Die Ukraine verstehen?

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Die Ukraine verstehen?

Von Gastkommentar, Peter Lüthi - 01.03.2021

Die Ukraine hat es als unabhängiger Staat schwer, ihre eigene Identität zu behaupten und gegenüber dem russischen Nachbarn zu verteidigen sowie innere Gegensätze zu versöhnen. Eine Hintergrund-Analyse von Peter Lüthi*

Die Art, wie in den Schweizer Medien Vorstellungen und Urteile über Russland gebildet werden, unterscheidet sich deutlich von der Art, wie Vorstellungen und Urteile über die Ukraine gebildet werden: Im ersten Fall erscheinen die Urteile klar und auf bekannte Fakten gegründet, unabhängig davon, ob das Urteil über Putin positiv oder negativ ausfällt. Es muss beim Leser die Meinung entstehen, Russland und seine Politik könne man kompetent, wenn auch kontrovers beurteilen. Gegenüber der Ukraine wird der Leser im Stich gelassen, nichts wird ihm klar, nachdem die öffentliche Anteilnahme am Majdan-Umsturz abgeklungen ist.

Land mit unvertrauter Geschichte

Obwohl keine Zweifel bestehen, dass beim eskalierenden Konflikt zwischen dem Westen und Russland die Ukraine eine Schlüsselrolle einnimmt, ist in den Medien das Interesse, ein Verständnis der Vorgänge in diesem Land zu vermitteln, stark geschwunden. Das liegt nicht nur an der journalistischen Aufmerksamkeitsökonomie, sondern auch an der Ukraine selbst. Sie widersteht dem schnellen Zugriff durch gewohnte, fest konturierte Begriffe.

Die Schweizer Öffentlichkeit war und ist ausserdem durch die übliche Allgemeinbildung kaum vorbereitet darauf, die Unabhängigkeit der Ukraine und die Bedeutung des Vorgangs für die übrigbleibende Russländische Föderation mit Verständnis aufzunehmen. Sogar den eigentlichen Spezialisten, den Osteuropa-Historikern, war die Geschichte der Ukraine bis 1991 wenig vertraut, auch ihnen galt dieses Gebiet selbstverständlich als Teilbereich der «Geschichte Russlands». So gab es damals keine deutschsprachige «Geschichte der Ukraine» zu kaufen!  Die Unvertrautheit mit dieser Geschichte wird zum Einfallstor von Propaganda.

I Geographische und historische Voraussetzungen der  Unabhängigkeit. Zwischen zwei Mythen

Eine eigene Urteilsbildung muss sich in der aktuellen Debatte gegen zwei wirksame Geschichtsdarstellungen behaupten:

  1. Es gab schon immer ein ukrainisches Volk, das sich seit je freiheitsliebend zuerst gegen polnische, dann immer mehr gegen russländische Unterdrückung (die zuletzt sowjetisch maskiert daherkam) verteidigen musste. Im Zusammenbruch der Sowjetunion erhielt es endlich seinen von allen Ukrainern ersehnten nationalen Staat. Im Majdan fand das ukrainische Volk zu seiner nationalen Bestimmung als Bollwerk europäischer Werte gegen innere und äussere Feinde, die fremdartige russische Werte vertreten und aggressiv staatliche Existenz und kulturelle Identität der Ukraine bedrohen. Das Entreissen der Krim und des Donbass muss als Anfang eines permanenten russischen Expansionswillens verstanden werden, dem auch im Interesse Europas nur durch diplomatische Unnachgiebigkeit und militärischen Widerstand mit Hilfe der NATO begegnet werden kann.
     
  2. Es gab nie ein ukrainisches Volk. Diese Gebiete mit ihren ostslawischen Bewohnern waren und sind natürlicher Bestandteil der orthodoxen «Russischen Welt/русский мир», die seit dem Untergang Kievs im «Mongolensturm» ebenso natürlich durch Moskau geleitet wird. Die Abtrennung einer «Ukraine» vom russländischen, zeitweise auch Sowjetunion genannten Vielvölkerreich ist künstlich, ein katastrophales Produkt von nationalistischem Fanatismus und geostrategischer Intrige des Westens. Mit dem vom Westen inszenierten Putsch auf dem Majdan ist die Ukraine ganz in die Hand westlicher Strategen und Investoren geraten und nahe daran, von Rechtsextremisten gekapert zu werden, wenn sie nicht einfach als «failing state» im Chaos versinkt. Die Bevölkerung des Donbass und der Krim vor diesen Gefahren zu retten, war selbstlose Pflicht des Schutzstaates aller Russen.

Thesen zum Verständnis einer andauernd schwierigen Staatsbildung

Meine These versucht nicht, sich gut schweizerisch neutral in der Mitte zu halten, so dass jeder der beiden Propagandisten ein bisschen Recht hat, sondern eindeutig Stellung zu beziehen, aber in Berücksichtigung der Widersprüchlichkeit und Dynamik der Situation:

Ja, es gibt einen eigenen, historisch gewachsenen kulturellen und politischen Impuls – man mag ihn heute «ukrainisch» nennen – im Raum ungefähr zwischen Karpaten und Don, nördlich des Schwarzen Meeres. Er kann als Gegensatz zum «russisch», genauer «russländisch/российский» genannten Impuls beschrieben werden, der seit etwa 7 Jahrhunderten von Moskau aus geleitet wird. Daneben, kaum zu entflechten, bleibt aber die Gemeinsamkeit bestehen, die mit dem künstlichen Begriff «Ostslawen» ausgedrückt wird und die auch als «ex-sowjetisch» nachwirkt. (Kein realer Mensch nennt sich «Ostslawe».) Es gibt keinen Grund, diesem Eigenen das Recht auf unabhängige staatliche Entwicklung abzusprechen sowie das Recht, sich souverän zwischen Europa und Russland so zu positionieren, wie es diesem Eigenen entspricht und nicht den geostrategischen «Sicherheitsinteressen» der Nachbarn.

Nein, es gab und gibt kein «ukrainisches Volk» innerhalb der heutigen, 1991 bis 2014 unverletzten Staatsgrenzen. Aber selbstverständlich bedürfen Staatsgrenzen für ihre völkerrechtliche Gültigkeit keines Volks. (In Russland und in der Ukraine ist das Wort Nation/нация wenig populär, man spricht politisch und alltäglich fast ausschliesslich von Narod/народ, was in der emotionalen Nuance dem Volk nähersteht.) Es lassen sich in der Landschaft so wenig «natürliche Grenzen» finden wie linear umgrenzte «ethnische Lebensräume». Auch der in der Schweiz beliebte Begriff «Willensnation» trifft die Sache nicht, obwohl bei der Abstimmung von 1991 sich 90% der Stimmenden für die Unabhängigkeit, also gegen den Erhalt der Sowjetunion und damit gegen die staatliche Bindung an Moskau aussprachen (von West nach Ost und Süd abnehmend, aber sogar auf der Krim noch 54%).

Die Schlussfolgerung daraus: Grosse Schwierigkeiten einer solchen Staatsbildung sind unvermeidlich. Einerseits lässt sich das Eigene, das «Ukrainische», nicht mehr unterdrücken oder vereinnahmen, denn es ist nicht von westlichen Intriganten ausgedacht, sondern wird erlebt und ist eine historisch langfristig wirksame Kraft. Anderseits findet es keine definierbare Form im Raum und keine Position (im wörtlichen Sinne von Stand-Punkt) zwischen Ost und West, sondern bleibt dynamisch mit fliessenden Übergangen in jeder Richtung. In seinem räumlich-ethnischen Zerfliessen ohne gefestigte Identität bleibt es abhängig vom Wohlwollen der übermächtigen Nachbarn mit ihren geostrategischen, eine echte Unabhängigkeit verneinenden Konzepten (wenn der westliche Nachbar unter diesem Aspekt als NATO zusammengefasst werden darf). Verhängnisvoll verspricht ein aktualisierter Nationalismus die Lösung. Nationalismus wirkt im 21. Jh. auf jeden Fall tragisch, in welchem Nationalstaat auch immer. Hier aber, noch tragischer, fehlt dem Nationalismus in der Lebenswirklichkeit die Nation, wie sie z. B. in Ungarn oder Serbien den nationalistischen Führern eine Basis für ihren Erfolg gibt.

Edel klingt die Forderung, die aus Europa an die Ukrainer und ihre Regierung herangetragen wird: Sie müssten eine Brücke bilden zwischen Ost und West, anstatt Teil eines Blocks zu werden. Gewiss sollten sie das – aber wie denn, unter diesen Bedingungen im Innern und mit solchen Nachbarn?

Land im Grenzenlosen und auf Grenzen

Widerstand gegen den Polizeieinsatz des Janukowitsch-Regimes in Lwiw, 7. Dezember 2013 (Foto: Oleg Mazecha)
Widerstand gegen den Polizeieinsatz des Janukowitsch-Regimes in Lwiw, 7. Dezember 2013 (Foto: Oleg Mazecha)

Die Grenzenlosigkeit der Landschaft ist in diesem Ausmass für Europa fremd, dessen klare Konturen von Küstenlinien, Talkammern und begrenzten Ebenen massgebend eingewirkt haben auf die politische Kultur. In dieser konturlosen Weite eine Grenze zu Russland nach geographischen Kriterien festzulegen, ist aussichtslos, während die Karpatenlandschaft der Westukraine sofort europäisch vertraut erscheint. Und doch liegt eine Grenze der alten Landesbezeichnung zugrunde.

U kraina – das Land «an der Grenze». Gemeint war die Grenze, die Norden und Süden unterscheidet, wie die Alpen es tun in der europäischen Geschichte. Sie trennt das Waldland, das für die Entwicklung Russlands prägend war, und das Steppenland, das z. B. für die tatarische Kultur prägend war. Dazwischen liegt aber nicht eine Grenzlinie, sondern eine breite Übergangszone, die von den Geographen logischerweise «Waldsteppe» genannt wird. Das ukrainisch Eigene stammt vor allem aus dieser Zwischenzone, das heisst also: sein Land liegt auf und nicht an der Grenze (wie etwa die Krajna auf dem Balkan, die das christliche Abendland scharf im Raum gegen den osmanischen Orient abgrenzte, und wie es sich heutige ukrainische Nationalisten vorstellen mit einer markanten Grenzlinie im Osten gegen die «russische Barbarei»). Es ist Grenzraum. Dieser zwischen Ost und West, Nord und Süd mittlere Landschaftsraum am Dnjepr brachte eine eigentümliche gesellschaftlich-politische Form hervor, das frühe Kosakentum, das auffällige Parallelen zu den frühen Eidgenossen hervorbrachte. Beide lagen am Rand (auch das heisst kraj) der «Kulturwelt».

Auf der Grenze zwischen römischer und byzantinischer Tradition

Gleichzeitig ist die Ukraine Ergebnis einer andern, vertikal dazu verlaufenden und ebenfalls nicht als Linie einzuzeichnenden Grenze, einer der bedeutungsvollsten der europäischen Geschichte: diejenige zwischen dem römisch geprägten Abendland und dem byzantinisch geprägten christlichen Orient. Sie trennt heute Polen und Weissrussland, Kroatien und Serbien sauber als Staatsgrenze. Nicht so hier: Durch die weite Expansion Polens kam dieser dynamisch bleibende Grenzraum etwa bis in die Mitte des heutigen ukrainischen Staatsgebiets zu liegen, hielt sich eine Zeit lang am Dnjepr bei Kiev und zog sich später vor der russischen Expansion auf Galizien zurück. Alles, was die Geschichte Europas ausmacht – Römisches Recht, Scholastik, Städteautonomie mit freier Bürgerschaft, Renaissance usw. – floss bis nach Kiev in die ukrainische Kultur ein, während sich Moskau davor verschloss.

Das russländische Imperium drang seit dem 17. Jh. erobernd in diesen Raum ein, nicht weil hier «schon immer Russen lebten», sondern weil noch jedes Imperium an sein heiliges Recht glaubte, zu expandieren. Da Istanbul als Ziel der imperialen Hoffnungen sich nicht ergab, endete die Expansion bei Odessa und auf der Krim, die ebenfalls nicht «schon immer russisch» war, wie Putin und viele seiner europäischen Verteidiger behaupten, sondern erst 1786 gewaltsam einverleibt wurde. Die landschaftlich begründete und kulturell tief wirksame Grenzzone zwischen dem Waldgebiet des Moskauer bzw. Petersburger Russlands und dem Schwarzen Meer wurde dadurch politisch aufgehoben. Es entstanden für den Süden Bezeichnungen wie Kleinrussland und Neurussland. Gleichzeitig bildete sich das für die heutige Krise wesentliche Eigenleben der nun gegen Osten abgegrenzten Westukraine weiter aus. Sie blieb für Jahrhunderte unter dem Einfluss der katholischen Polen und Habsburger Teil Europas, in Widerstand und Anpassung.

Russisch und Ukrainisch: nebeneinander, ineinander, gegeneinander

Im Schutz des Zarenreichs setzte eine starke Wanderungsbewegung nach Süden ein. So entstand eine dritte, die heutige Situation ebenfalls prägende Grenze, jetzt horizontal in der sozialen Zusammensetzung. Diejenigen Einwanderer, die den Aufbau grosser Bergbau- und Industriezentren am Dnjepr und Don mittrugen, verstanden sich als Russen, ebenso zunehmend die politischen und kulturellen Eliten der Städte. Das Ukrainische als Sprache und Erlebnisweise wurde Kennzeichen der Dörfer, zuerst einfach im Zug der Wanderungen und gesellschaftlichen Umwälzungen, dann ab Mitte des 19. Jh. auch gezielt durch Diskriminierung.

Die Eigenheit der ukrainischen Sprache sollte daran gehindert werden, Grundlage der jungen Nationalbewegung zu werden und sich zur gleichwertigen Hochsprache hin zu bewegen. Ukrainisch sollte als Dialekt des Russischen gelten. Indem die Sprachenfrage zu einer sozialen und politischen Frage wurde, war es bei der Unabhängigkeit noch weniger möglich, Sprachgrenzen wie in Belgien oder in der Schweiz einem gelebten Föderalismus zugrunde zu legen. Nach wiederholten Diskriminierungen, zuerst immer wieder des Ukrainischen, jetzt des Russischen, lässt sich auch nicht mehr festlegen, wer eigentlich Ukrainisch sprechen würde, wenn nicht … Nicht einmal eine objektive Sprachenstatistik lässt sich erstellen bei jeglichen Nuancen von Zweisprachigkeit.

Der Unfug mit den ethnischen Grundlagen der Politik

Nicht nur politische Agitatoren, sondern auch seriöse wissenschaftliche Werke argumentieren mit «ethnischen» Kriterien und können angeblich bis auf ein Zehntelprozent angeben, wie sich die Bevölkerung eines Gebiets der Ukraine «ethnisch» zusammensetzt. Wenn dieser Begriff schon an sich problematisch ist, ist er in der Anwendung auf die Ukraine nicht nur lebensfremd, sondern irreführend. Aus vielen Gründen lässt sich nicht als Konstante messen, ob jemand «ethnisch» ein Ukrainer oder ein Russe ist. Für den ostslawischen Raum taugen nicht alle an der europäischen Geschichte entwickelten Begriffe. Staatsvolk und Minderheitensprache zum Beispiel passen hier so wenig wie in der Schweiz. Als objektive Unterscheidung wird das ethnische Kriterium im 20. Jahrhundert ganz ad absurdum geführt: Zwischen 1914 und etwa 1947 wurde der Raum des heutigen Staates einer so heftigen, ununterbrochenen Erschütterung durch masslose kriegerische Zerstörungen, Massenmorde, Deportationen und Repressionen ausgesetzt, dass keine Gewissheit in der Zusammensetzung und Zugehörigkeit von lokalen Bevölkerungen übrigblieb.

Das Geschehen ist mit keinen Schrecken in anderen Gegenden Europas auch nur annähernd vergleichbar. Daran anschliessend bildete die Sowjetunion der Nachkriegszeit einen riesigen Raum intensiver Binnenwanderung, freiwilliger und unfreiwilliger Art, und geheiratet wurde ohne ethnische Unterscheidung von «Russen» und «Ukrainern». Russischsprachige, verwandtschaftlich mit Russland verbundene Ukrainer konnten 2014 Anhänger der gegen Russlands Schützling Janukowitsch gerichteten Bürgerbewegung werden. Die russisch geprägten Städte Charkov und Dnjepro(petrovsk) bekannten sich zur Majdan-Ukraine und nicht zu den von Russland protegierten Separatisten.

II  Ukrainische Eigenart im Vergleich zu Russland

Russland wurde lange Zeit in Europa Fürstentum Moskau oder Moskovien genannt und nicht für einen östlichen, sondern einen nördlichen Nachbarn gehalten. Es hat seit dem 15. Jh. einen alternativlosen Kurs der monarchischen Hierarchisierung und Zentralisierung eingeschlagen.

Russische Autokratie und ukrainische Anarchie

Eigens für das Zarenreich wurde der Begriff «Autokratie» geschaffen. Darin vermischte sich die Rationalität einer alles Leben erfassenden Bürokratie mit irrationaler Verherrlichung des Herrschers – eine Mischung, die auch durch die kommunistische Revolution nicht erschüttert wurde und sich in der verfassungsmässigen und kultischen Erhöhung des Präsidenten unerwartet fortsetzt.

In der ukrainischen Geschichte dagegen gibt es absolut keine monarchische Tradition. Das Kosakentum, auf das sich die moderne Ukraine bevorzugt bezieht, hat anarchistische Züge, mit einem den Schweizern gut bekannten Misstrauen gegen eine Zentralgewalt, die nicht auf Zustimmung der Geführten angewiesen ist und mit ihren Beamten als Vögten von ferne alles Lokale im Griff haben will. Der Hetman als Anführer der Kosaken war nie ein König. Es gibt auch keinen Diktator, der einmal die historische Grösse der Ukraine repräsentiert hätte. Zentralgewalten waren immer feindliche fremde Mächte. Der Anarchismus brachte bedeutende russische Denker hervor, aber nur in der Ukraine behauptete sich während des Bürgerkriegs eine anarchistische Bauernbewegung, die sich auf die Autonomie der Dörfer stützen wollte. In anderen Bürgerkriegen gab es meistens zwei Parteien, aber in der Ukraine verschlimmerte sich die Katastrophe durch das Chaos miteinander rivalisierender Gruppen.

Zentralisierung oder Chaos

Dieser anarchistische Zug – im Gegensatz zum autokratischen Zug des Zarenreichs, der Sowjetunion und der Russländischen Föderation – setzt sich heute in der unabhängigen Ukraine fort bis in kleinste Symptome, im Guten wie im Schlechten. Russische Staatsmedien unterrichten ihre Konsumenten ausgiebig über das Zweite, im Vertrauen auf die abschreckende Wirkung und auf die Dankbarkeit für die effiziente Ordnung unter Putin. Seit der Unabhängigkeit 1991 bestand nie die Gefahr einer Wendung zum autoritären Staat mit einem charismatischen Führer. Die im Augenblick der gewaltsamen Zusammenstösse 2014 hervortretenden rechtsradikalen «Führer» fanden in den darauffolgenden Wahlen nicht die geringste Anerkennung. Während Putin das Konzept der «Vertikale der Macht» und der «Gelenkten Demokratie» festigte, beschloss das ukrainische Parlament die Strategie der «Dezentralisierung» und «Kommunalisierung» und beschnitt die Befugnisse des Präsidenten. Während Putin nur diejenigen Oligarchen duldete, die sich ihm als Präsidenten unterwarfen, war jeder ukrainische Präsident abhängig von «seinen» dezentral (auch einmal von Genf aus) waltenden Oligarchen.

Das ukrainische Parlament greift mit seinen nationalistischen Sprachgesetzen hemmungslos in die Grundrechte der Bürger ein, aber es fehlt der schlagkräftige Polizeiapparat, der autoritäre Beschlüsse effizient durchsetzen könnte, wie er dem Präsidenten in Russland zur Verfügung steht, wenn er in die Grundrechte eingreifen will. Von den russischen Gerichten weiss jeder, dass sie den Direktiven von oben folgen, den ukrainischen Gerichten wird nicht vertraut, weil unklar bleibt, welchen Direktiven und Geldflüssen sie folgen.

Vielleicht ist auch als Symptom erwähnenswert, dass dem KGB-Agenten ein Fernsehkomiker (nach einem Mafiaboss und einem Oligarchen) gegenübersteht. Wenn also der Ukraine keine Entwicklung zur Diktatur droht, besteht akut die Gefahr einer Handlungsunfähigkeit der diskreditierten Staatsmacht, insofern sich der Präsident gegen regional Mächtige und Korruption nicht durchsetzen kann und käufliche Parlamentarier sich gelegentlich im Ratssaal prügeln. Aus entgegengesetzten Gründen ist der Rechtsstaat in beiden Staaten für die Bürger nur eine Hoffnung.

Politisches Erinnern: Stalin oder Bandera – Verbrecher als Helden

Während im Reich Putins der Stalinkult aufblüht, blüht in der Ukraine – ebenfalls staatlich gefördert – der Kult Stepan Banderas auf. Stalin stellt die absolute Verkörperung einer bürokratisch unterdrückenden und mordenden Zentralgewalt dar, die sich legitimiert, indem sie einen überwältigenden Sieg von historischem Ausmass in Anspruch nimmt. Bandera ist der glücklose Führer einer in sich zerstrittenen Partisanenbewegung, der trotz Kooperation mit NS-Deutschland, trotz faschistischen Staatsvorstellungen und Antisemitismus mit Anstiftung zu Pogromen schliesslich im KZ Dachau interniert wird und 1959 dem Attentat eines KGB-Agenten (!) zum Opfer fällt – in keinem Moment seines Abenteuerlebens ein Sieger, dafür als ein Märtyrer der heiligen nationalen Sache zwischen die Fronten geraten.

Grosser Vaterländischer Krieg oder Holodomor

Die Geschichte zu erinnern heisst in Putins Russland in erster Linie, den «Grossen Vaterländischen Krieg» mit dem Sieg unter der erfolgreichen Führung Stalins zu erinnern. An die Stelle der in Russland in jeder Stadt zu findenden Flamme für die auf dem Weg zum Sieg Gefallenen trat in Kiev 2008 das Zentralheiligtum für die Opfer des Holodomor, des von Moskau aus zu Beginn der dreissiger Jahre angeordneten Massenmords durch Hunger, dem mehrere Millionen von Bewohnern der Ukraine zum Opfer fielen.

Täter und Opfer werden dabei leider bewusst ethnisch zugeordnet. Anstelle der sieghaften Staatsmacht wird in Kiev Ohnmacht gegenüber dem (fremden) Staat kultisch als Stiftung nationaler Identität gefeiert. Putin wiederum will keineswegs der Opfer der (eigenen) Staatsmacht gedenken. In beiden Staaten wird das berechtigte Totengedenken symmetrisch zum Instrument des Patriotismus.

Armee oder Freiwillige

Der Kult der Armee und der atomaren Waffensysteme ist untrennbar vom russländischen Imperium Putins. Die unabhängige Ukraine verzichtete für die Zusicherung der Respektierung ihrer Grenzen und von US-Finanzhilfe auf das grosse Arsenal an Atomwaffen, das sich 1991 auf ihrem Territorium befand. Imperiale Grösse und Ehre mit beeindruckendem Waffenarsenal ist das Letzte, womit man Ukrainer zu Enthusiasmus hervorlocken und sogar zum Verzicht auf Lebensnotwendiges motivieren kann, wie das offensichtlich Putin in Russland gelingt. Die Armee der unabhängigen Ukraine wurde in radikaler Weise vernachlässigt und das schien der Bevölkerung auch gleichgültig. Mächtig im politischen Machtspiel waren in der Ukraine nicht die «Silowiki» wie in Russland (die Vertreter der Streitkräfte, Sonderpolizei-Einheiten und Geheimdienste), sondern eher mafiöse Strukturen.

Als 2014 überraschend die Konfrontation mit Russland einsetzte, erwies sie sich ihrer Aufgabe gegenüber so dramatisch hilflos, dass – typisch ukrainisch – Freiwilligenverbände in organisatorischer und ideologischer Anarchie die bis heute geltenden Waffenstillstandsgrenzen sicherten. Sie wurden enthusiastisch von der Bevölkerung mit dem Notwendigsten ausgestattet und fanden ihre Motivation in Ideen, die von neonazistisch bis linksliberal reichten. Während Putin auch als Oberbefehlshaber den uneingeschränkten Segen des Patriarchen von Moskau geniesst, musste sich der ukrainische Präsident mit vier orthodoxen Kirchen zurechtfinden, seit 2018 noch mit dreien.

Der «Majdan» als Zentralmythos des Eigenen der Ukraine

Ich sehe gute Gründe, weder der patriotisch-nationalistischen Verklärung durch die ukrainische Regierung zu folgen noch der oberflächlichen Dekonstruierung als CIA-gelenkter Putsch durch Daniele Ganser. Für mich bleibt der «Majdan» vom Anfang 2014 im Zentrum Kievs ein aufschlussreiches Bild vom Eigenen der Ukraine, das kurz aufleuchtete und auch die Unvereinbarkeit mit dem militarisierten Staatskult auf dem Roten Platz von Moskau vor Augen führte.

Ich hatte das Glück, Anfang Januar 2014 mich auf diesem zentralen Platz Kievs aufzuhalten, also zu einem Zeitpunkt zwischen dem brutalen Einsatz der Sonderpolizei Berkut gegen weit überwiegend friedliche Teilnehmer, vor allem Studenten im November/Anfang Dezember und der Gewalteskalation im Februar zwischen der Berkut, unterstützt von zivilen Schlägertrupps («Tituschki/титушки»), und inzwischen gut bewaffneten und gewaltbereiten, zum Teil rechtsextremen Demonstrantengruppen, aus welcher in undurchsichtiger Weise die vielen Todesopfer und überraschend schnell der Regierungsumsturz hervorging. Der anarchistische Zug der Ukraine hatte sich hier auf kleinem Raum, diskret eingeschlossen im weiten Umkreis durch die abwartende Polizei, eine Verkörperung geschaffen.

«Volk» ohne ethnischen Unterton und ohne charismatische Führer war wie auf einer Bühne anwesend, eine Rednertribüne für jedermann, bloss nicht für die Classe politique, unauffällig organisierte warme Verpflegung an äusserst kalten Wintertagen. Keine Bewaffneten, keine  Symbolik von Extremisten, keine Feindseligkeit gegen Russen und Russisch, dafür Vertreter aller Generationen und Regionen. Eine dichte Atmosphäre der unmittelbaren Erwartung vom Anbruch einer neuen Zeit ohne Korruption und Machtmissbrauch. Der eigene Mut und die hartnäckige Anwesenheit des «Volks», nicht einer «Partei», schienen eine Garantie zu geben für den endgültigen Aufbruch. Der nüchterne, desillusionierende Blick auf die Realitäten der Ukraine fehlte. Das heisst der Blick auf die kaum zu vermittelnden Gegensätze zwischen Karpaten und Donbass, auf die nicht als gordischer Knoten zu zerschlagenden korrupten Netzwerke auch ohne Janukowitsch, auf die Einfügung der Ereignisse in die Kalkulation der Grossmächte.

III  Willen und Befähigung zur Unabhängigkeit

Widersprüchliches durchdringt sich gegenwärtig zur Dominanz antirussischer Politik, die allerdings von grossen Wählergruppen angefochten wird und eine gesunde Entwicklung bedroht:

Die Russländische Föderation unter Putin ist für viele Ukrainer zum Gegenbild der Hoffnungen auf einen demokratischen Rechtsstaat geworden. «Europa» ist für sie nicht einfach ein strategisch vorzuziehender Partner, sondern ein Begriff für eine am Individuum orientierte Rechtsstaatlichkeit. Das äussert sich u. a. in einer tiefen Antipathie gegenüber der sowjetischen Vergangenheit, welche die Lebenswirklichkeit in der Russländischen Föderation viel mehr durchdringt, als man es in der Schweiz ahnt.

Dieser antisowjetische Impuls hat Gründe, sich antirussisch zu benehmen, denn Putin betreibt in der Russländischen Föderation offen die Restauration der Sowjetmentalität (allerdings ohne Kommunismus), nicht nur in der Erinnerungskultur, sondern gerade auch in der Absage an den europäischen Rechtsstaat, wie er etwa im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auftritt, und an den europäischen Individualismus. Ausserdem sitzt das Wissen von der gewaltigen Übermacht der keineswegs fernen russländischen Armee seit 2014 tief im Empfinden. Sie wird von Putin auch gerne an Paraden und in den russischen Medien inszeniert, um diese Tatsache allen einzuprägen. Und Putin hält tatsächlich die Existenz einer unabhängigen Ukraine für einen welthistorischen Fehler, das ist kein böswilliges Gerücht und beruhigt nicht.

In diese liberale Abwehr des autoritären militaristischen Staatsverständnisses mit Sowjetnostalgie, welches sich in Putin verkörpert, mischt sich verwirrend der ganz gewöhnliche ethnische Nationalismus, wie er in Europa, heute besonders prononciert im östlichen Europa, bestens bekannt ist: Das Eigene glaubt sich vom Hass auf das Fremde nähren zu müssen. Das bedrohliche Fremde, das sind hier nicht muslimische Migranten oder EU-Bürokraten wie in Ungarn oder Polen, sondern ist alles Russische, in welcher Form es sich auch einschleichen will, zum Beispiel in der russischen Sprache.

Da man sich des Eigenen in der ukrainischen Konturlosigkeit doch nicht sicher ist, stützt man es am besten auf angeblich ethnische Tatsachen ab. «Die Ukraine den Ukrainern!» – den echten, nicht den Papier-Ukrainern! Das Bürgerverständnis, auf dem der europäische Rechtsstaat beruht, stört dabei. (Auch in der Schweiz werden gelegentlich ein echter Schweizer und einer, der nur das Staatsbürgerrecht hat, lautstark unterschieden.) Dass die von Russland unterstützten Separatisten seit Jahren immer wieder ukrainische Soldaten töten, dieses Jahr wieder vermehrt, scheint den Hass zu rechtfertigen. Das menschliche Erleben von der andern Seite wird nicht mitgefühlt.

Und dennoch: Putin ist trotz seiner Stalinverehrung noch lange kein neuer Stalin und möchte es auch nicht werden, seine Visionen von gelenkter Demokratie und Vertikale der Macht sind ganz andere. Ebenso zeigen die drei ukrainischen Präsidenten, die den Bandera-Kult förderten, absolut keine Neigung, in ihrer Politik dem Vorbild des Helden Bandera zu folgen und eine faschistische Umgestaltung anzustreben. Alle drei – Juschtschenko, Poroschenko und Selensky – sind in ihrem persönlichen Werdegang und in ihrer persönlichen Gesinnung nicht einmal überzeugte Nationalisten, die sich von der nationalen Ideologie emotional hinreissen liessen.

Gerade der russischsprachige Selenski mit seiner jüdischen Abstammung und seinem jüdischen Oligarchen als Mentor kann keinen Grund haben, Sympathisant rechtsextremer Gruppen zu sein – trotzdem stellt er sich hinter die Verehrung des Antisemiten Bandera und hinter die antirussischen Sprachengesetze. Offenbar greifen Politiker in der Ukraine schnell zur nationalistischen Karte, um vielleicht so ihre schwindende Popularität zu retten. So wie Putin die imperiale Karte spielen wollte mit dem Anschluss der Krim, als er sich in einem bedenklichen Tief seiner Popularität befand.

Es ist eine hohe Kunst, die von einem Präsidenten der Ukraine erwartet werden müsste, welche typische Politikerkarrieren übersteigt: energisch sich gegen erneute Vereinnahmung oder andauernde Schwächung und Destabilisierung der Ukraine durch die strategischen Absichten Putins zur Wehr zu setzen, OHNE dabei Marionette der eigennützigen Interessen westlicher Mächte zu werden, UND zugleich nicht dem Nationalismus als Basis der vermeintlichen Wählergunst zu verfallen, sondern alles zu pflegen, was menschlich – also auch sprachlich – Ukrainer mit Russen verbindet. UND dabei noch schonungslos gegen die eigenen korrupten Netzwerke vorzugehen, um glaubwürdig den Rechtsstaat zu fördern, der nun einmal europäisch und nicht russisch geprägt ist. Und doch sehe ich keinen anderen Ausweg.

PS: Wer sich in Russland oder in der Ukraine als Tourist aufhält, wird vermutlich den Eindruck haben, er befinde sich in ganz normalen und unter sich sehr ähnlichen Staaten. Er wird in Moskau nicht auf ein kritisches Wort über Putin hin verhaftet und stürzt am Flughafen von Kiev nicht ins Chaos. Meine Charakterisierung als autokratisch und anarchistisch soll kein absolutes Urteil sein, sondern zwei Tendenzen beschreiben, die nur im Vergleich bei intensiver Beobachtung deutlich auffallen können. Sie sollen einem Verstehen und nicht einer einseitigen Polemik Nahrung geben. Gemeinsamkeiten wären genauso zu entdecken und zu beschreiben!

Sehr zu empfehlen als Lektüre zum Thema des Artikels sind die Werke von Andreas Kappeler, einem in Deutschland und Österreich lehrenden Schweizer – dem ersten deutschsprachigen Historiker, der sich als Schwerpunkt der Ukraine widmete. Sie berücksichtigen beide Aspekte: Polarität und Verwandtschaft. «Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer», München 2017. «Russland und die Ukraine. Verflochtene Biografien und Geschichten», Wien 2012.

*Peter Lüthi ist 1949 bei Glarus geboren und dort aufgewachsen. Geschichtsstudium an der Universität Basel mit Schwerpunkt Osteuropa und Russistik. Seit der Auflösung der Sowjetunion regelmässige Tätigkeit als Lehrer und Berater freier Waldorfschulen in Russland und der Ukraine mit den Schwerpunkten Pädagogik, Zeitgeschichte und Geschichtsunterricht.

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