Es gibt Polizisten und Polizisten

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Es gibt Polizisten und Polizisten

Von Hans Moser, Buenos Aires - 02.12.2011

Argentiniens Sicherheitskräfte geniessen keinen besonders guten Ruf. Dabei kann ein Polizist in Buenos Aires genauso nett sein wie sein Kollege in Winterthur.

Irgendwann, nach ein paar Jahren glaubst du, Land und Leute endlich zu kennen. Auch die Polizei. Im besten Fall bleibt sie untätig, nicht selten ist sie selbst Teil des Problems, das sie eigentlich lösen müsste. Immer wieder berichten die Medien von Ordnungshütern, die mit Kriminellen unter einer Decke stecken, sich bestechen lassen oder gar selber Mitglieder von Diebesbanden sind.

Und dann passiert das: An einer Strassenecke im Zentrum von Buenos Aires wirst du Zeuge, wie ein Polizist zwei ziemlich schäbig gekleidete junge Männer kontrolliert. Dem Aussehen nach könnten sie aus Peru oder Bolivien kommen und sich in der argentinischen Hauptstadt wie unzählige andere mit Schwarzarbeit durchschlagen. „Typisch“, denkst du, als der Polizist sie schroff auffordert, ihre Taschen zu leeren und den Inhalt auf dem Trottoir auszubreiten. „Nur weil die Beiden vermutlich aus einem armen Land stammen und sich nicht wehren können, werden sie schikaniert.“

Auf deine Frage, wonach er suche, antwortet der Polizist knapp: „Drogen.“ Und würde er sich einem Europäer oder US-Amerikaner gegenüber genauso verhalten? „Selbstverständlich“.

Verfolgung bis zur Bushaltestelle

Damit ist die Unterhaltung beendet, zumindest vorläufig. Eine Viertelstunde später stehst du ein paar Strassenzüge weiter an der Bushaltestelle und ärgerst dich, dass in Abständen von 20 Sekunden drei Fahrzeuge der Linie 60 vorbeifahren, aber der 152-er, auf den du wartest, einfach nicht kommen will. Da steht plötzlich der Polizist neben dir und sagt. „Wenn Sie wollen, können wir jetzt in aller Ruhe über die Sache von vorhin reden.“ Er legt ausführlich dar, warum er die jungen Männer angehalten hat und auf welche Gesetzesparagrafen er sich bei seiner Amtshandlung stützte. Freimütig gesteht er, dass sich sein Verdacht, sie trügen Drogen auf sich, als falsch herausgestellt habe. „Damit war die Angelegenheit rasch erledigt.“

Perplex ob dieser unerwarteten Reaktion auf Deine Einmischung bedankst du dich und nimmst dir wieder einmal vor, Vorurteile künftig kritischer zu hinterfragen.

Schnee von gestern in Winterthur

Dabei hättest du aus eigener Erfahrung wissen können, dass es auch nette Polizisten gibt. Vor vielen Jahren, als erst wenige vom Klimawandel redeten und es selbst in deiner Vaterstadt Winterthur manchmal richtig schneite, warst du einmal im heftigen Schneetreiben unterwegs und glücklich darüber, dass dein Auto auch an der Heckscheibe einen Scheibenwischer hatte. Dieser technische Fortschritt beeindruckte offenbar auch zwei Stadtpolizisten, die dich eigens stoppten, um das Ding aus der Nähe betrachten zu können. „Sehr praktisch ein solcher Scheibenwischer“, sagte der eine und der andere nickte zustimmend. „Schade nur, dass er nicht auch den Schnee auf dem hinteren Kontrollschild beseitigt.“ Sprachs, zog seine Handschuhe an und befreite – ganz Freund und Helfer - das Nummerschild von der dünnen Schneeschicht.

Somit wäre trotz Hudelwetter alles in schönster Minne verlaufen, hätten die beiden Polizisten dich nicht aufgehalten, als du ins Auto steigen und weiterfahren wolltest. „Einen Augenblick noch“, verlangte der eine, während der andere seinen Bussenblock zückte. „Sie wissen doch, dass die Nummern auf Ihrem Kontrollschild jederzeit erkennbar sein müssen.“ Dass du das nicht wusstest, schützte dich nicht vor einer Busse von 25 Franken.

Das ist, wie gesagt, schon eine ziemliche Weile her. Die Zeiten haben sich geändert. Auch in Winterthur – da wischt dir heute kein Polizist mehr für bescheidene 25 Franken die Autonummer sauber.

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