“Ergebt euch, ihr seid umzingelt”

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“Ergebt euch, ihr seid umzingelt”

Von Journal21, 21.02.2013

Von Heiner Hug, Rom Alfiero M. ist Elektriker in einer kleinen toskanischen Stadt, ein “lebenslanger Linker”. Also stimmt er für den linken “Partito Democratico” (PD)? Mitnichten. “Ich wähle Beppe Grillo, ich habe genug von diesen korrupten, etablierten Parteien”.

Der Dom-Platz in Mailand während des Auftritts von Beppe Grillo

Alfiero ist einer von wahrscheinlich mehr als fünf Millionen Italienern. Beppe Grillo, der Komiker aus Nervi bei Genua, sammelt Stimmen von Links und Rechts. Er wird bei den bevorstehenden Wahlen vielleicht mehr als 20 Prozent erringen. Das sagen ihm Umfragen voraus.

Zu Beginn des Wahlkampfes haben viele über ihn gelächelt. “Seifenblasen-Partei” hiess es damals, “Eintagsfliege”. Dann kam der “Tsunami-Express”. Jetzt lächelt keiner mehr. Wie ein Tsunami schwappt seine Bewegung über Italien. Beppe Grillo gelingt es wie keinem andern Politiker, die Plätze des Landes zu füllen.

30’000 jubelten ihm am vergangenen Samstag in Turin zu. Die riesige Piazza Castello im Zentrum der Stadt war zum Bersten voll. So viele bieten selbst die Rolling Stones nicht auf. Anfang dieser Woche das gleiche Bild in Mailand. Zwischen 35’000 und 40’000 Anhänger versammelten sich auf dem Domplatz und hörten die Tiraden des weisshaarigen Lockenkopfs. Unterstützung erhielt Grillo in Mailand vom Theaterregisseur und Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo.

Beppe Grillo mit Nobelpreisträger Dario Fo auf dem Dom-Platz in Mailand
Beppe Grillo mit Nobelpreisträger Dario Fo auf dem Dom-Platz in Mailand

”Ich bin kein Huhn im Hühnerhof des Regimes

“Auftritte auf den Plätzen lohnen sich nicht mehr”, sagten sich zu Beginn des Wahlkampfs die etablierten Politiker. “Wir leben im Fernseh-Zeitalter, via Fernsehen erreichen wir ein grösseres Publikum”. So traten denn Berlusconi, Bersani und Monti vor allem im Fernsehen auf.

Dann kam Beppe Grillo. “Ich hasse die sterilen Fernsehstudios und die dummen Fragen der dummen Moderatoren”, schreit er seinem Publikum zu. Ein geplantes Fernseh-Interview mit dem Sender Sky liess er am Sonntag publikumswirksam im letzten Moment platzen. “Ich bin kein Huhn im Hühnerhof des Regimes”, sagt er. À l’américaine zieht er mit einem Wohnmobil von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und sucht den Kontakt mit der Bevölkerung.

Das erinnert an früher, als es noch kein Fernsehen gab. Die Zeitung “La Repubblica” publiziert Bilder von politischen Nachkriegsveranstaltungen. Da sieht man den legendären Kommunisten-Führer Palmiro Togliatti, wie er vor einer riesigen Menge spricht. Ein anderes Bild zeigt Alcide De Gasperi, den Führer der Democrazia Cristiana (DC) während eines Massenaufmarsches im April 1948 in Rom.

Der Fünfer und das Weggli

Und jetzt also Grillo. Den Riesenerfolg, den er auf den Plätzen verbucht, gab den andern zu denken. Berlusconi sagte plötzlich: “Auch wir müssen auf die Plätze gehen. Grillo hat uns eine Ohrfeige verpasst”. Und Pierluigi Bersani, der Führer des linken “Partito Democratico”, veranstaltete am Sonntag eine Kundgebung auf dem Mailänder Domplatz. 25’000 kamen – 10’000 weniger als bei Grillo.

Die öffentlichen Auftritte haben einen zusätzlichen Vorteil. Denn die Redner treten nicht nur auf den Plätzen auf: Auch das Fernsehen berichtet über den Riesenaufmarsch. Das ist wirkungsvoller als Auftritte in einem langweiligen, schön ausgeleuchteten Fernsehstudio. Die Botschaft ist klar: Schaut her, wie er umjubelt wird; der muss gut sein, er muss Erfolg haben”.

Man hat also den Fünfer und das Weggli: Zehntausende auf den Plätzen und Millionen vor dem Fernsehschirm. Das hätte eigentlich auch schon vorher der gewiefte Medienmogul Berlusconi wissen können.

Wenn der 64-jährige Beppe Grillo und sein “Movimento 5 stelle” tatsächlich etwa 20 Prozent der Stimmen einfährt, würde er in der Abgeordnetenkammer weit über 100 der 630 Sitze erobern. Damit würde die Protestpartei ein wichtiges politisches Gewicht erhalten. Ein Hinweis auf die Popularität von Grillo gibt auch das Telekommunikationsunternehmen Tiscali in Cagliari. Sie hat Facebook, Twitter und alle Blogs und Reaktionen darauf gezählt und ausgewertet. Am meisten zu reden gab Grillo vor Berlusconi, Monti und Bersani.

”Die politischen Parteien sind ein Schweinestall”

Doch Grillo “ist nicht koalitionsfähig”, hiess es bisher bei den etablierten Parteien. Die “grillini” (die Grillen, Grillos Kandidaten) gelten als “wilder, unberechenbarer Haufen”. Es scheint aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, dass sie – wie es eben in der Politik nötig ist – auf längere Sicht kompromissfähig sind. Eine Koalition mit den Grillini könnte wohl früher oder später auseinanderbrechen.

Doch wer die Grillini mit den deutschen Piraten vergleicht, liegt daneben. Die “Bewegung 5 Sterne” ist besser organisiert, hat einen charismatischen Chef und ein handfestes Programm. Die Bewegung zieht denn auch zum Teil gutsituierte und gut ausgebildete Bürgerinnen und Bürger aller politischer Lager an. Es sind Leute, die ein Zeichen setzen und dem alten Polit-Personal eine Lektion erteilen wollen.

Grillo, das Schreckgespenst der klassischen Parteien, verdankt seinen Auftrieb dem Internet. Dort rief er zunächst zu den “Vaffanculo”-Tagen auf (den “Leck-mich-am-A.-Tagen”). Das waren öffentliche Veranstaltungen, an denen Grillo - vor immer grösserem Publikum - den Politikern sein Hinterteil zeigte – zumindest verbal. “Die politischen Parteien sind ein Schweinestall” ruft er. Seinen bisher grössten Sieg verbuchte er, als seine “5 Sterne-Bewegung” den Bürgermeistersitz der norditalienischen Stadt Parma eroberte.

”Politiker, geht nach Hause, wir wollen euch nicht mehr”

Ihn ideologisch einzuordnen, ist nicht einfach. Er ist sowohl Anarchist, Basisdemokrat, rabiater Grüner und Super-Linker. Er verficht auch Ideen der sezessionistisch und fremdenfeindlich angehauchten Lega Nord, die mit Berlusconi verbündet ist. Er fordert von den Politikern eine Amtszeitbeschränkung auf zwei Legislaturen. Seine Wahllisten seien “superdemokratisch” von der Basis und den Internetnutzern zusammengestellt worden. Grillo geisselt die Geldgier der Politiker. “Geht nach Hause, wir wollen euch nicht mehr”. Und: “Ergebt euch, ihr seid von uns umzingelt”.

Heftig setzt er sich seit jeher für Umweltbelange und bessere öffentliche Verkehrsverbindungen ein. Er wehrt sich dagegen, dass Gemüse und Wein per Flugzeug aus Afrika oder Lateinamerika eingeflogen wird. “Stärken wir die regionale Wirtschaft, kaufen wir unsere eigenen Produkte”.

Als überzeugter Föderalist lobt er immer wieder das schweizerische politische System. Nicht weit von Lega Nord-Gedanken entfernt ist er, wenn er von den “Vereinigten Staaten von Italien” schwärmt. Den 152 Jahre alten italienischen Einheitsstaat bezeichnet er als Fehlgeburt. Er würde es vorziehen, wenn die einzelnen Regionen die Macht hätten und nur lose miteinander zusammenarbeiteten.

Koalition mit der Linken?

Immer mehr entpuppt er sich als Globalisierungsgegner. Er verlangt einen Austritt aus der Europäischen Währungsunion. Immer wieder sagt er, er selbst suche kein politisches Amt; er selbst wolle nicht ins nationale Parlament ziehen. Seine Aufgabe sei es, “einen Holzwurm ins morsche politische Gebälk zu setzen.

Am Freitag geht der Wahlkampf zu Ende. Dann tritt Grillo zu seiner Schlussveranstaltung in Rom auf. Wird er auf der Piazza San Giovanni wieder Zehntausende mobilisieren können?

Wenn die Wahlen am kommenden Sonntag und Montag keine klaren Verhältnisse bringen, was dann? Wird dann Berlusconi versuchen, eine Koalition mit Grillo zu schmieden? Das hält im Moment kaum jemand für möglich. Grillo hasst Berlusconi und Berlusconi verhöhnt ihn. Wahrscheinlich würde eine solche Allianz auch nicht ausreichen um zu regieren.

Und die Linke? Wenn sie zusammen mit Monti nicht genügend Stimmen erhält um zu regieren, wird sie dann versuchen, die Grillo-Leute ins Boot zu holen? Bersani, der Führer der Linken, scheint das nicht auszuschliessen. Es wäre wohl eine Schmach für die Linke, wenn sie, vor einem halben Jahr noch doppelt so stark wie das Berlusconi-Lager war, mit Grillo zusammenspannen müsste. Internationales Vertrauen würde eine solche Regierung wohl kaum gewinnen.

“Diskutieren wir darüber nach den Wahlen”, sagt Bersani jetzt. Und Matteo Renzi, der linke Bürgermeister von Florenz, doppelt nach: “Lieber hundert Grillini im Parlament als hundert Abgeordnete der Lega Nord”.


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