Die einen durften nicht, die andern konnten nicht

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Die einen durften nicht, die andern konnten nicht

Von Journal21, Manuel La Roche - 03.06.2014

Das gab’s in der Fussballgeschichte nur einmal: Zwei deutsche Nationalhymnen vor einem Spiel. Erinnerung an einen illegalen Aufenthalt in Ost-Berlin, wo der Sieg der DDR über die BRD an der WM 1974 höchst manierlich gefeiert wurde – wenn überhaupt.

Von Emanuel La Roche

Drei Fragen beherrschen bekanntlich unser Leben: 1. Gibt es ein Leben vor dem Fussball? 2. Gibt es ein Leben nach dem Fussball? 3. Gibt es ein Leben ohne Fussball? Und zumindest diese letztere Frage kann nur negativ beantwortet werden, denn früher oder später ruft uns König Fussball gebieterisch in sein unermessliches Reich. Zuweilen ereilt dieser Ruf selbst Leute, denen – wie dem Schreibenden – dieses Reich relativ gleichgültig ist, obwohl sie beispielsweise seit den glorreichen Zeiten von Seppe Hügi heimlich für den FC Basel schwärmen, und zwar auch dann, wenn der Club ausnahmsweise mal nicht gewinnt, was ja wohl das typische Zeichen eines Fans ist.

Kein Wort davon in der Stasi-Akte

Item. Am Anfang dieser Geschichte stand aber nicht der Fussball, sondern Sigrid, die kleine, zierliche, blonde Frau aus dem äussersten Osten Berlins, damals noch Hauptstadt der DDR, die, vermittelt durch Freunde von Freunden aus Leipzig, an diesem sonnigen Sonntagnachmittag an der Weltzeituhr auf dem ansonsten öden Berliner Alexanderplatz auf den Schweizer Journalisten wartete, um ihn in ihrem Familien- und Freundeskreis das Spiel der Spiele miterleben zu lassen.

Eine aus Sicht der DDR illegale Aktion, denn der Journalist musste sich, da in Bonn akkreditiert, jeglicher beruflicher Tätigkeit auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik enthalten. Wieso Sigrid und er auf die verwegene Idee gekommen waren, sich ausgerechnet an der Weltzeituhr zu treffen, wo bekanntermassen auch immer Spitzel herumlungerten, ist immer noch ein Rätsel.

Ebenso rätselhaft, warum der Journalist in seiner dicken Stasi-Akte kein Wort über seinen Ausflug gefunden hat. Dabei ist er sich sicher, dass bei Sigrid in Berlin-Rahnsdorf draussen gewiss auch „Horch & Guck“ vor dem Fernseher sass.

Eine einmalige Paarung

Aber wir wollen ja von einer WM erzählen! BRD – DDR hiess es am 22. Juni 1974, eine erstmalige und, wie sich 15 Jahre später herausstellen sollte, auch einmalig gebliebene Paarung in der Fussballgeschichte. Umso erstaunlicher, dass die 65 000 Plätze im Hamburger Volksparkstadion bei dieser Gelegenheit nicht vollständig belegt waren, was aber nur zum geringsten Teil aufs Konto der DDR-Schlachtenbummler ging, denn die hatten ja nur rund 3000 Tickets beantragt, beantragen dürfen, muss man präzisieren.

Grossaufnahmen der kleinen Schar zeigten auffällig ähnlich gekleidete junge Männer in auffällig ähnlichen braunen Jacken mit auffällig ähnlichen beigen Hemden. „Alle von der Stasi“, murmelte einer der Gäste von Sigrid, während sie der DDR-Reporter hartnäckig als „unsere Touristen“ bezeichnete.

„Deutschland, einig Vaterland“ wird nicht gesungen

Grossartig auf seine Weise schon der Auftakt: Zwei deutsche Nationalhymnen! Zuerst, wie es sich gehört, die der Gäste: „Auferstanden aus Ruinen...“, doch blieben die in blaue Trikots gekleideten DDR-Männer stumm. Denn leider hiess es in ihrer schönen Hymne weiter hinten „Deutschland, einig Vaterland“, und das durfte zu jener Zeit nicht mehr sein. Die SED-Führung wollte damals alle Spuren einer gesamtdeutschen Vergangenheit tilgen, taufte deshalb etwa auch das Leipziger Hotel „Deutschland“ auf den Namen „Am Ring“, und verfügte, dass die Nationalhymne nur noch gespielt, aber eben nicht mehr gesungen werden durfte.

Die einen durften also nicht. Und die andern, die nun an der Reihe waren, konnten nicht: Zu Haydns Klänge der dritten Strophe des Deutschlandliedes – ebenfalls ein schöner Text zu sehr schöner Melodie – klemmten von Captain Beckenbauer über Breitner, Hoeness, Overath, Vogts bis zu Müller und Schwarzenbeck (Netzer kam erst später aus der Tiefe des Raumes) alle Mann die Lippen zusammen; ganz offenkundig konnten sie nicht singen, weil die den Text nicht kannten.

„Bombenmüller“ traf nur den Pfosten

Und dann war das Spiel im Gange, bei Sigrid zu Hause stieg die Spannung an - ein bisschen. Denn der historische Match lämmerte sich so dahin, einmal traf „Bombenmüller“ im schwarz-weissen Trikot nur den Pfosten, dafür verschoss Captain Kreische im blauen Trikot der DDR allein vor dem BRD-Tor, ansonsten passierte fast nichts, als ob sich Deutsche gegen Deutsche nicht weh tun wollten. Mehr und mehr fragte sich der Journalist aus dem NSA (Nichtsozialistischen Ausland) besorgt, wie er diese spannungsarme Partie denn ums Himmelswillen in eine für die heimische Leserschaft spannende Geschichte verwandeln sollte.

Dazu muss man sich vor Augen führen, dass es in der typischen DDR-Altbauwohnung von Sigrid höchst gesittet zuging, obwohl die vielleicht zehn Besucherinnen und v.a. Besucher den mit Käse und Schnittlauch belegten Schnittchen, dem Wernesgrüner Bier wie später am Abend auch dem Schokoladekuchen und dem dünnen Kaffee samt Wilthener Goldkrone herzhaft zusprachen. Aber niemand verlor die Contenance, kaum ein Jubelschrei, auch nicht, als die DDR-Nr. 14, ein gewisser Jürgen Sparwasser aus Magdeburg, in der 77. Minute Berti Vogts und Horst-Dieter Höttges stehen liess und aus der Drehung heraus den Maier Sepp im bundesdeutschen Tor zum 0: 1 für die Gäste aus dem Osten bezwang.

Seltsame Zurückhaltung der Sieger

Sieg für die Underdogs! Doch sowohl am DDR-Fernsehen wie auch in der guten Stube von Sigrid blieb es merkwürdig ruhig. Grad noch zu einem kurzen: „ein meisterlicher Auftritt!“ konnte sich der DDR-Reporter in Hamburg aufraffen, wenn sich der Journalist richtig erinnert. Und was seine Mitgäste von Sigrid betrifft, so hegte er sogar den Verdacht, sie seien im tiefsten Grunde ihres Herzens eigentlich etwas traurig über die Niederlage der BRD-Elf. Nicht, dass sie deren Sieg gewünscht hätten, soweit standen sie schon auf der korrekten Seite, das spürte man immer, wenn die Blauen sich gegen das Tor von Maier vorzuschieben versuchten, aber als echten Gegner – wie etwa Zürcher, wenn’s gegen die Basler geht – mochten sie die Schwarz-Weissen denn doch nicht empfinden.

Vielleicht waren die doch noch viel mehr Brüder & Schwestern, als man gedacht hätte. Und auch als dann der Journalist zu später Stunde in der S-Bahn zurück zum Grenzübergang Friedrichstrasse fuhr, präsentierte sich Ost-Berlin wie immer: dunkel. Kein Feuerwerk nirgends, keine begeisterten Fans, weder hupende Autos noch Flaggen und Fahnen. Das Land blieb ruhig, noch.

Und doch war es eine aufregende Rückfahrt, denn beinahe hätte der Journalist den Tränenpalast am Bahnhof Fridrichstrasse erst nach Mitternacht erreicht, zu welchem Zeitpunkt er die Grenzkontrolle unbedingt passiert haben musste. Heute kann man sich das alles gar nicht mehr vorstellen. Aber der Fusball, der bleibt.      

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