Durst in Damaskus und Asads Dilemma

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Durst in Damaskus und Asads Dilemma

Von Arnold Hottinger, 07.01.2017

Kämpfe im Barada-Tal haben dazu geführt, dass die Grossstadt Damaskus unter akutem Wassermangel leidet. Iran ist gegen ein Arrangement mit den Rebellen im Tal.

Der Barada strömt vom Anti-Libanon Gebirge südöstlich in die Oase von Damaskus. Er ist der Fluss, der Damaskus tränkt. Einst durchfloss er die Stadt und ergoss sich dann in die sie umgebende Oase.

Die Quellen in der Hand der Rebellen

Gegenwärtig ist er in Damaskus fast immer ausgetrocknet, weil all sein Wasser schon weiter oben im Tal, nah an seinen Quellen, gefasst und als Trinkwasser über die gewaltig gewachsene Millionenstadt verteilt wird. 65 Prozent des gesamten Trinkwassers von Damaskus soll aus den Barada-Quellen stammen.

Doch das Flusstal in seinen Oberläufen befindet sich im Besitz der Rebellengruppen. Wie vielerorts haben die zahlreichen Einzelgruppen lokale Bündnisse geschlossen, um gemeinsam zu kämpfen. Im Barada-Tal ist die ehemalige Nusra-Front, heute „Eroberungsfront Syriens“ (oder in anderer Übersetzung „ – der Levante“) ein Teil dieser Bündnisse, ohne dort jedoch führend zu sein. Die wichtigste Kampfgruppe im Barada-Tal ist Dschaisch ul-Islam, eine Allianz, die sich 2013 aus 50 Gruppen zusammengeschlossen hatte. Sie arbeitet manchmal mit der „Eroberungsfront“ zusammen. Sie hat aber auch gelegentlich gegen diese gekämpft.

Nach Ansicht der syrischen Regierung und auch der Russen gilt der gegenwärtig bestehende Waffenstillstand nicht für die „Eroberungsfront“ und auch nicht für alle mit ihr verbündeten Gruppen. Im Barada-Tal besteht Zusammenarbeit mit der „Eroberungsfront“.

Die Folge von Asads Fassbomben?

Nach dem Fall von Aleppo hat Damaskus die Gelegenheit benützt, um mit seinen frei werdenden Truppen und Flugzeugen das Barada-Tal anzugreifen. Die Offensive hatte am 23. Dezember begonnen. In Friedenszeiten bildete dieses Hochtal ein Erholungsgebiet nah bei Damaskus. Doch seine Bewohner beklagten sich darüber, dass die Regierung ihr Land konfisziere, um Hotels und Villen zu bauen, und auch ihr Wasser usurpiere, um es für den Gebrauch in der Stadt zu verwenden. Dem Vernehmen nach soll dies ein wichtiger Grund dafür gewesen sein, dass sich die zehn Dörfer und Städtchen des Tals schon 2012, kurz nach dem Beginn des Aufstandes, gegen das Asad Regime erhoben. Bisher hatten die Rebellen erlaubt, dass sich die Ingenieure aus Damaskus um die Quellen kümmerten.

Erst jetzt, im sechsten Jahre des Krieges, hat sich der Umstand, dass die Barada-Quellen sich in der Hand der Rebellen befinden, auf die Wasserversorgung der Stadt ausgewirkt. Die Regierung behauptet, dies sei die Schuld der Rebellen. Sie hätten die Quellen mit Diesel-Öl verunreinigt und „vergiftet“. Doch die Rebellen sagen, die Bombardierungen des Regimes, wie immer mit den sogenannten Fassbomben, die ungezielt abgeworfen werden, hätten die Quellen zerstört und ihre Fassungen und Leitungen beschädigt. Sie veröffentlichten Bilder der zerstörten Fassung der Hauptquelle von Ain al-Fijeh. Sie sagten auch, wen sie, die Rebellen, die Quellen vergiftet hätten, hätten sie mit Damaskus auch sich selbst geschädigt.

Durst in Damaskus

Unbestritten ist, dass das Wasser in Damaskus fehlt. Es gibt Schilderungen von stundenlang anstehenden Menschenschlangen an den wenigen funktionierenden Brunnen. Die Wasserleitungen in den Häusern der meisten Quartiere liegen seit über zehn Tagen trocken. Die Regierung versucht bisher ohne Erfolg, der Quellen am Talkopf Herr zu werden.

Für sie ist es nun eine Prestigefrage. Die Hauptstadt, zusammen mit der Hafenstadt Latakia, hat bisher unter allen syrischen Städten am wenigsten durch den Bürgerkrieg zu leiden gehabt. Doch vorläufig haben sich die Rebellen in dem leicht zu verteidigenden Tal gehalten. Es gibt Behauptungen darüber, dass die Regierung sogar „Giftgas“ gegen sie eingesetzt habe.

Lokale Bündnisse und Zusammenarbeit

Die FSA (Freie Syrische Armee) arbeitet in dem Tal mit dem Dschaisch ul-Islam zusammen und dieser auch mehr oder weniger locker mit der „Eroberungsfront“. Wobei Dschaisch ul-Islam im Barada Tal die grössere Präsenz haben soll als die „Eroberungsfront“. Dschaisch ul-Islam hat gewarnt, der Waffenstillstand in Syrien schwebe in Gefahr, wenn das Regime seine Angriffe fortsetze.

Die Gruppe erklärte auch, sie suspendiere ihre Zusage, an den geplanten Friedensverhandlungen von Astana (Kasachstan) mitzuwirken, solange die Angriffe aus Damaskus andauerten, und sie rief die Russen und die Türkei an, den von ihnen ausgerufenen Waffenstillstand gegenüber Damaskus durchzusetzen.

Kein Zugang für russische Offiziere

Russische Offiziere wollten sich in das Barada-Tal begeben, um mit den Rebellen zu verhandeln und die Lage an den Quellen in Augenschein zu nehmen. Doch Hizbullah- Milizen, die Strassensperren zwischen Damaskus und dem Barada-Tal kontrollieren, sollen die Russen zweimal an den Sperren zurückgewiesen haben und sich weigern, ihnen den Durchgang zu den Rebellen zu gestatten.

Die Russen und der Hizbullah sind beide Verbündete Asads. Sie stehen also auf der gleichen Seite im Bürgerkrieg. Doch in den letzten Wochen wurden Gegensätze zwischen Russen und Iranern deutlich. Hizbullah handelt voll im Interesse Irans. Iran und Hizbullah sind daran interessiert, dass das Asad-Regime mit seinen alawitischen Stützpfeilern als solches fortbesteht. Die Russen helfen zwar dem Asad-Regime zu überleben. Doch für sie ist die Hauptsache, dass ein Staat Syrien fortbesteht, der ihnen wohlgesinnt bleibt und die russischen Luft- und Marine-Basen aufrecht erhält.

Ob dies ein sunnitisches oder ein alawitisch abgestütztes syrisches Regime sei, ist für Moskau sekundär, für Iran jedoch wichtig, weil Iran in einem sunnitisch-schiitischen Ringen mit Saudi Arabien steht.

Russlands Interessenausgleich mit der Türkei

Die Alawiten können als pro-iranische Freunde der Schiiten gelten, die Sunniten jedoch keineswegs. Sie neigen eher Saudi Arabien zu. Mit den Türken haben die Russen einen Ausgleich gefunden. Die Türkei hilft Russland beim Versuch, einen Frieden mit den Rebellen auszuhandeln, der das vorläufige Überleben Asads sichert.

Im Gegenzug billigen die Russen den Schritt Ankaras über die syrische Grenze hinweg, der es den Türken erlaubt, die syrischen Kurden daran zu hindern, ihre beiden getrennten Gebiete an der türkischen Grenze zusammenzuschliessen. Russland hilft der türkischen Armee sogar mit seiner Luftwaffe im Kampf um die Stadt al-Bab. Die Türkei will diese Stadt dem IS entreissen und mit ihrer Eroberung die türkische Zone in Nordsyrien absichern. Die Kurden zielten ebenfalls auf die Eroberung von al-Bab ab. Doch die Türkei ist ihnen zuvorgekommen.

Gegensätze zwischen Russland und Iran

Im Gegensatz dazu ist kein Interessenausgleich zwischen Russen und Iranern zustande gekommen. Mit dem angekündigten Teilabzug seiner Armee bedeutet Moskau Asad, dass er nicht auf unbestimmte Zeit mit der Präsenz und dem Schutz der russischen Militärs zählen kann und dass Russland eine Ausgangsstrategie aus Syrien sucht. Die Russen hatten schon einmal, im vergangenen März, angekündigt, sie würden ihre Truppen „abziehen“. Doch dann stellte sich heraus, dass sie einige abzogen, aber andere nach Syrien brachten. Die neuen Truppen waren solche, die der Offensive gegen Aleppo dienen konnten und dienten.

Möglicherweise hatte Moskau sich von Damaskus überzeugen lassen, dass diese Offensive der russischen Hilfe bedürfe und dass Aleppo notwendig sei, um das Regime Asads zu festigen. Als erstes haben die Russen nun ihren Flugzeugträger und seine Begleiteinheiten von der syrischen Küste abgezogen. Die Kriegsschiffe können natürlich leicht wieder zurückkehren, wenn ihre Anwesenheit notwendig werden sollte. Doch ihr Abzug stellt ohne Frage einen Hinweis für Asad dar, dass er in Zukunft wieder auf eigenen Beinen stehen müsse und sich nicht auf unbestimmte Zeit hinaus an Moskau anlehnen könne.

Verhandlungen oder Abhängigkeit von Iran?

Moskau möchte Asad nahelegen, mit jenen Rebellen zu verhandeln, die als „Gemässigte“ eingeschätzt werden. Teheran denkt umgekehrt. Ein syrisches Regime, das darauf angewiesen ist, sich auf Teheran zu stützen, dürfte den Iranern (genauer gesagt den iranischen Revolutionswächtern) willkommen sein. Solange dies der Fall ist, bleibt ihr Einfluss in der arabischen Welt, den sie anstreben, abgesichert, und ihre syrische Brücke hinüber zu Hizbullah in Libanon funktioniert, trotz Saudi Arabien, das sie zu zerbrechen versuchte.

Hizbullah war ursprünglich – und bietet auch weiterhin in der Zukunft, wenn es nach den iranischen Plänen geht – eine Druckmöglichkeit auf Israel – auch als ein strategisches Gegengewicht gegen die überlegene israelische Luftwaffe für den Fall, dass es doch noch zu einem Krieg zwischen Israel und Iran kommen sollte. Dies ist eine – katastrophale – Möglichkeit, die mit Trump immerhin wieder in den Bereich des Denkbaren rückt.

Teheran ist daher gegen Kompromisse Asads mit den Rebellen, auch mit jenen, die als „Gemässigte“ gelten. Es sind schliesslich Sunniten, und soweit sie ein Mitspracherecht einhandeln sollten, würden sie das Asad Regime von seiner engen alawitischen Basis entfernen und damit auch von Iran. Iran stützt daher die harte Linie von Asad: ganz Syrien für sein bisheriges Regime zurückerobern! Sogar wenn das lange Zeit dauert, hat es den Vorteil, die Abhängigkeit Asads von Teheran weiter zu zementieren.

Asads Dilemma um die Wasserversorgung

Soweit die strategischen Zielsetzungen. Doch in der unmittelbaren Gegenwart leidet Damaskus unter Durst. Wenn es den Truppen Asads nicht bald gelingt, die Herrschaft über die Quellen im Barada-Tal an sich zu reissen, muss er entweder einmal mehr um russische Hilfe bitten, oder – falls er sie nicht erhält – zu Verhandlungen schreiten und versuchen, auf gütlichem Weg wieder Zugang zu den Quellen zu erhalten, damit sie repariert werden können.

Kommentare

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Das nach jahrelangem zermürbendem Kampf nicht plötzlich der Frieden einzieht, war zu erwarten. Und um eine Waffenruhe zu brechen, reichen im Prinzip einige wenige Unzufriedene, die es auf allen Seiten immer gibt. Wer jedoch ernsthaft Interesse an einer Lösung hat, wird in jedem Falle ohne irgendwelche Vorbedingungen weiterverhandeln.
In Syrien wird es keine Lösung ohne B. al-Assad geben. Das wissen die Iraner genauso wie Russen und inzwischen auch die Türken. Ruhe wird erst einkehren, wenn sich die gemässigten Regime-Gegner mit diesem Faktum arrangieren und die übrigen militärisch endgültig geschlagen sind. Es bleibt abzuwarten, ob das gelingt.

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