Für Kritik ohne politische Korrektheit

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Für Kritik ohne politische Korrektheit

Von Uri Russak, 04.08.2015

Unser in Israel lebender Autor plädiert leidenschaftlich für das neue Buch des Publizisten Carlo Strenger. Dieser argumentiert gegen die Scheuklappen-Ideologie der politischen Korrektheit*.

Für einen israelisch-schweizerischen Juden wie mich ist das innerhalb von wenigen Monaten schon in zweiter Auflage im Suhrkamp-Verlag erschienene Buch von Carlo Strenger „Zivilisierte Verachtung“ eine Rettung vor dem Glaubensverlust an die Vernunft. Es ist, so steht auf dem Umschlag, eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit. Bis vor wenigen Jahren konnten sich vernünftige Menschen der Moderne noch guten Gewissens als politisch ganz links stehend betrachten.

Vom linken Rand zur linken Mitte

Doch durch Phänomene wie den heute überhandnehmenden Selbstbetrug der Politischen Korrektheit und die linksextreme Kunst, Tatsachen statt als Tatsachen ausschliesslich als ideologisch zu beurteilende Versatzstücke zu sehen, ist jedenfalls die dogmatische Linke in Verruf gekommen. Tatsachen werden nur dann zur Kenntnis genommen, wenn sie sich von der eigenen Ideologie untermauern lassen. Haben diese linken Ideologen völlig ihren Verstand verloren? Als Jude und ehemaliger Kibbutznik der jüdischen und damals noch marxistischen Jugendorganisation Haschomer Hazair schäme ich mich inzwischen, im Gegensatz zu früher, mich als Linken zu bezeichnen. Links der Mitte wäre heute genauer.

Diesen Rutsch haben sehr viele meiner Freunde mitvollzogen. Die Motivation der heutigen extremen Linken ist nicht mehr der Einsatz für sozialen Fortschritt und demokratisches Verhalten, sondern der Hass auf ideologisch Andersdenkende. Dazu kommt eine spezifische Spielart des  Rassismus gegenüber Völkern und Gesellschaften, mit denen sich extremistische, anti-israelische, antiamerikanische Linke, gemäss eigenem Selbstverständnis besonders intensiv solidarisieren.  Denn eben diese dogmatische Linke traut diesen Völkern nicht zu, sich selbst zu helfen. Auch wenn es nicht zugegeben wird – viele Drittweltgesellschaften, allen voran arabische, werden von ihnen in altkolonialistischer und respektloser Manier als fortschrittsunfähig gesehen und entsprechend behandelt.

Für „zivilisierte Verachtung“ nach allen Seiten

Carlo Strenger beschreibt in diesem achtzigseitigen Büchlein, das ich in einer knappen Stunde durchgelesen habe, wie politische Korrektheit die Kritik anderer verunmöglichen will und so Kultur und Ethik nivelliert. Und zwar nach unten. Hier ein Schlüsselsatz aus Stengers Buch: „Ich definiere „Zivilisierte Verachtung“ als eine Haltung, aus der heraus Menschen  Glaubensätze, Verhaltensweisen und Wertsetzungen verachten dürfen oder gar wollen, wenn sie diese aus substanziellen Gründen für irrational, unmoralisch, inkohärent oder unmenschlich halten“. Man muss diese Aussage als solche stehen lassen, denn, im Gegensatz zur Politischen Korrektheit, vertritt sie das Wesen einer Gesellschaft nach der Aufklärung.

Das Buch ist eine Abrechnung mit der Politischen Korrektheit, ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit und das Recht zur Kritik - nach links und nach rechts und auch gegen die Mitte. Es ist Carlo Strengers Einsatz zur Erhaltung des Toleranzprinzips der Aufklärung. Auch hierzu ein Zitat aus dem Buch (S. 45): „Die wissenschaftlichen Durchbrüche und der technologische Fortschritt im Schlepptau der Aufklärung verdankten sich nicht zuletzt der radikalen Abkehr von traditionellen Autoritäten. Nichts und niemand sollte gegen Kritik gefeit sein. Mit dem Prinzip der Politischen Korrektheit wurde dieser zentrale Grundsatz auf den Kopf gestellt. Bis auf westliche Institutionen konnte nun plötzlich gar nichts mehr zum legitimen Objekt der Kritik werden, schon gar nicht, wenn es einer nichtwestlichen Kultur entstammte. Entsprechende Einwände wurden reflexartig dekonstruiert und als Ausdruck des Eurozentrismus abgefertigt.“

Ich möchte dieses Buch dringend zur Lektüre empfehlen. Die aktuell weitverbreitete Heuchelei der Gleichwertigkeit der Kulturen muss hinterfragt werden und Strengers Buch ist eine Motivation dazu, wie auch ein Mittel zur Selbsthygiene gegen ideologische Verdummung.

Über den Autor

Carlo Strenger, 1958 in Basel geboren und dort aufgewachsen, ist Professor für Psychologie und Philosophie an der Universität Tel Aviv sowie politischer Publizist. Er schreibt Kolumnen für Israels führende linksliberale Zeitung „Haaretz“ (die in der englische Fassung öfters auch von „Journal21“. publiziert werden) sowie für die „Neue Zürcher Zeitung“ und gelegentlich für den britischen "Guardian“.  Strenger ist ein scharfer Kritiker der israelischen Siedlungspolitik, die er als moralischen Irrweg und als schwere Gefahr für Israels Zukunft beurteilt. Er wendet sich aber auch gegen eine einseitige Verurteilung Israels, weil diese die Komplexität des israelisch-arabischen Konflikts ignoriere.

*Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit. Suhrkamp-Verlag. Berlin 2015. 80 S., Fr. 16.90

Kommentare

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Eine sehr schöne und thematisch passende Besprechung eines wichtigen israelischen Autors. Ungeteilte Zustimmung.

Das ausgerechnet Autor Russak gegen politische Korrektheit angeht lässt tief blicken. Konsequent ist es allemal nicht.

Manchmal ist es nur Irritation, oft auch schiere Wut, vieles plagt aus Unkenntnis, einiges aber durch Intransparenz.

Wandel durch Annäherung wäre angesagt denn: „Neige deine Ohren zu mir, eilend hilf mir! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!“
Eine gute Gesprächskultur basiert auf freier Meinungsäusserung! Getragen durch den Willen zum Konsens führt sie sehr oft zu wirklich gegenseitigem Verständnis. Die Intransparenz der Macht belässt uns jedoch zu oft in Ohnmacht, gemeint ist damit im Unwissen. So, dass wir Im Nebel der Politik, halbblind und tastend manchmal falsche Schlüsse ziehen. Ja, auch die jüdische Art der harten aber fairen Gesprächs-Figth`s fehlt uns, verhindert durch übereifrigen Political Correctness. Selbstherrliche Macht profitiert von künstlich erzeugter Intransparenz. Der Mensch ist immer auf der Suche nach Wahrheit denke ich. … cathari

Ich wurde Anfang der 80er in Zürich von der damaligen Bewegung der „Unzufriedenen“ mit Eiern und Bierflaschen beworfen, weil ich mich mit Roger Schawinskis „Radio 24“ eingelassen hatte. Es hiess, ich sei ein „Kapitalisten-Schwein“. Ich hab's überlebt.

Polo Hofer, gestorben am 22. Juli 2017

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