Ein Abschied

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Ein Abschied

Von Roger Bernheim, 01.03.2013

Eine ganz alltägliche Begebenheit.

Es war eine ganz alltägliche Begebenheit – eine Begegnung, die viel versprach und wenig hielt: Ein Mann und eine Frau hatten einander kennengelernt, einander ein paar Wochen lang geliebt und waren jetzt im Begriff, sich wieder voneinander zu trennen. Vielmehr: die Frau war im Begriff, sich von dem Mann zu trennen. Jetzt sassen die beiden zum letzten Abschied bei Kempinski am Kurfürstendamm auf der Terrasse und warteten auf den Kellner mit den Espressos, die sie bestellt hatten.

Wie warm die Sonne schon ist. Erst Ende Februar, sagte sie.

Ja, sagte er, richtig warm. Dann schwiegen sie und setzten ihre Gesichter der Sonne aus.

Sie hatten ein paar Tage zum Skilaufen in der Schweiz verbracht, hatten im gleichen Hotel logiert, zunächst nur ein paar flüchtige Grüsse am Frühstücksbuffet ausgetauscht, bevor sie zu einander fanden. Rückblickend erschien ihm alles, was er gemacht hatte, falsch.

Der Kellner brachte die bestellten Espressos.

Vielleicht, so sagte er sich, hätte er sich mehr engagieren, sich mehr hingeben sollen, dann würde sie jetzt vielleicht bei ihm bleiben. Nach einer Weile sagte sie:

Vielleicht hätten wir uns anderswo begegnen müssen, zu einer andern Zeit, unter andern Umständen.

Ja, vielleicht. Dann schwiegen sie wieder. Die Zeit schien ihnen stille zu stehen. Die Spanne zwischen noch und nicht mehr. Dann sagte sie:

Morgen kommt der Chef aus Hamburg. Ein unangenehmer Typ. Er meint immer noch, die Frau gehöre in die Küche.

Möchtest du ein Stück Kuchen?, fragte er.

Nein. Ich muss jetzt gehen. Annette kommt heute Abend. Ich muss noch was kochen.

Ich kann Dich nach Hause fahren, dann hast Du mehr Zeit.

Danke, nein, mit der U-Bahn bin ich schneller.

Du kannst mich immer anrufen, wenn Du was brauchst, das weisst Du.

Ja, danke. Du bist so gut.

Ich bin nicht gut. Ich will bloss, dass du keine Schwierigkeiten hast.

Es wird schon gehen. Annette kennt einen guten Anwalt.

Kannst Du den bezahlen?

Ich werd’s schaffen.

Möchtest du noch einen Kaffe?

Nein, ich muss jetzt wirklich gehen. Verlang mal die Rechnung.

Ruf mich bitte an, wenn du was brauchst.

Werd ich tun. Aber es wird schon gehen. Hast du die Rechnung verlangt? Er blickte sich um, aber es war kein Kellner auf der Terrasse.

Du brauchst nicht zu warten, wenn Du es eilig hast. Sie blieb sitzen, gab sich weiter der Sonne hin.

Nimm doch noch einen Kaffee. sagte er.

Na gut, die Sonne tut gut nach dem wochenlangen Grau.

Sie schwiegen. Er überlegte sich, ob es nicht doch vielleicht noch eine Möglichkeit gäbe, sie zurückzugewinnen.

Nach einer Weile sagte sie: Ich geh mal schnell auf die Toilette. Sie stand auf, strich sich ihr Kleid glatt, nahm die Handtasche und ging.

Als ein Kellner vorbeikam, bestellte er zwei Cappuccinos, und als der Kellner sie brachte, wartete der Mann zunächst auf die Frau, bevor er den ersten Schluck nahm. Nach einer Viertelstunde rief er den Kellner, zahlte, verliess das Lokal und schritt langsam zu seinem nahebei geparkten Wagen.

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