Die Mär von der Gier in uns

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Die Mär von der Gier in uns

Von René Zeyer, 08.07.2012

Banker verbreiten die Mär gerne. Sie seien doch nur Erfüllungsgehilfen der Gier und des Renditetriebs in uns allen. Und morgen erzählen wir ein anderes Märchen.

Jeder, der sich von einer Geldanlage einen Gewinn verspricht, sei ein Spekulant. Jeder, dessen Pensionskasse versucht, Altersspargroschen ertragreich anzulegen, sei an der Hatz auf Profit beteiligt. Also sei es doch nur die Gier in uns allen, die Banker dazu zwinge, in Befriedigung unseres Renditetriebs immer absurdere Finanzvehikel zu erfinden, in einer virtuellen Geldwolke von über 600 Billionen Dollar einen ganzen Derivatezoo zu unterhalten. Erstaunlich, dass dieses Lügenmärchen geglaubt wird.

Selber schuld

Als vermeintlich seriöse Schweizer Grossbanken Tausenden von Kleinanlegern, finanztechnischen Laien, vielen Pensionären Lehman-Schrottpapiere andrehten, gab es genug Häme. Selber schuld, mehr Gewinn, mehr Risiko, hätten halt nicht so fahrlässig sein sollen. Die armen Banker seien doch nur Erfüllungsgehilfen der urmenschlichen Gier nach Profit gewesen. Dass sie sich dabei garantiert sichere Extrakommissionen einstrichen, während die mit «Bankgarantie» und «100 Prozent Kapitalschutz» beworbenen Produkte absoffen, sei zwar unschön, aber kein Anlass für Mitleid mit den Verlierern, deren sauer erworbene Spargroschen sich in Luft auflösten.

Kälber und Metzger

Diesen Unsinn verbreiten verantwortungslose, haftungsfreie und völlig amoralische Gierbanker natürlich gerne. Denn er verwechselt Ursache und Wirkung, salviert sie von jeglicher Schuld, macht sie zu reinen Erfüllungsgehilfen des menschlichen Triebs nach Mehr, nach Gewinn, nach Profit. In Wirklichkeit ist es natürlich umgekehrt, und eher trivial. Das kann man in einer einfachen, logischen und nachvollziehbaren Argumentationskette aufzeigen.

Am Anfang ist das Risiko

Jeder Gläubiger, alle, die Geld verleihen, tun das nicht aus Altruismus. Auch der Kleinsparer möchte für seinen sauer erarbeiteten Spargroschen einen Zins bekommen. Zins ist dabei gleichbedeutend mit Risikoprämie. Die Höhe der Risikoprämie widerspiegelt logischerweise die Wahrscheinlichkeit, ob er sein Geld wieder zurückbekommt. Hoher Zins, hohes Risiko, kleiner Zins, kleines Risiko. Trivial.

Sicherer Wertverlust

Der Kleinsparer, der sein Geld nicht unter der Matratze verstecken, sondern einfach sicher anlegen will, verwendet dafür seit Urzeiten in der Schweiz das Sparbuch oder allenfalls Staatsobligationen. Bis vor wenigen Jahren machte er dabei einen bescheidenen Gewinn, oder der Zinsertrag garantierte ihm zumindest den Werterhalt seiner Ersparnisse. Anders gesagt: Er erhielt wenigstens einen Inflationsausgleich. Das hat null und nichts mit Gier oder Spekulation zu tun. Durch die verbrecherische Gratisgeld-Politik der wichtigsten Notenbanken der Welt funktioniert das aber seit rund einem Jahrzehnt nicht mehr. Wer sein Geld sicher anlegen will, verliert dabei Geld, weil die Inflationsrate höher als die Magerzinsen ist, die man auf dem Sparbuch oder bei Eidgenössischen Staatsobligationen bekommt. Also sucht der Sparer eine wenigstens werterhaltende Anlage. Auch das ist keine Gier.

Irren ist menschlich

Die überwiegende Mehrheit der Schweizer Lehman-Opfer, um bei diesem Beispiel zu bleiben, war keineswegs von Geldgier und Renditesucht getrieben. Sie bekamen lediglich soweit korrekt vorgerechnet, dass sie mit den klassischen und sicheren Anlageformen jährlich und kontinuierlich Verluste einfahren, durch Inflation minus sie nicht abdeckender Zinsertrag noch vor Steuern sich ihr Spargroschen scheibchenweise vermindert. Aber schön, fuhr dann der Bankberater fort, dass es dank dem modernen Financial Engineering neue Anlageformen gebe, bei denen das Risiko faktisch herausgerechnet wurde, die bombensicher seien und deshalb auch mit «Bankgarantie» und «100 Prozent Kapitalschutz» versehen. Um was es sich da genau handle, sei etwas kompliziert zu verstehen, aber da könne man dem fachmännischen Rat des Bankberaters doch vertrauen.

Hineingetrieben, nicht hineingerannt

Was für den Kleinsparer gilt, gilt umso mehr für sogenannte institutionelle Anleger, beispielsweise Pensionskassen. Sie sind verpflichtet, einen gewissen Ertrag zu erwirtschaften, um ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber es war und ist nun keineswegs so, dass profithungrige PK-Verwalter aus reiner Geldgier dazu übergingen, einen Teil des PK-Vermögens in sogenannte alternative Anlagen, bspw. in Hedgefonds, zu investieren. Sie wurden dazu gezwungen, weil bombensichere Anlagen wie Staatsschuldpapiere heutzutage nicht mehr bombensicher sind und zudem unter dem Strich, nach Abzug der Inflation, ein Verlustgeschäft darstellen.

Wer hat’s erfunden?

Es ist auch nicht so, dass gewinngierige Anleger Banker dazu gezwungen hätten, immer absurdere und undurchschaubare Finanzvehikel zu erfinden. Es ist nicht so, dass Anleger gefordert hätten: Ich will einen derivativen Spread-Ladder-Swap mit Knock-in-Barrier, der als Basket auf zukünftige Zinsschwankungen in Relation zur Windrichtung an der Wall Street und der Höhe der indonesischen Reisernte spekuliert. Alle diese finanziellen Massenvernichtungswaffen, wie sie der Altmeister Warren Buffett nennt, wurden in den Hexenküchen des Investmentbanking ausgebrütet und zum Einsatz gebracht. Nicht, um die Wünsche profithungriger Anleger zu befriedigen, sondern um Kommissionen und Boni in Multimilliardenhöhe zu generieren.

Wer profitiert?

Wenn man die Geldgier des Anlegers als Grundtriebkraft für die völlig ausser Kontrolle geratene virtuelle Derivatewolke unterstellt, dann müsste ja der Anleger daraus entsprechenden Profit gezogen haben. Das ist aber nicht der Fall, im Gegenteil. Nun gibt es natürlich Spielsüchtige, die es immer wieder ins Casino zieht, obwohl sie jedes Mal mit schmerzlichen Verlusten herauskommen. Es wäre aber absurd, eine solche Haltung allen Anlegern, vor allem kleinen, zu unterstellen. Wessen Gier den heutigen Finanzzirkus betreibt und befeuert, ist hingegen völlig klar. Die Gier dessen, der davon profitiert. Und wer ist das schon wieder? Nein, nicht wir alle. Und nein, auch nicht die kleinen Bankangestellten

Ich bin sehr wohl der Meinung, dass sehr viele Menschen sich von der einfchen Möglichkeit der guten Rendite haben blenden lassen und somit ihrer Gier nachgegeben haben. Ich stimme zu, dass sich diese Entwicklung systemimmanent aus den Bankenkonstruktuen ergeben hat, aber am Ende bleibt auch die Frage danach, warum wir alle dies zulassen und mitspielen. Meines Erachtens darf man diese Frage niemals relativieren. Dass Ihre Beschreibung der relativ einfach zu verstehenden Wahrheit entspricht, möchte in nicht in Frage stellen. Komischerweise wird einem immer versucht weiszumachen, dass alles so komplex und unkontrollierbar wäre. Ist es prinzipiell nicht, auch das ist eine Erfindung, wie der oben erwähnte Spread - Ladder - Swap, der mir einen bekömmlichen Grinser abgerungen hat. Vielen Dank!

Ein Rückblick auf Lehman ist es geworden, ein Seitenblick auf Libor-Gate eher am Rande, einen Ausblick vermisse ich nicht so richtig. Den kann man sich sparen, oder gleich Lotto spielen. Vielleicht bleibt er daher auch aus, denn wer soll und wie soll er diesen Banken-Filz rechtzeitig bändigen, geschweige denn zerschlagen? h****() happens. Ob man tatsächlich Marx im Kommentar zur Begründung zitieren muss, warum das so ist? Man kann, doch die Regeln der 'Gier' sind sicher um einiges primitiver. Das mit dem

„...alle schuld...“,

na ja, man muss eben erst einmal eine ausreichende Position auf der Leiter nach oben erklimmen, um seiner Gier den wirksameren nötigen Nachdruck verleihen zu können. Natürlich gibt es auf jeder der Stufen Solche und Solche. Man sollte einmal sortieren, doch ich bin mir sicher, es gibt da einen 'Index', wer warum ab einer bestimmten Stufe weiterklettert und wer nicht. Das ergibt sich schon aus und spiegelt sich in der allgemeinen, immer stärker und scheinbar schneller auseinanderklappenden Schere zwischen Reichtum und Armut.

Oder wehren sich die Banker tatsächlich schon gegen Marx' Argumente, wenn sie sich rechtfertigen?

Herr Zeyer, warum nicht einfach etwas weniger schreiben und die gewonnene Zeit zum gruendlichen Studium der Materie benutzen um dann anschliessend eine fundierte Meinung abzugeben (Sie wuerden dann hoffentlich auch 'Fluechtigkeitsfehler' wie das Abziehen von Kosten vom Profit vermeiden...)? Vielleicht waere in diesem Fall eine Abhandlung ueber Caveat Emptor und dessen Bedeutung und 'Pros & Cons' ganz interessant? Das waere einmal etwas anderes als Ihre andauernde billige Meinungsmacherei (mit der Sie sich natuerlich in die genau gleiche armselige publizistische Ecke wie Koeppel und Konsorten stellen). Aber das waere dann eben JOURNALISTISCHER Mehrwert und nicht reflektionsloser 'Kommunikationsberater' Trash.

Herr Zeyer, für einmal bin ich nicht vollständig Ihrer Meinung. Natürlich haben die Banken dafür gesorgt, dass viele, auch institutionelle Anleger Risikogeschäfte gemacht haben oder machen müssen, weil sonst keine Rendite mehr erzielt werden kann. Aber wie erklären Sie mir, weshalb auch kleine Anleger ihr ganzes Guthaben verzocken - nur weil Rattenfänger eine Rendite von 12% versprechen? Die isländischen Banken sind ein Beispiel hierfür. Und wieso vertrauen Kleinsparer ihr teuer verdientes Geld dubiosen, spekulativen Fonds an? Und wieso ist der so genannt kleine Mann seinerzeit Blocher und Ebner an den Lippen gehangen, als die neoliberale Indoktrination der wundersamen Geldvermehrung noch in den Kinderschuhen gesteckt hat? Die Gier mit ein paar Klicks Geld zu scheffeln, ist salonfähig geworden und nicht nur eine perverse Überlebensübung von ein paar unbelehrbaren Bankern. Es gibt auch sinnvolle Anlagen, die soziale und ökologische Komponenten berücksichtigen. Weshalb werden solche Anlagen nicht im Sekundentakt gemacht? Und wieso hat die ganze Bereicherungsmentalität der obersten Chefetagen auch in der Industrie durchgeschlagen? Jeder, der einen Betrieb mit 200 Leuten führt, will eine Million und mehr verdienen. Die Gier und Abzockerei hat systemische Ausmasse angenommen. Und dieser neue Lebensstil wird durch demokratisch gewählte Politiker legitimiert. Eine Gesellschaft verdient die Politiker, die sie wählt. Ein bisschen mehr Bescheidenheit, vielleicht sogar etwas mehr Demut sind Tugenden, die wir wieder erlernen müssen, wollen wir einem echten Wertewandel, der Not tut, eine Chance geben.

Lieber Herr Zeyer, Ihrer Analyse ist zuzustimmen … nur sind Sie aus meiner Sicht auf halbem Wege stehen geblieben: WARUM ist es denn so, dass die Staatsanleihen und normalen Sparzinsen der Inflation hinterher hinken? Weil die Investitionsmöglichkeiten für diese Anlageformen, aus welchen der Zins für die Anleger und die Gehälter und Boni der Mitarbeiter in den Ausgabeinstitutionen bezahlt werden, nicht mehr genug Ertrag abwerfen. Und woran liegt dies wiederum? Sind die Arbeiter, in deren Arbeit i.d.R. investiert wird (Mieten aus Gebäuden sind ja quasi z.B. schon wieder "Derivate" aus dem Arbeitslohn der Mieter), etwa fauler geworden? Nein, ganz im Gegenteil: Die Arbeitsproduktivität steigt, sogar deutlich schneller als die Löhne. D.h., dass jemand den so erzeugten Mehrwert abschöpft, i.d.R. der Investor/Kapitalist (um mal das unschöne Wort "Ausbeuter" zu vermeiden …). Aber warum reicht das dann nicht?

Nun, der von mir hier schon gelegentlich zitierte Herr Marx hat als Ursache hierfür ein Grundgesetz des Kapitalismus ausgemacht, das witzigerweise gerade auch durch die Steigerung der Arbeitsproduktivität zur Wirkung kommt: der "tendenzielle Fall der Profitrate". Der ist nun in der "Realwirtschaft" so weit vorangeschritten (nach jeder Krise und dem nachfolgenden Boom MUSS das passieren), dass die Rendite auf "normale" Anlagen/Investitionen gegen Null tendiert.

Und, wieder Marx (einen britischen Zeitgenossen zitierend): "Das Kapital hat einen Horror vor der Abwesenheit von Profit." (Daran anschliessend die berühmte "Formel", dass das Kapital = die Kapitalisten, bei – damals – 300% Profitaussicht jegliches menschliche Gesetz in den Boden stampfen … und sei es auf die Gefahr des eigenen Untergangs hin. – Heute dürfen wir wohl statt 300 eher 30% als diese Grenze annehmen …)

Nun traue ich persönlich den "gierigen" Bankstern jegliches Verbrechen zu … solange sie nur am Schreibtisch sitzend sich nicht selbst die Finger schmutzig machen müssen: Es ist eben einfacher, ein paar Millionen Menschen jährlich verhungern zu lassen, als sie mit eigenen Händen erschlagen zu müssen … Aber nach dem oben zitierten Grundregeln des Kapitalismus MÜSSEN sie so handeln und "gierig" sein … bzw.: Es kommen in diesem System nur solche Menschen auf die entsprechenden Posten, die dazu bereit und in der Lage sind. Auch eine Art von "Selektion" … nur eine, die die gesamte Menschheit ökonomisch, ökologisch und notfalls auch militärisch in den Abgrund reissen wird, wenn wir nicht rechtzeitig einen Ausweg finden … Und dieser kann eben aufgrund der inneren Gesetzmässigkeiten des Kapitalismus ZWEIFELSFREI NICHT innerhalb dieses Wirtschaftssystems selbst liegen.

Sie zielen auf die Bankster und Spekulanten - völlig zu Recht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die allermeisten Politiker in der Schweiz, den USA, wahrscheinlich sogar überall, sind Komplizen und Hehler. Der Bankster bescheisst die Pensionskasse und den kleinen Anlager, von dem Gewinn steckt er ein paar Prozent in die Parteikassen und schon gilt die alte Ablass-Regel "wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt".

Nach dem Libor-Skandal hätte die Politik alle juristischen Mittel in der Hand, aufzuräumen und bei den Absahnern zu kassieren. Wetten wir, dass nichts geschieht?

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