Die Industriefotografin Hilla Becher im Gespräch

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Die Industriefotografin Hilla Becher im Gespräch

Von Dagmar Wacker, 02.12.2011

Das Fotomuseum Winterthur zeigt Industriefotos des Fotografenpaars Bernd und Hilla Becher, die sich mit ihren Kameras vor allem und immer wieder mit dem Thema Bergbau beschäftigt haben.

Wer im Herbst 2005 die weiten Hallen im Westflügel des Centre Pompidou in Paris besuchte, betrat unvermittelt eine fremde Welt. Hunderte von Fotos von Fabrikhallen, Bohrtürmen, Förderanlagen, Hochöfen, Kohlebunkern, Gasbehältern und Lüftungsschächten bedeckten die Wände bis hinauf zur Decke. Die nach Motiven gruppierten Aufnahmen waren alle schwarz/weiss; die Objekte leicht erhöht und bei diffusem Licht aufgenommen.

Für Menschen, die am ‚Schreibtisch des Ruhrgebiets’ aufgewachsen sind, bedeutete dieses Gebiet der Schwerindustrie, als es noch voll operativ war, russgeschwärzte Gesichter, lange und beschwerliche Arbeitszeiten, Staublungen, ärmliche Behausungen und weite, zerstörte, weil jeglicher Natur beraubte Landschaften.

Auf diesen Bildern jedoch bekommen die Industriebauten eine eigene Schönheit. Das in Düsseldorf lehrende Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher hatte sich bereits in den 60er Jahren von diesen ‚Skulpturen’ verzaubern lassen und angefangen, sie in einem eigenen Stil zu dokumentieren und zu typologisieren - 40 Jahre lang. Sie wollten nicht nur den ästhetischen Wert dieser ‚Maschinen’ und Anlagen bekannt machen, sondern sie auch bildlich für die Nachwelt erhalten, überzeugt davon, dass diese Welt bald untergehen und für immer verschwinden würde. Das Serienkonzept, das die Bechers zur Vergleichbarkeit und Typologisierung der Objekte erfanden, sowie die strenge Sachlichkeit ihrer Aufnahmen inspirierte Künstler der ‚concept art’ und ‚minimal art’, beeinflusste ihre Schüler Andreas Gursky und Donata Höfer und trug ihnen internationale Preise ein. Jetzt ist eine Auswahl ihrer Arbeiten im Fotomuseum Winterthur zu sehen.

Wir trafen dort Hilla Becher, die mit Enthusiasmus über ihre Fotografie berichtet.

Frau Becher, wie kamen Sie auf das Thema der Industrieanlagen?

Es war eigentlich Bernds Idee, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und mit diesen Anlagen vertraut war. Für mich war es eine fremde Lebenswelt, die ich erst einmal verstehen lernen musste: Wo wird das Erz hochgefahren? Welches ist die Röhre, die den dabei entstehenden Staub aufnimmt usw.

Mussten Sie das zum Fotografieren wissen?

Ja. Wie bei einem unbekannten Meeresgetier: Wo ist der Kopf? Wo der Schwanz? Welches sind die wichtigen Organe? Nur so bekommt man die Ansicht, die das Tier charakteristisch darstellen kann.

Was war Ihr Hauptziel? Das Skulpturale darzustellen oder die Lebensweise?

Auf jeden Fall das Formale. Das macht Spass und treibt einen an. Für mich war es vorneweg ein Spass, schöne Bilder zu einem unentdeckten Thema zu machen: Diese Gegenstände aus Eisen zu zeigen, die fern jedes Designs und grosser Architektur, von unbekannten Klempnern und anonymen Firmen gemacht, solch einen ästhetischen Impakt haben. Dann hatte die bildliche Komposition eine grosse Bedeutung und schliesslich der Sammeltrieb. Da waren wir wie Zoologen oder Biologen im Sinne: Dies gehört noch zu unserer Typologie, und jenes auch.

Sie zeigen auch Arbeitersiedlungen. Waren da politische Überlegungen im Spiel?

Nein, nein überhaupt nicht. Es ging nur um verschiedene Methoden. Wir haben einerseits verschiedene Objekte miteinander verglichen, wie Zoologen verschiedene Elefanten, und andererseits ganze Industrieanlagen in bildliche Elemente aufgelöst: Die Gebäude von verschiedenen Seiten aufgenommen, die Eingänge, die Fahrradständer und die Gesamtanlagen, die Sie hier in der Ausstellung sehen können. Dazu gehörte bei der Zeche Zollern 2 auch eine sehr eindrucksvolle kleine Arbeitersiedlung.

Und doch sieht man nie Menschen.

Das hat drei Gründe. Einmal waren auf diesen Anlagen keine Menschen zu sehen. Die waren immer drinnen beschäftigt, ausser bei Schichtwechsel alle acht Stunden. Dann sind die Menschen im Verhältnis zu diesen Gebilden von oft Hochhausgrösse sehr klein. Wie Schaben oder Ameisen würden sie daneben wirken. Eigentlich demütigend im Grössenvergleich. Das Dritte, und für uns Wichtigste, war die Aufnahmetechnik. Um solch grosse Objekte detailscharf aufnehmen zu können, muss man eine Grossbildkamera stark abblenden und dann lange Belichtungszeiten nehmen. Da hätte uns jedes Lebewesen die Aufnahme verwackelt. Ausserdem, warum muss das überhaupt sein? Bei den Aufnahmen der Kathedrale von Chartres schreit auch niemand nach Menschen.

Ihre Bilder wirken entrückt, melancholisch, wie einen Untergang vorausahnend.

Es war uns bewusst, dass eine distanzierte Darstellung der Objekte, ohne Manipulation und Interpretation, diesen eine magische Wirkung gibt. Diese einfache Darstellung hat es im 19. Jahrhundert vielfach gegeben.

Bei August Sander.

Genau. Sander hat seine Portraitierten immer sich selbst darstellen lassen, nicht verändert. Er respektierte das Bild, das sie von sich geben wollten. Das tun wir bei diesen Industrieanlagen.

Und fotograferen Sie auch deshalb immer auf die gleiche Weise?

Eine Vergleichbarkeit bekommt man nur dann. Wichtig ist, dass das Licht durchschnittlich ist; es weder Schatten, noch Spitzen gibt.

Wie wichtig war dabei Schwarzweiss?

Das war damals die einzige Möglichkeit, die wir uns leisten konnten. Wir entwickelten selbst. Ich machte alle Abzüge. Ausserdem war damals die Farbphotographie noch nicht so fortgeschritten. Die Qualität war unbefriedigend und das Drucken schwer kontrollierbar. Heute ist das alles anders.

Würden Sie diese Objekte heute farbig aufnehmen?

Wir haben uns das später überlegt. Doch wir kamen zum Schluss, dass die Objekte in Grautönen besser vergleichbar waren. Ausserdem war die Farbe nur der Anstrich, wie beim Eiffelturm, der einmal grün, dann braun oder blau gestrichen wird. Seine Form ist jedoch das Entscheidende. Und Form ist viel direkter in Schwarzweiss darzustellen; die Oberflächen hingegen in Farbe.

Ihre Dokumentation rückt die Schönheit dieser Objekte ins Bewusstsein, sie lehrt, diese zu sehen, und erhält sie auch für die Nachwelt.

Das war ganz wichtig, denn davon finden die Archäologen später nichts mehr. Stahl wird abgebaut und eingeschmolzen. Dann ist das Objekt weg. Zudem, wenn etwas einmal bildlich dargestellt worden ist, dann wird es gesehen, es bleibt im Bewusstsein. Das Gehirn kann es andocken. Wie ein Kind, das einmal einen Fisch gesehen hat und jeden weiteren dann wieder bemerkt.

Was würden Sie denn heute diesem kollektiven Bewusstsein beibringen wollen?

So spontan fällt mir da nichts ein. Aber das Licht ist heute so schön. Eigentlich müsste man da fotografieren.

Die Ausstellung ‚Bergwerke und Hütten - Industrielandschaften’ von Bernd und Hilla Becher im Fotomuseum Winterthur dauert bis zum 12.1.2012. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen

Kommentare

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Candida Höfer nicht Donata

Industrielandschaften, Berg und Hüttenwerke, historische Anlagen die aber nichts preisgeben vom Mühsal und den Entbehrungen der damaligen Arbeitenden. Bonjour tristesse....bonjour Melancholie. Ein Ausschnitt der Evolution von Grosstechnik erzeugt mit sprödem Charm trotzdem eine Art Wehmut. Heroische Zeiten und Zeitzeugen eines Aufbruchs aus wilden Epochen.. Nur noch die Dampflokomotive kann das alles überbieten. Sie ist eine Art Lebewesen, fühlt sich warm an und wird durch ihr schnauben und stampfen meist nicht mehr als Technik wahrgenommen. Feuer,Wasser, Luft und Erde ( Kohle) bezeugen die vier Elemente Lehre. Im Chinesischen wäre das die fünf Elemente Lehre, nämlich die fünf Grundelemente Metall, Holz, Erde, Wasser und Feuer. Nah am Kessel hört man das gurgeln im Bauch. Geht der Betrachter vorne rum, riecht er den schwefligen Geruch der Karbidlampen jenes lebendige Licht das aus dem Messinggehäusen auf die Schienen strahlt. Man ahnt, hier handelt es sich nicht um ein Ding sondern man empfindet es als Wesen. Als Feuerross.Dutzende Messingarmaturen im Führerstand, verbunden durch kupferne Kapillarröhren mit dem Inneren dieses gutmütigen Riesen, geben uns Auskunft über ihren Zustand. Alles analog, das heisst auch für Laien noch begreifbar. Hinter dem Schieber in der Mitte die Flammen, das Herz der Maschine. Ein schnauben, ein zischen, ein schwitzen, verraten uns ihre Bereitschaft. Würde je wieder so etwas lebendiges gebaut werden? Alles andere das nach ihr kam verblasst bis heute im Gegenüber. Sie steht da als gutmütiges Halblebewesen, strotzend vor Kraft und immer bereit uns in die Weiten zu tragen. Mit ihr zu fahren, ähnelt fast einem religiöser Akt. Nie wieder wird Technik so begreifbar und nah am "Lebendigen" empfunden werden. Pflegen wir doch die, die noch da sind, denn sie gehören zu den bedrohten Halbtierarten.

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