Friedensnobelpreisträger, Menschenrechtler, Versöhner

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Friedensnobelpreisträger, Menschenrechtler, Versöhner

Von Markus Schönherr, Kapstadt - 06.12.2013

Am Donnerstagabend verlor eine Nation ihren Vater. In seiner Biografie beschrieb Mandela seinen „langen Weg zur Freiheit“.

1918 in einem kleinen Dorf in der Transkei geboren, wächst Mandela als Sohn der Thembu-Königsfamilie auf. Seine Kindheit ist bestimmt von den Riten seines Stammes, der Xhosa. Mandelas Biografie zufolge ist es eine unbeschwerte, naturverbundene Kindheit. Im Alter von sieben Jahren kommt Rolihlahla Mandela auf eine Methodistenschule, wo er den Vornamen Nelson erhält.

Gründung des ANC

Es folgt die Missionsschule Fort Hare. Zur Zeit einer weissen Minderheitsregierung fungiert das College als Hochburg des schwarzen Widerstands. Hier trifft Mandela auf seinen späteren Mitstreiter im Kampf gegen die Apartheid, Oliver Tambo. Während seines Studiums wird Mandela zum ersten Mal politisch aktiv und er protestiert gegen die miserablen Bedingungen am Campus. Der Streit droht zu eskalieren und die Uni-Verwaltung will ihn verweisen. Aber dann kommt alles unerwartet: Sein Adoptivvater eröffnet ihm, dass er eine Heirat für Nelson arrangiert habe. Mandela flüchtet nach Johannesburg.

Der Umstieg vom Dorfleben zu einem Alltag in der Grossstadt fällt Mandela schwer. Dennoch beginnt er ein Jurastudium und lernt seinen späteren Parteikollegen, Walter Sisulu, kennen. Mit ihm setzt sich Mandela offen gegen die weisse Übermacht ein. 1942 tritt er dem African National Congress (ANC) bei und gründet die ANC-Jugendliga. Mandela heiratet zum ersten Mal. Aus der Ehe mit Evelyn Ntoko Mase sollen später sechs Kinder hervorgehen.

Verurteilung zu lebenslange Haft

1948 kommt die National Party (NP) an die Macht und die Apartheid wird zur Regierungsagenda. Die nächsten Jahre sind gezeichnet von gewaltsamer Unterdrückung. Mandela gelingt es dennoch, mit Tambo die erste schwarze Anwaltskanzlei ins Leben zu rufen. Er entwickelt den Mandela-Plan, wonach auch die schwarze Bevölkerung Zugang zu Bildung und Politik haben soll. 1956 werden er und 150 Mitstreiter des Landesverrats angeklagt. Wenngleich er nach fünf Jahren freigesprochen wird, überlebt seine Ehe den Prozess nicht. Er wird geschieden, heiratet als freier Mann aber bald Winnie Madikizela, die ihm zwei Kinder schenkt.

Am 21. März 1960 erschiesst die Polizei beim „Massaker von Sharpeville“ 96 Demonstranten. Der ANC nimmt den bewaffneten Kampf auf und wird gebannt. Für Mandela beginnt eine wenig ruhmreiche Zeit, die ihm später als linken Aktivisten einen Platz auf der Terrorliste der US-Regierung sichert. Er führt fortan den „Speer der Nation“, den bewaffneten Flügel der ANC-Jugendliga. Er trifft seine sozialistischen „Kampfbrüder“ Fidel Castro und Muammar al-Gaddafi. 1962 wird er aufgegriffen und zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Vorzugsdemokratie

27 Jahre bleibt Mandela in Haft. Die längste Zeit verbringt er auf der Gefängnisinsel Robben Island, wo er sich mit Tuberkulose infiziert. Ende der 80er wächst aber der internationale Druck auf das Apartheid-Regime. Westliche Entwicklungsorganisationen rufen zum Boykott südafrikanischen Obsts auf. 1990 erkennt Präsident Frederik de Klerk, dass die weisse Vormachtstellung keine Zukunft hat, legalisiert den ANC und begnadigt Mandela.

Mandela dürstet es nach knapp drei Dekaden Haft aber nicht nach Rache, sondern Versöhnung. 1994 wird er Südafrikas erster schwarzer Präsident und gründet die Wahrheits- und Versöhnungskommission. Für die Verbrüderung von Schwarz und Weiss erhält er den Friedensnobelpreis. Der neue Nationalheld gründet nicht nur einen Staat, in dem Menschen aller Hautfarben zusammen leben, sondern schafft eine Gesellschaft, in der Minderheiten als vollwertiger Teil aufgenommen werden – unabhängig von sexueller Einstellung, Religion, Alter oder Behinderung. Bis heute hält Kapitel 2 der Verfassung diese Rechte fest und macht Südafrika damit zu einer Vorzeigedemokratie auf dem Kontinent.

1997 verzichtet Mandela auf eine zweite Amtszeit und tritt von der politischen Bühne ab. Er heiratet ein letztes Mal – seine jetzige Witwe Graça Machel. Die Nelson Mandela-Stiftung wird gegründet, um sein Lebenswerk fortzusetzen. Doch die Auftritte des Nationalhelden werden seltener, seine Gesundheit schwindet sichtbar. Zuletzt erscheint Mandela beim Finalspiel der Fussball-WM 2010 in Johannesburg und wird binnen eines halben Jahres viermal ins Krankenhaus eingeliefert. Beigesetzt wird Mandela in Qunu, dem Ort seiner Kindheit.

Wie geht es weiter nach Madiba?

Eine Nation versinkt in kollektiver Trauer. Doch während der Großteil weint, fragen sich einige bereits, wie es nach Nelson Mandelas Ableben weitergeht: Für den regierenden African National Congress (ANC), für die Mandela-Familie und für 52 Millionen Südafrikaner.

Im Juni hatte Präsidialminister Trevor Manuel bei einem Staatsbesuch in London versichert, Investoren müssten sich keine Sorgen machen, wenn der Tag X einmal da sei. Zuvor war die Angst gewachsen, im ANC würden radikale Elemente die Oberhand gewinnen, die meinen, Mandela hätte Weißen nach 1994 zu viele Rechte eingeräumt. Gestern holte auch Mandelas Wegbegleiter, Erzbischof Desmond Tutu, gegen jene Kritiker aus, die nach Mandelas Tod einen politischen Kollaps befürchteten. „Die Idee, Südafrika gehe in Flammen auf, bringt unsere Bürger in Verruf. Die Sonne wird morgen aufgehen und am nächsten Tag und auch danach. Sie wird nicht mehr so hell scheinen wie früher – aber das Leben geht weiter.“

ANC: Zerfall ohne Mandela?

Das vorhergesagte Chaos blieb aus. Wie Mandelas Tod in den kommenden Monaten die Politik beeinflusst, ist noch unklar. Der ANC gilt schon länger nicht mehr als die Partei, die „Tata Madiba“ einst in die Freiheit führte. Weitreichende Korruption und eine schwarze Elite treiben zunehmend einen Keil zwischen das Volk und die Partei. „Der ANC wurde zusammengehalten von Nelson Mandela und wird ohne ihn zerfallen“, sagt Grainger van Heerden in Kapstadt. Seine Meinung teilen zwar nur wenige, dennoch gerät die einstige Freiheitsbewegung in Bedrängnis.

In den letzten Monaten entstanden mit Agang SA, den Economic Freedom Fighters (EFF) und der Workers and Socialist Party (WASP) drei neue Oppositionsparteien. Bei den Wahlen im kommenden Jahr werden sie Druck auf den ANC üben. Einige ANC-Funktionäre schlossen sich in den letzten Monaten bereits der Opposition an. Der bekannteste unter ihnen war Mandelas Cousin, Buyelekhaya Dalindyebo, der kritisierte: „Die Dominanz des ANC gleicht einem Einparteienstaat.“ Politexperten schätzen, dass der ANC 2014 erneut die absolute Mehrheit gewinnt, die Stimmen jedoch ein historisches Rekordtief erreichen.

Streit um die "Marke Mandela"

Neue Brisanz erhält in den kommenden Monaten vermutlich auch die Vermarktung des Freiheitshelden. Die Mandela-Familie hatte sich bereits vor dessen Tod einen erbitterten Kampf um seine Unternehmen und seine Kunstsammlung geliefert. Seine Enkel vertreiben weltweit den ‚Mandela-Wein’ und gründeten das Mode-Label ‚466/64’, dessen Namen auf seine Gefangenennummer auf der Gefängnisinsel Robben Island zurückgeht. Ein weiterer Enkel, Mandla Mandela, soll für umgerechnet 30.000 Euro die TV-Rechte an seiner Beerdigung verkauft haben. Zu Beginn des Jahres hatte auch die oppositionelle Democratic Alliance (DA) die Marke Mandela entdeckt, als sie sein Konterfei auf ihren Werbeplakaten druckte, und gestern erst bezeichnete die EFF Mandela als einen von ihnen.

Bis zuletzt war Mandela an Afrikas Südspitze eine moralische Bastion. Für die Südafrikaner gilt es künftig, Mandelas ideelles Erbe fortzuführen. „Die Bildung einer Nation stand in seinem Fokus und daran hat er uns jeden Tag erinnert“, so Minister Manuel. Südafrika besitzt viele Ressourcen, doch um diese zu nutzen, gilt es erst, die sozialen Missstände auszulöschen: Immer noch leben 11,5 Millionen Südafrikaner unter der Armutsgrenze, vielerorts fehlt Fliesswasser und in den Armenvierteln grassiert die Gewalt. Laut Manuel könne die Regierung diese Probleme nicht allein tilgen, es brauche künftig die Beteiligung aller Bürger: „Jeder von uns muss ein Mandela sein.“

Kommentare

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Was kann der Mensch von diesem farbigen Mann lernen? Frieden, Gewaltlosigkeit und Geduld. Man sitze vor eine Mauer und warte bis sie einstürzt, (sie stürzen alle ein) mit dem Kopf durch die Wand erzeugt zu oft nur Kopfweh. Was können wir ihm N.M. mitgeben auf seine Reise in`s Jenseits? Unsere Bereitschaft wenigstens zu versuchen, ihn nachzuahmen. Erhöret seine Botschaft, seinen Wunsch, denn er ist menschlich!....cathari

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