Ein Wesen nicht von dieser Welt

Klara Obermüller's picture

Ein Wesen nicht von dieser Welt

Von Klara Obermüller, 13.03.2011

Wenn Käthchens Vater Theobald Friedeborn und Friedrich Wetter, Graf vom Strahl hintereinander vom Zuschauerraum aus die Bühne betreten und, anklagend und sich verteidigend, uns, das Publikum, als richterliche Instanz anrufen, entsteht einer jener magischen Momente, wie nur gutes Theater sie zu erzeugen vermag.

Gleichzeitig wird etwas von dem heiligen Ernst spürbar, der Kleists Stücke, auch die lustigen, durchdringt. Die Angelegenheit ist verworren. Verführung, ja Verzauberung sei da im Spiel, sagt die eine Seite, um rätselhafte, alles menschliche Maβ übersteigende Hingabe gehe es, behauptet die andere. Und wir sitzen da, um zu richten!

Dieser Anfang fesselt und lässt zugleich ahnen, wie eigenwillig der tschechische Regisseur Dušan David Pařizek mit seinen Stoffen umgeht. Er hat Kleists überfrachtetes Ritterschauspiel rigoros zusammengestrichen, hat überflüssiges Personal eliminiert und so das Handlungsgefüge bis aufs Skelett reduziert. Da sind Käthchen und sein Vater, der Graf und sein Knecht Gottschalk, Gräfin Helena, die Mutter, Kunigunde von Thurneck, die beiden rivalisierenden Grafen von Freiburg und vom Stein – mehr nicht.

Wie es sich einst im Paradies lebte

Keine Vasallen, keine Tanten, keine Räte, kein Erzbischof und vor allem kein Kaiser. Vielleicht war diese Entschlackung nötig, um den Kern herauszuschälen, um den es Kleist ging. Vielleicht musste auch die Bühne (ebenfalls Dušan David Pařizek) leer sein, um zu zeigen, was geschieht, wenn ein Geschöpf wie Käthchen diese unsere Welt betritt.

Wie Alkmene, wie Eve ist auch Käthchen ein Wesen, das es nach Kleistschem Verständnis auf dieser Erde eigentlich gar nicht geben dürfte. Noch ganz im Einklang mit sich selbst, mit ihrem Gefühl, ihrer Natur lassen uns diese Frauengestalten ahnen, wie es sich einst lebte im Paradies, als noch kein Sündenfall die Menschen mit sich selbst entzweit hatte. Dass sie sich hart an dieser unserer Welt stoβen und auf ihre Umgebung oft verstörend, oft einfach nur wunderlich wirken, gibt ihnen diese unverwechselbare, diese berührende Aura.

Oft wirkt sie wie ein etwas zurückgebliebenes Kind

Wie aber spielt man eine solche Figur? Wie stellt man eine Naivität, eine Unschuld dar, die weniger in der Psychologie denn in der Metaphysik begründet ist? Lilith Stangenberg als Käthchen versucht es, indem sie bald verschüchtert, bald eigensinnig ihrem Grafen auf dem Fuβe folgt. Sie weiβ nicht, warum sie es tut. Es fehlen ihr die Worte, sich auszudrücken, die Argumente, sich zu erklären. Sie tut es einfach, weil sie fühlt, dass es richtig ist. Es gibt Momente, vor allem am Anfang und am Schluss der Aufführung, wo es ihr wunderbar gelingt, dieses gleichsam vorbewusste Wissen, diese unbedingte Sicherheit des Gefühls zum Ausdruck zu bringen. Oft wirkt sie aber leider nur wie ein etwas zurückgebliebenes Kind.

Da wundert es denn auch nicht, dass es selbst einem so exzellenten Schauspieler wie Frank Seppeler als Friedrich Wetter, Graf vom Strahl schwer fällt, in ihr mehr zu sehen als bloβ ein verwirrtes Ding, das man wie ein zugelaufenes Hündchen wegschupft oder aus Mitleid im Stall schlafen lässt. Zuzusehen, wie er auf Um- und Irrwegen allmählich dahin gelangt, wo sie immer schon war, verleiht der Aufführung Spannung.

Doch schon Kleist musste von Traumgesichten über Giftanschläge bis hin zu Feuersbrünsten alle Versatzstücke herkömmlicher Ritterromantik aufbieten, um die beiden von Gott füreinander bestimmten, durch Standesunterschiede jedoch getrennten jungen Menschen zusammenzubringen. Ohne einen Kaiser, der sich als Käthchens heimlichen Erzeuger zu erkennen gibt, wäre es wohl auch ihm nicht gelungen.

Stilbrüche, nicht ganz unproblematisch

Pařizeks Inszenierung verzichtet auf den Auftritt eines kaiserlichen Deus ex machina ebenso wie auf eine historische Kostümierung (Kamila Polivková), und an die Stelle von romantischem Ritterbrimborium setzt er den Klamauk. Es wird gehauen und gestochen, über Stuhlreihen geturnt, mit Dialekten gespielt, durch Anachronismen irritiert. Und um zu zeigen, wie verlogen und durchtrieben es auf Erden zugeht, muss Patrick Güldenberg sich für seine Kunigunde in Frauenkleider stecken lassen.

Käthchens Vater (Manfred Zapatka) wird, einem Kohlhaas gleich, an diesem Verwirrspiel irre, Gottschalk (Aurel Manthei) missbilligt es, alle andern, die Mutter (Isabelle Menke), der Burggraf von Freiburg, der Rheingraf vom Stein (beide Gábor Biedermann) lügen und trügen munter mit. Nur Käthchen und ihr Graf lösen sich aus dem Sündenpfuhl. Schäkernd und tändelnd entschwinden sie auf den Rängen und lassen uns in unserem irdischen Jammertal zurück.

Dušan David Pařizek nimmt mit diesem Wechsel vom Ernst zum Klamauk und wieder zurück Stilbrüche in Kauf, die nicht ganz unproblematisch sind. Mag sein, dass er damit Kleists dialektische Weltsicht bühnenwirksam umzusetzen versucht hat. Des Dichters Leiden an der Welt wird er damit nicht gerecht.

Kommentare

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren