Die Phantom-Militärkolonne

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Die Phantom-Militärkolonne

Von René Zeyer, 17.08.2014

Wie kocht man einen lokalen Konflikt zum Krieg hoch? Mit Hilfe der Medien.

Eine Kolonne von 280 russischen Lastwagen mit Hilfsgütern für die Bevölkerung von der eigenen Regierung bombardierten Grossstädten im Osten der Ukraine eiert an der Landesgrenze rum. Eine fünfte Kolonne, ein Danaergeschenk, ein Vorwand für Russland, direkt militärisch in der Ukraine einzugreifen? Auch die Medien eiern rum. Aber es gebe noch eine zweite Kolonne.

Phantom-Invasion

Die ukrainische Regierung behauptet, eine Militärkolonne von russischen Panzerfahrzeugen sei unter Ausnützung einer Lücke in den Grenzbefestigungen in ukrainisches Territorium eingedrungen. Eine «bedeutender Teil» dieser Fahrzeuge sei bereits «vernichtet» worden. Der brandgefährliche NATO-Generalsekretär Rasmussen bestätigte sofort den «Einfall» der russischen Armee.

Auch die US-Regierung gibt eine offizielle Verlautbarung heraus: «Russland hat kein Recht, Fahrzeuge, Personen oder Güter jeder Art unter irgendeinem Vorwand ohne Erlaubnis der Regierung in die Ukraine zu schicken.» Der Sprecher des US-Sicherheitsrats fügt hinzu, dass die USA derzeit nicht bestätigen könnten, dass die Ukraine einen russischen Militärkonvoi angegriffen und teilweise zerstört habe. Die USA seien aber sehr besorgt über das wiederholte russische oder von Russland unterstütze Vordringen in die Ukraine.

Obwohl sich der Vorfall schon vor einigen Tagen ereignet haben soll, ist es also weder Spionagesatelliten, die notfalls die Bewegung eines einzelnen Menschen irgendwo auf der Welt aufzeichnen können, noch der NSA und allen weiteren US-Geheimdiensten, noch der ukrainischen Regierung gelungen, wenigstens ein verwackeltes Foto, ein abgehörtes Gespräch als Beweis vorzulegen. Die russische Regierung streitet offiziell alles ab, auch sie könnte ihre Behauptung beweisen. Aber das will man gar nicht, darum geht es nicht.

Nicht nur die Wahrheit stirbt zuerst

Wenden wir, da wir ja auch nicht mehr wissen, die gute alte Logik an. Russland solle also mal schnell einen kleinen Militärkonvoi in die Ukraine entsandt haben. Niemand vermochte bislang einen Grund anzugeben, wieso das Sinn machen könnte, was wohl der Zweck einer solchen Aktion wäre und ob wirklich jemand in Russland so bescheuert sein könnte anzunehmen, dass angesichts der heutigen Überwachsungsmöglichkeiten so etwas unentdeckt bliebe.

Nun ist nichts unmöglich. Ein subalterner russischer Militär will ein Zeichen setzen. Russland will die möglichen Reaktionen austesten. Die ukrainische Regierung will einen Vorwand erfinden, nach Mulitimilliardenhilfe endlich auch direkte militärische Unterstützung massiver Art vom Westen zu erhalten. Die USA wollen die EU und Russland in einen bewaffneten Stellvertreterkrieg in der Ukraine treiben, der beide schwächt und sie als lachenden Dritten profitieren lässt.

Zurzeit ist nur eines sicher: Wir werden wohl nie oder nicht so schnell herausfinden, was hier Erfindung oder Intrige ist, was wirklich geschah. Weder die USA noch Russland werden die Ergebnisse der Auswertung ihrer Spionagesatelliten auf den Tisch legen. Einfach deshalb, weil man damit ja dem möglichen Feind Informationen über die eigene Fähigkeit zur Aufklärung geben würde. Also bliebe doch eigentlich nur die berühmte vierte Macht in freien Staaten, die Presse.

Jämmerlich

Man muss nicht Parteigänger einer der am Konflikt beteiligten Mächte sein, um ein Mal mehr festzustellen: Das, was in den russischen Medien erscheint und das, was wir als Informationsquellen haben, steht sich in nichts nach. Es dürfte nun allerdings nur wenige Russen geben, die der festen Überzeugung sind, dass sie mehr oder minder objektiv, unabhängig und umfassend über die Situation in der Ukraine von ihren Massenmedien informiert werden.

Es gibt aber in Europa, auch in der Schweiz, immer noch einen bedeutenden Prozentsatz der Bevölkerung, die überzeugt davon ist, dass man dank der freien westlichen Presse, vor allem, wenn man zudem noch etwas googelt, schon einen der Realität entsprechenden Informationsstand erlangen könnte. In Wirklichkeit, und nicht nur bei diesem Einzelfall, bieten unsere Medien im Allgemeinen ein jämmerliches Bild. Zum Teil, vom «Spiegel» abwärts, betreiben sie Kriegshetze («Stoppt Putin jetzt!»). Zum anderen Teil, nicht zuletzt durch die weltweiten Sparmassnahmen in Redaktionen, berichten auch sie weitgehend das, was ein überarbeiteter Redaktor am Schreibtisch googeln kann.

Im besten aller Fälle steht einer der wenigen noch existierenden Korrespondenten mit dem Mikrophon in der Hand weitab vom Schuss und gibt wieder, was er vorher selbst aus der Presse entnahm. Das könnte er genauso und kostengünstiger im Studio des jeweiligen Nachrichtensenders tun, aber dann würde ja die Authentizität des Satzes fehlen: «Wir schalten jetzt live zu unserem Sonderkorrespondenten in Kannitverstan und stellen ihm die Frage: Was gibt es Neues vor Ort?»

Tun und nicht tun

Jeder von uns, ich natürlich auch, ist restlos überfordert, wenn er sich darüber informieren möchte, was denn nun wirklich in der Ukraine passiert. Daraus könnte man verständlicherweise den Schluss ziehen, dass der verregnete Sommer doch ein bedeutenderes Problem ist, dem man seine ungeteilte Aufmerksamkeit widmen sollte.

Soweit nicht ganz falsch. Aber: Was uns in der Schweiz wie der verregnete Sommer angeht, ist die Frage, ob sich die Eidgenossenschaft in irgendeiner Form an Strafaktionen der USA und des Machtgebildes EU gegen Russland beteiligen sollte. Und da braucht man keine vertieften Kenntnisse über Ereignisse in der Ukraine zu haben, um zu einem klaren und eindeutigen Schluss zu kommen: selbstverständlich nicht, unter keinen Umständen.

Kommentare

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Hätte viel lieber etwas erfahren, warum das Zivilflugzeug in dieser Region vom Himmel gefallen. Mit welcher Steinschleuder das getan wurde.

Auf jeden gratuliere ich Putin zu seiner Strategie. .... Und auf der Krim hat es jedenfalls bestens funktioniert. Es lebe Groß-Russland.
Chamberlain hätte wohl seine größte Freude gehabt. Ja, was uns gehen die Leute dort an. Wir sind sowieso neutral.

Vorab der opportunistischen und erschreckend schwachen deutschen Regierung und der nicht minder lamentablen Führungsmannschaft in Paris wegen, ist es dem kriegerischen Hegemon US-Regierung gelungen die naiven Europäer gegen die Russen auszuspielen und in Marsch zu setzen. Das schadet weniger Herrn Putin, der sich nun vermehrt mit China arrangiert, als eben diesen Europäern. Und der Yankee lacht sich ins hinter dem Atlantik in sicherer Distanz vom Geschehen ins Fäustchen. In der ARD brachte eine gescheite Frau diese absurde Situation folgendermassen auf den Punkt: "Ich lerne jeden Tag dazu: Jetzt gerade habe ich wieder gelernt, dass die Ukraine im Westen an die USA angrenzt." Bleibt noch beizufügen, dass die Kriegstreiber aus Washington in Form unzähliger "Militärberater" längst die Fäden in jener ukrainischen Arme ziehen, welche im Osten des Landes ihre eigene Bevölkerung bombardiert. Davon jedoch steht nichts in den Schweizer Mainstream-Medien. Niklaus Ramseyer

V. Putin hat viele Jahre damit verbracht, sein Land wirtschaftlich und politisch auf Augenhöhe mit der EU und den USA zu stellen. Mit der Krim hat V. Putin sämtliches Vertrauen verspielt. Auch ohne Sanktionen steht RUS im politischen Abseits. Das Verhalten wird sich auch ökonomisch bemerkbar machen. Abgeschnitten von den zwei grössten Märkten findet sich RUS nun zwischen ebenfalls sanktionierten Ländern wie Iran oder Kuba wieder. Egal wie es in der UA ausgehen wird, RUS mag die Krim gewonnen haben, jedoch zu einem hohen Preis. Konkurrenz ist für RUS derzeit anscheinend attraktiver als Kooperation.

Hurra, endlich mal ein Journalist, der die Wahrheit unumwunden ausspricht.
Halbgebildete Journalisten, die teilweise des Russischen nicht mächtig sind, kaum oder gar nicht recherchieren und den amerika-treuen Nachrichten-Bossen aus der Hand fressen... So sieht die Medienlandschaft in Deutschland aus! Traurig....

Besten Dank, Herr Zeyer, für die klare Stellungnahme. Es ist zu hoffen, dass der BR diesen Artikel liest und dadurch zu einer logischen Denkweise findet.
Das momentane "herumlavieren" ist für unser Land nur schädlich. Auch müsste der BR, bevor er sich zu Sanktionen oder Verboten der Umgehung von Sanktionen entscheidet auch berücksichtigen, dass die EU und die USA bei Projekten, wo es ums grosse Geld geht, für sich selbst Ausnahmen gewähren. Die harte Line ist nur für die „Kleinen“ und die „Andern“.
Einseitige Sanktionen, wie bei der Flugshow in Payerne, sind völlig falsch. Die Russen werden ausgeladen, die andere Kriegspartei, die Nato- Staaten sind willkommen ! Wo ist da unsere Neutralität ?

Auf den Punkt gebracht. Danke.

"Die Bürger werden eines Tages nicht nur die Worte und Taten der Politiker zu bereuen haben, sondern auch das furchtbare Schweigen der Mehrheit", Bertolt Brecht.

Man kann in diesen Satz "die Taten der Mainstream Journalisten" als Update einfügen. Früher waren sie wenigstens Teil der Lösung; heute zunehmend das Problem.

Was mich angeht, so halte ich mich an Informationen von glaubwürdigen Journalisten vor Ort, wie z.B. Shaun Walker vom Guardian, die eine Kolonne russischer Militärfahrzeuge gesehen haben in die Ukraine einfahren. Diese Reporter betreiben keine Propaganda, sondern solides journalistisches Handwerk - im Gegensatz zu Redaktoren oder PR-Lobbyisten, die an Pulten in Zürich, Hamburg, St. Petersburg, Moskau, Paris oder New York sitzen und offizielle Verlautbarungen und persönliche Ressentiments verarbeiten, aber keine Ahnung von Land und Leute, geschweige denn von den tatsächlichen Ereignissen haben - wie könnten sie auch?

Den PR-Krieg als Vorwand zu nehmen, um das Gewissen und den gesunden Menschenverstand abzuschalten ist jedoch falsch. Neutralität ist nicht Selbstzweck, die Schweiz ist darüber hinaus auch Werten verpflichtet und sie ist als Kleinstaat darauf angewiesen, dass Völkerrecht eingehalten, nicht aber gebrochen wird, wie derzeit von Russland.

M. Mathis, Zug

Man kann sich aber auf die Fakten abstützen und die besagen eindeutig, dass es Putin war, der die Krim annektierte und so zum Profiteur des Umsturzes in der Ukraine wurde. Zu dem darf auch die Frage gestellt werden, was für Interessen die EU oder die USA eigentlich an diesem maroden, ukrainischen Staat haben, der sie nur Milliarden kosten wird. Wer dies dauernd ausblendet, der singt bewusst das Lied der antiwestlichen Propaganda und Desinformation und wer die EU und USA feindliche Gesinnung des Autors kennt, darf sich nicht wundern, dass dieser plötzlich argumentiert, wie es auch eine Marinne le Pen, oder alle anderen antieuropäischen Vertreter der extremen Rechten tun. Schade, weil schändlich!

Fakt ist aber auch, dass es nicht Putin war, der den Umsturz in Kiew organisierte. Es scheint Ihnen übrigens entgangen zu sein, dass EU und USA schon lange ihr Interesse an der Ukraine bekundet haben. (Dafür haben sie auch einiges investiert). Die Krim war die logische, absehbare Folge des von Aussen gesteuerten Umsturzes. Absehbar und deshalb ist das Geplärre auch heuchlerisch.

Ob das jetzt eine "Annektion" war, oder ob die Krim-Bevölkerung von ihrem Sebstbestimmungsrecht gemäss UN-Charta und OSZE-Schlussakte gebrauch gemacht hat, nachdem in Kiew ein gewaltsamer Putsch stattgefunden hat?

Sicher ist, dass die Strategen in Washington nicht damit gerechnet haben, dass Putin als vorläufiger Nutzniesser aus dem von ihnen angezettelten Regime Change hervorgehen könnte.

Die Ukraine mag Pleite sein, aber sie beherbergt halt doch Europas wichtigstes Gastransitnetz, die drittgrössten Schiefergasvorkommen, den wichtigsten russischen Warmwasser-Flottenstützpunkt, und: eine lange Grenze zu Russland, an der sich prächtig NATO-Raketen stationieren liessen. Zur Verteidigung, versteht sich.

Eine "anti-westliche" oder gar "USA-feindliche" Gesinnung ist mir bei Herrn Zeyer bislang genauso wenig aufgefallen wie eine "extrem rechte" Haltung. Da müssten Sie konkreter werden.

Rene Zeyer ist unser Mann, aber nicht der in Bern, sondern bei den Mitdenkenden in unserem Land. Für die zunehmend Souveränen schlage ich bezüglich Ukraine-Manipuliermedien-Gau Folgendes vor (und zwar mindestens 2 Wochen lang - wie bei jeder gesundheitsfördernden Fastenkur!): Lesen und hören Sie nichts mehr "Offizielles", Reuter-Einheitsbreiiges. Enthalten Sie sich allen Sonntags-Blättern. So kommen Sie garantiert auf wohltuend andere
Gedanken. Viel Vergnügen und Freude damit !

Hören Sie auch ab und zu die Nachrichten am welschen Radio? Am Morgen von sieben bis acht Uhr, abends von sechs bis sieben auf LaPremière. Die haben fast immer Korrespondenten vor Ort, auch in Donetsk, und die Journalistin Aude Markovitch berichtet direkt aus Gaza.
Auch mit der Tageszeitung LeCourrier aus Genf werde ich gut, d.h. nicht immer 'ausgewogen' im Sinn der Massenmedien, informiert und komme deshalb zur gleichen Schlussfolgerung wie Sie, was die Sanktionen gegen Russland betrifft. (Der Sommer ist halt wie er ist und nicht der Rede wert.)

Übrigens: Französisch darf nicht vernachlässigt oder gar aus dem Lehrplan gestrichen werden.

Ein interessanter Hinweis, merci!

Das was wir in der westlich etablierten Presse von Spiegel (links) bis Bild (rechts) zum Konflikt in der Ukraine tagtäglich serviert bekommen, hat mit seriösem und unabhängigem Journalismus nichts mehr zu tun. Da wird reine Kriegspropaganda betrieben und Russland zu 99 % als der Böse, der Aggressor hingestellt. Recht haben Sie Herr Zeyer, Journalisten sind nur noch Schreibtischtäter, die sich ihre Berichte zusammengooglen. Kaum einer wagt sich mehr an die Front, um vor Ort zu berichten.

Die Verbrechen, welche in der Ostukraine von Seiten der ukrainischen Armee begangen werden, werden kaum erwähnt. Auch paramilitärische Gruppierungen, wie die berüchtigte Azov-Brigade, die ungestört ihr Unwesen treiben kann, lässt man gewähren.

Ob seit dem Umsturz auf dem Maidan alles besser geworden ist, wage ich sehr zu bezweifeln. Die Lebensmittelpreise und Energiekosten sind massiv in die Höhe geschossen (Gas + 60 %). Unter der Dusche kommt nur noch kaltes Wasser raus. Im Donbass-Gebiet ist das normale Leben zum Erliegen gekommen. Nahrungsmittel werden knapp, Strom und Wasser sind teilweise oder gar nicht mehr erhältlich. Renten werden nicht mehr bezahlt. Über 700‘000 Menschen sind nach Russland und nicht in die Westukraine geflüchtet. Der Bevölkerung in der Ukraine geht es definitiv schlechter. Kein westliches Land kritisiert die neue Regierung in Kiew und ihr rechtsextremes Umfeld.

Zu solchen Problemen müssten die Journalisten dringendst Stellung nehmen, tun sie aber nicht.

Kein einziger Krieg nach dem II WK. brachte einen wirklichen Sieger hervor. Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan, Libyen usw. Sieger blieben einzig die Aktionäre der Rüstungskonzerne, unfreiwillig alimentiert durch den Steuerzahler. Mit dem Leben bezahlt haben: Kinder, Frauen und Männer. Peter Scholl-Latour nannte sich selbst einmal einen Rufer in der Wüste. (Requiescat in pace) Hautnah dabei schaute er auf das Elend dieser Welt. Er versuchte den Wahnsinn auf möglichst vereinfachte Art zu erklären. Das wiederum passte vielen Kriegstreibern nicht, weil die gerne und überall auf kompliziert und unlösbar machen. Ich wünsche für die Zukunft:…..Mehr Macht der Diplomatie!...und eine unabhängige Propagandakontrollstelle. ..cathari

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