Geburtenraten im Israel-Palästina-Konflikt

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Geburtenraten im Israel-Palästina-Konflikt

Von Reiner Bernstein, 25.06.2013

Das von beiden Konfliktparteien betriebene Spiel mit der Demographie geht von der Annahme aus, ein Zusammenleben sei unzumutbar und unmöglich.

Wenn den Akteuren des israelisch-palästinensischen Konflikts politisch nichts mehr einfällt und die Verwirrung obsiegt hat, verlegen sie sich auf den «demographischen Faktor», um in ihrer Öffentlichkeit Ängste und Hoffnungen zu schüren. Dass Bill Clinton ihn jüngst in einer Rede in Israel aufgenommen hat – «Wie viele Siedler auch immer Sie in die Westbank hinüberbringen: Die Palästinenser haben mehr Babys als die Israelis als Ganzes» –, zeigt an, dass das Argument auch international Verwendung findet, obwohl der Rückgriff rassistische Züge trägt.

Die Argumentation unterstellt nämlich, Juden und Araber könnten, quasi genetisch prädestiniert, nicht zusammenleben. Demgemäss fand der «demographische Faktor» in Israel bei der palästinensischen Flucht und Vertreibung 1947/48, in der nachfolgenden Gesetzgebung und später in Entwürfen religiös-nationalistischer Kreise ebenso seinen Niederschlag wie in Yasser Arafats Losung vom «Krieg der Gebärmütter» aus den 1990er Jahren. Beide Seiten lassen sich von der Überzeugung leiten, dass die eigenen Rechte durch die Geburtenüberschüsse «der anderen» unerträglich beschädigt würden.

Beiderseitiger staatspolitischer Vorrang der Religion

Die im März vereidigte Regierung in Jerusalem hat sich darauf verständigt, das Grundgesetz von 1992 zu ändern, um dem jüdischen vor dem demokratischen Charakter Israels Vorrang einzuräumen. Damit würde das Attribut «jüdisch» nicht nur eine jüdische Bevölkerungsmehrheit festschreiben (der Verdienstorden für Vielfach-Mütter ist vielleicht schon in Auftrag gegeben). Vielmehr soll die Änderung das Gemeinwesen auf der Grundlage religiöser Prinzipien definieren. Umgekehrt wird in Artikel 4 des palästinensischen Grundrechtskatalogs der Islam als offizielle Religion benannt: Die «Prinzipien der islamischen Doktrin sind massgebende Quelle der Gesetzgebung».

Welche Zukunft die Implementierung solcher Attribute den «gemischten» Städten wie Akko, Haifa, Tel Aviv-Yaffa, Ramle und Beersheva bereitet, liegt auf der Hand. Als Oppositionsführer kam Benjamin Netanyahu 1993 zur Einschätzung: Wenn wir den Statistiken überhaupt eine demographische Bedeutung beimessen wollen, dann geht die Gefahr nicht von den Arabern der «Gebiete» aus, sondern von der arabischen Bevölkerung Israels. Bei den Palästinensern heisst es dagegen: Warum für den Staat kämpfen, wenn er uns eines nicht allzu fernen Tages wie eine reife Frucht in den Schoss fällt?

Wachsendes Gewicht des orthodoxen Judentums

Die jüdische Bevölkerung Israels kann die «demographische Balance» mit Hilfe des Babybooms unter den Orthodoxen und durch die Einwanderung aufrechterhalten. Den Palästinensern fehlt der nationale Startvorteil. Nicht zufällig hat Netanjahu, nunmehr als Regierungschef, das Ziel des «wirtschaftlichen Friedens» ausgegeben – nicht aus Sorge um den Wohlstand der Palästinenser, sondern um ihnen den nationalen Schneid abzukaufen. Und nicht zufällig hatte Abdul Aziz Rantisi, Nachfolger von Achmed Yassin im Gazastreifen, einst die Parole formuliert: «Je schlimmer es wird, desto besser für Hamas.»

Kurzum: Im israelischen Regierungsdiskurs ist dem «demographischen Faktor» die agitatorische Funktion zugewiesen, die eigene Öffentlichkeit auf die dauerhafte Präsenz in «Judäa und Samaria» einzuschwören, nachdem schon heute jeder zehnte Israeli jenseits der einstigen Grünen Linie lebt und die Geburtenrate der Siedler bei fünf Prozent (statt bei zwei Prozent wie im «Inland») liegt. Auch die Palästinenser setzen auf die Mathematik des Bevölkerungswachstums, das sie dereinst von den Besatzern zwischen Mittelmeer und Jordan befreien soll.

Staatsangehörigkeit von religiös-ethnischen Kriterien trennen

Das Spiel mit dem «demographischen Faktor» lässt sich nur durch einen demokratischen und säkularen Staat beenden, ob in einem oder in zwei nationalen Gemeinwesen. Die religiösen, kulturellen und national-ethnischen Bindungen und Loyalitäten wären von der Staatsangehörigkeit zu trennen. Ansonsten ist das Regiment der Unterdrückung vorgezeichnet, so dass sich die umfassendere Frage nach der Staatslegitimität stellt.

Auf dem XIV. Zionistenkongress 1925 in Wien führte Robert Weltsch, Chefredakteur der zionistischen «Jüdischen Rundschau» in Berlin, aus: «Palästina wird stets von zwei Völkern bewohnt sein, von Juden und Arabern. Welcher von den beiden Teilen 51 Prozent und welcher 49 Prozent bildet, ist prinzipiell irrelevant. Denn auf keinen Fall ist eine Entwicklung des Landes möglich, wenn eines der beiden Völker die Rechte der Majorität im Sinne einer Herrschaftsstellung geltend macht. Die Zukunft Palästinas, seine friedliche Entwicklung und Wohlfahrt kann nur dadurch gesichert werden, dass es ein politisches System erhält, in welchem beide Völker gleichberechtigt nebeneinander leben, verbunden durch die natürlichen Bande des Verkehrs, der Wirtschaft und der kulturellen Beziehungen.»

Kommentare

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Es stimmt, dass orthodoxe Juden eine hohe Geburtenrate haben - und das gilt sowohl für die Nationalreligiösen (die ja einen Großteil der Siedler in der Westbank stellen) als auch für die Ultra-Orthodoxen (die in der Regel nicht-zionistisch, manchmal sogar explizit anti-zionistisch eingestellt sind).

Lieber Reiner Bernstein,

DANKE für den fundierten Artikel. Ich wünsche Ihnen viel Geduld mit manchen der obigen Reaktionen. Aber das ist der Preis unmoderierter Blogs.

Werner T. Meyer

auf dem einen Guten herum, Roger.

So war das schon immer, einer ist der Gute, macht ALLES und IMMER richtig und die Anderen sind der Teufel. Da kannste mache wat de wills.

So geht "Geschichte"! Oder war das doch "Kino" oder "Politik"?

"Das von beiden Konfliktsparteien betriebene Spiel mit der Demographie geht von der Annahme aus, ein Zusammenleben sei unzumutbar und unmöglich". So lautete die seltsame Einführung des Artikels. Eine Komponente minderer Wichtigkeit wurde einmal mehr hervorgeholt und ausgequetscht, um wiederum die wahrhaftige Situation zwischen Jordan und Mittelmeer verblassen zu lassen.

Jedermann, also auch Herr Bernstein und ich kann in Israel täglich Zeuge von harmonischem Zusammenleben von Juden und Arabern sein, sei es als Angestellte oder Benützer von Spitälern, Verkaufs-Geschäften, Verwaltungen, auf Bauplätzen, in Fabriken, Garage-Betrieben und öffentlichen Pärken etc, wo es eben keine aufwühlerischen Scharfmacher hat.

Aber den Lesern dieses Artikels wird in keiner Weise bewusst gemacht

-dass der UNO- Teilungsplan von 1947 empfahl „unabhängige arabische und jüdische Staaten...sollen gebildet werden, nicht später als am 1.10.1948.“

-dass sich Israel immer noch in einem Zustand zwischen Krieg und Terror und dem Hoffen auf Frieden befindet. Dass die Ausrufung des Staates Israel am 14.5.1948 erfolgte, jedoch einen Tag später 5 arabischen Nachbarstaaten mit einem Kriegsüberfall antworteten, statt mit der Gründung eines Staates „Palästina“ gemäss dem erwähnten Teilungsplan.

-dass es periodisch die völlige Ausradierung Israels erstrebenden Kriege gab, z.B. 1956 + 1967 + 1973 + die Intifadas von 1987 +2000. Dass dazu die letztere als ablehnende Antwort auf die sehr weitgehenden Friedensvorschläge Baraks in Camp David zu verstehen war.

-dass schon Arafat, und später der Iraner Ahmadinejad, die Hamas uam. zur völligen Vernichtung Israels aufriefen. Dass aber auch zahleiche Vorschläge für Friedensverträge seit dem Peelplan von 1937 bis heute abgelehnt wurden.

-dass Gaza 2005 bedingungslos von israelischen Besatzungstruppen, aber auch von israelischen Siedlern geräumt wurde, dass aber die Quittung dafür im Abschuss von über 13‘000 Raketen auf zivile Ziele in Israel bestand. Etc.etc.

Die heutige Tendenz vorwiegend Negatives in den Medien zu publizieren, hat leider ein unrealistisches Zerrbild über einen Staat erzeugt, der seit der Gründung der Zionistischen Organisation im Jahre 1897 in Basel aus Wüste fruchtbares Agrikultur- und Industrie-Land erschaffte. Im Sinne fairer Berichterstattung sollte man doch ab und zu die ganze Wahrheit in Erinnerung rufen.

Welches war eigentlich der Preis, den Grossbritannien 1917 für den Verkauf Palästinas erhielt? Gratis wird die Balfour-Erklärung nicht gewesen sein. Denn da begannen sich demographische und kartographische Verhältnisse zu Ungusten der einheimischen arabischen Bevölkerung zu verschieben.

diese beiden blöden Kinder schubsen sich solange, bis wieder Einer schreit.

Und dann schreien wieder Alle!

Weshalb vergleichen Sie die Besiedelung der besetzten Gebiete mit den Nachwirkungen von 1948? Dabei wollen Sie wohl absichtlich die damals vertriebenen Palästinenser negieren. Nebenbei bemerkt, die ganzen Siedlungsblöcke mitsamt den umliegenden Ländereien konnten gar nicht gekrallt werden ohne die Palästinenser zu verdrängen und zu vertreiben. Interessant hierbei ist wie erfinderisch Israel das Recht neu erfand um das zu erreichen. Solche glanzleistungen der Judikative kennt man auch vom letzten Jahrundert in Europa. Zudem weiss ich nicht was sie unter Zusammenleben wirklich verstehen. Sind Sie ein Fan des Südafrika des letzten Jahrhunderts?

Das Ganze ist sehr einfach, die einen wollen die andern vertreiben, die andern wollen mit den anderen zusammenleben. Mit der jüdischen Besiedelung von Judäa und Samaria wurde kaum ein Araber vertrieben, die Juden wurden aber sehr wohl im Gaza-Streifen und in all den umliegenden Ländern vertrieben; diese sind sozusagen judenfrei, beispielsweise Jemen, Irak, Persien.

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