Die Wurzeln des jüdischen Staates

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Die Wurzeln des jüdischen Staates

Von Heiko Flottau, 05.06.2012

Die Entstehung des Staates Israel wird als eine Folge des Holocaust angesehen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die Pläne für diesen Staat reichen viel weiter zurück.

Dieses Buch über die Vertreibung der Palästinenser erzählt die bislang kaschierte historische Wahrheit. Es bedarf wohl einer Schweizer Autorin und eines Schweizer Verlages, um über die „Nakba“, die palästinensische Katastrophe, im deutschsprachigen Raum so detailliert berichten zu können.

Der Zionistenkongress in Basel 1897

Marlène Schnieper, einst diplomatische Korrespondentin des Zürcher Tagesanzeigers, hat das getan, was viele Journalisten, die sich mit dem Nahen Osten beschäftigen, oft nicht sorgfältig genug tun: Sie ist den historischen Ursprüngen der Gründung des jüdischen Staates auf den Grund gegangen. Und dabei kommt heraus, dass vieles, was besonders in deutschen Tageszeitungen immer noch zu lesen ist, nur die halbe Wahrheit ist: Die Gründung Israels ist eben nicht ausschliesslich das Ergebnis des von Nazi-Deutschland zu verantwortenden Holocaust.

Die Autorin beweist an Hand überzeugender Quellen und ebenso überzeugenden eigenen Recherchen, dass die zionistische Landnahme weit früher begonnen hat. Theodor Herzl hat mit seiner Schrift „Der Judenstaat“ aus dem Jahre 1896 die ideologischen Grundlagen gelegt, und der erste Zionistenkongress in Basel 1897 hat ein so konkretes Programm entworfen, dass Herzl seinen berühmten Ausspruch tun konnte, wonach er in Basel den Judenstaat gegründet habe.

Grenzen werden plötzlich wichtig

Die Autorin zitiert den palästinensischen Wissenschaftler Saleh Abdel Jawad. Dieser hat die sozialen und kulturellen Unterschiede der alteingesessenen Palästinenser und der zuwandernden Juden trefflich geschildert: Die palästinensischen Araber hätten während Jahrhunderten in Grossreichen gelebt – unter den Omayaden, den Abassiden, unter Mameluken und Osmanen. Grenzen hätten sie nie gekümmert, ihre Grundherren, deren Land sie gepachtet hatten, hätten sie kaum gekannt. Überlebt habe all die Jahrhunderte das Dorf, die Grossfamilie, der Stamm.

Dann aber seien die europäischen, die jüdischen Siedler gekommen. Sie hätten nach anderen Kategorien gelebt – und diese Kategorien einer traditionellen Gesellschaft übergestülpt und diese damit überrannt und oft auch vernichtet: Grenzen wurden plötzlich wichtig – staatliche wie auch Grundstücksgrenzen, der Begriff der Nation wurde eingeführt, es galt, eine „nationale Heimstätte“ für die Juden dort zu errichten, wo schon andere, nämlich die Araber wohnten.

Der bewaffnete Raub

„Mit europäischer Gründlichkeit“ schreibt Abdel Jawad, „haben die jüdischen Einwanderer, die Einrichtung eines solchen Nationalstaates während des britischen Mandates vorbereitet. Auschwitz verlieh ihrem Vorhaben eine zusätzliche Dringlichkeit. Aber die Einheimischen hatten immer noch nichts begriffen. Zwei Gesellschaften mit je anderer Identität gerieten sich ins Gehege, doch als die eine Seite vorpreschte, war die andere völlig überrumpelt.“

Überrumpelt wird die palästinensische Gesellschaft auch noch heute. Unter den Augen westlicher Diplomaten, westlicher Nicht-Regierungsorganisationen, unter den Augen vieler Gruppen, die sich die Wahrung der Menschenrechte zum Ziel gesetzt haben, unter den Augen auch mancher kritischer israelischer Bürger geht die Landnahme weiter. Der Bau der Trennmauer, weitgehend auf palästinensischem Gebiet, ist eines der letzten schlagenden Beispiele für das, was der palästinensisch-israelische Politiker Azmi Bishara als den „grössten bewaffneten Raub des 20.Jahrhunderts“ bezeichnet hat.

Zwei Narrative

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat bei seinem kürzlichen Besuch in Israel zwar verhalten kritische Worte zur israelischen Siedlungspolitik, sprich zur fortgesetzten israelischen Landnahme gefunden. Aber der Ostdeutsche Gauck, der Jahrzehnte hinter der deutschen Sperrmauer leben musste, fand – jedenfalls nicht in seinen öffentlichen Stellungnahmen - kein Wort, mit dem er die von Israel gebaute Mauer kritisierte.

Die israelische Siedlungspolitik ist die Fortsetzung der zionistischen Landnahme der zwanziger, dreissiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts, welche Autorin Marlène Schnieper auf den ersten einhundert Seiten ihres gut, verständlich und vor allem ohne jede Polemik geschriebenen Buches beschreibt. Die Autorin gibt eingangs zu, dass es durchaus zwei - heute sagt man einleuchtend „Narrative“ - gebe, zwei „sinnstiftende Erzählweisen“, wie die Autorin den Begriff „Narrativ“ sehr schön erklärt.

Es gebe das zionistische Narrativ, wonach die in Europa diskriminierten Juden eine erneute Bindung an die alte Heimat in Palästina suchten. Und es gebe das palästinensische Narrativ, das Narrativ von der durch die zionistische Landnahme verlorenen Heimat. Marlène Schnieper entscheidet sich bewusst dafür, das palästinensische Narrativ zu schildern. Etwa am Beispiel der Stadt Jaffa, die heute ein Teil von Tel Aviv ist.

Der Betrug von Jaffa

Dort hatten sich die palästinensischen Einwohner 1948 entschlossen, die Stadt der israelischen Armee kampflos zu überlassen, sofern die Bewohner friedlich behandelt würden und die Flüchtlinge zurückkehren dürften. Der israelische Kommandeur versprach alles – und brach seine Versprechen. Nach der friedlichen Übergabe der Stadt an die israelische Armee wurden Läden, Wohnungen , Fabriken von den Siegern geplündert. Und Premier Ben Gurion erklärte, man solle die Rückkehr der Flüchtlinge nach Jaffa verhindern. „Wir müssen Jaffa besiedeln, Jaffa wird eine jüdische Stadt sein. ... Den Arabern die Rückkehr nach Jaffa zu erlauben, wäre ... töricht“, sagte Ben Gurion.

Marlène Schniepers Buch bekommt eine sehr persönlich-historische Note durch die Schilderung von sechs palästinensischen Einzelschicksalen – durch die Schilderung der Biograpien von Palästinensern, die durch die israelische Landnahme vertrieben wurden und dabei all ihr Hab und Gut verloren. Aus ihrer Heimat verjagt, in der die Vorfahren oft über Jahrhunderte gelebt hatten, müssen sich viele heute als Entwurzelte durch ihr Leben schlagen – ohne Hoffnung darauf, dass es ihren Kindern einmal besser gehen werde.

Warnung vor dem Zionismus

Die detaillierte Schilderung der historischen Ereignisse, die zur palästinensischen Katastrophe führten und die Nachzeichnung persönlicher Schicksale entwerfen das Panorama einer menschlichen Tragödie, welche die Ereignisse des Nahen Ostens seit Jahrzehnten bestimmt und auch weiterhin bestimmen wird.

Diese Tragödie hat sich über Jahrzehnte angebahnt und entwickelt. Begleitet wurde sie immer wieder von kritischen Stimmen. Schon 1919 hatte die von den USA eingesetzte King-Crane-Kommission davor gewarnt, das zionistische Maximalprogramm weiter zu verfolgen. Wenn man, hiess es in diesem Bericht, das von Präsident Wilson geforderte Selbstbestimmungsrecht der Völker ernst nehme, dann müsse man konstatieren, dass die überwältigende Mehrheit der palästinensischen Araber den Zionismus total ablehnten. Den Palästinensern eine unbegrenzte jüdische Einwanderung zuzumuten, laufe darauf hinaus, den Palästinensern das Selbstbestimmungsrecht zu verweigern, schrieben die Mitglieder der Kommission in ihrem Bericht.

Das edle Prinzip der Selbstbestimmung

Und der britische Aussenminister Curzon, Nachfolger von Lord Balfour, der 1917 die Errichtung einer „nationalen Heimstätte“ für die Juden in Palästina befürwortet hatte, fand diese Idee plötzlich gar nicht mehr so plausibel. Im Jahre 1920 schrieb er: „Die Zionisten wollen einen jüdischen Staat mit Arabern als Holzfäller und Wasserträger. Das wollen auch viele Briten, die mit den Zionisten sympathisieren. ... Das ist nicht meine Sicht der Dinge. Ich will, dass die Araber eine Chance haben, und ich will keinen Staat der Hebräer. Da gibt es ein Land mit 580 000 Arabern und möglicherweise 60 000 Juden (keineswegs alle Zionisten). Für uns gilt das edle Prinzip der Selbstbestimmung. ...“

Dieses Selbstbestimmungsrecht wird den Palästinensern bis heute vorenthalten. Es ist das Verdienst von Marlène Schniepers Buch, dieses Tatsache der Öffentlichkeit auf eindringliche Weise dargelegt zu haben. Nicht zuletzt macht die Autorin ausdrücklich darauf aufmerksam, dass das palästinensische Problem in erster Linie auch ein Problem der europäischen Geschichte ist. Besonders deutschen Politikern sei die Lektüre dieses exzeptionellen Buches wärmstens ans Herz gelegt.


Marlène Schnieper: Nakba – die offene Wunde. Die Vertreibung der Palästinenser 1948 und die Folgen. Rotpunktverlag Zürich 2012, 380 S., 28 Euro, 36 CHF

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Kommentare

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@Roger Guth:

Sie plädieren dafür, dass "... alle einwirkenden Faktoren zu berücksichtigen" seien. Interessant nur, dass Sie das gerade nicht tun und nur genau eine Seite berücksichtigen. Dass kann man Ihnen zwar nicht verübeln, wenn Sie den Text offensichtlich als einseitig empfinden.

Aber: könnte das ein Grundproblem sein in diesem Konflikt, dass die jeweils andere Seite behauptet, nur die eine Seite zu berücksichtigen, aber selber genau dasselbe tut?

Ein erster Schritt wäre wohl, Texte sehr bewusst nicht durch eine spezifische Brille, auch nicht seine eigene, zu lesen - analog beim hören usw.

Das kann gelegentlich Wunder bewirken. Denn dann geht es primär nicht mehr darum, wer recht hat. Zudem wirkt ein "ok [diese Seite], aber [jene Seite]" glaubwürdiger als ein Aneinanderreihen von [meine Seite].

„Marlène Schnieper entscheidet sich bewusst dafür, das palästinensische Narrativ zu schildern.“ las man im obigen Artikel. Aber leider führte das zu einer masslos verzerrten Darstellung, denn wie sagen doch erfahrene Wissenschaftler und Praktiker und der gesunde Menschenverstand:“ Um die wahren resultierenden Kräfte zu erkennen, sind alle einwirkenden Faktoren zu berücksichtigen“.

Unerwähnt blieben doch die grausamen geschichtlichen Erfahrungen der Juden, die zum 1.Zionistenkongress von 1897 in Basel führten. - Uebergangen die Verfolgung und Austreibung der Juden seit 2000 Jahren, die Scheiterhaufen für Juden in Europa, auch 1348 bis 1401 in Zofingen, Baden, Basel, Bern, Solothurn, St.Gallen, Schaffhausen, Winterthur, Zürich, etc.- Eine Nebensache, die sog. Endlösung der Judenfrage von Wannsee und die Folgen in Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Chelmo, Dachau, Maidanek, Mauthausen, Sobibor, Treblinka, u.a.m., so etwa in Struthof- Natzweiler in den etwa 100 km von Basel entfernten Vogesen, die man von Basel aus mit blossem Auge erblicken kann? -Unwichtig, dass 1870 in Jerusalem 11‘000 Juden wohnten + 6500 Moslems + 4500 Christen, sowie 1922 in Palästina 83‘790 Juden + 589‘177 Moslems + 71‘464 Christen + 7‘617 Drusen? -Eine Nebensache die Balfour- Deklaration der Mandatarmacht Gross-Britannien von 1917 als " Zusicherung britischer Unterstützung bei der Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina"? -Unbedeutend, dass der Völkerbund 1922 Grossbritannien das Palästina- Mandat übertrug " um die jüdische Einwanderung und Ansiedlung im Land zu fördern"? -Völlig belanglos, dass 1947 die UNO mit 2/3 - Mehrheit einen Teilungsplan für Palästina genehmigte, der von den Juden akzeptiert wurde? -Nichts davon gehört, dass die Ausrufung des Staates Israel am 14.5.1948 mit einem Kriegsangriff von 5 arabischen Staaten beantwortet wurde, mit dem Ziel der völligen Vernichtung Israels? -Unwichtig, die seither periodisch von Arabern angezettelten Kriege, Aufrufe zur vollständigen Vernichtung Israels Irans, der Hamas und Anderer, die Terroraktionen als Antwort auf Israels Friedensvorschläge von Camp David, die grausamen Morde von Zivilisten, auch Frauen und Kinden? -Belanglos, dass die Bombenterror-Todesopfer ganz erheblich reduziert werden konnten, dank einer Verteidigungs-Einrichtung aus Drahtgittern und einem geringen Prozentsatz von Beton, der aber tendenziös im Artikel konstant als Mauer bezeichnet wurde. -Unwichtige Nebensache, dass die Araber seit 1937 zahlreiche Teilungspläne ablehnten, mit Worten, Tricks oder kriegerischen Antworten ? -Oder gar nicht erwähnenswert die vollständige, bedingungslose Räumung von Gaza und das Verlassen aller dortigen jüdischen Arbeits- und Wohnstätten ? Oder etwa die bisher zum Dank für die Befreiung von der Besetzung auf zivile Ziele in Israel aus Gaza abgeschossenen mehr als 13‘000 Raketen ?

Wie sagte doch 1985 der deutsche Staatspräsident Weizsäcker zum 40. Waffenstillstandstag “ Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschliesst, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungs-Gefahren".

Das steht doch schon längst so in "Exodus" von Leon Uris. Auch dass neu Zuziehende Juden bei der Ankunft in Palästina sofort ihre Reisedokumente vernichteten..

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