Der Mord an den 21 Kopten

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Der Mord an den 21 Kopten

Von Arnold Hottinger, 17.02.2015

Das "Islamische Emirat" von Libyen sucht sich als dritte Kraft auszubreiten. Es verwendet dabei die blutigen Methoden und die Strategie vom IS, dessen "Kalifat" es sich unterstellt.

Das sogenannte „Islamische Emirat“ in Libyen umfasst zur Zeit die drei Städte Derna, al-Baida und Sirte. In jeder der drei dürften etwas über 100´000 Menschen leben. Die Zahl der Bewaffneten, die dieses Emirat beherrschen, liegt wahrscheinlich unter 1´500.

Ein fast normaler Alltag

Die Bewohner von Derna beschreiben ihr tägliches Leben als weitgehend normal. Nur von Zeit zu Zeit kämen die Waffenträger des Emirates auf ihren Fahrzeugen in die Stadt, um irgendwelche Massnahmen zu ergreifen. Zu den harmloseren gehöre die Zerschlagung einer Bronzestatue in Derna oder die Schliessung von Läden, in denen Tabak oder Alkohol verkauft wurde.

Es kamen aber auch Mordaktionen und Entführungen von Aktivisten vor, die es gewagt hatten, öffentlich gegen das Emirat aufzutreten. Einige von ihnen wurden im IS-Stil geköpft. Das Emirat versucht, junge Leute als Kämpfer zu rekrutieren. Solche Rekrutierungsversuche abzulehnen, kann sich als lebensgefährlich erweisen.

Im Dienst des "Kalifates" vom IS

Derna war schon zur Zeit Gaddafis ein Schwerpunkt des islamistischen Aktivismus gewesen. Dieser wurde damals verfolgt, und viele der heutigen Aktivisten sind unter Ghaddafi jahrelang in den Gefängnissen gesessen. Das Emirat hatte im September seine Unterstellung unter das "Kalifat" vom IS erklärt, und Abu Bakr al-Bagdadi hatte sie angenommen. Doch nach allen Berichten gibt es keine Versuche, die drei Städte unter eine Art von „Verwaltung“ des „Emirats“ zu bringen. Dieses besteht vorläufig einfach aus Banden von Bewaffneten mit ihren Waffenlagern und Ausbildungszentren. Wie es sich finanziert, weiss man nicht. Man kann annehmen, dass die Bewaffneten hier und da Gelder erpressen.

Das Emirat ist offensichtlich entstanden, indem seine Protagonisten das Machtvakuum im Niemandsland zwischen der Regierung von Tobruk und jener von Tripolis und Misrata ausnutzten. In Bengasi herrschen ebenfalls islamistische Milizen. Sie werden von den Truppen der Tobruk-Regierung unter General Hafter mehr oder weniger aktiv bekämpft. Doch sie gehören nicht zum „Emirat“. Einige von ihnen sind mit Al-Kaida verbunden. Al-Kaida und IS sind heute als Rivalen anzusehen.

Krieg gegen "die Kreuzzügler"

Warum haben die Terroristen des Emirates koptische Gastarbeiter in Sirte gefangen genommen und sie gemäss dem neuesten Video, das sie veröffentlichten, am Strand in der Nähe von Tripolis ermordet? - In verschiedenen Videos erklärten sie zuerst unmittelbar nach der Entführung, dies geschehe als "Strafe" dafür, dass die Kopten in Ägypten muslimische Frauen "entführt und gefoltert" hätten. Diese Aussagen bezogen sich offenbar auf den 2010 in Ägypten ausgebrochenen blutigen Streit zwischen Kopten und Islamisten, der damit begann, dass koptische Frauen, die von muslimischen Gatten geschieden worden waren, in den Schoss ihrer Kirche zurückkehren wollten und dort Schutz suchten. Die Muslime behaupteten, es handle sich um muslimische Frauen, die von der koptischen Kirche geraubt worden seien und mit Gewalt dort festgehalten würden.

In dem Video, das die "Hinrichtung" am Meeresstrand zeigte, wurde der Terrorakt als eine erste Rachemassnahme für den Tod Ben Ladens erklärt. Die Terroristen sagten, das Blut ihrer Opfer mische sich nun im Meer mit den sterblichen Überresten Ben Ladens. Diese wurden bekanntlich von den Amerikanern nach seiner "ungerichtlichen Tötung" in Abbottabad (Pakistan) "zur See beigesetzt".

Gegen die "Kreuzfahrer"

Die Kopten werden von den Terrormördern entweder als "Mitglieder der feindlichen koptischen Kirche" oder auch als "Kreuzfahrer" bezeichnet. "Kreuzfahrer" ist in der Sprache der IS ein Sammelbegriff für alle Christen, denen zur Last gelegt wird, sie suchten die heiligen Stätten des Islams, besonders Jerusalem, zu erobern.

Kurz vor den Übergriffen gegen die Kopten hatte das „Emirat“ die Verantwortung für die Morde im Luxushotel von Tripolis vom 27. Januar übernommen. Damals waren neun Personen und mindestens vier Attentäter umgekommen. Der IS hatte die Untat für sich in Anspruch genommen und erklärt, sie sei Rache für den Tod des in Haft in Amerika verstorbenen Abu Anas al-Libi. Doch die Regierung von Tripolis hatte behauptet, es habe sich um einen Anschlag auf das Leben ihres Ministerpräsidenten, al-Hassi, gehandelt, der sich in dem Hotel befand. Urheber sei die Gegenregierung von Tobruk.

Strategie der Hass Ausbreitung

Ob diese Mordtaten im Einvernehmen mit al-Bagdadi durchgeführt wurden, oder ob sie auf Initiative des „Emirates“ zurückgingen, wissen wir nicht. Doch so oder so können sie nur bezweckt haben, die Spannungen in Libyen zu vertiefen und das dortige Chaos auszuweiten. Je chaotischer die dortige Lage wird und je bitterer die Kämpfe zwischen den beiden rivalisierenden libyschen Regierungen, desto besser stehen die Chancen für das „Emirat“, sich in Libyen auszubreiten und einzuwurzeln.

Das gleiche gilt auch von dem weltweiten Schauplatz des "Kriegs gegen den Terrorismus". Wenn es den IS-Extremisten gelingt, ihren Krieg auszuweiten, so dass er zum Krieg "der Muslime" gegen "die Chirsten", oder "die Kreuzfahrer" wird, dehnen sie ihre politische Basis gewaltig aus.

Ablehung aus Tripolis und aus Tobruk

Die beiden feindlichen Regierungen von Libyen haben diesmal erklärt, die Aktionen des „Emirats“ seien verbrecherisch. Die Regierung von Tripolis versprach, sie werde sofort gegen Sirte vorgehen und dem dortigen Treiben ein Ende bereiten. Doch ihre besten Milizen stehen zur Zeit im fernen Süden des Landes im Kampf um die Ölfelder von Sharara gegen Togo und Touareg Stämme.

Die Regierung von Tobruk sieht ohnehin den Kampf gegen den Islamismus als ihre Hauptaufgabe an, und sie steht in beständigen Gefechten mit den bewaffneten Islamisten von Bengasi. Sie hat in den letzten Monaten schon oft erklärt, demnächst werde sie ganz Bengasi beherrschen, und sie ist offenbar auch um einige Strassen und Quartiere vorangekommen. Doch das Ringen um die zentralen Quartiere der Stadt ist noch immer nicht beendet.

Offenes Eingreifen der ägyptischen Luftwaffe

Ägypten hat seinerseits offziell eingegriffen und erklärte offen, seine Kampfflugzeuge hätten Ausbildungslager und Waffendepots des Emirates am 16. Februar bombardiert. Der Luftwaffenchef erklärte, dabei seien mindestens 40 bis 50 Personen umgekommen. Ob es sich dabei allerdings um Bewaffnete des Emirates handelte oder um Zivilisten, stellte er nicht klar. Später wurde eine zweite Angriffswelle auf Derna gemeldet.

Die ägyptische Luftwaffe hatte schon früher auf Seiten Haftars und seiner Soldaten in die Kämpfe gegen die Regierung von Tripolis eingegriffen. Doch bisher hatte sie dies offiziell immer abgestritten. Diesmal handelte sie offen. Präsident Sissi stand unter Zugzwang. Schon vor dem Mord an den Kopten, als am 13. Februar ihre Entführung bekannt wurde und Todesdrohungen gegen sie laut wurden, klagten die Kopten darüber, dass der ägyptische Staat sie nicht schütze.

In der Tat waren die ersten Reaktionen der ägyptischen Behörden auf die Entführungen eher bürokratischer Natur. Ein Krisenstab wurde gebildet, der über die Lage beriet und die Kopten davor warnte, sich in Gefahr zu begeben. Die Evakuation der Ägypter, aus Libyen, so hiess es, sei im Gespräch.

Die Ägypter auf Arbeitssuche

Es gibt wahrscheinlich weit über 100´000 ägyptische Fremdarbeiter in Libyen. Sie gehen nicht freiwillig dorthin, sondern aus bitterer Not. Die meisten von ihnen sind als Bauarbeiter beschäftigt. Ungefähr zehn Prozent der ägyptischen Fremdarbeiter dürften Kopten sein. Viele von ihnen sind daran zu erkennen, dass sie ein tätowiertes blaues Kreuz im inneren Handgelenk tragen.

Dass die ägyptischen Kampfflugzeuge den kleinen Gruppen von verstreut agierenden Bewaffneten des Emirates ernsthaften Schaden zufügen können, ist unwahrscheinlich. Bodentruppen, die es eigentlich brauchte, wird der ägyptische Staat eher nicht nach Libyen schicken. Er ist mit seinem eigenen Kampf gegen Terroristen im Sinai, die sich ebenfalls als zur IS gehörig erklären, voll beschäftigt. Ägyptische Aktionen im libyschen Nachbarland werden wahrscheinlich, wie schon bisher, die Form von Hilfe für die Armee der Regierung von Tobruk unter Haftar annehmen.

General Haftar befindet sich wieder einmal auf einem seiner häufigen Besuche in Kairo. Von nun an kann er wohl damit rechnen, dass er nicht nur heimlich, sondern offen von Ägypten und auch von den Vereingten Arabischen Emiraten unterstützt wird. Doch ob mit der offiziellen Hilfe auch eine Leistungssteigerung einhergehen wird, bleibt abzuwarten.

Es handelt sich bei den Jihadisten nicht um Menschen mit Ehrfurcht für Allah. Vielmehr handelt es sich um Menschen, die sich einer Krisenideologie verschrieben haben. Menschen die bemüht sind ihrer Ohnmacht zu entkommen in dem sie einer Allmachtsfantasie hinterherlaufen. Sie folgen nicht den Gesandten, sie glauben sie seien selbst Gesandte. Je mehr sie sich darin Verstricken, durch Taten, durch eigenes Handeln, desto mehr geraten sie in Legitimationszwang. Alle Jihadisten ahnen , dass sie dem Untergang geweiht sind. Und genau das macht sie noch wahnsinniger, brutaler und grausamer.

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