Gaza-Bericht eines kritischen israelischen Autors

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Gaza-Bericht eines kritischen israelischen Autors

Von Heiko Flottau, 19.11.2012

Wäre der Autor dieses Buches ein Palästinenser, so könnte man sich manche Reaktionen der Öffentlichkeit ausmalen: in Teilen israelfeindlich, antisemitisch gar. Doch Shlomi Eldar, erst Reporter beim staatlichen israelischen Fernsehen und derzeit tätig für den privaten Kanal 10, hat als Journalist den Konflikt um und in Gaza jahrelang verfolgt.

Eldars Schilderung vermittelt ein von der israelischen Propaganda wie von der Hamas-Rhetorik unabhängiges Bild des politischen und menschlichen Dramas, welches sich in dem verarmten Küstenstreifen mit seinen etwa eineinhalb Millionen quasi gefangenen Menschen abspielt.

Abu Ali Shahins Geschichte

Man kann in diesem Werk fast auf jeder Seite Informationen finden, welche in dieser Klarheit vorher kaum zur Kenntnis genommen wurden. Ein Beispiel ist die Geschichte des palästinensischen Gefangenen Abu Ali Shahin. Als Gefolgsmann Jassir Arafats kam er 1967 in israelische Haft. Dort gründete er die „Palästinensische Gefangenenakademie“: Heimlich bildeten Palästinenser Palästinenser aus für den weiteren Kampf um die besetzten Gebiete. Andererseits machten die Gefangenen auch einen Wandel durch: Viele lernten Hebräisch - und sie kamen zur Einsicht, dass die einzige Lösung die Friedenslösung sei. „Ich habe sie nach meinem Ebenbild geschaffen, Hunderte, Tausende, sie sind meine Schüler?“, erzählte Abu Ali Shahin dem Autor.

Am 27. Februar 1968 wurde Abu Ali Shahin aus seiner Zelle geholt. Er durfte seinen von Folter gekennzeichneten Körper entlausen und reinigen. Danach wurde er vor Yitzhak Rabin, damals israelischer Generalstabschef, geführt. Abu Ali Shahin sollte endlich über seine Mitkämpfer aussagen. „Wenn Du nicht sterben willst, dann rede“, sagte Rabin. Darauf Abu Ali Shahin: „Wenn ich Tel Aviv erobert hätte und du wärest mein Gefangener, wärest du bereit, deine Kameraden auszuliefern?“ Rabin stand auf, verließ den Raum und sagte: „Wir sind fertig.“

Arafats Korruption, gebrochene Versprechen von Hamas

Die Konsequenzen aus der Tatsache, dass bis heute ständig Tausende von Palästinensern in israelischer Haft seien und teilweise misshandelt würden, beschreibt Shlomi Eldar so: „Israel hat niemals die Bedeutung des großen Drucks verstanden, den die Gefangenen, die frei gelassenen Gefangenen und ihre Familien auf die palästinensische Autonomieverwaltung ausgeübt haben. Danach war die Freilassung der Gefangenen die Voraussetzung für eine Fortführung des politischen Prozesses und die Erfüllung der gegenseitigen Verpflichtungen.“ Für einen Journalisten wie Shlomi Eldar ist es selbstverständlich, dass er auch die andere Seite, die Korruption der von Jassir Arafats Fatah-Bewegung, schildert und auch die Folter, mit welcher dieser arabische Despot seine eigenen Landsleute malträtiert hat.

Nachdem die Wähler aus Enttäuschung über die Fatah 2006 der Hamas das Vertrauen geschenkt hätten, habe diese ihrerseits in Gaza alle ihre Versprechen gebrochen, schreibt der Autor. In den internen Machtkämpfen habe der militärische Flügel einen versöhnlicher gestimmten Mann wie Ismail Haniye kaltgestellt. „Dieser Weg“, schreibt der Autor, hat den Bewohnern Gazas nicht nur nicht gut getan, sondern sie um Jahre und Generationen zurückgeworfen. Zurück in eine Zeit der Finsternis und Angst, der Entbehrungen und der Hoffnungslosigkeit.“

Spiel mit dem Feuer auf beiden Seiten

Und schließlich der israelische Angriff auf Gaza vom 7.Dezember 2008. Diesmal habe es nicht nur die israelische Führung übertrieben: „Alle haben es übertrieben in diesem Spiel mit dem Feuer.“ Shlomi Eldar schliesst sein Buch mit fast apokalyptischen Worten: „Gaza im Jahr 2011 ist tatsächlich wie der Tod.“


*Shlomi Eldar: Gaza bis zum bitteren Ende. Im Schatten des Todes. Aus dem Hebräischen von Abraham Melzer. Melzer-Verlag Neu-Isenburg 2011. 528 S, 19.99 Euro

Diese Besprechung ist zuerst in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 21. 11. 2011 erschienen

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Kommentare

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Herr Emil Erlenmeyer ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Tiefen-Psychologische Analyse meiner Person. Ich möchte zu Ihren unquallifizierten Aeusserungen nichts hinzufügen ausser., dass ich bei Ihnen eine wahrscheinliche supranasale Insuffizienz diagnostizieren würde.

Till Eulenspiegel, 20.11. 08:04 Ihre Angaben über den 19. Zionistenkongress in Luzern sind unwahr. Eine typische Lüge von einem ungebildeten Judenhasser.

Urs Marthaler, 20.11. 08:39 Auch Ihr Kommentar strotzt vor Judenhass. Kein Wunder, ist Ihnen angeboren. Im übrigens sind auch Ihre Angaben braun-dümmlich.

An beide: quirlen Sie weiter so!

@Roger Guth ist es möglich, dass Sie ein von Israel organsierter israelitischer Internet- Foren Akteur sind ? Man weiss das sie sehr zahlreich sind und in fast allen Ländern aktiv sind. Selbstverständlich ist dies nicht strafbar den es herrscht die "Meinungsfreiheit" wenn auch immer mehr eingeschränkt durch sogenannte Rassismussklagen. Speziell durch Muslime und Juden angestrengt. Dadurch ensteht eine Selbstzensur durch die Jornalisten, die der objektiven Berichterstattung nicht gut bekommt.

ROGER GUTH Kfar Saba 44 227 IL Rehov Giborey Israel 3/8 e - mail [email protected],il Phone + Fax 00972 9 765 50 32

Zur Faktenlage: Beim 19. Zionistenkongress 1935 in Luzern waren engste Mitarbeiter Adolf Hitlers als Ehrengäste eingeladen - wegen des "gemeinsamen Interesses an der Reinhaltung unserer Rassen". In einem Falle weiss man, wohin solche Arroganz geführt hat.

Herr Guth, mit Ihrem gut belegbarem Kommentar sind Sie leider im J21 im falschen Medium. Die Leser der Abenteuerschriftsteller Flottau (Courts-Mahler) und Hottinger (Karl May) glauben nur an Meinungen und haben nur Meinungen, dafür keine eigenen.

Fakten zählen hier ganz und gar nicht. Wen will man den hier mit Fakten beeindrucken?

@ Gast: nein, Roger Guth redet dem Autor in eine Buchbesprechung rein. Offenbar hat er den Text gar nicht richtig gelesen oder verstanden.

Zudem spielt er das übliche Spiel, das man ihm eigentlich im grossen Konzert dieser Spielart nicht verübeln kann: Dem Westen sollen frühere schwere Fehler immer wieder unter die Nase gerieben werden, um ja kein bisschen Kritik verlauten zu lassen. Das gelingt auch immer noch wunderbar.

Nur: das scheint sich langsam, sehr langsam zu ändern. Es wäre nicht ganz ausgeschlossen, dass diese "Strategie" böse enden könnte (Südafrika-Effekt). Oder zumindest wie andere Tabuisierungen dereinst voll zulasten von Israel oder Judentum gehen könnte, das heute, zumindest ganz unabhängig betrachtet, noch einzigartig geschont wird.

Wir schreiben das Jahr 2012 (!) und Roger Guth bemüht noch immer Struthof-Natzweiler (in den Vogesen) und Zofingen 1348 bis 1401. Doch damit werden die von der Israelischen Verteidigungsarmee ermordeten Palästinenser nicht wieder lebendig. Nichts, aber auch gar nichts entschuldigt die F-16-Piloten, die im Auftrag der Regierung Israels hunderte von Bomben auf Gaza-Stadt abwerfen und die toten Frauen und Kinder als Kollateralschäden bezeichnen. Eine Familie von 14 Personen wurde soeben ausgelöscht - jetzt bleiben nur noch etwas mehr als 1.5 Millionen übrig.

Nun singen Sie wieder in der bei Ihnen so beliebten Tonart. Schade dass sie offenbar zwei goldenen Regeln für seriöse Analysen nicht kennen. So etwa . A.-Für eine korrekte Beurteilung sehe man ein Geschehnis aus angemessener Distanz. (Und nicht etwa aus der Maulwurf –Perespektive) B.-Um eine Situation richtig zu beurteilen, müsse man alle wirkenden Kräfte berücksichtigen. d.h. wohl auch, weder als Ignorant, Unterdrücker der Wahrheit oder Vergesslicher schreiben.

Bestenfalls haben Sie aber manches vergessen, nämlich so etwa

Vergessen, dass 1870 in Jerusalem 11‘000 Juden wohnten + 6500 Moslems + 4500 Christen, sowie 1922 in Palästina 83‘790 Juden + 589‘177 Moslems + 71‘464 Christen + 7‘617 Drusen?

Vergessen die Balfour- Deklaration von 1917 als " Zusicherung britischer Unterstützung bei der Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina"?

Vergessen, dass der Völkerbund 1922 Grossbritannien das Palästina- Mandat übertrug " um die jüdische Einwanderung und Ansiedlung im Land zu fördern"?

Vergessen, dass 1947 die UNO mit 2/3 - Mehrheit einen Teilungsplan für Palästina genehmigte, der von den Juden akzeptiert wurde?

Vergessen, dass die Ausrufung des Staates Israel am 14.5.1948 mit einem Kriegsangriff von 5 arabischen Staaten beantwortet wurde, mit dem Ziel der völligen Vernichtung Israels?

Vergessen, die seither periodisch von Arabern angezettelten Kriege, Aufrufe zur vollständigen Vernichtung Israels, die Terroraktion als Antwort auf Israels Friedensvorschläge von Camp David, die grausamen Morde von Zivilisten, auch Frauen und Kinden?

Vergessen, die Austreibung der Juden seit 2000 Jahren, die Scheiterhaufen für Juden in Europa, auch 1348 bis 1401 in Zofingen, Baden, Basel, Bern, Solothurn, St.Gallen, Schaffhausen,Winterthur, Zürich, etc.etc.?

Vergessen, die sog. Endlösung der Judenfrage von Wannsee und die Folgen in Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Chelmo, Dachau, Maidanek, Mauthausen, Sobibor, Treblinka, u.a.m., so etwa in Struthof- Natzweiler in den etwa 100 km von Basel entfernten Vogesen, die man von Basel aus mit blossem Auge erblicken kann ?

Wie sagte doch 1985 der deutsche Staatspräs. Weizsäcker zum 40. Waffenstillstandstag:

“WER ABER VOR DER VERGANGENHEIT DIE AUGEN VERSCHLIESST, WIRD BLIND FÜR DIE GEGENWART. WER SICH DER UNMENSCHLICHKEIT NICHT ERINNERN WILL, DER WIRD WIEDER ANFÄLLIG FÜR NEUE ANSTECKUNGS-GEFAHREN“.

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