Ein "selbsthassender Araber"

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Ein "selbsthassender Araber"

Von Uri Russak, Israel - 07.06.2012

Wer als Jude Israel und seine Politik kritisiert, wird vom Establishment schnell als „jüdischer Selbsthasser“ etikettiert. Nach diesem Muster gibt es offenbar auch „arabische Selbsthasser“, die die obsessive Fixierung der Araber auf Israel anprangern.

Es soll „selbsthassende“ Juden geben, also solche, die sich vom Anliegen für jüdisches Überleben und Sicherheit, aber auch jüdischen Leistungen lossagen und lieber jene unterstützen, die Juden mit Genuss vernichten möchten. Statt BDS (Boykott, Divestment, Sanktionen) gegen Israel zu unterstützen und palästinensischen Honig oder Olivenöl zu verkaufen, hätten sie ebenso den Scientologen, extremem Tierschutz, dem Vegetariertum oder einer extrem religiösen Sekte beitreten können. Nun aber habe ich herausgefunden, dass es auch selbsthassende Araber gibt.

Ein Araber in Amerika

Lee Habeeb, ein amerikanischer Araber, ist so einer. So wenigstens betiteln ihn arabische Israelhasser. Nun habe ich schon verschiedentlich geschrieben, dass es einige wenige arabische Muslime gibt, die sich nicht dem in der arabischen Gesellschaft inhärenten Druck beugen, gleichgeschaltet zu denken. Fast alle diese „Querschläger“, also solche die selbst denken und nicht modischen Trends und Reflexen muslimischer Politik zum Opfer fallen wollen, wohnen in der westlichen Welt. Ich möchte über einen von ihnen, Lee Habeeb, diskutieren. Er lebt in den USA.

Habeeb schert sich wenig um die Gefühle von Judenhass geprägter Araber. Ich entdeckte seinen bemerkenswerten Artikel „Arab like me“ im Internet. Seine in diesem Artikel begründete These ist, dass arabischer Hass auf Israel auf Neid und Hass beruht. Nicht ganz neu, doch neu aus arabischer Feder. Es gebe, so beginnt der Artikel, zwei Arten Araber auf dieser Welt: „solche die Juden hassen und solche die das nicht tun. Und in meinem Leben fand ich mehr der ersten Art, als der zweiten.“

Er beschreibt, wie er, ein libanesischer Junge, der in New Jersey aufgewachsen war, im College einen Aufsatz schrieb, in dem er Israel verteidigte. Den Inhalt des Aufsatzes habe er schon längst vergessen, aber nicht die Reaktion seiner arabischen Kollegen. Bei dieser Gelegenheit wurde er als „selbsthassender Araber“ bezeichnet, der sich bei den weissen Amerikanern einschmeicheln wolle und nicht glaube, die Juden würden das weisse Amerika kontrolliere.

Habeeb’s Analyse

Lee Habeeb schreibt: „Die arabische Welt frönt einem ‚Group Think‘, einem arabischen Gruppendenken, einer Selbstzensur, welche die Entwicklung und auch unser Selbstverständnis und das Verständnis der Welt um uns herum, behindert. Aber einige unter uns glauben in eine einfache universelle Wahrheit: jeder Araber verdient in Freiheit zu leben, wo immer er zu Hause ist. Einige unter uns möchten, dass arabische Länder mehr wie Amerika und Israel sein sollten, wo der Einzelne sich entwickeln und blühen kann“. Solche Gedanken schockieren und erzürnen die meisten Araber. Warum?

Habeeb findet diese Haltung beruhe vor allem auf Selbstzweifeln. Vor allem auf kulturellen Selbstzweifeln, auf der Furcht, dass Araber tatsächlich unfähig sein könnten, sich selbst zu regieren, unfähig demokratische Kulturen aufzubauen und dass arabische Nationen unfähig seien die von Gott gegebenen Talente ihres Volkes freizusetzen, so wie es die Amerikaner und die Israelis tun. Dass sie sich nie mit diesen messen könnten.

Stattdessen, so laut Habeeb die arabische Logik, bejammere man die Palästinenser. Man versteife sich auf den tiefsitzenden Hass gegen Israel. Man spiele das Opfer oder die Rolle des selbstgerechten Kritikers, statt sich auf die Lage des eigenen Volkes zu konzentrieren und diese zu verbessern.

Nicht sehr subtile Frage

Zur Bestürzung der arabischen Welt schuf das israelische Volk aus einem alten vernachlässigten Stück Land eine florierende Oase intellektueller, politischer, religiöser und kommerzieller Betriebsamkeit. Eine der ältesten Gegenden der Welt, Israel, wurde zu einem fortschrittlichen Staat mit einer funktionierenden Regierung, die religiöse und wirtschaftliche Freiheiten respektiert.

„Ich frage Araber, die auf Israel mit einem automatischen Reflex reagieren, eine einfache Frage, eine die direkt aufs Herz all dieses Unsinns zielt. Warum hasst ihr Juden? Erst werden sie wütend, beteuern dann aber schnell, sie hätten nichts gegen Juden. Es sei Israel, das sie hassen. Dazu antworte Ich: Wäre Israel neben Bolivien oder Albanien oder Estland, würdet ihr es noch immer hassen?“

Habeeb weiter: „Das ist eine nicht sehr subtile Frage. Israel so zu verachten, wie Israel eben in der arabischen Welt verachtet wird, ist ausschliesslich Antisemitismus. Und Antisemitismus ist weltweit nichts als Neid.“

Wende durch arabischen Frühling?

Warum dieser konzentrierte Hass auf Israel? Warum nicht auf die unzähligen arabischen verbrecherischen Regime, wie Assad in Syrien, Hisbollah im Libanon, Hamas in Gaza, Mubarak in Ägypten (als er noch an der Macht war), oder Saddam Hussein (als er noch an der Macht war)? Warum nicht auf die vom Islam unterdrückten arabischen Frauen, warum nicht auf die Muslime, die im gesamten Mittleren Osten Christen verfolgen. Warum nicht eine Kritik des Korans selbst?

Vielleicht bringt der arabische Frühling eine Wende. Vielleicht werden die Araber des Mittleren Ostens zu beschäftigt sein mit Arbeit, mit dem Ersehnen und Erschaffen eines besseren Lebens, dass sie keine Zeit mehr für das Pflegen alter Ressentiments haben werden.

Keine Lösungsvorschläge

Was Habeeb schreibt ist meiner Meinung nach weitgehend richtig, aber nur die Hälfte des Problems. Das „Warum“ berührt er nicht. Warum verschleudert das arabische Volk seine Energie durch seinen Hass auf Israel und Juden? Was ist die Rolle der Religion, dem Islam, in diesem sozialen Debakel ganzer Völker?

Warum sind in der arabischen Welt bisher so wenig fortschrittliche Menschen zu finden, die fähig wären, die zahlreichen Länder aus der Rückständigkeit in die Moderne zu ziehen, einer Moderne, die nicht nur moderne Waffen beinhaltet, sondern eine freie Gesellschaft, die durch Bildung und gegenseitige Toleranz allen die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten. Warum jammern Araber, einfache Leute und Regierungsmitglieder, lieber über einen Grenzzwischenfall mit Israel, statt ihr eigenes Leben und dessen Fortschritt in den Griff zu bekommen?

Habeeb analysiert richtig, gibt aber keine Lösungsvorschläge. Richtig sieht er Israels Rolle als Watschenmann der muslimischen Welt, ohne den sich manche Führungen dieser Länder mit andern dringlicheren Problemen auseinandersetzen müsste. Das wissen sie selbst, der Westen weiss das auch, genauso wie die (mehrheitlich arabischen) Mitglieder der UNO-Kommissionen, die die alle paar Jahre erscheinenden UNO-Berichte zum Stand der arabischen Gesellschaft erstellt haben.

Idealisiertes Israel-Bild

In einem ist Habeeb blind. Er baut Israel zu einer idealen Gesellschaft auf, die es nicht gibt. Auch Israel hat unschöne Seiten, religiöse und nationalistische Extremisten und Rassisten werden zahlreicher, ihr Einfluss wächst. Es werden immer wieder völlig undemokratische, ja faschistoide Gesetze vorgeschlagen. Es besteht, was man heute einen schweinischen Kapitalismus nennt, die Konzentration der Wirtschaft im Besitz sehr weniger ist zu einem Skandal geworden.

Ebenso die sechsstellige Zahl arbeitsfähiger Bürger aus dem ultraorthodoxen Lager, die sich aus einem parasitär-religiösen Prinzip heraus weigern, bürgerliche Pflichten zu übernehmen, sich selbst durch Arbeit zu erhalten und sich vom Staat auf Kosten der Steuerzahler wie Kurtisanen (aber im Gegensatz zu diesen ohne Gegenleistung) aushalten lassen.

Auch Israel hat viel, das aus der idealisierten Gründerzeit zu Bruch kam, wieder ins Lot zu bringen. Aber Israel hat die demokratischen Werkzeuge dazu, etwas das der arabischen Gesellschaft bisher weitgehend fehlt. Trotz dem arabischen Frühling, der mit freiheitlicher Gesellschaft vorläufig wenig zu tun hatte. Demokratie hat mit freien Wahlen nur am Rande zu tun. Was noch immer fehlt, ist der demokratische Geist und die Freiheit, auch ohne reflexartigen Group Think zu wagen, eine eigene Meinung zu haben und diese allen zuzugestehen – auch jenen, die halt anders, aber doch demokratisch denken. Kurz, eine freie Gesellschaft.


Der Autor ist in der Schweiz aufgewachsen und lebt heute in Israel.

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