Geschäftsrisiko

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Geschäftsrisiko

Von René Zeyer, 02.09.2012

Finanzgeschäfte sind immer mit potenziellen juristischen Risiken verbunden. Aber zwei Tatsachen verwundern: die Häufung von Bussen und die völlige Haftungsfreiheit der Chefs.

Die jüngste Nachricht: Drei geständige ehemalige Manager der UBS wurden in den USA wegen Anleihen-Manipulationen des Betrugs schuldig gesprochen. Das Gericht befand, dass sie den Gewinn nicht in die eigene Tasche steckten, sondern der UBS zuführten. Die Bank hatte in diesem Zusammenhang bereits zuvor in einem Vergleich eine Busse von 160 Millionen Dollar bezahlt. Business as usual.

UBS = Unzählige Bussen Suchen?

780 Millionen Dollar Busse im Vergleich wegen systematischer Beihilfe zur Steuerhinterziehung. 160 Millionen für die Anleihen-Manipulation. Millionenrückstellungen für die Beteiligung an der Manipulation des Libor-Zinses, die in einer Selbstanzeige endete. In der Schweiz führt die Swatch-Group einen Multimillionenprozess wegen Falschberatung. Betreibungen gegen die Bank und Rückstellungen wegen Prozessrisiken addieren sich zu Multimillionenbeträgen. Diverse Prozesse, die bis in die Vorgeschichte der Finanzkrise 1 reichen, sind hängig. Ist das Business as usual?

Betreiben, schnell gemacht

Natürlich kann jeder Bankkunde, der einen Verlust erlitten hat, mit wenigen Handgriffen und für wenig Geld eine Betreibung gegen ein Finanzhaus einreichen. Normalerweise regelt sich das mit einer schnellen Zahlung via Vergleich oder mit Erheben des Rechtsvorschlags. Damit wird der Betreiber gezwungen, einen Prozess anzustrengen – oder auf seine Forderung zu verzichten. Prozesse sind bekanntlich teuer, Gebühren und Anwaltskosten hängen vom Streitwert ab. Also braucht es Entschlossenheit und eine gut gefüllte Kriegskasse. Auf beiden Seiten. Dann dauert es Jahre, bis ein letztinstanzliches Urteil vorliegt.

Betreibungsauszug als Messpegel

In den Folgejahren nach der Finanzkrise erreichte die Fieberkurve der gesamten Betreibungen gegen die UBS immerhin den stolzen Betrag von 2,4 Milliarden Franken, weit mehr als der gelegentlich ausgewiesene Reingewinn. Das bedeutet natürlich nicht, dass dieser Gesamtbetrag im Feuer steht. Andererseits machen alleine die Bussenzahlungen der letzten zwei, drei Jahre mehr als eine Milliarde Franken aus. Zählen wir noch den jüngsten Spekulationsverlust von 2,3 Milliarden Dollar eines UBS-Investmentzockerbankers dazu, bewegen wir uns im Multimilliardenbereich. Das sind im Vergleich zu einem Eigenkapital von rund 30 Milliarden keinesfalls Peanuts. Alles zusammen bedeutet, dass die Bank eine hochriskante Geschäftspolitik fährt.

Haftung und Verantwortung

Laut ewig wiederholter Lesart der UBS handelt es sich hier um Einzelfälle, bedauerliche kriminelle Entgleisungen von Mitarbeitern, mit dem besten Risk Management nicht auszuschliessende Unfälle, von denen die Geschäftsleitung keine Ahnung hatte, die sie aber aufs schärfste verurteilt. Zudem wurden und werden natürlich jedes Mal alle nötigen Massnahmen ergriffen, um eine Wiederholung zu vermeiden. Deshalb musste auch bislang kein einziger der fünf CEOs, die sich seit 2008 die Klinke zum Chefbüro der UBS in die Hand gaben, in irgend einer Form die Haftung für dieses Schlamassel übernehmen. Die Verantwortung gelegentlich schon, mehr oder weniger knirschend. Aber das endete dann im Rücktritt und dem Geniessen des bis dahin angehäuften Vermögens.

Systemfehler

Nicht nur bei der UBS, auch bei der Credit Suisse, wie alleine die Verwicklung in den Skandal um manipulierte Aktienabrechnungen beweist, handelt es sich aber nicht um eine Verkettung unglücklicher Unfälle, um das normale Risiko, das jede Bank hat, wenn sie im globalisierten Finanzcasino mitspielt. Es handelt sich vielmehr um einen Systemfehler. Wer ein verschwindend geringes Eigenkapital hat, haftet nicht. Wer nicht haftet, zockt. Wer zockt, verliert mindestens so häufig wie er gewinnt. Sei das mit legalen Wetten oder mit illegalen Manipulationen. Der Systemfehler besteht darin, dass auch hier einfach Wahrscheinlichkeitsrechnungen angestellt werden. Welcher potenzielle Gewinn steht welchem potenziellen Verlust gegenüber, Bussen und Entschädigungszahlungen inbegriffen.

Die Algorithmisierung des Wahnsinns

Auch dafür gibt es Formeln, der begleitende Reputationsschaden im Desasterfall ist ebenfalls eingepreist, wie es im Bankertalk so schön heisst. Da es sich aber auch hier nicht um Wissenschaft, sondern um wilde Raterei, verkleidet in ein mathematisches Mäntelchen handelt, kann das Endergebnis, Profit oder Busse plus Entschädigung schenken mehr ein, natürlich nicht vorausberechnet werden. Da dahinter ein brandgefährlicher Systemfehler steckt, kann der auch nicht mit Absichtserklärungen oder Adjustierungen im Geschäftsmodell repariert werden. Sondern nur mit der Zerschlagung dieser beiden Grossbanken, damit ihr möglicher Untergang nicht die ganze Schweiz ins Elend reisst.

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Ergänzend Till Eulenspiegel: … und weil die Einfältigen in Zahlen Götter sehen gilt: Mit Mehrheit macht Macht Wahrheit. Nur der Sieg zählt, egal wie, mit welchen Schäden und unter welcher politischen Etikette. Der Mensch bleibt, wenn er sich den Zahlen und Normen nicht unterwirft, die das System vorgibt, darin ein überaus lästiger Störfaktor, weil unberechenbar.

Das hat der Kapitalismus mit den beiden anderen Seuchen unserer Zeit - dem Faschismus und dem Kommunismus - gemein: 5% vernünftige Begründung und 95% menschenverachtende Realität!

Für die beiden Schweizer Grossbanken haben Sie das Agieren eines Systemfehlers ja hier schön gezeigt – aber was ist mit den anderen Banken weltweit (man denke nur an den Hunderte Millionen teuren Vergleich der Deutschen Bank für die Katastrophen, die A. Jain in ihrem Namen in den USA angerichtet hat … und für die er mit Beförderung belohnt wurde!), oder mit grossen Industrieunternehmen, die in den letzten Jahrzehnten "an die Wand gefahren" wurden … natürlich wie immer auch hier ohne Bestrafung der "Verantwortlichen", deren astronomische Gehälter sich ja NUR aus ihrer angeblichen "Verantwortlichkeit" herleiten – zu der sie aber nie gezogen werden.

Nein, lieber Herr Zeyer, der Systemfehler steckt nicht (nur) im (Schweizer) Banken(un)wesen, sondern im System "Kapitalismus", Sie haben das ja auch fast genau so wie im folgenden Zitat beschrieben, mit einem kleinen Unterschied:

"Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens." - P. J. Dunning, zitiert in Das Kapital, Band I, S. 801, Dietz-Verlag Berlin, 1961

Der kleine Unterschied besteht nicht darin, dass es hier natürlich – wie auch in den von Ihnen geschilderten Fällen – nur um die Aussicht, die Hoffnung auf Profit geht, sondern darin, dass am Schluss nicht "auf Gefahr des Galgens" stehen muss, sondern heutzutage: "auf Gefahr der Verabschiedung des CEO in den millionenschweren Ruhestand mit Goldenem Handschlag (alternativ: Weitergabe des CEO an den nächsten Grosskonzern)".

Ach ja: Und natürlich geht eben nicht "das Kapital" oder der Kapitalist unter, wenn es/er sich verspekuliert, sondern der Kleinanleger oder der Steuerzahler, auf den alle Verluste abgewälzt werden können, weil die entsprechenden "Verantwortlichen" den jeweiligen Staat oder Staatenverbund (CH, Deutschland, USA, EU) so fest in ihren Krallen halten, wie es eben nur im Kapitalismus möglich ist – nennt sich dann ja auch entlarvend zutreffend "systemrelevant".

Dabei berücksichtigen wir noch nicht einmal, dass dieses Kapital (wie es sich im Zitat andeutet) nicht nur für Milliarden an Geldverlusten nach dem Motto: "Nein, Ihr Geld ist nicht weg/verbrannt – es hat jetzt nur jemand anderes!" verantwortlich ist, sondern auch für Umweltzerstörung, Hunger, Armut, Gesundheitsschäden von aber Milliarden Menschen … und Kriege – denn wie ebenfalls schon Herr Marx gezeigt hat, kann das Kapital aus den zyklischen Krisen nur durch Export der Probleme, Eroberung neuer Rohstoffquellen und Erschliessen neuer Absatzmärkte ausbrechen: Und das beste Mittel dazu ist immer noch der Krieg – irgendein vorgeschobener Grund findet sich immer, s. Irak, Afghanistan, aber schon in Vietnam oder demnächst Iran. Nur dass dabei der ursprüngliche "vernünftige" Sinn kapitalistischer Kriege inzwischen durch den Selbstläufer "Rüstungsmittelvernichtung" ersetzt wurde, denn der bringt noch mehr Profit (s.o. im Zitat) als das Verfolgen irgendwelcher "kapitalistisch vernünftiger" Zwecke …

Es ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren, wie lange dieses System noch läuft, ohne uns alle in den Abgrund zu reissen …

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