; 30 von ihnen haben die Anerkennung bis zu einer Konfliktlösung zurückgezogen.
     
  • 1979: Die Polisario besiegt Mauretanien, das sich zurückzieht.
     
  • 1979 erklärt Marokko die Annexion der Westsahara. Die Uno kritisiert diesen Schritt scharf.
     
  • 1984: Die OAS, die Organisation für Afrikanische Einheit, nimmt die Westsahara auf. Marokko tritt daraufhin aus Protest aus der OAS aus.
     
  • 1991 schliessen die Frente Polisario und Marokko einen Waffenstillstand.

Zehntausende Saharuis-Flüchtlinge leben in Lagern im Westen Algeriens. Viele Einwohner der Westsahara sind desillusioniert und sehen für sich keine Zukunft.

Unterstützt wird die Polisario vor allem von Algerien. Frankreich steht auf der Seite von Marokko.

Im November 2020 erklärt die Polisario den Waffenstillstand für nichtig.

Dezember 2020: Marokko erklärt, es werde als viertes islamisches Land Israel anerkennen.

Die Polisario schwört, sie werde den Kampf für die Unabhängigkeit der Westsahara nicht aufgeben.

(J21)

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