Die Dämme brechen

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Die Dämme brechen

Von Journal21, 24.07.2012

Nun ist es sozusagen amtlich alternativlos: Griechenland steht dort, wo es schon vor zwei Jahren stand: am Abgrund. Nur wird der Sturz heute viel tiefer sein, als er damals gewesen wäre. Nicht nur für die Hellenen.

In den wenigen Jahren seiner Existenz hat der Euro einen Schaden angerichtet, den man sonst nur mit einem mittleren europäischen Krieg hinkriegt. In den noch weniger Jahren ihrer Existenz haben die europäischen Rettungsschirme einen Schaden angerichtet, den man sonst nur mit ausführlichen Flächenbombardements hinkriegt. Dabei kommt das dicke Ende erst noch.

Momentaufnahme

Nehmen wir den soweit normalen Montag, 23. Juli 2012. Börsenabstürze (der deutsche Dax minus 3,2 Prozent, die Börse in Athen minus 7 Prozent). In Spanien fordern die ersten Provinzen finanzielle Nothilfe vom Staat. Bankaktien kommen weltweit unter Druck, das UBS-Papier ist mal wieder weniger als 10 Franken wert. In Italien ist es fraglich, ob im Süden einige Schulen nach den Sommerferien wieder eröffnet werden können - Geldmangel.

Und Deutschland bekommt Geld dafür, dass es Geld aufnimmt, während 10-jährige spanische Staatsschuldpapiere auf mörderische Zinssätze von über 7,5 Prozent steigen. Griechenland wird es nicht über den Sommer schaffen, wenn nicht subito weitere Zusatzmilliarden Nothilfe gewährt werden. Was endlich immerhin fraglich ist.

Also eigentlich ein ganz gewöhnlicher Wochentag nach dem nun aber allerletzten Krisengipfel, der nach bedauerlichen Fehlschlägen seiner Vorgänger grundsätzlich und für mindestens die nächsten fünf Jahre alle Probleme aus der Welt geräumt hat. Ein ganz gewöhnlicher Montag nach einem Freitag, an dem ein neues Rettungspaket von immerhin 100 Milliarden Euro auf den Weg gebracht wurde, das ja wirklich mehr als ausreichend war, um wenigstens Spanien wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Schamlosigkeit

Das alles ist das Resultat einer wohl inzwischen historisch einmaligen Unfähigkeit der Regierenden. In unheiliger Allianz mit dem Finanzsektor, also mit der kriminellen Vereinigung der wichtigsten Grossbanken, haben sie Privatschulden vergesellschaftet, Staatsschulden europäisiert und mit einer unüberblickbaren Anzahl von Wortbrüchen das Vertrauen ihrer Untertanen weitgehend verspielt. Wie das Amen in der Kirche folgen nach inzwischen 19 Krisengipfeln in zweieinhalb Jahren, vom ESM und ingeniösen weiteren Rettungspaketen ganz zu schweigen, die nächsten Katastrophen.

Aber eins muss man den Eurokraten lassen, an Schamlosigkeit sind sie nicht zu überbieten. Unerschütterlich verkünden sie mitten im absaufenden Euroland, dass sie alles im Griff hätten, ihre Politik weiterhin alternativlos sei und sowieso das Merkel-Unwort gelte: Fällt der Euro, fällt Europa. Dabei ist es sonnenklar: Europa fällt über den Euro.

Plan B?

Von Staatenlenkern könnte man ja zumindest erwarten, dass sie allenfalls auch einen Plan B zur Hand hätten, wenn Plan A offensichtlich und mit Anlauf und völlig vorhersehbar in einem krachenden Desaster endet. Zitieren wir dazu den Wirtschaftsminister des stärksten Eurolands, Philipp Rösler: «Für mich hat ein Austritt Griechenlands längst seinen Schrecken verloren.» So spricht das Mitglied einer Regierung, die noch bis gestern der alternativlosen Gewissheit war, dass Griechenland niemals aus dem Euro oder der EU aussteigen wird. Einer Regierung, die ein Rettungspaket nach dem anderen durch den deutschen Bundestag jagte. Einer Regierung, die bis heute keinen Plan B hat, wie sie, mit oder ohne Schrecken, mit einem Ausscheiden Griechenlands umgehen will.

Plan U?

Heisst der Plan der Eurokraten in Wirklichkeit U für Unfähigkeit oder U für Untergang? Es mag paradox klingen, aber beim Anrichten eines Schlamassels von solchen monströsen Dimensionen sind Zweifel daran erlaubt, ob man das lediglich mit unvorstellbarer Unfähigkeit hinkriegt. Könnte es nicht sein, dass in den geheimen Sitzungssälen, bei den abhörsicheren Videokonferenzen unter den Staatenlenkern langsam eine Stimmung herrscht wie bei den letzten Lagesprechungen im Führerbunker zu Berlin?

Statt über nicht existierende Ersatzheere und die Gewissheit des Endsiegs wird heute einfach über nicht existierende Rettungsmilliarden und die Sicherheit der endgültigen Rettung der Eurozone schwadroniert. Während alle Beteiligten wissen, dass sie Fantasmen nachjagen, während die finanziellen Einschläge immer näher kommen. Leider gibt es aber einen gravierenden Unterschied beim Ende.

Haftungslos und verantwortungslos

Schreckensszenarien wie der Untergang der Staatsmacht als gesellschaftliche Ordnungskraft, Aufruhr, Hungermärsche, militanter Protest, Faustrecht, rechtsfreie Räume sind ja keine Zukunftsfantasien mehr, sondern gehören in Griechenland, Spanien und Teilen Italiens bereits zum Alltag. Und das ist erst der Anfang, wo das alles enden wird, ist nicht absehbar. Eines ist aber klar: Restlos alle, die dafür Verantwortung zu übernehmen hätten, in erster Linie die Regierenden und die bedeutendsten Vertreter des Bankensektors, werden haftungslos und ungestraft davonkommen. Ausser, der Mob lyncht sie auf den Strassen. Auch das ist nicht länger ausgeschlossen.

Kommentare

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Es gab und gibt immer einen Plan B. Um das Gegenteil anzunehmen müste man den Initiatoren der gesamten Situation Unfähigkeit unterstellen, was bei der langfristigkeit der Pläne keinesfalls gegeben ist. Plan B umgibt uns alle! Jederzeit!

Die für ihre Nichtintegrierbarkeit bekannten ausländischen Kultubereicherer sind dieser Plan B.

Das Volk braucht einen physisch vorhandenen Feind. Es braucht jemanden, den es sehen und anfassen kann. Es braucht jemanden, der einfach nur so anders ist, dass man mit ihm sowieso nichts zu Tun haben will.

Keinesfalls ist es mit dem Feind "da oben" in der Bürokratie der Regierung oder der Marionetten in Brüssel enverstanden. Viel leichter ist es doch, wenn sukkzessive eine perverse Situation für das Volk geschaffen wird, aus dem es kein Entkommen geben darf. Gleichzeitig muss es unter allen Umständen die Regierung geschützt werden. Um das zu schaffen muss ganz einfach ein noch größerer Feind als sie selbst erschaffen werden - das sind dann die Kulturbereicherer. Alleine der Umgang zwischen Justiz und diesen Menschen gibt dieser These Recht.

Letztendlich wird es so sein, dass wir uns auf einen geplanten Krieg im eigenen Land gegen die Ausländer einlassen, obwohl sowohl wir als auch sie nur noch zur Kulisse des Abtauches der Regierungspersonen degradiert wurden. Noch ein wenig später wird niemand mehr wissen, wie denn das alles angefangen hat und wir werden uns wieder in jahrzehntelangen Grabenkämpfen mit allen möglichen Völkern befinden.

Dahinter stehen lachend die Drahtzieher der Scharade und wissen genau, dass auch ihre Zeit wieder kommenn wird. Dass ist dann der Plan C.

Und alles beginnt von vorne.....

Jetzt echt, das waren 19 Euro-Gipfel? Ich habe ja von Anfang an nicht mitgezählt und es waren viele, aber als ich 19 gelesen habe war ich schon geschockt. 19 und jedesmal wurde danach die endgültige Rettung verkündet.

Habe lange nicht einen so wahrheitsgemäßen Artikel gelesen ! Hoffentlich dringt dieser Kommentar endlich bis in die obersten Spitzen von Regierung und Banken durch. Dieser Artikel ist alternativlos !!!!! In Deutschland brodelt es........... noch im medialem ( Internet ) Untergrund. In bestimmten Foren kann man die Wut und den Ärger des Volkes registrieren. Diejenigen, die diesem schamlosen Pakt das Ja-Wort gegeben haben sind schon vorgemerkt und an die Bankster wird man auch herankommen. Die Völker Europas werden sich erheben............... bei den Deutschen dauert es etwas länger. Nur, wo soll das hinführen ???????????

Schöner Kommentar, der den Nagel auf den Kopf trifft.

Dennoch hält die Gründung der EUDSSR, nach der Lesart der Politikerkaste zu des Großkapitals Gnaden, in seinem Lauf weder Ochs, noch Esel auf. :-(

Gold & Silber Ahoi :-)

Plan B: Der private Besitz ist in fast allen Ländern ein Vielfaches der öffentlichen Verschuldung (und häufig spekulativ und/oder halb-legal entstanden). Hierauf (einschliesslich Schwarzgeldkonten) müssen die Staaten zugreifen - nur fallen dann die grossen Parteispenden weg.

Ratlos Was Herr Zeywer hier geschreiben hat, macht betroffen. Man ist geneigt, abwehrend beizufügen: 'stark übertrieben'. Er begründet aber seine Szenarien, illustriert sie und stellt Zusammenhänge her, nicht nur in diesem einen Beitrag. Zeyer sei Dank, dass er so fundiert und klar berichtet und kommentiert und einen trüben Blick in die Zukunft erlaubt.

Aber was nun? Was ist unsere Aufgabe als einfaches Stimmvolk? An einem schönen Sommerabend Strategien ausdenken mit Nachbarn und Freunden beim Bräteln an der untergehenden Sonne? Eine Alternative, statt über Olympia zu debattieren? Ja wirklich, wir hätten Wichtigers zu besprechen, als über Sport, was letztlich nur ablenkt vom Wesentlichen. Wer macht den Anfang und lädt seine Nachbarn zum politschen Straegie-Talk ein?

Lynchen, Teeren, Federn, in die Trülle sperren, an den Pranger ketten, Rädern, Vierteilen, unter die Guillotine, auf das Schafott oder was der Mob wünscht: eine Weile wird aufgeräumt, darauf richtet sich, wie meistens nach Revolutionen, das System, das sie gebar, wieder ein, Schicht für Schicht. Revolution ist keine Evolution, sie dreht nach oben, was unten war. Die echte Veränderungen wollen, werden von denen getötet, die nach oben schwappen und dort bleiben wollen, als ehrenwerte und oft brutalere Nachfolger jener, die sie vertrieben haben. Am Ruder bleibt die Macht, die die Rollen an andere Namen vergibt. Der Inhalt des Stücks, das seit Jahrhunderten mit anderen Schauspielern besetzt gegeben wird, bleibt, mit wenigen Anpassungen an die veränderten Möglichkeiten der Epochen, das selbe. Solange kein neues Stück geschrieben wird, ändert sich in diesem Theater nichts.

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Das Historische Bild

Vor 50 Jahren, am 28. September 1966, starb André Breton. Er gilt als der wichtigste Vertreter des Surrealismus in Frankreich. Im 9. Arrondissement in Paris trägt ein Platz seinen Namen. Ursprünglich wollte André Breton, geboren 1896, Arzt werden. Aber seine Begegnungen mit Paul Valéry, Stéphane Mallarmé und Guillaume Apollinaire führten dazu, dass er sein Medizinstudium abbrach, um freier Schriftsteller zu werden. 1919 gründete er zusammen mit Louis Aragon und Philippe Soupault die Zeitschrift Littérature, die sich zunehmend dem Dadaismus öffnete. 1924 verfasste Breton auch unter dem Einfluss surrealistischer Maler wie Max Ernst und Salvatore Dali das „Manifest des Surrealismus“. Ursprünglich stand diese Bewegung dem Sozialismus nahe, aber 1935 brachen Breton und einige seiner Freunde mit der kommunistischen Partei Frankreichs. Während des 2. Weltkrieges emigrierte Breton mit finanzieller Unterstützung von Peggy Guggenheim zusammen mit seiner 2. Frau, der Malerin Jacqueline Lamba, nach New York. Der Begegnung mit ihr widmete Breton sein vielleicht erfolgreichstes literarisches Werk, L´Amour fou. Nach dem Krieg kehrte Breton nach Paris zurück und blieb dem Surrealismus, der bereits seinen Zenit überschritten hatte, verbunden. André Breton trug im Laufe seines Lebens die bedeutendste Privatsammlung surrealistischer Kunst zusammen. Nach seinem Tod wurden zahlreiche Werke versteigert. Das Centre Pompidou hat einen Teil der Sammlung erworben und stellt sie in einem eigens dafür eingerichteten Raum aus. (Foto: Keystone/STR) Mehr…