Ein Trio infernal

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Ein Trio infernal

Von Eduard Kaeser, 22.05.2021

Impfskepsis, Medizinskepsis, Wissenschaftsskepsis

Voltaire über das Impfen

Impfskepsis und Medizinskepsis haben eine gemeinsame Geschichte. Bevor Edward Jenner im späten 18. Jahrhundert ein Vakzin gegen Pocken entdeckte, griffen die Ärzte auf die Heiltechnik der Variolation zurück. Man übertrug gesunden Menschen den Eiterinhalt von Pockenkranken, um eine milde Infektion plus Immunreaktion hervorzurufen. Die Praxis war in England weitverbreitet. Aber die Meinungen gingen im damaligen Europa weit auseinander, wie im heutigen Europa über Covid-19. Die Praxis erschien der Mehrheit der anderen Europäer als dumm und wahnsinnig, wie Voltaire in seinem 11. philosophischen Brief aus England schrieb:

«Im christlichen Europa sagt man verständnisvoll, die Engländer seien Narren und Tollköpfe; Narren, weil sie ihre Kinder mit Pocken anstecken, um sie zu hindern, welche zu haben; Tollköpfe, weil sie ihren eigenen Kindern mit Herzensfreude eine sichere und scheussliche Krankheit übertragen in der Absicht, einem unsicheren Übel zuvorzukommen. Die Engländer sagen ihrerseits: ‚Die anderen Europäer sind feige und Rabeneltern; feige, weil sie fürchten, ihren Kindern ein bisschen weh zu tun; Rabeneltern, weil sie sie der Gefahr aussetzen, eines Tages an Pocken zu sterben‘.»

Das Impfparadox

Wir beobachten heute ein Phänomen, das sich als Impfparadox bezeichnen liesse: Die Vakzine sind vielfältiger und effektiver geworden, und dennoch wehren sich nicht wenige Leute gegen das Impfen – gerade in «fortschrittlichen» Ländern des Westens. Unterbelichtetheit, Ignoranz und Desinformation mögen durchaus als Diagnose für bestimmte Gesellschafts- und Politikerkreise zutreffen. Aber die Impfskepsis muss als Symptom eines allgemeineren Unbehagens betrachtet werden, einer Stimmung der Ungewissheit angesichts von Problemen, wie wir sie jetzt in der Pandemie erfahren –  einer Ungewissheit, die sich im Misstrauen gegenüber Regierung, Wissenschaft und Industrie ausdrückt.

Die britische Medizinanthropologin Heidi Larson erforscht die Abwehrhaltung gegen das Impfen. [1] Die erste Lektion ihrer Forschung sei die Einsicht, dass wissenschaftliche Erklärungen die Skepsis nicht beseitigen würden. So könne man jemandem lang und breit die physiologische Wirkung von Vakzinen plausibel machen, Menschen reagieren nicht bloss körperlich, sondern auch psychisch auf den injizierten Stoff. Im Jahr 2014 erregte der Fall in einer kolumbianischen Kleinstadt mediales Aufsehen.  Rund 200 Mädchen, die gegen ein Papillomvirus (mutmasslicher Krebserreger) geimpft worden waren, zeigten seltsame Reaktionen wie  Kopfschmerzen, Taubheitsgefühle und Ohnmachtsanfälle. Kaum war dies bekannt, überflutete eine Welle von weiteren Mädchen mit derartigen Symptomen die lokalen Spitäler und legte die medizinische Versorgung lahm. Klinische Untersuchungen ergaben keinen Zusammen­hang zwischen Impfstoff und Symptomen, vielmehr einen Zusammenhang zwischen psychischer Disposition und Symptomen. Diese Aufklärung stimmte die Leute der Kleinstadt nicht empfänglicher, sondern misstrauischer gegen die Impfung.

Anekdotische Erfahrung wird zur Kollektivgefährdung

Was hört man heute nicht alles über individuelle Impferfahrungen – eine wahre Anekdotenschwemme über vermutlich psychogene Allergien wie Schwindelanfälle, Spasmen, Panikatmung und was weiss ich. Solche individuellen Anekdoten geraten rasant in Umlauf, und dadurch entsteht schnell das Bild einer kollektiven Gefährdung. Jemand postet in den Social Media bloss ein Video, das eine geimpfte Person mit Atembeschwerden zeigt, und schon ist die  Öffentlichkeit «angesteckt» von der Idee eines solchen Pseudozusammenhangs zwischen Vakzin und Atemnot. Und gegen diesen «angesteckten» Glauben gibt es kein Vakzin. Emotionale Ansteckung schaukelt die Misstrauenshaltung hoch. Die Leute «teilen» Gerüchte angeblichen Impfschadens aus Angst und aus Zorn über die Profitgelüste der Pharmaindustrie oder die Kontrollgelüste der Regierung. Die Insinuation einer «Diktatur» des «totalen» Gesundheitsstaats gehört nicht erst seit der Coronapandemie zur ideologischen Munitionierung von Generalverdächten.

Korrelationitis

Gewiss, es gibt berechtigte Gründe für das Misstrauen. Einen offensichtlichen – «exoterischen» – beobachten wir seit über einem Jahr im Gezänk der Experten, in ihren oft widersprechenden Empfehlungen. Ein substanziellerer – «esoterischer» – Grund liegt in einem bestimmten, heute in Schwang gekommenen Forschungsstil: Evidenzbasierung. Man sucht in den Daten nach Korrelationen, beurteilt diese primär nach Kriterien der statistischen Signifikanz und stellt die Frage des Kausalzusammenhangs in den Hintergrund. Ich nenne das Korrelationitis. Berüchtigt ist etwa der Fall des britischen Arztes Andrew Wakenfield, der 1998 einen Zusammenhang zwischen Autismus und einem Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln postulierte, auf statistisch dubioser Basis. Der Artikel wurde zurückgezogen, aber die Impfen-Autismus-Legende kursiert bis heute in einschlägigen Kreisen. Ähnlich beunruhigte in Frankreich die Korrelation zwischen einem Hepatitis-B-Impfstoff und multipler Sklerose die Gemüter. Da sich heute Informationen und Desinformationen in elektronischer Eile verbreiten, entsteht so der Eindruck einer globalen Gefährdung, obwohl es sich meist um lokalen Pfusch in den Labors handelt. Und es gibt viel Pfusch.

Der Jargon der Natürlichkeit

Man muss die Skepsis noch aus einem anderen Grund ernst nehmen. In der  Coronakrise verschafft sich ein neualter Jargon der Natürlichkeit Gehör. Impfstoffe, so der Refrain, seien eigentlich «gegen» die Natur; sie überlisten den Körper; machen unser Immunsystem «glauben», ein Virus dringe ein. Tatsächlich schaltet unser Körper infolge der Impfung auf den Abwehrmodus, er produziert Antikörper und ist dadurch gegen eine «natürliche» virale Invasion gewappnet. Der Vorwurf der «Widernatürlichkeit» des Impfens ist so alt wie das Impfen selbst. Impfgegner monieren gern, dass man bloss gesund und hygienisch leben müsse, um die Widerstanskräfte des Körpers zu aktivieren. Warum Vakzine, wenn wir meist auf natürliche Weise den Virenangriff überstehen? «Vis medicatrix naturae», so ist ein Hippokratischer Spruch überliefert: Naturkraft des Körpers heilt Krankheiten. «Wir haben ein gottgegebenes Immunsystem», so eine Impfgegnerin, «man muss nicht Zeugs in den Körper schiessen, wir haben schon alles, was wir brauchen.»

In dieses Horn stossen auch Wissenschafter, wie etwa der belgische Veterinär und Virologe Geert Vanden Bossche. Er vertritt die Hypothese, dass das Virus gerade durch die Intervention des Impfens Gelegenheit erhalte, zu mutieren. Daraus resultiere eine zufallsabhängige, schwer kontrollierbare Mutationskaskade – eine «Immunflucht» – die schliesslich zu gefährlicheren Virenvarianten führen könne. Man solle sich deshalb der angeborenen Immunabwehr anvertrauen. Die Hypothese hat einiges für sich,  aber Vanden Bossche tunkt sie in eine Natürlichkeitsideologie, die allein im angeborenen Immunsystem die «eigentliche» Abwehr sieht und die «künstliche», durch Impfen erworbene Immunität verteufelt. Keine Bange, die Natur richtet schon von selbst die Herdenimmunität ein. Die  Hypothese ist empirisch nicht belegt, was Vanden Bossche offenbar nun veranlasst, sich ausserhalb des wissenschaftlichen Kontextes als unverstandener Aussenseiter und Apokalyptiker aufzuführen.

Krankheit hat immer ein Subjekt

Hört man nüchternen Ohres hin, kann man dem Jargon der Natürlichkeit durchaus etwas – sogar etwas Fundamentales  abgewinnen. Denn «natürlich» – so vermute ich – steht häufig einfach als Kürzel für «ausserhalb des medizinisch-pharmazeutisch-technischen Komplexes». Und damit rückt ein Widerspruch des Gesundheitssystems scharf ins Visier. Er betrifft ein Gefühl, das viele Menschen kennen: Krank, vielleicht sogar hospitalisiert, ist man einer fremden Welt der Apparate, der Tests, der Arzneien ausgeliefert, deren Wirkungsweise man meist nicht versteht. Das Gefühl des Objektwerdens, der Entmächtigung, der Entwürdigung befällt einen. Und genau hier setzen «natürliche» Methoden an. Wie man über sie auch urteilen mag, sie alle kommen einem Bedürfnis des Patienten entgegen: Er will Subjekt der Krankheit sein. Das heisst insbesondere: Er will selber entscheiden können. Der Blick der modernen Biomedizin ist auf die Körper-Maschine gerichtet, nicht auf das Körper-Subjekt –  er ist systematisch einäugig. Das ist ein echtes Paradox der modernen Medizin.

Eine Giftliste der Alternativen

Wenn ich jetzt den Eindruck eines Verstehers von Impfgegnern erwecke, dann schiebe ich gleich einen grossen Vorbehalt nach. Die Subjektivität des Patienten ist das eine, die effektiven biomedizinschen Methoden und Mittel das andere. Sie gegeneinander abzuwägen gehört heute zur Kunst des Arztes. Nun hält sich mittlerweile jeder, der eine Meinung zum Virus hat, für einen Virologen. Der Multi­expertismus grassiert. Und er bringt viele Wildtriebe hervor. Anders denken als die Wissenschaft ist durchaus erlaubt, sogar angezeigt. Allerdings folgt daraus nicht, dass man das Andersgedachte auch gleich ernst nehmen muss. Man sollte viel eher eine Giftliste der heute galoppierenden Alternativen der Wissenschaft erstellen. Zuoberst würde ich alle jene «Theorien» platzieren, die pauschal die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit unterminieren. Denn moderne Gesellschaften funktionieren auf der Basis von wissenschaftlichen, medizinischen und technischen Errungenschaften. Und sie manövrieren sich an den Rand des Selbstmords, wenn sie sich vom Virus der fundamentalen Wissenschaftsskepsis anstecken lassen.

[1] Lesenswert ihr Buch: Larson, Heidi: Stuck: Why Vaccine Rumours Start – And Why They Don’t Go Away. Oxford University Press, 2020.

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