Geliebte Brandwunden: Über die Erotik der Selbstverstümmelung

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Geliebte Brandwunden: Über die Erotik der Selbstverstümmelung

Von Annina Schmid, 21.06.2017

Online und offline zelebrieren Jugendliche zunehmend eine Erotik der Verstümmelung. Ein besorgniserregender Trend, über dessen Ursachen noch wenig Klarheit besteht.

Journal21.ch will die Jungen vermehrt zu Wort kommen lassen. In der neuen Rubrik „Jugend schreibt“ nehmen Schülerinnen und Schüler des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl regelmässig Stellung zu aktuellen Themen.

Annina Schmid wird im Spätsommer siebzehn Jahre alt und wohnt in Herrliberg, wo sie sich bereits während der Primarschule im Schüler-Parlament engagierte. Seit vier Jahren besucht sie das Realgymnasium Rämibühl. Beim kantonalen „Jugend debattiert“-Wettbewerb erreichte sie den zweiten Rang und war Finalistin beim Schweizer Finale in Bern.

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Tausende Fotos von abgemagerten Körpern auf Tumblr, Facebook und Instagram. Verschmierte Wimperntusche, blaue Flecken, blutige Rasierklingen. Kreative, beinahe künstlerische Darstellungen von psychischen Störungen, die den verunstalteten Körpern eine makabere Romantik verleihen sollen.

Tumblr ist die beliebteste Plattform dieser romantisierten Selbstverstümmelungen. Dort treten Jugendliche, überwiegend Mädchen von oft nicht mehr als vierzehn Jahren, im Kampf um Aufmerksamkeit gegeneinander an. Wer hat die tiefsten Schnitte, wer die am stärksten hervortretenden Rippen? Wem es an körperlichen Unzulänglichkeiten fehlt, der muss zumindest eine lähmende Depression vorweisen können, um nicht in der medialen Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Stress oder Störung?

Es ist geradezu eine Kunst, wie die Jugendlichen Krankheitsdefinitionen so auslegen, dass jede(r), der gerade ein bisschen Liebeskummer oder etwas Stress hat, sich mit mindestens einer ernsthaften Störung schmücken kann. Wenn sich aber so viele eine solche Störung auf den eigenen Körper zurechtzimmern, führt das zwangsläufig zu einer Bagatellisierung von wirklich Betroffenen und zu einer starken Verharmlosung von psychischen Erkrankungen. So ist es bei vielen Jugendlichen zur Normalität geworden, Bildkommentare online mit depressiven Zitaten zu versehen, krankheitsverherrlichende Bilder zu liken oder sogar scherzhaft über die eigenen eingebildeten Zwangsstörungen zu twittern.

Geliebte Brandwunden

Noch viel beunruhigender ist es, wenn solche Szenarien in die Tat umgesetzt werden, wenn der Trend den Cyberspace verlässt und Einzug in den Alltag hält. An vielen Schulen zuckt kaum noch jemand mehr mit der Wimper, wenn Klassenkameradinnen mit neuen Brandwunden von Zigaretten auftauchen, die sie sich selbst zugefügt haben, um sich beispielsweise an einen besonders bedeutenden, emotionalen Abend zu erinnern. Diesen Malen wird sogar liebevoll der Spitzname „Brandy“ gegeben.

Wie so oft ist auch die Modebranche schon auf den Zug aufgesprungen. Die Modekette „Brandy Melville“ verkaufte in ihrer letzten Sommerkollektion in der Schweiz ein T-Shirt mit dem Schriftzug „stressed, depressed but well dressed“. Ein Bestseller. Dutzende Mädchen liefen, auf der Welle des Zeitgeistes reitend, fröhlich damit durch die Städte.

Online-Plattformen werden aufmerksam

Es ist aber nicht nur die Modebranche, die auf diese Entwicklung aufmerksam geworden ist. Im Gegensatz zu ihr hat die soziale Plattform „Instagram“ die Gefahr jedoch erkannt. Wenn man dort bestimmte, in der Szene beliebte Suchbegriffe wie #suicidal (selbstmordgefährdet), #selfharm (Selbstverstümmelung, meist in Form von Ritzen) oder #proana (pro Magersucht) eingibt, erscheint ein Fenster mit der Frage: „Können wir dir helfen?“

Level-Up

Diese Entwicklung scheint erschreckend und so gar nicht zum Perfektionswahn, dem der Körper sonst unterworfen ist, zu passen. Bedeutet die Tatsache, dass wir den Körper bewusst hässlich machen, dass wir die Vorstellung einer übersteigerten Perfektion überwunden haben und vielleicht dabei sind, unsere Makel lieben zu lernen? Wohl kaum. Es scheint vielmehr so, als hätten wir eine weitere Steigerungsform der Selbstdarstellung und der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körperbild erreicht: Jeder Zentimeter wird so intensiv beäugt, bis jeder noch so kleine Makel entdeckt ist. „Perfekt“ ist dabei nur noch, wer nicht lange genug und nicht genau genug hinsieht. Und lassen sich auch bei intensivster Untersuchung wirklich keine Unzulänglichkeiten mehr finden, dann werden eben gezielt welche hinzugefügt. Oberflächliche Perfektion rückt dadurch in den Hintergrund. Die absolute Kontrolle über den eigenen Körper bleibt hingegen das höchste Ziel. Selbstverstümmelung zeigt den hohen Grad an, mit dem man den Körper im Griff hat: Ein Sixpack ist für Anfänger. Wahre Anerkennung erhalten diejenigen, die bereit und fähig sind, noch einen Schritt – oder Schnitt – weiterzugehen.  

Es ist unklar, in welche Richtung sich dieses Phänomen entwickeln wird. Klar ist aber, dass ein grosses Gefahrenpotenzial vorhanden ist. Die Dynamik von Social Media spielt dabei eine entscheidende Rolle, doch das Problem geht weit darüber hinaus.

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Verantwortlich für die Betreuung der jungen Journalistinnen und Journalisten von „Jugend-schreibt“ ist der Deutsch- und Englischlehrer Remo Federer ([email protected])

Das Realgymnasium Rämibühl (RG, bis 1976 Realgymnasium Zürichberg) ist ein Langzeitgymnasium. Es ist neben dem Literargymnasium die einzige öffentliche Schule des Kantons Zürich, die einen zweisprachigen Bildungsgang in Verbindung mit dem International Baccalaureate anbietet, wobei die Fächer Geographie, Biologie und Mathematik auf Englisch unterrichtet werden. Zu den berühmten Schülern gehören Max Frisch und Elias Canetti.

Weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.rgzh.ch

Kommentare

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Gratulation liebe Annina zu diesem hervorragenden Artikel. Scharfsinnig beobachtet und analysiert und sprachlich super umgesetzt! Besorgniserregender Trend, der leider viel zu oft zu beobachten ist. Woran liegts? Und wo sind die Eltern dieser jungen Menschen?

Sehr gut beobachtet, messerscharf die Analyse und blitzgescheit deine Kommentare - bravissima! Anfänglich vielleicht eine selbstbewusste Rebellion gegen das Perfektionsideal und die Prozac-Gesellschaft, ist der demonstrierte Leidenskult nun ebenfalls zur Perversion geworden.

Bravo! Genau! Jemand muss das mal ansprechen. Wenn sie meinen, nichts zu haben und zu sein, spüren sie wenigsten ihre Schmerzen und Scham. Tatoos war gestern, tat aber auch weh und wer hat nun keins. Bloss unfreiwillige Unfallnarben sind noch echter, ehrlicher. Irgendwie muss ja halt jede/r was haben und darstellen und ihr/sein Leidensquantum ertragen.

Ein ausgezeichneter Artikel: Klug, feinfühlig, aber ohne Pathos drückt Annina Schmid ihre Besorgnis über einen gar nicht harmlosen Modetrend aus. Gratuliere!

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