Geschichtsklitterung vom Feinsten

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Geschichtsklitterung vom Feinsten

Von Monique R. Siegel, 27.11.2014

Wie heisst es doch: Männer handeln, Frauen kommen vor – wenn’s gutgeht. Hier ging es nicht gut.

Er bleibt sich treu, der Herr Watson: Jetzt möchte er als erster lebender Nobelpreisgewinner die Medaille versteigern, die er 1962, zusammen mit den Herren Francis Crick und Maurice Wilkins, für die «Entdeckung» der DNA erhielt. Darüber kann man denken, wie man will, doch das trifft nicht auf die Behauptung zu, diese drei Herren hätten die DNA «entdeckt», wie die Schweizerische Depeschenagentur verbreitet.

Wir haben es hier mit einem klassischen Fall von Geschichtsklitterung zu tun, die unter dem Motto läuft: «Geschichtsbücher werden gewöhnlich nach der Devise verfasst: Männer handeln, Frauen kommen vor.» Das ist die optimistische Variante, denn in diesem Fall ist die Frau noch nicht einmal vorgekommen. Die eigentliche Entdeckerin der DNA ist nämlich die brillante britische Forscherin Rosalind Elsie Franklin (1920-1957). Sie war es, die entdeckt hat: Das  Erbmolekül DNA besitzt eine Doppelhelix-Struktur.

Diese Entdeckung hat sie in einem vertraulichen Forschungsbericht für ein Komitee des Medical Research Council niedergeschrieben, der ihren drei Forschungs«kollegen» zugänglich gemacht wird – ohne Wissen, geschweige denn Zustimmung der Forscherin. Die promovierte Molekularbiologin ist zwar Watson als Kollegin auf Augenhöhe zugeteilt, für ihn aber nie mehr als eine Assistentin; eine Frau als gleichberechtigte Forscherin konnte er sich nicht vorstellen.

Diese Gentlemen, die sie zuvor von oben herab behandelt, sie geschnitten und ihr den Zugang zur Infrastruktur der Labors am Londoner King’s College so schwer wie möglich gemacht oder ihr eine Mitgliedschaft im Club, wo Forschungsresultate diskutiert werden, verweigert haben – diese Herren benutzen die informellen Unterlagen Rosalind Elsie Franklins als Basis für ihre eigenen Veröffentlichungen.

James Watson soll gesagt haben: «In dem Augenblick, als ich das Bild sah, klappte mir der Unterkiefer herunter, und mein Puls flatterte. Das Schema war unvergleichlich viel einfacher als alle, die man bis dahin erhalten hatte.» 1962 wird ihm und seinem Kollegen Crick der Nobelpreis «für die Entdeckung der Molekularstruktur der Nukelinsäuren und ihrer Bedeutung für die Weitergabe von Information in Lebewesen» verliehen.

Da war Rosalind Franklin bereits fünf Jahre tot. Das hat sie – im Gegensatz zu Lise Meitner, für deren Arbeit an der Atomspaltung (diese Wortschöpfung stammt übrigens von ihr) Otto Hahn 1945 den Nobelpreis entgegengenommen hat, selbstverständlich ohne sie und ihre Arbeit auch nur zu erwähnen – nicht mehr miterleben müssen: Sie stirbt im Alter von 37 Jahren an Krebs. Und so hat sie auch nicht wissen können, dass die Herren Crick und Watson zugegeben haben: «We have also been stimulated by a knowledge of the general nature of the unpublished experimental results and ideas of Dr. M.H.F. Wilkins, Dr. R.E. Franklin and their co-workers at King´s College, London.» Grosszügig, nicht wahr? Francis Crick hat dann später öffentlich eingestanden, dass die Entwicklung des DNA-Modells ohne die Messdaten von Rosalind Franklin nicht zustande gekommen wäre.

So kann man also annehmen, dass James Watson, der ja gemäss der Agenturmeldung einen Teil des Erlöses für die Forschung stiften will, täglich von Gewissensbissen geplagt worden ist und diese ganze Medaillen-Geschichte eine späte Wiedergutmachungsaktion ist. – Sie glauben doch auch an den Weihnachtsmann, den Osterhasen und den Klapperstorch, oder?

Kommentare

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Bravo Frau Siegel für diese Beispiele. Wie kann man, mit einem Gewissen ausgestattet, einen Nobelpreis entgegen nehmen, der einer Frau zusteht? Wobei diese Beispiele ja nur die Spitze des Eisbergs sind. Dieselbe Ursache trägt dazu bei, dass immer noch so wenige Frauen in GL und VR von Unternehmen vertreten sind. Und das gibt zu denken!

Nobelpreis und Frauen. Natürlich könnte man vorschlagen, in den nächsten 100 Jahren den Nobelpreis nur noch an Frauen zu verleihen zur Wiedergutmachung. Besser aber ist: den Nobelpreis an gemeinnützige Werke zu verteilen und aufhören, dem breiten Publikumsgeschmack nachzugeben und auf noch ungerechtere Art als in der Wirtschaft zu glauben, dass man Verdienst objektiv eruieren kann und gerecht entschädigen kann.

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