Empörung genügt nicht

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Empörung genügt nicht

Von Kommentar 21, 12.12.2012

Im Herbst 2010 ist in Frankreich ein kleines Büchlein mit dem Titel „Indignez-vous!“ erschienen. Autor ist der damals 93-jährige ehemalige Widerstands- und Menschenrechtskämpfer Stéphane Hessel. Die Schrift erreichte in wenigen Monaten eine Auflage von gegen zwei Millionen. Anderthalb Jahre später hat eine Mehrheit der französischen Wähler dafür gesorgt, dass Präsident Sarkozy abgewählt und der Sozialist Hollande im Elysee-Palast das Zepter übernehmen konnte. Dieser Machtwechsel ist durch den Aufruf Hessels zur Empörung gegen herrschende Zustände mitbeflügelt worden. Doch schon wenige Monate nachdem der zur Egomanie neigende Sarkozy in die Wüste geschickt wurde, macht sich in Frankreich Katzenjammer breit. Die Wirtschaft läuft schlecht, die Arbeitslosenzahlen steigen. Hat die Empörung gegen das Sarkozy-Regime nichts gebracht? Schon Stéphane Hessel hatte in einer nachfolgenden Publikation mit dem Titel „Engagez-vous!“ gemahnt, es genüge nicht, sich nur zu entrüsten. Nötig sei der Einsatz für durchdachte Veränderungen. Schwungvolle Revolutionsrhetorik, wohlfeile Empörungsrituale oder das Auswechseln des Führungspersonals garantieren noch lange keine lichteren Zustände, wie man aus der Geschichte weiss. In der privilegierten Schweiz kann man seine Empörung für echte Veränderungen einsetzen. Zum Beispiel im März durch die Zustimmung zur Minder-Initiative. Diese bekämpft die Abzocker-Praktiken in börsenkotierten Firmen deutlich konsequenter als der verwässerte Gegenvorschlag des Parlaments. (Reinhard Meier)

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Kommentare

Empörung als Selbstzweck? Als Trost für die Zukurzgekommenen? Der Ansatz ist politisch verführerisch aber sentimental. Minder ist ein Fundi mit hysterischer Note. Merkwürdigerweise kommt das in Intellektuellenzirkeln noch immer gut an. Aber es passt schlecht in die Schweiz. Oder aber die Schweiz vermindert sich. Wozu und wohin?

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