Die Russen in Syrien

Arnold Hottinger's picture

Die Russen in Syrien

Von Arnold Hottinger, 24.09.2015

Das russische Engagement in Syrien verändert die bisherigen Konstellationen und wirft neue Fragen auf.

Der russische Aufmarsch in der syrischen Provinz Latakia hat nun ein Niveau erreicht, das nach den Einschätzungen der westlichen Beobachter ungefähr den gegenwärtig noch existierenden Restbeständen der syrischen Luftwaffe gleichkommt. Allerdings mit dem Unterschied, dass es sich bei den russischen Waffen um bedeutend modernere und zielsicherere Systeme handelt.

Das Arsenal

Die Beobachter glauben, 28 russische Kampfflugzeuge seien bereits in Latakia stationiert. Es soll sich dabei um 12 Su 24 Bombenflugzeuge handeln, um 12 Su 25 Kampfflugzeuge für Bodeneinsätze und um 4 Su 30 für Mehrzweckeinsätze. Es gebe auch zwei unterschiedliche Arten von Drohnen und 20 Helikopter, teils mit Kanonen bestückt, teils Truppentransporter.  Dazu kommt das ganze Gerät, das zur Sicherung der Flugbasis dient, darunter einige T 50 Panzer und SA 22 Luftabwehrraketen.

Die russischen Mannschaften, die eingetroffen sind, sollen die Sicherheit der Luftbasis aufrecht erhalten. Sie reichen nicht aus, um das Kräfteverhältnis zwischen den syrischen Regierungstruppen und den Kämpfern der verschiedenen Rebellengruppierungen entscheidend zu verändern.

Unterkünfte für 2000 Soldaten

Doch nach den neuesten Beobachtungen arbeiten die Russen auch an zwei anderen Stellen in der Latakia Provinz neben ihren Aktivitäten zum Ausbau des bestehenden Flughafens von Latakia. Auf einem Militärgelände der syrischen Armee, das Snobar genannt wird, führen sie Planierungsarbeiten durch und errichten Zelte, wie sie für russsiche Soldaten in Gebrauch sind. Vergleichbare Aktivitäten finden auch in einem syrischen Waffendepot statt, das Istamo genannt wird. Unterkünfte für etwa 2000 Mann seien im Bau.

Die Amerikaner glauben, dass russische Drohnen bereits über Syrien fliegen. Sie dürften der Bestimmung von Zielen dienen, die später angegriffen werden könnten. - Wann es zu Angriffshandlungen kommt und gegen welche Ziele sie gerichtet werden, bleibt abzuwarten.

Putins Rede in Israel

Präsident Putin hat dieser Tage den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu getroffen und bei dieser Gelegenheit sehr deutlich erklärt, Russland gehe es in erster Linie um die Erhaltung des syrischen Staates. Dass dieser dank der russischen Unterstützung zukünftig Israel angreifen könnte, schloss Putin aus. Die syrische Armee, so sagte er, habe zur Zeit genügend Feinde und könne es sich nicht leisten, eine weitere Front gegen Israel zu eröffnen.

Putin vergass nicht, Libyen zu erwähnen, wo die Luftangrisse seitens der westlichen Mächte zur Unterstützung der gegen Ghaddafi gerichteten Rebellion keineswegs die erhoffte Demokratisierung brachten, sondern den Zerfall des libyschen Staates und das Wachstum der libyschen Branche von Anhängern des angeblichen Kalifates vom IS im Schatten der rivalisierenden libyschen Milizen und der von ihnen abhängigen beiden Rivalenregierungen von Tobruk und Tripolis.

Das abschreckende Beispiel von Libyen und dem dortigen katastrophalen Fehlschlag der Intervention des Westens hatten die Russen von Beginn der syrischen Unruhen an - schon im März 2011 - angeführt, wenn sie erklärten, ein "Regimewechsel", wie er in Libyen versucht worden sei, komme in Syrien nicht in Frage.

Rettung des syrischen Staates

Was genau die russische Formel von der "Erhaltung des syrischen Staates" besagt, bleibt wahrscheinlich offen bis zu den Verhandlungen mit den westlichen Mächten. In solchen Verhandlungen wird darüber gesprochen werden, ob und in wie weit das Regime Präsident Asads mit dem syrischen Staat, den Russland erhalten will, zusammenfällt. Die Amerikaner hatten ursprünglich erklärt, Asad müsse abtreten. Die Russsen lehnten dies strikt ab. Nun sind die Amerikaner nach Aussagen von Aussenminster Kelly  bereit, über eine "Übergangsfrist" zu sprechen, während der Asad an der Macht bleiben könne. "Übergang" wozu? Dies könnte Gegenstand der Verhandlungen werden. Das gilt auch für die Frage, unter wessen Aufsicht der "Übergang" stattfinden soll.

Natürlich werden die Russen zunächst darauf abzielen, dass der "Übergang" auf eine Wiederherstellung des angeschlagenen syrischen Staates hinführt und dass dieser Vorgang von Asad und seinen wichtigsten Machtinstrumenten, lalso den syrischen Geheimdiensten, kontrolliert und vollzogen wird. Das würde natürlich die Erhaltung von Staat und Regime in Syrien bedeuten.

Gemeinsamer Feind IS

Die amerikanische Ausgangsposition in möglichen Verhandlungen wäre: "Asad kann vorübergehend bleiben, jedoch ein politischer Übergang unter der Aufsicht aussenstehender - möglicherweise neutraler - Kontrollen zu einem Regime, dem alle Syrier zustimmen können, ist unumgänglich." Doch die Ausssichten, dass die Amerikaner und Bundesgenossen eine derartige Zielsetzung durchsetzen könnten sind gering, solange die westlichen Mächte  nicht ihrerseits ebenfalls über militärische Mittel innerhalb Syriens verfügen.

 "Zusammenarbeit mit den Russen" in Bezug auf Syrien wird für Washington ohne Zweifel bedeuten, dass die Russen die Erhaltung des syrischen Staates und des Asad-Regimes als Gegenleistung für diese Zusammenarbeit fordern. Ob und in wie fern sie bereit sein könnten, von dieser Position abzuweichen, können nur Verhandlungen zeigen, falls es überhaupt dazu kommt.

Was das Kalifat vom IS angeht, so besteht Übereinstimmung zwischen den Russen und den Amerikanern darin, dass der IS bekämpft werden muss.

Fehlschlag der amerikanischen Pläne

Wenn es nicht zu Verhandlungen über die Zukunft des syrischen Staates kommt oder wenn diese fruchtlos abgebrochen werden, haben die Russen die Möglichkeit, mit ihrer bereits in Syrien stationierten Luftwaffe nicht nur gegen den IS zu wirken, sondern auch den Truppen Asads zur Hilfe zu kommen.

Unter den Widersachern der Armee Asads und ihrer möglichen russischen Stützen befindet sich auch eine kläglich geringe, viel beredete aber bisher nicht erfolgreiche Schar von syrischen Kämpfern,  die von den Amerikanern bewaffnet und ausgebildet wurden. Eine erste Gruppe von gerade mal 24 dieser Kämpfer überquerte die türkisch-syrische Grenze im Juli und wurde von Kräften der Nusra Front gefangen genommen, möglicherweise auch hingerichtet. Die Informationen darüber sind widersprüchlich. Eine zweite Gruppe von angeblich 74 Personen folgte der ersten, den Berichten nach unter Luftunterstützung durch die Amerikaner am 18. und 19. September. Was ihnen dann geschah, ist unsicher. Manche Berichte behaupten, auch sie seien Nusra anheim gefallen; andere behaupten sie hätten ihre Waffen an Nusra abgetreten, noch andere sagen, sie stünden im Kampf gemeinsam mit anderen Anti-Asad Kräften in Nordsyrien.

Scheitern des türkischen Plans

Die Türkei hatte im vergangenen Juli die Absicht angekündigt, einen Grenzstreifen zwischen Jarablus und Aziziye nördlich von Aleppo von "terroristischen" und von syrischen Streitkräften zu befreien und dort eine "Sicherheitszone" einzurichten. Doch dies ist bisher nicht geschehen. Es wird noch schwieriger und risikoreicher werden als zuvor, eine solche Zone zu verwirklichen, weil nun auch die russische Luftwaffe mitspielt. Dass Teile von Syrien an der türkischen Grenze als Sonderzone behandelt werden, dürften die Russen nicht billigen und daher auch nicht zulassen. Das dürfte das Ende des türkischen Planes bedeuten, dem die Amerikaner ohnehin nie ausdrücklich zugestimmt hatten.

Die Kurden sind der Meinung, der türkische Plan einer Sicherheitszone an der türkisch-syrischen Grenze diene in Wirklichkeit nur dazu, zu verhindern, dass die syrischen Kurden ihre an der Grenze gelegenen drei Enklaven zu einem einheitlichen Kurdengebiet zusammenschliessen, das die Kurden "Rojava" nennen. Zwei der drei Enklaven, Qameschli und Kobane, sind bereits miteinander verbunden, die dritte, die weiter im Westen an der türkischen Grenze liegt, Afrin, bleibt isoliert.

Wer wusste was?

Die Kurden behaupten, die türkischen Geheimdienste hätten der Nusra Front das Eindringen des ersten Kontingentes amerikanisch ausgebildeter syrischer Kämpfer über die türkische Grenze nach Syrien verraten und Nusra dadurch in Stand gesetzt, sie gefangen zu nehmen. Als Indiz dafür wollen die Kurden den Umstand werten, das nur die Amerikaner und die türkische Regierung über die Einschleusung der pro-amerikanischen Kämpfer nach Syrien Bescheid gewusst hätten. Sicherheit darüber, ob solche Vermutungen zutreffen, wird es schwerlich je geben. Die türkische Regierung dementiert sie.

Was die syrischen Rebellen angeht, so hat "Dschaisch ul-Islam" (Heer des Islams), eine weite Rebellenkoalition vieler Gruppen, die im Norden Syriens kämpfen und mit der Nusra Front zusammenarbeiten, erklärt, sie stehe von nun an im "Krieg mit den Russen". Doch ihr offizieller Sprecher präzisierte, dieser Krieg sei gegen die "russischen Soldaten in Syrien" gerichtet, nicht gegen "Russland". "Dschaisch ul-Islam" gilt als weitgehend von Saudi Arabien finanziert.

Verlässt die Hisbollah Syrien?

Was die Hisbollah angeht, die libanesische Schiiten Partei, die zu Gunsten der Asad Regierung kämpft, so gehen Hintergrundberichte um, nach denen die Hisbollah ihre Kämpfer aus Syrien abziehen könnte. Falls dies wirklich geschieht, hat man anzunehmen, dass die Hisbollah, der in Syrien grosse Verluste an Menschenleben zu verzeichnen hatte, die Gelegenheit zu ergreifen versucht, Syrien zu verlassen, weil nun die russischen Truppen, die Hisbollah als Stützen der syrischen Armee ablösen können.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Ausgezeichnete Analyse mit hohem Informationswert! Ein Lichtblick, bei so vielen schlechten und oberflächlichen Berichten die von anderen Journalisten zu lesen sind.

Die sunnitischen Königshäuser wollen den Sturz B. al-Assads. Sie wollen die Achse Hisbollah-Assad-Irak-Iran schwächen, denn vor denen haben sie Angst. Diese Länder haben in vielerlerei Hinsicht viel Potential, sie selbst nur Öl und Geld. Syrien ist jetzt am Boden, die Chemiewaffen weg, Hisbollah und Iran beschäftigt.
Die sunnitischen Gebiete in Syrien sind denen total egal, denn da ist nicht viel. B. al-Assad soll weg, das hat Priorität. Und die Schiiten und Kurden werden den Rest schon irgendwie halten.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren