Die Revolution geht weiter

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Die Revolution geht weiter

Von Arnold Hottinger, 15.07.2013

Solange in Ägypten die Mittelschicht, das Militär und die islamistischen Kräfte nicht zusammenfinden, herrschen revolutionäre Wirren. Es wird noch lange dauern, bis sie zusammenfinden.

Die arabischen Volksaufstände haben überall zu einer tiefen Spaltung der arabischen Gesellschaften geführt. Der Krieg ist Syrien ist nur ein Beispiel. Bürgerkriege drohen in Jemen und jetzt auch in Ägypten. In Libyen herrscht Chaos. In Bahrein sind zwar die bisherigen Herrscher weiter an der Macht, doch von einem Frieden ist man weit entfernt. In Tunesien gibt es ebenfalls gefährliche Spannungen. Dort allerdings versucht man weiterhin, eine Regierung mit Beteiligung aller zur errichten.

Diese Bilanz ist nicht endgültig. Was auch immer geschieht, eine Rückkehr zu dem, was vorher war, wird es nicht geben. Warum nicht? Dämme wurden zerstört, die sich nicht wieder aufrichten lassen.

Gemeinsamer Nenner: der Islam

Es gab in allen arabischen Gesellschaften schon seit sehr alter Zeit gewaltige soziale Unterschiede. Herrschenden Schichten mit ihrem Anhängertross, die Macht und Pracht entwickelten, standen geknechtete ländliche Untertanten gegenüber, die ihr Land selten selbst besassen. In Gegenden, die weit von den Städten entfernt liegen, gab es ebenfalls stark hieratisch geordnete Stämme mit ihren mächtigen und daher auch wohlhabenden Stammesführern.

In den Städten gab es eine Zwischenschicht von Händlern, Handwerkern und Gottesgelehrten. Doch sie war so gut wie nie politisch tonangebend und besass kaum je politische Rechte. Das ganze wurde zusammengehalten durch eine gemeinsame Kultur, die im Islam (wie er jeweils auch immer gelebt, verstanden und ausgelegt wurde) ihren gemeinsamen Nenner aufwies.

Zwang zur "Europäisierung"

In diese althergebrachte Ordnung drangen europäische Vorbilder ein, als im Verlauf des 19. Jahrhunderts deutlich wurde, dass die europäischen Heere den islamischen hoffnungslos überlegen waren.

Daraus ergab sich die Notwendigkeit, auch im Nahen Osten Kampfverbände im europäischen Stil und nach westlichen Vorbildern aufzubauen. Europäische Einrichtungen wurden verbreitet, nachgeahmt und immer mehr von der eigenen Gesellschaft übernommen. Nur so konnte man den sich aufdrängenden Fremden Paroli bieten.

Vor allem bei der Bewaffnung der Armeen sind die westlichen Mächte immer noch Vorbild. Nur "braucht" man heute Raketen und Bombenflugzeuge statt wie früher Uniformen und Musketen.

Die Effendis

Doch inzwischen sind neben materiellen auch organisatorische und geistige „Errungenschaften“ aus Europa und Amerika unentbehrlich geworden. Eine neue Schicht von Spezialisten entwickelte sich. Sie verstanden es, die fremden Errungenschaften in die eigene Gesellschaft einzupassen. Sie wurden "Effendis" genannt – ein Fremdwort, das über das Türkische aus dem Griechischen übernommen wurde. Es bedeutet etwa "Spezialist, Meister, der sich von seinem Wissen ernährt".

Diese Klasse der Effendis wuchs und wuchs. Doch die ursprüngliche Bedeutung des Namens ging verloren. Die meisten Stadtbewohner sind heute Effendis – oder sie möchten, dass ihre Kinder es werden. Deshalb schicken sie sie in die „modernen“ Schulen. Das sind jene, die nach europäischem Vorbild aufgebaut wurden. Damit sollen die Kinder die Chance erhalten, einst der Mittelklasse anzugehören.

Unterhalb der Mittelklasse leben in Ägypten und anderswo die Fellaheen, die Bauern. Sie sind nicht der Lage, in der weitgehend „verwestlichten“ Welt der Städter eine Rolle zu spielen. Oft streben sie eine solche Rolle auch gar nicht an.

Über der Schicht der einstigen Effendis standen und stehen die Machthaber mit ihren eigenen Hierarchien, Machtinstrumenten und ihren Günstlingen. Diese Oberschicht wurde früher von den Effendis nur selten in Frage gestellt.

Die Oberschicht musste sich etwas einfallen lassen

Die neue Mittelschicht war es, die Erneuerung, Wachstum und Entwicklung brachte. Ständig wurden Modelle, Errungenschaften und Erfolgsrezepte westlicher Herkunft eingeführt. Die Oberschichten mussten sich etwas einfallen lassen, um an der Macht zu bleiben. Was ihnen einfiel war "Nationalismus" und Berufung auf "nationale" Eigenart und Eigenständigkeit. Dies war erfolgsversprechend weil sie in Gesellschaften lebten, die sich oft getrieben sahen, immer mehr Fremdartiges bei sich aufzunehmen.

Doch der ideologische Ansatz der nationalistischen Machthaber wurde unglaubwürdig. Immer mehr wurde klar, dass die von ihnen angeführten Gesellschaften immer noch und weiterhin den Gesellschaften des Westens militärisch unterlegen blieben. Deutlich wurde dies durch die Niederlage von 1967 gegen den neu in der arabischen Welt eingepflanzten Kleinstaat Israel. Anschliessend herrschten die Machthaber mit reiner Gewalt und verwandelten ihre Länder in Staaten, die vom Militär und der Polizei dominiert wurden.

Aufstand der Effendis

Die arabischen Aufstände des Jahres 2011 könnten als Erhebungen der Effendis betrachtet werden. Das heisst: Erhebungen von Leuten, die aufgewachsen sind in Institutionen westlicher Herkunft. Ihre Vorbilder, die ihnen das Fernsehen übermittelte, sind westliche Vorbilder. Sie wollen sich nach westlicher Art selbst verwirklichen.

Sie vermochten grosse Teile der Unterschichten mit sich zu reissen. Entscheidende Vorstellungen aus Europa sind Gemeingut geworden, zum Beispiel der Slogan „Fortschritt durch Entwicklung“. Auch Sachzwänge wirkten zu ihren Gunsten: Auch in der arabischen Welt war deutlich geworden, dass diese "Entwicklung" nicht einfach befohlen werden kann. Entwicklung setzt eine Gesellschaft voraus, die ein Mitspracherecht hat und eigene Initiativen einbringt. Die herrschenden Machthaber jedoch liessen eine solche Entwicklung nicht zu. Sie waren zu sehr am Status quo interessiert.

** Evolutionsstau

Revolutionen finden immer dann statt, wenn die Evolution, das heisst die schrittweise Veränderung, aufgehalten wird und dann nachgeholt werden muss. Je mehr und intensiver sich der Lauf der Veränderungen aufstaute, desto gewaltsamer wird die Entladung.

Doch in der arabischen Welt bestand neben und unterhalb der neuen Mittelschicht der westlich geprägten einstigen Effendis die gewaltige Unterschicht der Bauern. Sie ist in sehr viel geringerem Masse in die Welt der verwestlichten Mittelschichten eingedrungen. Dies obwohl sie sich stark vermehrte und mancherorts, besonders in Ägypten, ganze Stadtquartiere besetzte.

Die Bauern waren aus diesem Grunde auf andere Weise ansprechbar als ihre verwestlichten Zeitgenossen. Sie hörten vor allem auf den Begriff „Islam“. Diese Unterschichten waren seit jeher gewöhnt, Autoritäten zu befragen, wie dieser, "ihr" Islam zu verstehen und zu leben sei. Sie fanden über die letzten Jahrzehnte hinweg Autoritäten, die ihnen ein Islambild vermittelten, das ihrer Lage entsprach.

Die Mittelklassen mit ihren importierten Lebens- und Kulturvorstellungen hatten ihnen den Rücken zugekehrt und sie allein gelassen. Von den neuen Effendis wurden sie als hoffnungslos „zurückgeblieben“ betrachtet. Sie wurden kaum mehr als Mitbürger, als Teil ihres Volkes anerkannt. Sie waren „blosse“ Fellahen. Dem Islam, dem sie sich dann zuwandten war leidenschaftlich, defensiv und aggresiv zugleich.

“Islamistische“ Ideologie

Eine ideologisierte und politisierte Lesart ihrer Religion fand bei vielen anklang, weil es dabei um "Identität", Selbstachtung ging. Die einfachen Leute fanden Ideologen - sehr oft enttäuschte Mitglieder der Effendi-Klasse -, die eine auf den Islam gestützte, "islamistische", Ideologie formulierten und sie ihnen in Wort und in Wohltaten nahe brachten.

Dabei gab es verschiedene Varianten. Die beiden wichtigsten waren jene der Muslimbrüder und jene des weiten Spektrums der Salafisten. Die Muslimbrüder entwickelten einen zentral geleiteten und landesumspannenden Apparat. Dieser hatte zum Ziel, ganz Ägypten und später auch andere arabische Staaten in einen islamischen Staat zu verwandeln. Wobei das entscheidende Kriterium für die islamische Natur dieses Staates sein würde, dass seine Untertanen unter der Scharia zu leben hätten. Wie genau ein solcher Staat aussehen werde, blieb unbestimmt. Manchmal wurde von einem "Kalifat" gesprochen, und der Hinweis auf die grosse Vergangenheit "des Islams" fehlte nie.

“Fremde“ Lebensumstände als Bedrohung

Auf diese grosse Vergangenheit beriefen sich auch die Salafisten. Doch ihre Bewegung ist nicht zentral geleitet, sondern mehr ein Sammelbecken von vielen Predigern mit ihrem jeweiligen Gefolge. Die Muslimbrüder werden oft durch bekehrte Effendis geleitet. Die Salafisten vielmehr durch Prediger, die aus dem traditionellen islamischen Bildungsweg hervorgingen. Dies bewirkt, dass die Muslimbrüder eher die heutigen Hindernisse kennen, mit denen die von ihnen angestrebte Islamisierung zu rechnen hat. Vielen Salafistenführern dagegen sind sie kaum realistisch und gegenwärtig, weil ihre Laufbahn als traditionelle Gottesgelehrte und Prediger sie an den Realitäten vorbeigeführt hat.

Manche Muslimbrüder sind durchaus bereit, das Islamverständnis zu hinterfragen. Doch ihr Publikum will zu grossen Teilen nichts davon wissen. Seine Lebensumstände sind so weit entfernt von den Zielvorstellungen, Zwängen und Notwendigkeiten eines "modernen", das heisst heute weitgehend globaliserten Lebens, dass diese "fremden“ Lebensumstände ihnen nur als Bedrohung ihrer "Identität" , ihres Selbstverständnisses, erscheinen.

Dieser zahlenmässig wohl grösste Teil unter den Mitgliedern und Mitläufern der Brüder, droht stets zu den Salafisten umzuschwenken. Dann nämlich, wenn sie das Gefühl haben, die Führung der Brüder richte sich allzu sehr nach Europa oder nach Amerika aus.

“Wollen wir unter den Muslimbrüdern leben?“

Bis 2011 existierten diese beiden Welten, jene der Brüder und Salafisten und jene der Effendi mit ihren jeweiligen Machthabern weitgehend getrennt. Es gab Zusammenstösse, aber kaum je ein Zusammengehen. Die Machthaber sorgten dafür, dass die "islamische Politik" nicht zum Zuge kam. Sie wussten genug über sie, um sie als Gefahr für ihre Machtstellung zu fürchten, und sie hielten sie nieder.

Doch im Augenblick der Volkserhebung von 2011 fanden sich beide Strömungen zusammen. Der Machthaber war für die Effendis unerträglich geworden. Sie organisierten die Revolution gegen ihn. Ihr wichtigstes Instrument war das Internet. Doch die Träger der "islamischen Politik" stimmten mit ein. Die ältere Generation ihrer Anführer riet zur Vorsicht. Doch die jüngeren Mitglieder und Gefolgschaften wurden mitgerissen und wollten auch mitwirken, um den Sturz des Machthabers herbeizuführen.

Dann wurde gewählt. Weil ungefälschte Wahlen stattfanden, siegte die einzige gut organisierte Gruppierung, jene der Muslimbrüder in Ägypten sowie die verwandte an-Nahda Gruppe in Tunesien.

Der Sieg dieser Gruppierungen warf aber für die Effendi-Klasse (auch die Militärs gehören zu ihr) sehr rasch die Frage auf: Wollten sie unter der Herrschaft der Brüder leben? Zwanzig Jahre zuvor hatte in einer ähnlichen Lage die algerische Offizierskaste beschlossen, das wolle sie nicht, und sie griff zu den Waffen, um es zu verhindern. Daraus wurde ein grausamer Bürgerkrieg, von dem das Land sich bis heute nicht voll erholt hat.

Mursi, von den Effendis bedroht

Unter Präsident Mursi verschlimmerte sich die wirtschaftliche Lage weiter. Dies führte dazu, dass die Effendis, die die islamische Herrschaft ablehnen, breite Unterstützung durch die notleidenden Unterschichten in den Städten erhielt.

Auch die "Überreste" des früheren Mubarak-Regimes, die immer noch grosse Teile der Bürokratien besetzt hielten, darunter auch jene der Polizei, stellten sich auf die Seite der Effendis. Ebenso die Armee, die schliesslich den Ausschlag gab.

Mursi selbst hatte seine eigene Position untergraben, weil er versuchte, seine eigene Macht möglichst rasch und rücksichtslos auszubauen. Er fühle sich unsicher und von den „Effendis“ zunehmend bedroht.

“Hammel, Kaffer, Überreste“

Nach Mursis Sturz wurde wieder eine tiefe Kluft zwischen den beiden Gesellschaftsformationen, den Effendis und den Islamisten, gerissen.

Neu ist, dass die „islamistische“ Seite nicht mehr bereit zu sein scheint, sich der Revolution der „Effendis“ unterzuordnen. Ihre Regierung wird nicht akzeptiert. Legitimiert fühlt sich die islamistische Seite nicht nur durch „die Legitimität des Islams“, sondern neu nun auch durch die „Legitimität der Urnen“. Sie hatten ja die Wahlen gewonnen.

Die beiden Seiten haben Schimpfworte für einander gefunden. Khuruf, "Hammel", sind die Islam-Anhänger in Augen der Effendis. Kuffar (Ungläubige, Kaffer) oder Felloul (Überreste) sind sie für die Islamisten. Blut ist inzwischen auf beiden Seiten geflossen. Jede Seite interpretiert die Zusammenstösse anders. Die Offiziere machen offenbar Anstalten, die Anführer der Muslimbrüder wegen "Beleidigung der Gerichtsbarkeit" und "Aufhetzung zu Unruhen", ja gar wegen "Spionage" vor Gericht zu ziehen. Was den Graben nur noch weiter vertiefen kann.

Die Revolution geht weiter

Doch die Revolution ist noch nicht vorbei. Die Sachzwänge sprechen dafür, dass früher oder später die beiden ungleichen und heute bitter verfeindeten Teile der arabischen Völker sich zusammenfinden, um die dringendsten materiellen und organisatorischen Probleme ihrer Länder anzupacken. Dass dies einer Seite gelingen könnte, während die andere alles tut, um sie daran zu verhindern, ist nicht vorstellbar. Dass die eine Seite die andere erneut niederhalten könnte, ist denkbar – allerdings nur kurz– und nicht langfristig. Bis die beiden Seiten zusammenfinden, werden die revolutionären Wirren andauern.

Kommentare

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Die Zustände im arabischen Raum unterscheiden sich kaum von den Erzählungen von Karl May.

Etwas erwähnt Arnold Hottinger nicht: die gewaltige Zahl der Analphabeten in der arabischen Welt, besonders auch in Aegypten. Weder die Muslimbrüder und Salafis noch die Effendis scheint das zu berühren. Analphabetismus ist der Fluch der arabischen Gesellschaft, dem bestenfalls Christen entfliehen können, Juden wurden ja nach der Gründung Israels aus den arabischen Ländern verjagt. In Aegypten sind 40% der Bevölkerung, davon 60% der Frauen Analphabeten (Bundesrätin Leuthart, 2009). Die Effendis sind dem entflohen, die Islamisten machen sich das politisch zunutze. Es ist tatsächlich interessant, wie die Auseinandersetzung zwischen der rückwärtsgewandten, primitiver Religionsauslegung verpflichteten Islamistenparteien und den Effendis, die den westlichen Fortschritt erstreben, mindestens wirtschaftlich ausgehen wird. Beiden scheint eigen zu sein, dass sie Demokratie auf freie Wahlen reduzieren. Wirkliches Demokratieverständnis fehlt beiden Seiten.

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