Funky Claude le Montreusien

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Funky Claude le Montreusien

Von Daniel Woker, 14.02.2013

Der im Januar verstorbene Gründer und Leiter des legendären Jazz-Festivals Montreux war in erster Linie ein Künstler und Musiker. Seine Schöpfung, die Mutter aller Festivals in der Schweiz, wird weiterleben.

The Powerhouse ist Singapurs grösste und wildeste Disco. Im alten Turbinensaal 1 röhren Cantopop Girls aus Hongkong vor Hunderten von Teenagers; in Saal 2 herrscht House unangefochten über ein noch zahlreicheres Publikum. Im Bellini Room im ersten Stock ist’s dagegen zwar nicht weniger laut, aber kleiner und gesitteter, finden dort doch jene Semester Zuflucht, für die nicht Techno, sondern good old Rock n’Roll wirklich Musik ist.

Unvergessliche Besuche im Chalet Picotin

An einer wunderschönen After Party im Powerhouse, anschliessend an einen Montreux Jazz Festival-Abend vor einigen Jahren in Singapur habe ich endlich begriffen, was Claude Nobs und das MJF einmalig machten. Claude war selbst primär Rocker - seine "Schnurregigeli"-Einlagen neben Rock- und Bluesgrössen in Montreux und eben damals auf der Bühne des Bellini waren stets hochprofessionell - und im Herzen ein Künstler, erst in zweiter Linie Musikmanager.

Er war einer von ihnen. Das haben sie alle gespürt, die bereits etablierten Grossen von Aretha Franklin über Miles Davis zu Deep Purple und Bob Dylan ebenso wie die jungen Wilden der Rockszene, die mit den Jahren seine Kinder, ja Grosskinder hätten sein können. Sie alle folgten der Flöte des Musikfängers von Montreux ins Kongresszentrum zum Festival und in sein legendäres Chalet Picotin - eigentlich ein Komplex von drei Häusern hoch über dem Léman mit Blick vom Matterhorn über den Montblanc zum Jet d’Eau - wo der gelernte Koch Nobs seine Gäste oft selbst bekochte. Keiner, der je dort mit ihm zu Tisch sass, unter einer von Mick Jagger gezeichneten und handsignierten Skizze etwa, wird seinen Besuch in diesem Rockheiligtum vergessen.

Abschiedsabend ohne Reden

Claude Nobs ist am vergangenen Weihnachtstag verunglückt und Anfang Januar gestorben. Praktisch gleichzeitig übrigens wie ein anderer grosser Schweizer der internationalen Musikszene: George Gruntz. Als sich die Beiden am 46. MJF im vergangenen Juli nach dem 80. Geburtstagskonzert von George auf der Bühne der Miles Davis Hall umarmten, wussten sie und wir im Publikum noch nicht, dass dies ein Abschied war.

Zum Abschied von Nobs fand am 8.2. in der allen Kennern des MJF vertrauten Strawinski Hall mit der wohl besten Akkustik aller Konzertsäle in der Schweiz ein unvergessliches Konzert statt, eben "Funky Claude le Montreusien". Es war ein manchmal melancholischer, aber durchwegs fröhlicher Anlass, ohne Reden, aber mit viel Musik, auch von jenen Jungen, welche Nobs entdeckte und förderte, indem er sie am Festival auftreten liess. Entsprechend den Umständen - Funky Claude-Gedenkkonzerte werden später im Jahr auch in London und in New York stattfinden - kamen die Musiker primär aus der Schweiz.

Versatile Big Band-Begleitung

Sophie Hunger eröffnete mit einer speziell komponierten Hommage an Nobs, dann folgten junge, aber auch weniger junge Schweizer von Andreas Vollenweider mit seiner Rockharfe und Dieter Meier (ex-Yello) über Stephan Eicher, Michael von der Heyde und Philipp Fankhauser zu Paolo Nutini, Bastian Baker und Marc Sway. Die meisten wurden begleitet von einer unglaublich versatilen Big Band dirigiert von Pepe Lienhard.

Einen kräftigen internationalen, mit Montreux eng verbundenen Akzent setzten Barbara Hendricks mit bluesigem Gospel und Amy McDonald mit wundervoll hartem Folkrock à la Emmylou Harris und schwerem Schottenakzent in ihrem letzten Gruss an Claude.

Auch ein einig Volk von Rockern

Star des Abends war aber die schweizerische Musikszene. Ihr Berichterstatter, die letzten 15 Jahre im fernen Ausland, kannte wohl die Musik einzelner, war sich aber nicht bewusst, was für ein einig Volk von Rockern die Schweiz auch ist. Und dies auf hohem internationalen Niveau. Ein weiterer Nachlass von Nobs, der sich bis zum Ende seines Lebens nicht zu schade war, in kleinen und kleinsten Clubs interessante Stimmen und originelle Riffs zu finden.

Und was nun? Wird das MJF seinen Gründer und Übervater überleben? Nobs‘ bereits gekürter Nachfolger Mathieu Jaton, bislang Generalsekretär, ist ein ganz anderer, viel ruhigerer Typ als Claude. Dies ist wahrscheinlich gut so, denn Nobs kann es nur einen geben. Nachdem ich Mathieu bereits verschiedene Male am Werk gesehen habe , bin ich persönlich optimistisch für die Zukunft des MJF.

Mit Geist und Genie

Das 47. Festival wird auf jeden Fall am 5. Juli dieses Jahres beginnen und bleibt die Mutter aller Festivals in der Schweiz. Das MJF - vergleichbar etwa mit Rodger Federer und Bertrand Piccard - bildet einen wichtigen Bestandteil der Marke Schweiz auf dem globalen Markt. Eine Marke, die so zeigt, dass in der Schweiz nicht nur Geld verwaltet, sondern auch Geist und Genie geschaffen wird.

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