Endlich mal der Bösewicht sein

Annette Freitag's picture

Endlich mal der Bösewicht sein

Von Annette Freitag, 02.11.2019

Mit «Belshazzar» zeigt das Opernhaus Zürich ein eher selten gespieltes Oratorium, das auf dem Alten Testament beruht und von aktueller Sprengkraft ist. In der Titelrolle: der Schweizer Tenor Mauro Peter.

Irgendwie scheint er immer gut drauf zu sein: strahlend, freundlich und quirlig unter seiner Wuschel-Locken-Mähne. Das letzte Mal haben wir uns vor drei Jahren getroffen, damals ging es um Mozart, um Schubert-Lieder und um die Mailänder Scala, wo er in Mozarts Requiem auftrat.

Diesmal sitzen wir in seiner Garderobe im Zürcher Opernhaus. Nichts Zartbesaitetes steht diesmal für Mauro Peter in den Noten, stattdessen kann er aus dem Vollen schöpfen und loslegen. «Belshazzar», ein Oratorium von Georg Friedrich Händel, gibt ihm die Möglichkeit, sich von einer ganz anderen Seite zu präsentieren.

In «Belshazzar» geht es um die alttestamentarische Geschichte über den Sturz des babylonischen Herrschers Belshazzar durch die Perser. Als drittes Volk spielen die Juden eine Rolle, als streng religiöse Gemeinschaft unter der Fuchtel der gotteslästerlichen Babylonier.

Die Rampensau rauslassen

Die Rampensau rauslassen. Hier darf er es: Mauro Peter. Foto: Herwig Prammer
Die Rampensau rauslassen. Hier darf er es: Mauro Peter. Foto: Herwig Prammer

Mauro Peter ist Belshazzar in der neuen Produktion. Und er strahlt. «Ja, um es mal so zu sagen: Hier kann ich die berühmte Rampensau rauslassen. Hier darf ich endlich mal den Bösewicht spielen …!» Man glaubt es ihm, dass das mächtig Spass macht. «Belshazzar ist eher arrogant, er ist am Trinken und Festen und Feiern und er vernachlässigt seine Verpflichtungen als König oder Statthalter.»

Daneben ist es Mauro Peter klar, dass die Geschichte komplexer ist. «Es ist schon so, dass Belshazzar sich eindeutig antisemitisch äussert und die Gemeinschaft der Juden verachtet. Bei der Interpretation teste ich immer die Grenzen: kann man das noch sagen, kann man das noch machen und irgendwann ist es dann zu viel. Das ist spannend. Ich bin sicher einer, der auch gern festet, aber was mir persönlich fremd ist, ist das Provozierende. Ja, jeder darf seine Meinung haben, aber ein gewisser Anstand ist schon wichtig.»

Für Mauro Peter ist es auf jeden Fall spannend, so etwas auch einmal zu spielen und neue Facetten auszuloten. «Bei Mozart sind wir Tenöre immer bei den Liebhabern: ‘Häsch mi gärn …? Ja, ich ha dich au so gärn …’ Und schmachten und schmachten … Was ja auch schön ist. Aber diesmal habe ich überhaupt keine Schmacht-Arie, jetzt ist alles draufgängerischer.»

Das Thema Religionskriege und Antisemitismus ist heute ebenso aktuell wie damals zu Zeiten des Alten Testamentes. «Ja, diese Themen wiederholen sich. Der Antisemitismus kommt immer wieder zum Vorschein, er war – und ist - also ständig vorhanden. Dies jetzt auf der Bühne zu zeigen, ist schon speziell», sagt Mauro Peter nun ganz ernst und fügt bei: «Es soll einen auch etwas gruseln.» Und da meint er auch die Zuschauer.

Von Mozart zu Händel

Wie lang war denn nun für ihn der Weg von Mozart zu Händel? «Es ist kein Katzensprung, aber auch nicht extrem lang», sagt er. «Es ist beides lyrisch und ich kenne Barock von den Passionen Johann Sebastian Bachs her. Die singe ich relativ oft, aber von der Rolle her ist es jetzt natürlich ganz anders. Jetzt kann ich es sausen lassen … wow!» Und er freut sich sichtlich darüber. «Für mich ist es der erste szenische Händel, aber keine Oper, sondern ein Oratorium.»

Diese Form war damals auch für Händel neu und er hat zu jener Zeit gleich mehrere Oratorien komponiert. Neu war auch, dass sie auf Englisch geschrieben wurden, im Gegensatz zu den italienischsprachigen Opern. Und als willkommene Begleiterscheinung waren sie theatermässig weniger aufwändig auf die Bühne zu bringen, was Händel in seiner Funktion als Theaterleiter damals sehr entgegenkam. Schon damals war der finanzielle Druck hoch …

Gibt es aber nun für Mauro Peter auch spezielle Tücken bei dieser Musik, beziehungsweise in dieser Rolle? «Es ist nicht ganz einfach, die erste Arie völlig besoffen zu spielen … und gleichzeitig die Koloraturen schön zu singen. Das ist für mich eher etwas Neues, das ich in dieser Form das erste Mal so mache. Und die Musik ist teilweise äusserst subtil …  beim Belshazzar allerdings weniger …», fügt er gleich lachend hinzu.

Mozart liegt ihm näher

Was aber liegt ihm denn nun näher: Mozart oder Händel? Da muss Mauro Peter nicht lang überlegen. «Letztlich ist es schon Mozart … Mozart hat mehr Linien … Also jetzt, bei Belshazzar, habe ich kein einziges Lamento oder etwas Ruhiges. Alles ist total unter Spannung und das macht es manchmal auch schwierig, denn wenn dauernd Hochspannung herrscht, gibt es wenig Farbe. Das muss in dieser Rolle natürlich so sein, aber alles Zweifelende oder Nachdenkliche steckt in den anderen Rollen. Wenn ich selbst singe, dann ist es eher … woahhhtsch …!» Und Mauro Peter lacht laut.

Nun, Mozart wartet anschliessend an «Belshazzar» wieder auf Mauro Peter. Mit der «Zauberflöte» in Zürich und an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und mit «Don Giovanni» im Frühling in Zürich.

Mauro Peter: in Zürich zuhause und auf Europas Bühnen unterwegs. Foto: Christian Felber
Mauro Peter: in Zürich zuhause und auf Europas Bühnen unterwegs. Foto: Christian Felber

Und wie verbringt er einen Tag, an dem er abends auf die Bühne geht? «Ach, vor allem erst einmal ausschlafen, ein bisschen Ablenkung, am frühen Nachmittag etwas essen, ab vier Uhr dann Konzentration und auch stimmliche Vorbereitung auf den Abend. Und nach der Vorstellung? «Vielleicht etwas trinken mit Freunden oder Kollegen, aber es kommt schon manchmal vor, dass man lang wach bleibt und nicht abstellen kann. Das ist dann schon eine echte Herausforderung.» Ruhe ist auf jeden Fall ein gutes Mittel. «Meine Freundin hat schon gesagt: komisch, du hörst nie Musik! Da habe ich noch gar nie drüber nachgedacht, aber es stimmt.»
 

Georg Friedrich Händel: «Belshazaar», Opernhaus Zürich, Premiere 3. November 2019

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

In Bezug auf diesen alttestamentlichen Stoff kommt doch dieses entscheidende "Mene mene tekel u-parsin" vor. Dies scheint heutzutage nicht mehr relevant zu sein. Wird nur noch das vordergründig "Rampensäuige" gewogen? Das Publikum mit Klamauk zu ernsthaftem Nachdenken angeregt? Oder?

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren