Die Idee vom guten Leben

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Die Idee vom guten Leben

Von Stephan Wehowsky, 16.11.2012

Das dritte Heft des neu aufgelegten Kursbuchs überrascht mit seiner Themenstellung. Und einige der Beiträge überzeugen durch ihre intellektuelle Brillanz.

Ist das einst linke Kursbuch unter die Ratgeberliteratur geraten? Der Titel „Gut leben“ legt diesen Verdacht nahe. Oder ging es nur darum, ein Thema für möglichst viele Leser zu finden? Eine solche Strategie aber provozierte die Frage, warum sie unter dem Label des einst legendären Kursbuchs verfolgt wird.

Was hat dieses Label ausgezeichnet? Im neuen Heft erinnert Inge Pohl ganz am Anfang in einem „Brief einer Leserin“ daran, dass Hans Magnus Enzensberger 1965 im Vorwort der ersten Ausgabe des Kursbuchs geschrieben hat: „Kursbücher schreiben keine Richtungen vor. Sie geben Verbindungen an, und sie gelten so lange wie diese Verbindungen. So versteht die Zeitschrift ihre Aktualität.“

Das Buhlen um Zustimmung

Aber worin besteht die Substanz? Der Anspruch, der damals erhoben wurde und an dem sich der Relaunch heute messen lassen muss, besteht in neuartigen, ungewöhnlichen, vielleicht sogar avantgardistischen Sichtweisen. Man sucht den ganz speziellen intellektuellen Kick.

Und den findet man in diesem Heft - natürlich nicht in allen dreizehn Beiträgen. Aber schon der Auftakt von Armin Nassehi über die Frage des „guten Wirtschaftens“ ist ebenso erhellend wie amüsant. Nassehi untersucht die „anschwellende Werteorientierung“ in den Unternehmen, also die ethische Rhetorik. Dabei stellt er fest, dass ethische Werte Kategorien sind, „denen man schwer widersprechen kann.“ Der Vorteil liegt auf der Hand: Wer Verantwortung, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit etc. beschwört, kann auf Zustimmung rechnen.

Damit aber ändert sich gar nichts. Denn die Wirtschaft funktioniert nach dem Schema von Zahlung bzw. Nicht-Zahlung mittels des Codes des Geldes. Ausführlich beschreibt Nassehi, wie diese Codierung eine Wirklichkeit schafft – den Markt – die sich auf der einen Seite alle anderen Wirklichkeiten unterwirft, auf der anderen Seite aber nur eine sehr eingeschränkte Sichtweise darstellt.

Pure Selbstbehauptung

Wie passen nun ethische Rhetorik und die enge Codierung der Wirtschaft zueinander? In teils ironischem Anschluss an die „Diskursethik“, wie sie in den 1970er Jahren von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas entwickelt worden ist, beobachtet Nassehi heute den Trend dazu, dass das Mitreden an sich einen Wert darstellt. In den Beiträgen der „Diskursteilnehmer“ geht es um „Authentizität“, nicht mehr um die sachgerechte Behandlung von Problemen. „Wertorientierte Selbstbeschreibungen verdecken, dass es am Ende auf Märkten doch nur um den Markterfolg und die Marktgängigkeit geht.“

Der bekannte Wirtschaftsautor Reinhard K. Sprenger bemüht sich in seinem Beitrag, den Gedanken, dass Manager Vorbilder sein sollen, gegen den Strich zu bürsten: „Leadershit“. Manches ist gut gesehen und schön gesagt, aber insgesamt erscheinen Sprengers Ausführungen doch etwas überdehnt. Ähnliches gilt für den Beitrag von Christina von Braun: „Wir alle zahlen den Preis des Geldes.“

Wann marschieren wir ein?

Von der Wirtschaft zur Politik: In wohltuender Klarheit beschäftigt sich Herfried Münkler mit der Frage nach der „guten Intervention“: „Wann marschieren wir ein?“ Er beschreibt, nach welchen Kriterien in den vergangenen 50 Jahren seitens der Grossmächte in Konfliktherde eingegriffen und zum Teil auch von der Weltöffentlichkeit gefordert worden ist. Dabei wurde gerade in Deutschland die Diskussion auf die Frage fokussiert, ob ein militärischer Eingriff überhaupt legitim sei.

Münkler zeigt, dass diese Frage von der Voraussetzung ausgeht, dass das Militär prinzipiell über eine sehr grosse Macht verfügt, die es zu begrenzen gilt. Nun haben aber die Einsätze der vergangenen Jahre gezeigt, dass eher das Gegenteil richtig ist: Die Macht des Militärs wurde überschätzt. Daher war die Frage nach der Begrenzung falsch gestellt und führte zu fatalen Fehleinschätzungen.

Brauchbare Kriterien

Münkler konstatiert: „Wo man von vornherein sagen kann, dass die Grösse der Aufgabe die mobilisierbaren Kräfte überfordern wird, sollte man auf jeden Versuch des Einschreitens verzichten. Man würde dadurch die Dinge nur noch schlimmer machen.“ Der Untertitel seines Essays lautet: „Militärische Interventionen als Exportmärchen guten Lebens.“ Und in diesem Zusammenhang stellt Münkler fest, dass der Verzicht auf eine Intervention sich „mitunter zynisch und gefühllos“ ausnimmt. „Aber gerade die grössten Förderer von Interventionsentscheidungen werden zu deren schärfsten Kritikern, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sich das vorgestellt haben.“

Herfried Münklers Beitrag sollte zur Pflichtlektüre für Politikberater und Journalisten werden. Denn er versachlicht die Diskussion um militärische Interventionen und entwickelt klare und brauchbare Kriterien.

Die Idee des guten Sterbens

Ein anderer herausragender Beitrag stammt vom Palliativmediziner Gian Domenico Borasio und behandelt das Thema des „guten Sterbens“. Auf wenigen Seiten gelingt es Borasio, die Hoffnungen, Erwartungen und Befürchtungen der meisten Menschen im Zusammenhang mit dem Sterben zu beschreiben, sich mit der aktuellen Situation auseinanderzusetzen und in die Entwicklung der Palliativmedizin zu geben.

Das „gute Leben“ in diesem Zusammenhang? Erstaunlich ist es, dass Menschen an der Grenze des eigenen Todes einen anderen Blick auf das eigene Leben haben und klarer sehen, was im Leben wichtig ist und was sie möglicherweise verfehlt oder versäumt haben. Es ist sicher kein Fehler, sich beizeiten mit diesen Sichtweisen vertraut zu machen.

Das gilt um so mehr, als im Hintergrund innerhalb der Medizin ein erbitterter Kampf um die Deutungshoheit des Sterbeprozesses geführt wird. Während der Palliativmediziner Borasio stark auf die psychischen und spirituellen (!) Dimensionen achtet, blicken die Anästhesisten eher auf die reine Schmerzbekämpfung. Dahinter stehen massive Interessen der Pharmaindustrie. Die Zahlen, die Borasio dazu vorlegt, sind sehr aufschlussreich.

Gut essen

Ein Beitrag von Hans Förstl beschäftigt sich mit dem Thema Alzheimer und enthält ebenfalls wichtige Einsichten. Auf den ersten Blick skurril mutet ein anderes Thema an: „Gut essen“. Mit Jürgen Dollase hat die Redaktion aber einen Gastrokritiker gewonnen, der die Kunst beherrscht, buchstäblich über den Tellerrand zu schauen. Und so ist ein Beitrag entstanden, der sich mit unseren Ess- und Einkaufsgewohnheiten im Spannungsfeld zwischen industrieller Massenware und wirklicher Spitzenküche bewegt. Auch diesen Beitrag wird man so schnell nicht vergessen.

Andere Beiträge handeln von den Themen Religion, Gerechtigkeit, Glück und Wohnen. Auch hier finden sich interessante Perspektiven. Und so kann man nur hoffen, dass die Redaktion auch im kommenden Jahr eine glückliche Hand hat. Das nächste Heft erscheint am 15. Februar 2013 und hat den Titel: „Rechte Linke“.


Kursbuch 172, Gut leben, hg. Von Armin Nassehi, Chefredaktion Peter Felixberger, Oktober 2012, Murmann Verlag, Hamburg

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