Geschichte wird zur Gegenwart

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Geschichte wird zur Gegenwart

Von Journal21, 27.09.2010

Es ist ein hartes Buch. Hart wie das Leben in Amerika. Heute wie damals, vor 350 Jahren, als die Gegend noch Mary’s Land hiess, wo Toni Morrison’s „Gnade“ sich vollzieht. Zwei Jahre nach dem amerikanischen Original hat Rowohlt das Buch der Nobelpreisträgerin in der Übersetzung von Thomas Piltz herausgebracht

„Gnade“ beginnt mit einem Traum, einer Beichte, einem Rätsel, das sich erst am Ende und auch dann noch nicht ganz auflöst. Es setzt den Grundton, erzeugt die Spannung wie das Miteinander der Figuren mit ihren Geheimnissen. Die Geschichte, die „History“ hat sie zusammen gebracht, sie sind miteinander verknotet und bleiben doch voneinander getrennt. Das schafft die Spannung, die sich vom ersten Satz an aufbaut – „Hab keine Angst.“ -, und die durch die ganze Geschichte, die „Story“, brodelt, bis hin zum befreienden und zugleich zerstörerischen Ausbruch der Gewalt. Das beruhigende Anfangswort stiftet auch schon die Unruhe. Und erzeugt den Sog der Lektüre. Das Buch ist Geschichte und Gegenwart – John Updike zitiert Faulkners: „Die Vergangenheit ist nicht vergangen“, in der Besprechung von „A Mercy“ im „New Yorker“.

Morrison zeichnet das Bild von miteinander nebeneinander lebenden Menschen. Florens, die impulsiv adoptierte Sklavin, Afroamerikanerin mit portugiesischen Einsprengseln von ihrer Mutter, mia mãe, die als Einzige ihre Geschichte selber erzählen darf. Die anderen werden von aussen betrachtet, sind vordergründig präzise gezeichnete Figuren – präzise vor einem nebelhaften Hintergrund, aus dem ihre Lebensgeschichte, ihre lebensentscheidende Herkunft und Kultur herauswabern. Lina, die Indianerin, die nackt badet und nachts tanzt, dem Herrn zu Diensten ist und das Leben steuert auf der Farm in Virginia. Sorrow, die Gespaltene, die erst wieder zusammenwächst, als sie die Frucht ihrer unbegrenzten Hingabe hingebungsvoll zu pflegen beginnt. Jacob Vaark, der Bauer, der zum Händler wird, der aufgeklärte „Sir“, der als Gegner der Sklaverei die Sklavin als Bezahlung annimmt und wegstirbt, bevor er die Manifestation seines geschäftlichen Erfolgs geniessen kann. Rebekka, die eingekaufte Ehefrau aus Holland, die zuhause Religion als Kälte gegen die Nächsten erfahren hat und sich nach dem Tod des Herrn und Meisters den Wiedertäufern in die Arme wirft. Der Schmied, ein freier Schwarzer im Land der Sklaverei, der dem weissen Auftraggeber in die Augen schaut, ohne dafür die Peitsche zu bekommen. Und der für Florens zum Schicksal wird. Auf dem Weg zu ihm trifft sie die Bigotten. Sie jagen Hexen, und für sie ist der Teufel ein schwarzer Mann und der schwarze Mann des Teufels.

Bis heute. Bis nach Washington D.C. Wir können das Bild nachzeichnen. Wer durch die grossen Ebenen des Mittleren Westens fährt, stösst nicht nur auf die Dritte Welt der Indianerreservationen. Er (oder sie) begegnet auch dem jungen Pastor Garland, der am Memorial Day der Kriegsveteranen die Kanzel der deutsch-lutherischen Kirche zur Hasstirade missbraucht gegen den schwarzen Intellektuellen im Weissen Haus, der „nicht begriffen hat, worum es geht: dass (das weisse) Amerika der Welt die Freiheit bringt“, koste es, was es wolle. Er erlebt, wie die kleinen und grösseren Religionsgemeinschaften die sozialen Bedürfnisse der Menschen nutzen, um sie an sich zu binden, und wie die Kapital- und Medienmächtigen, - wie Rupert Murdoch mit seinem Fox TV – ihre Mittel nutzen, um den Krieg gegen den schwarzen Präsidenten zu führen. „Sie bringen die Menschen dazu, sich selber gegen sich selber einzusetzen“, wie der schwarze Taxifahrer mit dem College-Abschluss sagte.

Im Dokumentarfilm „Shadows of the Lynching Tree“ zeigt der afro-amerikanische Filmemacher und Mediendozent Carvin Eison, wie weisse Familien an Lynchjustiz teilnehmen und mit ihren Kindern feiern; er zeigt es schwarz auf weiss fotografiert und schwarz auf weiss filmisch dokumentiert im 20. Jahrhundert: es ist ein Initiationsritus in Rassismus. Eison zeigt im gleichen Film, wie dieser Rassismus sich bis heute fast genetisch fortsetzt, bis hin zu Morddrohungen gegen den Präsidenten Obama im Internet. „Die Vergangenheit ist nicht tot; in Wirklichkeit ist sie nicht einmal vergangen.“ (William Faulkner)* Die Menschen leben mit einander, neben einander, gegen einander. Toni Morrisons Figuren stehen dafür ohne absehbares Ende. Sie stehen für das Amerika von damals und von heute.

„Gnade“ endet mit einer Mahnung von Florens’ Mutter, mia mãe: „Die Herrschaft über andere zu erhalten ist eine schwere Bürde; die Herrschaft über andere an sich zu reissen ist ein schwerer Fehler; die Herrschaft über sich selbst anderen zu überlassen ist eine schwere Sünde.“ Vielleicht findet sich nach diesem Kampf dann, irgendwann, die Gnade der Versöhnung.

Toni Morrison: Gnade. Roman. Deutsch von Thomas Piltz. Rowohlt 2010, Reinbek b. Hamburg

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