Fauler Zahlenzauber

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Fauler Zahlenzauber

Von Journal21, 16.06.2011

Wie viel risikogewichtetes Eigenkapital haben Sie gerade im Portemonnaie? Das wissen Sie nicht? Macht nichts, die Banken haben auch keine Ahnung.

Sie machen sich Sorgen, ob die UBS nochmals oder die CS zum ersten Mal direkt vom Schweizer Steuerzahler gerettet werden muss? Dann verfolgten Sie hoffentlich die Debatte im Ständerat über die richtige Eigenkapitalquote für unsere zwei Grossbanken. Bravo. Zur Sicherheit haben Sie auch die 466 Seiten Geschäftsbericht der UBS für das Jahr 2010 durchgelesen. Besonderes Augenmerk richteten Sie dabei auf die Aufzählung der Risikofaktoren auf S. 25 – 31 und die ausführlichen Finanzinformationen auf S. 275 – 460. Gratuliere. Dann kann man Ihnen ja nichts vormachen. Also wissen Sie doch sicher, wie viel risikogewichtetes Eigenkapital die UBS in ihrem Portemonnaie hat. Oder etwa nicht?

Zahlensalat

Viel kann ich Ihnen da nicht helfen. Die UBS behauptet eine Eigenkapitalquote von 17,9 Prozent (die CS von 18,2 Prozent). Im Parlament wird eine obligatorische Eigenkapitalquote von 19 Prozent diskutiert. Sollte doch eigentlich alles im grünen Bereich sein. Ach so, vielleicht wissen Sie nicht, wie man auf diese Zahlen kommt: Die Eigenkapitalquote berechnet sich, indem man das Eigenkapital durch die Bilanzsumme dividiert. Um so höher die Eigenkapitalquote, um so geringer die Gefahr, dass eine Bank beim Drehen grosser Räder oder wildem Zocken pleite geht.

Also beispielsweise Bilanz 1000 Milliarden, Eigenkapital 25 Milliarden, Eigenkapitalquote 2,5 Prozent. Das bedeutet, dass auf jeden eigenen Franken 40 Franken Schulden kommen. Das bedeutet, bei einem Verlust von lediglich 2,5 Prozent ist die Bank blank. Genau wie bei der UBS. Hä? Gemach, schnallen Sie sich gut an, wir machen einen wilden Ritt durch den modernen Finanzdschungel und schlagen uns durch das Unterholz von wuchernden Berechnungsmodellen.

Quantenphysik ist ein Dreck dagegen

Denn im Financial Engineering ist selbst die Eruierung einer banalen Zahl wie die Eigenkapitalquote ein Abenteuer, spannender und überraschungsreicher als das gesamte Leben von Indiana Jones. Fangen wir mal mit der behaupteten Eigenkapitalquote von 17,9 Prozent der UBS an. Die beruht auf der sogenannten Tier-1-Quote, einem theoretischen Gebastel, das sich in seiner Aussagekraft von einem feuchten Finger in der Luft nur unwesentlich unterscheidet. Die Zockerbank Lehman Brothers, mit deren Bankrott die letzte Finanzkrise eingeleitet wurde, konnte übrigens bis zum bitteren Ende nach dieser Methode behaupten, dass sie eine Eigenkapitalquote von 11,5 Prozent habe, trotzdem ging sie Pleite. Denn Tier 1 verwendet Annahmen von Risikogewichtungen und Modellrechnungen, nicht die Realität. Okay, und wie kommt man dann auf 2,5 Prozent? Ganz einfach, man nimmt die sogenannte Leverage Ratio, dividiere das Eigenkapital durch die Gesamtbilanz, ohne Gewurstel wie Tier I, core Tier I und so fort. Das konnten schon die Fugger im 15. Jahrhundert. Heutige Grossbanken können das nicht mehr. Schon diese Zahl von nackten 2,5 Prozent wird natürlich von modernen Finanztricksern aufs schärfste bestritten, aber ich lege noch einen drauf und behaupte, dass es genau betrachtet sogar weniger als 2 Prozent sind. Bevor hier Eier und Tomaten fliegen, noch einen kleinen Ausflug in den modernen Finanzwahnsinn, gegen den die Quantenphysik simpel ist.

Im Dschungel der Buchhaltungssysteme

Das Eigenkapital und die Bilanzsumme einer international tätigen Bank kann man mit verschiedenen Buchhaltungssystemen berechnen, da gibt es so schöne Ausdrücke wie US GAAP FER, Swiss GAAP FER, IFRS 7. Je nachdem ist das Ergebnis eine schöne Tüte Buntes, so oder so geschüttelt. Dann ist der Begriff Eigenkapital ja dehnbar wie ein Gummiband. Da hätten wir mal das «weiche» Kernkapital. Das ist weich, weil es mit buchhalterischen Tricks wie «Repo 105» oder hybriden Kapitalinstrumenten beliebig aufgeblasen werden kann. Sieht in der Bilanz schön aus, besteht aber im Ernstfall nur aus heisser Luft.

Dann dürfen wir auch den schönen Ausdruck Risikogewichtung nicht vergessen. Das bedeutet, dass eine Bank 100 Franken geliehenes Kapital niemals mit 100 Franken Eigenkapital unterlegen muss, sondern je nach Risikoklasse mit nur einem Bruchteil davon. Zum Beispiel bei erstklassigen Schatzpapieren eines Staates mit faktisch nichts. Nein, wir reden hier für ein Mal nicht von Griechenland. Auf jeden Fall ist die Berechnung des risikogewichteten Eigenkapitals dermassen kompliziert, dass sie von den staatlichen Aufsichtsbehörden gleich den Banken in Kumpanei mit den Rating-Agenturen überlassen wird.

Wenn ich ein Bilanzvolumen von 1000 Franken und eigene 100 Franken habe, dann könnte jeder Laie errechnen, dass meine Eigenkapitalquote 10 Prozent beträgt. Im Dschungel der modernen Finanztricksereien kann aber an beiden Zahlen solange rumgeschraubt werden, bis ich eine mir genehme Zahl bekomme; seien das 20, 50 oder 100 Prozent Eigenkapital. Mehr geht leider nicht.

Harte Tatsachen

Nehmen wir als Berechnungsgrundlage für die Eigenkapitalquote jedoch nur das harte Kernkapital, also vorhandenes Aktienkapital und nicht ausgeschüttete Gewinne, dann sind wir sowohl bei der UBS wie bei der CS bei weniger als 2 Prozent angelangt, wie die Zeitung «Sonntag» richtig vorrechnete. Und das ist keine Trickserei, sondern Einmaleins. Es braucht also nur einen Verlust von läppischen 2 Prozent, und die Geschichte, "Eidgenossen retten ungefragt die UBS", wiederholt sich.

Dass die UBS den Value at Risk während der Amtszeit von Oswald Grübel um mehr als 50 Prozent hochgefahren hat, mag da auch nicht zu beruhigen. Denn Value at Risk bemisst den potenziellen Verlust, den eine Bank mit ihren Spekulationen, pardon, Investitionen, erleiden könnte. Ach, und in solchen Modellen ist natürlich Unvorhersehbares wie ein AKW-GAU oder ein Erdbeben samt Tsunami nicht inbegriffen, sonst hiesse das ja nicht unvorhersehbar.

Wenn wir dann doch noch dezent die Wörter Griechenland, Eurokrise, Staatsbankrott der USA in die Runde werfen, wissen Sie vielleicht immer noch nicht, wie viel risikogewichtetes Eigenkapital Sie im Portemonnaie haben. Aber ein kleiner Tipp: Halten Sie das, was drin ist, gut fest. Oder, ein Anlagetipp ohne Bankgarantie: Kaufen Sie CDS auf eine UBS-Obligation. Das ist ein Credit Default Swap, eine Versicherung gegen Totalschaden. Allerdings: Die Versicherungsprämie ist verdammt hoch. Denn nicht alle Marktteilnehmer sind blöd.

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phantastisch erfrischender und witziger Beitrag, jedoch das Lachen bleibt mir im Halse stecken... wir alle können nur hoffen, dass die Verantwortlichen Grübler und Co. doch noch zur (Staats-)räson gezwungen werden, sonst sehe ich durchaus tiefrote Zahlen aeh Zeiten auf die Eidgenossenschaft zukommen. Danke Herr Zeyer!

Der erfrischend direkte Beitrag von René Zeyer bringt es auf den Punkt: die laufende politische Diskussion um die ominösen „19 % Eigenkapitalquote für die systemrelevanten Grossbanken UBS und CS“ öffnet der kollektiven Selbsttäuschungen Tür und Tor und bereitet das Feld vor für den nächsten potentiellen Absturz. Kein Unternehmen ausserhalb der Finanzbranche könnte mit 20 % Eigenkapital noch weiterwirtschaften. In OR 725 ist nachzulesen, weshalb das so ist. Für die Banken wurde diese sinnvolle Regelung jedoch im 2003 vom damaligen Parlament aufgehoben.

Die Forderung betreffend Eigenkapitalquote der Banken muss lauten: Quote von mindestens 10 % klassisches Eigenkapital, unter ersatzlosem Verzicht auf die Nebelpetarden der Marke „Kernkapitalquote“, „Leverage Ratio“, „Tier 1, Tier 2, Tier 3“. Denn die zugrundegelgten Risikomodelle sind intransparent und vor Manipulationen nicht geschützt. Zudem sollten sich die Bankverantwortlichen vor Augen halten, dass die Drohgebärden entlang der Argumentationskette „Wettbewerbsnachteil gegenüber Banken im Ausland“ lediglich Zweifel an ihrer Führungskompetenz wecken. Denn es ist nach wie vor der Steuermann, der den Kurs des Segelschiffs bestimmt, nicht der Wind!

Danilo Tondelli, Basel

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