Eine neue Dimension von Verbrechen

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Eine neue Dimension von Verbrechen

Von Arnold Hottinger, 23.08.2013

Die Giftgas-Einsätze nahe von Damaskus wurden mit grösster Wahrscheinlichkeit vom Asad-Regime verübt.

Die Analyse der grossen Menge von Bildmaterial und elektronisch übermittelten Meldungen über den Giftgas-Angriff in mehreren Ortschaften der Peripherie von Damaskus macht klar, dass diese Materialien nicht alle gefälscht sein können.

Die ersten Meldungen kamen in der Nacht aus den Ortschaften Zamalka, Irbin, Duma, Jobar, Daraya und Muadhamiya, die auf der westlichen und auf der östlichen Seite der Oase von Damaskus liegen, welche Ghouta genannt wird.

Diese Ortschaften liegen zwischen 10 bis 15 Kilometer voneinander entfernt. Die ersten Meldungen besagten, bei den Bombardierungen seien viele, viele Zivilisten getötet worden. Sie seien, ohne äussere Verletzungen aufzuweisen, erstickt. Noch in der Nacht wurden Bilder übermittelt, auf denen Menschen versuchten, bewusstlose Opfer mit Wasser zu waschen. Schon nach Tagesanbruch erreichten uns viele Bilder, auf denen man viele Tote sah.

Frauen waren dem Angriff weniger ausgesetzt

Es sind meist Bilder von Männern und Kindern. Frauen sind weniger darunter. Dies wohl teils deshalb, weil man in der konservativen arabischen Welt teilweise entblösste Frauenkörper nicht gerne fremden Augen preisgibt. Doch wohl auch deshalb, weil Frauen in den Dörfern weniger oft im Sommer auf den Dächern schlafen als Männer und Kinder. Sie waren deshalb dem Giftgas weniger ausgesetzt.

Da die Bilder und Nachrichten zeitlich gestaffelt und an verschiedenen Orten aufgenommen und verbreitet wurden, zeigt, dass es sich schwerlich um Fälschungen handeln kann. Man kann dies zwar nicht mit absoluter Sicherheit sagen, weil theoretisch raffinierte Fälschungsprozesse auch über zeitliche und örtliche Unterschiede hinweg denkbar sind. Doch praktisch ist es ausgeschlossen, dass unter Kriegsbedingungen in einem Dorfmilieu und in kürzester Zeit solch raffinierte Fälschungen durchgeführt werden könnten.

Damaskus spricht nun von wirklichen Angriffen

Diese Informationslage hat auch bereits bewirkt, dass Damaskus seine Darstellungen geändert hat. Zuerst hatten die dortigen Regierungssprecher behauptet, es müsse sich um eine provokative Fälschung handeln, und zwar mit dem Ziel, die jüngsten Niederlagen der Opposition zu übertünchen.

Doch nun, einen Tag später, heisst es im offiziellen Damaskus, die Rebellen hätten den Gasangriff durchgeführt, um die im Lande befindlichen UNO-Spezialisten, die frühere Gasangriffe zu beurteilen haben, in die Irre zu führen. Also geben sie zu, dass die Angriffe stattfanden.

Bis zu 1‘300 Toten?

Über die Zahl der Opfer wird man kaum Gewissheit erhalten. Doch war von vorneherein klar, dass es sich um eine Serie von Angriffen handelt, deren Ausmass und Brutalität alles in den Schatten stellt. In den vergangenen Monaten wurde mehrmals behauptet, dass Giftgas-Angriff durchgeführt worden seien. Sie sollen jeweils zwischen zehn und 20 Tote gefordert haben. Der schwerste dieser Angriffe hatte am 19. März Khan al-Assal in der Nähe von Aleppo gegolten. Damals sollen 26 Menschen ums Leben gekommen sein.

Doch nun ist von Hunderten von Todesopfern die Rede. Sie sollen in der gleichen Nacht in mindestens acht Ortschaften gestorben sein. Opferzahlen von bis zu 1‘300 Toten werden genannt. Dutzende von Todesopfern sind auf Bildern dokumentiert. Dies bedeutet, dass die Angriffe eine neue Dimension erreicht haben.

Wer verwendete Giftgas?

Die Diskussion wird sich in Zukunft nicht darum drehen, ob diese Angriffe stattfanden, sondern darum, wer sie verübt hat. Die syrische Regierung wird eisern daran festhalten, es seien die Rebellen gewesen. Zwar haben diese weder Giftgas-Vorräte noch Flugzeuge, doch die Regierung wird einen eigenen Giftgas-Einsatz weiterhin abstreiten.

Einzig neutrale Fachleute werden in der Lage sein, die Schuldigen zu benennen. Dazu jedoch müssten die Spezialisten sich an den Ort der Einsätze begeben können.

Beweisstücke wären in erster Linie chemisch bestimmbare Erdproben, Teile von Geschossen und Aussagen der Betroffenen. Die Fachleute der UNO, die seit Monaten darauf warteten, die früher gemeldeten Gasangriffe untersuchen zu dürfen, befinden sich nun im Lande. Sie warten jedoch immer noch in Damaskus auf ihren Einsatz. Bisher konnten sie nicht einmal die Ortschaften im Norden Syriens und im Umkreis der Hauptstadt besuchen, aus denen vor Wochen und Monaten Gasangriffe gemeldet worden waren.

Keine Erlaubnis der Regierung

Die Regierung hat ihnen zugesichert, dass sie drei Orte untersuchen dürfen. Mehr nicht. Jetzt haben die UNO-Inspektoren die Regierung umgehend aufgefordert, die jüngsten Angriffe untersuchen zu dürfen. Betroffen sind Orte im Umkreis von nur 15 Kilometern von Damaskus entfernt. Bisher erhielten die UNO-Fachleute keine Erlaubnis. „Berater“ der Regierung liessen durchblicken, dass sie eine solche Einwilligung auch nicht erhalten würden.

Dafür gibt es triftige Gründe. Die Fachleute sagen, die betroffenen Örtlichkeiten müssten innerhalb von zwei Wochen nach den Angriffen besucht werden, um mit Sicherheit Aufschluss über das Geschehen zu erhalten. Es ist anzunehmen, dass die Behörden in der Zwischenzeit „Aufräumungsarbeiten“ durchführen. Sie könnten auch versuchen, alle Augenzeugen sowohl einzuschüchtern als auch zu entfernen. Dies dürfte in den drei Orten, deren Besuch bewilligt wurde, in der langen Wartezeit so gründlich besorgt worden sein, dass die Regierung von der Inspektion nicht mehr viel zu befürchten hat.

Ein indirekter Beweis

Im Falle der jüngsten Grossangriffe ist das Verbot der Asad-Regierung, die betroffenen Ort zu inspizieren, ein deutliches Indiz dafür, dass die Regierung befürchtet, die Untersuchungskommission könnte ans Licht bringen, was Damaskus zu verbergen sucht: nämlich dass seine Streitkräfte die Angriffe durchführten.

Hätten wirklich die Rebellen die Angriffe durchgeführt, hätte die Regierung ja ein Interesse daran, die Untersuchungskommission arbeiten zu lassen. Das offizielle Damaskus versucht mit Ausflüchten das Inspektionsverbot zu begründen. In der Region fänden Kämpfe statt, heisst es, und die Sicherheit der UNO-Leute sei nicht gewährleistet.

Jede Seite glaubt, was sie will

Absolute Sicherheit über das Geschehen wird es nur geben, wenn eine Untersuchung innerhalb der nächsten Woche stattfinden kann. Deshalb ist zu befürchten, dass eine solche Inspektion von der Asad-Regierung verhindert wird. Wenn keine volle Gewissheit geschaffen wird, kann immer die eine Seite das glauben, was sie glauben will – und die andere das Gegenteil.

Für das Regime bedeutet dies, dass seine Anhänger in Syrien und seine ausländischen Sympathisanten und Stützen, Russland, Iran, Hizbullah, vielleicht auch der Irak, weiterhin daran festhalten können, die Schuld liege bei den Rebellen - egal ob dies den Feinden des Asad-Regimes im In- und im Ausland plausibel erscheint oder nicht.

Kommentare

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Herr Hottinger, ich habe sie als immer als scharfsinnigen, unabhängigen Nahost-Beobachter gesehen. Nun beginne ich ernsthaft, diese ihre beiden Eigenschaften zu bezweifeln.

Sie begehen eine voreilige Vorverurteilung ganz im Sinne der USA und Grossbritanniens.

Man schickt eine UN Expertengruppe nach Damaskus um Vorkommnisse vom Juni(!) zu untersuchen, und plötzlich wird praktischerweise genau bei deren Eintreffen nur Kilometer von deren Hotel entfernt wieder ein Anschlag verübt?

Und trotzdem, dass man ursprünglich Untersuchungen zu einem mehrere Monate zurückliegenden Ereignis anstrebte, sind plötzlich 4 Tage nicht genug um Beweise zu sichern?

Und wieso sollte Assad ausgerechnet mit den UN Behörden im Land eine Giftgasattacke verüben, wenn militärisch sich alles zu seinem Gunsten entwickelt - notabene in einem Gebiet wo gerade eine Offensive stattfindet und er somit Gefahr läuft, seine eigenen Soldaten den "Giftgaswolken"
auszusetzen?

Und wieso waren die "Beweisvideos" der Rebellen der angeblich zwischen 3.00 und 4.00 Uhr morgens ausgeführten Anschläge schon VOR 3 Uhr auf YouTube erhältlich?

Um was für eine Substanz soll es sich den handeln? Wer jemals in der Schweiz Militärdienst verübt hat und die endlosen C-Schutz Übungen nicht vergessen hat, weiss wie schnell und violent echte C-Kampfstoffe wirken. Nur schon Hautkontakt(!) verursacht einen qualvollen Tod unter schwersten Krämpfen innert Minuten - und ja Herr Hottinger diese Gase dringen auch in Häuser ein und betreffen nicht nur Menschen auf Hausdächern.

Die Opfer können aufgrund der sofort eintretenden Krampferstarrungen auch nicht wie friedlich Schlafende in weissen Säcke präsentiert werden und sie können auch nicht in Spitälern ohne komplette Schutzbekleidung des Personals behandelt werden.

"Qui Bono" Herr Hottinger?

Gerade von ihnen hätte ich mehr Integrität erwartet. Seit sie jedoch in einem vergangenen Artikel geschrieben haben, die sunnitischen Al-Kaida Kämpfer in Mali würden durch die (schiitische) Hisbollah finanziert, stelle ich diese ernsthaft in Frage.

fabian(at)maelstrom.ch

Es fällt mir schwer, Herrn Hottinger zu widersprechen, bin ich doch der arabischen und der anderen nahöstlichen Sprachen unkundig. Aber es ist für mich nicht verständlich, weshalb Asad gerade jetzt, und überhaupt, chemische Waffen gegen seine Bevölkerung einsetzen sollte. Es ergibt wenig Sinn. Eher macht es Sinn, dass der Westen alles daran setzt, dass das syrische Regime fällt. Ich glaube auch nicht daran, dass es “neutrale“ UNO-Beobachter gibt. Hinter ihnen stehen Mächte, wie Grossbritannien und Amerika, die Kriege, Überfälle und Falschinformationen am laufenden Band anzetteln und verbreiten. Und hinter Frankreichs Aussenminister, der Colin Powells Rolle von vor zehn Jahren zu übernehmen scheint, kann man BHL vermuten.
Hat nicht Saddam Hussein vor 25 Jahren behauptet, Iran habe Giftgas eingesetzt? Saddam Hussein wurde im 8-jährigen Krieg gegen Iran vom Westen unterstützt.

Den ganzen anti Eingriffsbeführworter bitte ich, mal verschiedene Syrer zu kontaktieren und ihre Meinung darum zu erbitten. danach wird sich heute Meinung dazu auch ändern.

Ich möchte gerne von Hr. Hottinger wissen, welche Motive die Assadregierung zu einem solchen Schritt bewogen haben könnte. Ich sehe dafür echt keinen Grund!

Warum die Inspektoren behindert werden?

Vlt. weil man generell diese Einmischungen nicht mag?
Vlt. weil man befürchtet, dass diese falsche Informationen als Wahrheit verbreiten könnte? Vlt. weil es sonst was zu verbergen gibt?

Die Informationen zu den möglichen Giftgasangriffen sind mir wiedermal viel zu flach. Da werden die wenigen Worte der Nachrichtenagenturen hundertfach wiederholt, was dann scheinbar als hundertfache Bestätigung gewertet werden soll.

Sicher wissen viele Fachleute wie es nach einem "Gasangriff" aussehen muss, welche Spuren zu finden sind. Auch schon aus den Befragungen der Überlebenden nach diesen Anzeichen können Rückschlüsse gezogen werden, wer hinter dieser Aktion stecken kann.

"Das Verbot der Assad-Regierung, die betroffenen Ort zu inspizieren", ist eben KEIN deutliches Indiz dafür, "dass die Regierung befürchtet, die Untersuchungskommission könnte ans Licht bringen, was Damaskus zu verbergen sucht: nämlich dass seine Streitkräfte die Angriffe durchführten."

Für den Westen wäre es auch KEIN deutliches Indiz dafür, das die Assad-Regierung nicht mit dieser Aktion in Verbindung steht, wenn eine Untersuchungskommission aus von Assad ausgesuchten Ländern Auswertungen präsentieren würde.

In jedem Gerichtsverfahren ist eine "ausgewogene Geschworenenbank" selbstverständlich, auch für Journalisten. In Kriegs- und Bürgerkriegssituationen scheinen "Vorverurteilungen" sehr beliebt zu sein, gerade bei den Medien.

Lieber Herr Hottinger,

Sie sind nach wie vor einseitig. Offenbar wünschen Sie ein stärkeres Eingreifen des Westens und co, warum genau weiss ich allerdings auch nicht. Vor einer Weile hatten Sie noch empfolen den Rebllen schweres Kriegsgerät zu liefern, weil sich so das Blutvergiessen am ehesten beenden liesse. Inzwischen sollte auch Ihnen klar geworden sein wie falsch diese Idee ist. Was es mit diesen möglichen Giftgas-Angriffen auf sich hat, weiss ich zwar auch nicht. Aber warum sollte die Regierung das bloss tun, und gerade jetzt? Die sind doch nicht dumm. Dazu schreiben sie Nichts.

Es gibt viele Bösewichte und Verbrechen, in einem Krieg sowieso und auf Allen Seiten. Aber das ganz grosse Verbrechen war und ist, diesen Krieg anzuheizen und zu erhalten. Und das geht eindeutig auf die Kappe des Westens und seiner Verbündeten. Übrigens mit voller Unterstützung unserer Medien, die uns besonders am Anfang nur Sand in die Augen gestreut haben. Dass Sie als anerkannter Nahostexperte da auch mitmachen finde ich besonders enttäuschend.

Dead Line oder wie sag ich`s meinem Kinde. Vor einem Jahr war klar, Giftgas wird der Einsatzbefehl sein. Dauert es zu lange oder kommt er obenauf, hauen wir eine drauf. Nun kommt er obenauf! Die potentesten Geheimdienstapparate der Welt mit weit verzweigten infiltrierten Informanten und einer Technik die an weggeworfenen Suppenlöffel das Gegessene analysieren können, scheinen nicht in der Lage zu sein zu Identifizieren. Während man Journalisten, Firmen und den kleinen Mann bis auf die Unterhosen durchschaut, schlafen die hochauflösenden Satelliten oder gucken in Swimmingpools. Uns fehlt der Glaube! Es ist schwer anzunehmen, dass sich eine in Schwierigkeiten aber im Aufwärtstrend stehende Regierung ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt mit der Tötung von Frauen und Kindern den Suizid anstrebt. Schlecht inszeniertes Trauerspiel mit längst durchschaubaren Agitatoren die sich zu rufen: „Bringen wir es zu Ende, wir haben unseren Spass gehabt und nun ist es an der Zeit den seit Jahren angestrebten Plan umzusetzen. Achtung! Die Gefahr eines grossen Krieges nimmt zu! Eines möglicher Weise sehr grossen. ... cathari

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