Der Pensionär, der keiner ist

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Der Pensionär, der keiner ist

Von Journal21, 17.06.2016

Aus Anlass der Fussball-EM spricht Journal21.ch mit Bernard Thurnheer, dem bekanntesten und beliebtesten Fussballreporter der letzten Jahre.

(Das Gespräch mit Bernard Thurnheer führte Heiner Hug)

Bernard (Beni) Thurnheer war 40 Jahre lang Sportreporter für das Schweizer Fernsehen und Radio. Zusätzlich moderierte er Unterhaltungssendungen wie „Tell-Star“ und „Benissimo“. Vor zwei Jahren wurde er offiziell pensioniert.

Journal21.ch: Beni, träumst Du manchmal vom Fussball?

Beni Thurnheer: Nein, aber als Neunjähriger habe ich davon geträumt, Mittelstürmer der Nationalmannschaft zu sein und das entscheidende Tor zu schiessen.

Du wurdest nicht Mittelstürmer, aber einer der beliebtesten Sportreporter. Wie kam das?

Ich hatte mein Jus-Studium abgeschlossen und meldete mich 1973 beim Radio und Fernsehen. Wir waren 1'600. Dreissig kamen in die Endauswahl. Man musste auf dem Fragebogen ankreuzen, ob man lieber für das Radio oder das Fernsehen arbeiten wollte. Ich war der einzige, der die Rubrik „Radio“ ankreuzte.

Das Fernsehen war für Dich nicht so wichtig?

Damals hatte das Fernsehen noch nicht die Bedeutung wie heute. Als Winterthurer Junge war ich natürlich Fan des FC Winterthur. Doch der spielte nur jede zweite Woche in Winterthur. Die Auswärtsspiele verfolgte ich am Radio. Deshalb wollte ich schon früh Radioreporter werden.

Besuchst Du noch heute die Spiele des FC Winterthur?

Ja, oft. Ich verfolge die Spiele aus der Bier-Kurve heraus.

Bier-Kurve?

Die heisst so, weil sich in der Nähe ein Bier-Stand befindet. Natürlich gibt es dort nur Stehplätze. Es gibt im Stadion auch eine Sirup-Kurve. Dort sitzen Kinder und erhalten Sirup vom nahen Sirup-Stand.

Hast Du selbst Fussball gespielt?

Ja, immer am Samstagmorgen in der Fernseh- und Radiomannschaft als linker Aussenverteidiger. Nicht etwa, weil ich Linksfüsser bin, sondern weil man mich zu nichts Anderem gebrauchen konnte. In der Mannschaft waren auch Techniker, Handwerker, Tontechniker, Kameraleute. Das war toll. Man lernte, eine andere Beziehung zu den Leuten aufzubauen als im Studio. Gleichzeitig spielte ich auch beim FC Seuzach Senioren.

Erinnerst Du Dich an Deinen ersten Einsatz als Kommentator?

Man tastete sich langsam heran. Zuerst gab es Probeaufnahmen. Dann, als man zum ersten Mal auf Sendung war, wurde man von versierten Kollegen begleitet. Am Radio gab es ja diese Rundumschaltungen von Spiel zu Spiel. Da war man jeweils höchstens 30 Sekunden live auf Sendung.

Hat die Fussball-Begeisterung der Gesellschaft nicht etwas nachgelassen?

Früher hatte ein einzelner Match eine grosse Bedeutung. Heute wird fast immer Fussball gespielt und gezeigt: WM, EM, Champions League, Europaliga, Meisterschaft. Dazu kommen Spiele in Deutschland, England, Italien, Frankreich. Fast jeden Tag gibt es einen Match am Fernsehen. Damit wird das einzelne Ereignis abgewertet. Heute klagt man ja immer, es komme keine richtige Fussball-Euphorie mehr auf wie früher. Der Grund ist diese Inflation von Spielen.

Du warst einer der letzten grossen Sportreporter-Stars. Wieso gibt es diese heute nicht mehr?

Eben auch, weil die einzelnen Spiele früher eine wichtigere Bedeutung hatten. Ich war damals einer der einzigen Kommentatoren. Heute gibt es viele Spiele und viele Reporter, deshalb kennt man sie auch weniger. Aus diesem Grund kann es heute keiner mehr zu dem Bekanntheitsgrad bringen, den ich hatte. Damals musste man mich konsumieren, wenn man sich für Fussball interessiert. Ich wurde „zwangskonsumiert“.

Wie haben sich die Live-Berichterstattungen der Spiele verändert?

Früher berichtete man fast allein über ein Spiel. Ich sprach über alles, nicht nur über das Spiel auf dem Platz, auch über die Spiele der anderen Gruppen, über Reaktionen, sogar über das Wetter am Austragungsort, ich spekulierte, wie es weitergeht. Heute ist eine Matchberichterstattung auf bis zu fünfzehn Leute verteilt. Im Studio wird diskutiert, zusätzliche Reporter holen Reaktionen ein. Heute gibt es immer mehr von allem, mehr Kameras, mehr Experten. Der Live-Berichterstatter berichtet nur noch über das, was auf dem Platz geschieht, vom Anpfiff bis zum Schlusspfiff.

Wie hat sich die Sportberichterstattung generell verändert?

Das Ereignis selbst findet heute mehr und mehr einzig am Fernsehen statt. Alle anderen Medien müssen eine Zusatzleistung erbringen, etwas dazu erfinden. Sie bringen Vorschauen, Interviews, Historisches, Analysen. Alles wird auch immer mehr personalisiert. Die Zeitungen bringen lange Interviews mit diesem oder jenem Spieler, diesem oder jenem Trainer. Man bringt vermehrt Porträts der Stars. Auch im Sport entwickelt sich alles immer mehr zum People-Journalismus. Prominenz hat einen immer höheren Stellenwert.

Zudem gibt es eine Konzentration. Die grossen Sportarten fressen die kleinen. Fussball beherrscht fast alles. Wichtig sind noch Ski, Boxen und Formel-1. Aber ehemals grosse Sportarten wie Schwimmen oder Turnen sind heute Randsportarten. Eishockey ist auf die Alpenländer, die USA, Kanada und die osteuropäischen Länder beschränkt.

In der Schweiz schauen auch immer mehr Fussballfans die Begegnungen in der deutschen Bundesliga oder in der englischen Premier League. Diese Spiele nehmen heute fast den gleichen Platz ein wie die Meisterschaft in der Schweiz. Früher trugen die Kids Sportleibchen mit dem FC Winterthur, GC oder Young Boys. Heute tragen sie Leibchen von Juventus, Arsenal oder dem FC Bayern.

Du gingst vor zwei Jahren offiziell in Pension. Doch einer wie Du wird doch nie ein Pensionär sein.

Im Moment, während der EM, bin ich wieder voll dran. Allerdings nicht vor Ort in Paris, sondern im Fernsehstudio. Ich verfasse Zusammenfassungen der Spiele. Ich bin auch während einiger Spiele per Sprechfunk mit den Live-Kommentatoren verbunden. So kann ich ihnen direkt ins Ohr sagen, wenn sie vor Ort etwas falsch interpretiert haben: einen Torschützen verwechselt oder ein Offside falsch gesehen haben. Als Live-Kommentator ist man sehr eingeengt, da können Fehler passieren. Ich kann im Studio schnell zurückspulen und sehen, ob das Foul wirklich ein Foul war. Ich spreche dann meinen Kollegen vor Ort ins Ohr, wie ich es gesehen habe.

Und was tust Du, wenn nicht EM ist?

Am Sonntag fasse ich für das Sportpanorama, die Tagesschau und Multimedia Spiele zusammen und kommentiere sie. Über Kunstturnen berichte ich ja noch immer. Zudem moderiere ich Events, halte Vorträge, gebe Interviews. Beim Winterthurer Radio Top hatte ich eine Sendung „Von A bis Z mit Beni“.

Wie bereitet man sich auf eine Live-Berichterstattung eines Spiels vor?

Man kann sich nicht auf einen speziellen Match vorbereiten. Man muss sich jahrein, jahraus mit Fussball befassen, mit den einzelnen Mannschaften, den einzelnen Spielern. Jeden Tag muss man daran arbeiten, auch wenn nicht gespielt wird. Ich habe jeweils Kärtchen zu den Spielern angelegt: Geburtsdatum, auf welchen Positionen sie spielen, in welchen Klubs die gespielt haben, welche Titel sie gewonnen haben und so weiter. Dabei geht es vor allem um Zahlen. Doch du brauchst höchstens fünf Prozent von dem, was du vorbereitet hast.

Ich staune immer wieder, wie schnell die Kommentatoren die einzelnen Spieler auf dem Spielfeld kennen.

Auch da: Man kennt die Spieler mit der Zeit. Natürlich erkennt man sie auch an den Rückennummern, doch wenn die verdeckt sind, erkennt man sie zum Beispiel an den Frisuren. Die Blonden erkennt man immer schnell. Ferner erkennt man sie auf den Positionen, auf denen sie spielen, wer ihre Gegenspieler sind. All das ist Routine. Und viele Schweizer Spieler kannte ich natürlich persönlich.

Nach dem Spiel finden ja meist kurze Interviews mit einem oder zwei Spielern statt. Muss man für diese Interviews bezahlen?

Bezahlen muss man nichts. Im Vertrag verpflichtet sich der Klub, dass ein oder zwei Spieler zu einem Kurzinterview zur Verfügung stehen. Viele Spieler wissen, dass sie nicht gut reden können. Sie haben meistens fünf Antworten vorbereitet und intus. Sie geben dann jene Antwort, die am ehesten zur Frage passt. Das kann peinlich herauskommen, wenn der Spieler völlig an der Frage vorbei antwortet. Meist bestehen diese Antworten ja ohnehin aus hohlen Phrasen.

Im Gegensatz zu den Spielern ging beispielsweise Ottmar Hitzfeld hervorragend mit den Medien um. Er liess jeden von 500 Journalisten im Irrglauben leben, er sei einer der einzigen fünf, die einen guten Draht zu ihm, zu Hitzfeld, hätten.

Schaust Du Dir jetzt während der EM jedes Spiel an?

Ja, fast.

Juckt es Dich nicht, wenn Du heute einen Match siehst? Sagst Du Dir nicht, den möchte ich jetzt kommentieren?

Nein, ich habe mich ja auf meine Pensionierung langsam vorbereitet. Ich bin froh, etwas stressfrei zu sein und geniesse den Match dann umso mehr. Zudem ist das Dasein als Sportreporter nicht immer so romantisch, wie es sich viele vorstellen.

Inwiefern nicht?

Beispiel: Weltmeisterschaft in Brasilien. Du stehst pro Tag bis zu drei Stunden im Stau. Das geht an die Substanz. Immer die Angst, dass du zu spät kommst, dass man dich nicht ins Stadion lässt, dass die Leitung nicht zustande kommt. Wenn du dann erschöpft in der Kommentatorenkabine ankommst, geht es erst los. Dann kommst du um ein Uhr früh ins Hotel, oft aufgewühlt, um sechs Uhr musst du wieder raus.

Du warst einer der beliebtesten Kommentaroren. Wurdest Du auch einmal kritisiert?

Beim Europacup-Spiel Ajax gegen GC sagte ich einmal Xamax statt Ajax. Ein klarer Versprecher. Ein Journalist, der nicht beim Fernsehen genommen wurde, warf mir dann Inkompetenz vor. Seine Aussage wurde im Internet multipliziert. Ich empfehle allen Kollegen, die sozialen Medien nicht zu konsumieren.

Wie geht es mit Herrn Infantino weiter?

Der müsste ja eigentlich schon platt am Boden liegen. Den eingeleiteten Reformprozess will er rückgängig machen. Jetzt will er, wie es Blatter war, der alleinige starke Mann sein. Zwar hat es jetzt jeder gemerkt, alles ist so offensichtlich, aber vielleicht kommt er doch damit durch. Das lässt einen resignieren. Es gibt viele Vorschriften und Gesetze, auch bei der Fifa, aber einen Mangel an Vollzug.

... sagt der Jurist Thurnheer

Nur noch in 1. August-Reden eignet sich der Sport als Vorbild.

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