Fast punktgenau

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Fast punktgenau

Von Heiner Hug, 29.09.2021

Die deutschen Meinungsforscher können sich auf die Schultern klopfen.

Es gehört fast schon zum guten Ton, dass Medien und Politiker über Meinungsumfragen schimpfen. Immer werden die ewig gleichen Beispiele genannt, bei denen die Forscher auf die Nase fielen: die Trump-Wahl, die Brexit-Abstimmung, die Minarett-Initiative.

Armin Laschet und seine CDU hatten sich bis zum Wahltag in der Hoffnung eingemauert, dass die Umfragen auch diesmal falsch sind.

Es kam anders. Die deutschen Wahlforscher haben die Ergebnisse der Bundestagswahl recht genau vorausgesagt.

Acht grosse Institute *) hatten die Meinungen der Bundesbürger zu den Bundestagswahlen ausgelotet. Die Ergebnisse aller Umfragen lagen über Wochen hinweg eng beieinander.

Niemand darf von den Forschern punktgenaue Voraussagen verlangen. Die Institute betonen immer wieder, die Fehlerquoten ihrer Umfragen würde  +/-2 oder 3 Prozent betragen (je nach Anzahl der Befragten).

Die Befragungsmethoden waren verschieden:

  • Die einen (Forsa, Forschungsgruppe Wahlen, Kantar Emnid und GMS) befragten zufällig ausgewählte Personen per Telefon (Festnetz oder Handy).
  • Zwei Institute (INSA und Yougov) führten einzig Online-Befragungen durch.
  • Das Institut Allensbach sprach bei zuvor ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern vor und führte mündliche Befragungen (Face to Face) durch.
  • Infatest/dimap befragte die Deutschen sowohl per Telefon als auch per E-Mail.

Welche Befragungsmethoden schneiden am besten ab? Die Unterschiede sind extrem klein. Die einen Institute lagen bei dieser Partei besser und bei der anderen schlechter – und umgekehrt. Müsste man einen Sieger küren, so wäre das wohl Allensbach – allerdings mit minimen Differenzen zu den anderen Anstalten.

Das Ergebnis der SPD sagten alle acht Institute sehr genau voraus. Allensbach und infatest/dimap prognostierten 26%, alle anderen 25%. Laut dem definitiven Wahlergebnis waren es dann 25,7%.

Etwas weniger genau waren die Voraussagen für die CDU/CSU. Sie schwankten von 25% (Allensbach) bis 21% (Emnid und Yougov). In Wirklichkeit waren es dann 24,1%. Kantar Emnid und Yougov lagen als einzige ganz knapp ausserhalb der 3-prozentigen Fehlermarge.

Die Grünen hatten sich ein besseres Ergebnis gewünscht, obwohl es dann mehr oder weniger den Umfragen entsprach. Die Prognosen lagen zwischen 17% (Forsa) und 14% (Yougov). In Wirklichkeit kamen die Grünen dann auf 14,8%.

Sehr genau waren die Umfragen für die FDP. Sie schwankten zwischen 13% (GMS) und 10,5% (Allensbach). Gemäss dem Wahlergebnis erhielt die FDP dann 11,5%.

Auch bei den Prognosen für die Linke lagen alle Institute im Rahmen der +/-3-prozentigen möglichen Fehlerquote. Am besten schnitt hier Allensbach ab, das 5% prognostizierte. Es waren dann 4,9%. Die anderen Umfragen ermittelten Werte zwischen 6 und 7%.

Recht genau waren auch die Umfragen für die AfD. Sie kam am letzten Sonntag auf 10,3%. Die Umfragen gaben ihr zwischen 10 und 12%.

Keine Prognose

Die Meinungsforscher werden nicht müde zu betonen, ihre Ermittlungen seien keine Prognose, sondern ein Stimmungsbild zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Umfragen, die kurz vor den Wahlen durchgeführt werden, können aber durchaus – zumindest teilweise – als Prognosen aufgefasst werden. Denn wenn drei Tage vor der Wahl jemand sagt, er oder sie stimme für diese oder jene Partei, wird er vermutlich drei Tage später gleich denken.

Poll of Polls

Einige Medien haben damit begonnen, das durchzuführen, was man im angelsächsischen Raum Poll of Polls nennt – also Mittelwerte der verschiedenen Umfragen.

So veröffentlichte zum Beispiel der „Spiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“ schon Wochen vor der Wahl solche Mittelwerte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Am besten schnitten die Prognosen für die SPD ab. Die CDU wurde leicht unterbewertet und die Grünen etwas überwertet – doch alles hält sich im engen Rahmen.

Mittelwerte
SPD: 25-26% (tatsächliches Ergebnis: 25,7%)
CDU: 22-23% (Ergebnis: 24,1%)
Die Grünen: 16-17% (Ergebnis: 14,8%)
Die FDP: 10-12% (Ergebnis: 11,5%)
Die AfD: 11% (Ergebnis: 10,3%)
Die Linke: 6-7% (Ergebnis: 4,9%)

Die recht genauen Umfragewerte erstaunen umso mehr, als es die Meinungsforscher immer schwerer haben. Die Gesellschaft ist „floatend“ geworden, man wechselt schneller die Meinung als früher. Die Zahl der Wechselwähler hat zugenommen. Früher blieb man ein Leben lang einer Partei treu; das ist längst nicht mehr so. Kleinste Ereignisse vor der Wahl können die Stimmung drehen. All das macht Meinungsforschung schwierig.

Telefon-Terror, Lügen

Dazu kommt: Unter dem Telefon-Terror der Call Centers leiden die politischen Umfrage-Institute immer mehr. Man bricht das Gespräch schon ab, bevor es begonnen hat. Viele sagen sich: „Schon wieder eine Belästigung durch ein Call Center.“ Nur etwa 20 Prozent der Angerufenen sind überhaupt bereit, Auskunft zu geben.

Und jene, die Auskunft geben, belügen die Anrufer immer häufiger. Max Korte aus Frankfurt wird oft angerufen. Er sagt konsequent, er werde für die AfD stimmen – stimmt dann aber für die SPD. Warum? „Ich will, dass die Leute von einer guten Prognose der AfD aufgerüttelt werden und dann zu den Urnen gehen und eine Anti-AfD-Partei wählen.“

Andererseits getrauen sich viele den Meinungsforschern am Telefon nicht zu sagen, dass sie eine rechtspopulistische Partei wählen – und wählen sie dann trotzdem.

Ein Lorbeerkranz

All das macht den Demoskopen das Leben schwer. Aber die Meinungsforscher haben offenbar gelernt, damit umzugehen. Kein Institut publiziert nur die Rohdaten seiner Erhebungen. Die Demoskopen haben Millionen Daten gesammelt und gewichten die nackten Zahlen, indem sie sie mit ihren Erfahrungswerten abgleichen. Alle haben da ihre eigene Methode.

Die jetzige Bundestagswahl wird sicher als Highlight in die Meinungsforschung eingehen. Doch Demoskopie ist ein volatiles Geschäft. Das nächste Mal ist vielleicht alles wieder ganz anders. Doch diesmal gebührt den deutschen Demoskopen ein Lorbeerkranz.

Die acht grossen Institute
Allensbach: (mündliche Befragung, Face-to-Face
Kantar Emnid: Telefonbefragung
Forsa: Telefonbefragung
Forschungsgruppe Wahlen: Telefonbefragung
GMS: Telefonbefragung
Infratest/dimap: Mix aus Telefon- und Onlinebefragung
INSA: Onlinebefragung
Yougov: Onlienebefragung

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