Europa scheitert

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Europa scheitert

Von René Zeyer, 12.03.2013

«Scheitert der Euro, scheitert Europa.» Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel wird mit diesem Satz in die Geschichte eingehen. Schuldhaft.

Gute Nachrichten aus Griechenland. Gerade wurde bekannt, dass im letzten Quartal 2012 die Wirtschaftsleistung nur um 5,7 Prozent einbrach. Eine Verbesserung gegenüber dem Jahresdurchschnitt von 6,4 Prozent minus. Noch besser: Für 2013 wird lediglich ein Rückgang um 4,5 Prozent erwartet. Portugal geht es vergleichweise gut. 2012 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 3,2 Prozent, für dieses Jahr wird ein neuerlicher Rückgang um bloss 2 Prozent erwartet. Ist diese Beschreibung zynisch? Vielleicht, aber andere Zahlen zeigen den wahren Abgrund von Zynismus.

Es wird gehungert

Die fundamentalste Aufgabe jeder verantwortlichen Regierung ist, die Grundbedürfnisse ihrer Staatsbürger zu garantieren. Vielleicht darf man in Europa auch noch menschenwürdiges Leben dazuzählen. Das ist unabhängig davon, ob es sich um eine nationale Regierung handelt oder die europäische.

Wird dieses Ziel verfehlt, handelt es sich nicht um eine lässliche Sünde, auch nicht um eine unvorhersehbare Katastrophe. Sondern es ist ein Versagen auf der ganzen Linie, völlige Verantwortungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Unfähigkeit. Nun gibt es Hunger und Not in Europa, in der Eurozone, im Herzen Europas, nicht an seinen Rändern. Das behaupte nicht ich, sondern das geht aus Zahlen des Roten Kreuzes hervor.

Die Suppenküche ist wieder da

Wir erinnern uns an die langen Schlangen von Bedürftigen, die Ende der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts um einen Teller Suppe und vielleicht ein Brot anstanden. Schwarzweissfotos, lang vergangen, andere Zeiten. Aber nein, das ist wieder Aktualität. Zwei Drittel der nationalen Rot-Kreuz-Gesellschaften in der grossartigen EU verteilen inzwischen wieder Lebensmittelhilfen. Vor Ort.

Das habe es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben, zitiert der «Spiegel» den Generaldirektor des IKRK. Mehr als alle Statistiken über den wirtschaftlichen Zustand der Eurozone zeigen diese Zahlen das wahre Ausmass der Katastrophe, die hier angerichtet wurde und wird.

Spanien als Beispiel

Dass in Athen bereits ganze Quartiere zu Elendsvierteln heruntergesunken sind, ist bekannt. Ist auch bekannt, dass laut Rotem Kreuz in Spanien bereits 3 Millionen Einwohner mit Lebensmittelhilfen unterstützt werden? Andere brauchen Hilfe, um selbst die Grundversorgung mit Strom und Wasser sicherzustellen. Das dortige Rote Kreuz bittet inzwischen nicht mehr um Spenden zur Linderung der Not in anderen Ländern. Sondern für Hilfe vor Ort.

Wohlgemerkt bedeutet das, dass alle staatlichen Unterstützungen offensichtlich nicht ausreichen, um existenzielle Not zu bekämpfen. Und aus Italien meldet das Rote Kreuz, dass im Norden, in Mailand, selbst die Mittelschicht zunehmend von Obdachlosigkeit bedroht sei.

Sprechblasen und Wichtigtuerei

Glaubt jemand noch im Ernst, dass es angesichts dieser Zustände eine Rolle spielt, welche Regierung in Italien innerhalb der herrschenden politischen Strukturen an die Macht kommt? Ob Spaniens Rajoy den Korruptionssumpf und den Skandal um schwarze Kassen politisch überlebt oder nicht?

Kann man sich vorstellen, welche Wut sich aufstaut, wenn die Betroffenen die ewig gleichen Sprechblasen hören müssen, «das Schlimmste ist überstanden»? Die aufgeblasene Wichtigkeit sehen müssen, mit der die Regierenden in gepanzerten Limousinen von einem Gipfeltreffen zum nächsten gefahren werden? Während bei Arbeitslosenzahlen von über 50 Prozent in europäischen Kernländern eine ganze heranwachsende Generation um ihre Zukunft betrogen wird? Wenn Elend, Not und Hunger Einzug halten, auch in bürgerliche Wohnzimmer?

Die Mittelschicht wankt

Arme und Bedürftige gibt es an den Rändern auch industrialisierter Staaten immer. Aber offensichtlich frisst sich diese Not immer mehr in die Mitte der Gesellschaft. Für jeden, der bereits milde Gaben vom Roten Kreuz empfängt, gibt es mindestens zwei weitere, die ganz knapp davor sind.

Längst geht es nicht mehr darum, auf Ferien, ein neues Auto, den Besuch eines Restaurants verzichten zu müssen. Es geht um Strom, Wasser, Ernährung. Depravierte und ausgegrenzte Randständige erdulden normalerweise ihr Schicksal mit eigentlich unverständlicher Ergebenheit. Aber wenn dem Mittelstand, dem Kleinbürger das nackte Entsetzen aus der Pupille starrt, dann wird er wild. Unberechenbar, rabiat und zu vielem, zu allem fähig.

Blühende Landschaften

Wir erinnern uns an den «Kanzler der deutschen Einheit», der «blühende Landschaften» im Osten versprach. Seine politische Ziehtochter Merkel verknüpfte das Schicksal Europas mit dem Euro. Der deutsche Osten entvölkert sich, ganze Landstriche blühen auf, aber nur deswegen, weil die Natur in aufgelassene Ortschaften zurückkehrt.

In Kerneuropa geht’s um ganz andere Dimensionen einer Katastrophe, die durch eine brandgefährliche und falsche Politik angerichtet wurde, die in dem Merkel-Satz ihre kürzeste Formulierung gefunden hat. In diesem Meer des Elends steht Deutschland noch wie ein Fels in der Brandung. Da aber nicht ganz Europa dorthin flüchten kann, auch nicht mehr lange.

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Kommentare

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«Scheitert der Euro, scheitert Europa» Ein neuer Aberglaube! Europa ist ein paar tausend Jahre älter als der Euro! Frau Merkel hat keine Ahnung, weder von Spanien, noch von Portugal, von Italien, Frankreich, Griechenland, noch von der Schweiz. Ihre Kenntnisse von Europa beschränken sich vermutlich auf Nord-Ost-Europa und eventuell Britannien. Dafür liefert sie Waffen nach Saudi-Arabien, Waffen die gegen Syrien, und demnächst gegen Iran, eingesetzt werden.

"Der ideologische Kitt des Kapitalismus beginnt in vielen Ländern zu bröckeln, während gleichzeitig die technischen Möglichkeiten das menschliche Elend und die Gewalt der Krisenverwaltung weltweit als offensichtlich absurd kennzeichnen: Obdachlose vor leeren, aber polizeilich bewachten Häuser in den USA, Erhöhung des Renteneintrittsalters bei hoher Jugendarbeitslosigkeit in Italien, Erhöhung der Wochenarbeitszeit trotz Produktivitätszuwachs in der BRD, usw. usf. Insofern ist eine klare antikapitalistische Perspektive keine abstrakte Pflichtübung." aus http://frankfurt.umsganze.de/index.php?option=com_content&view=article&id=364:16-190512-fuer-ein-ende-der-gewalt-fight-capitalism-100-&catid=57:frontpage

Ich bin voll und ganz einverstanden mit Ihrer Einschätzung. Das "Absaufen lassen" des Südens ist ein katastrophales Versagen. Auf DEM Boden kann man dann Nichts mehr ziehen, jedenfalls keine hehren liberalen Prinzipien und so. Damit delegitimiert sich ein System.

Gemach, falsch Aufgegleistes kann lange weiterwursteln, siehe 70 Jahre Sowjetunion, 40 Jahre Deutsche Demokratische Republik, 50 Jahre Kuba, 60 Jahre Nordkorea.

Es wird noch einige Zeit brauchen, bis man einsieht, dass wegen kostenloser weltweiter Telekommunikation und niedrigsten Transportkosten der freie Welthandel soviel Arbeitsmöglichkeiten in den fernen Osten verlagert hat, dass im Westen schlicht nicht mehr genug Arbeit zur Ernährung der Massen vorhanden ist.

Was nützt es, wenn Fernseher und Handy preisgünstiger sind, aber wegen Massenarbeitslosigkeit nicht mal mehr die elementaren Bedürfnisse erfüllbar sind? Eine gewisse Zeit lang können die USA solche Probleme mit Geld drucken mildern, die EZB versucht es mit Bluff und ähnlichen Mitteln, aber wie Herr Zeyer richtig schreibt wird es im Westen ein böses Erwachen geben.

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