Der Mensch hinter der Kamera

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Der Mensch hinter der Kamera

Von Stephan Wehowsky, 18.03.2012

Die Arbeit der Bildagenturen hat sich durch die Digitalisierung der Fotografie und den Wandel in der Medienlandschaft verändert. Welche Rolle spielen dabei die Fotografen? Wie wichtig ist ihr Können?

Frage: Mit welchen Kameras arbeiten ihre Mitarbeiter?

Della Valle: Mit digitalen Kleinbild-Spiegelreflexkameras. In der halbaktuellen Themenfotografie kommen hin und wieder noch analoge Mittelformat-Kameras zum Einsatz. Aber die werden immer mehr durch ihre digitalen Versionen abgelöst.

Henri Cartier-Bresson hat vom „moment decisif“, dem entscheidenden Augenblick, gesprochen. Geht die Notwendigkeit, diesen entscheidenden Moment fotografisch zu treffen, aufgrund der Serienbildschaltung der modernen „Bildmaschinen“ verloren?

Wenn Sie die Kontaktabzüge von Henri Cartier-Bresson sehen, dann erkennen Sie, dass auch er von einem Motiv mehrere Bilder gemacht hat. Deswegen möchte ich das, bei allem Respekt vor dem Genie von Henri Cartier-Bresson, relativieren. Die digitalen Kameras sind in erster Linie eine Erleichterung unserer Arbeit. Denken Sie nur an die Steigerung der Empfindlichkeit auf über 12.000 ASA. Damit erzielen wir Resultate, die früher undenkbar gewesen wären. Dagegen würde man die früheren Fotos auf den für damalige Verhältnisse hoch empfindlichen Filmen mit 800 ASA heute schon nicht mehr akzeptieren. Die Anforderungen an die Bildqualität sind ganz erheblich gestiegen.

Alessandro della Valle
© Gaëtan Bally/KEYSTONE
Alessandro della Valle
© Gaëtan Bally/KEYSTONE

Führt die Entwicklung der modernen Fototechnik dazu, dass das Können der Fotografen eine geringere Rolle spielt?

Wo es eine „Demokratisierung“ der Fotografie gegeben hat, das ist der Sport. Die Autofokussysteme nehmen dem Fotografen einiges ab. Nahezu jeder kann jetzt mit ein bisschen Übung ein einigermassen passables Fussballfoto machen – oder von einem Skirennfahrer in Aktion. Vorher gab es in der Schweiz vielleicht drei oder vier Top-Fotografen, die den Weltcup-Abfahrer formatfüllend aufs Dia zu bannen imstande waren.

Bei allen anderen Themen müssen die Fotografen immer noch „ihr Auge“ haben. Sie entscheiden über die Bildkomposition. Sie müssen die jeweiligen Situationen antizipieren. Was geschieht als nächstes? Wo muss ich stehen? Wo liegt der Schärfepunkt? Wie muss die Tiefenschärfe gestaltet werden? Das ist genau gleich wie früher. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer versteht die Geschichte, wer nicht?

Inzwischen kann man mit Kameras Videos machen, aus denen dann hochwertige Bilder extrahiert werden. Hat das nicht doch zur Folge, dass die Arbeit des Fotografen viel von ihrer Schwierigkeit verliert?

Wir stellen immer wieder fest, dass der Fotograf anders schaut als der Kameramann. Der Kameramann verfolgt eine Szene anders als ein Fotograf. Man kann also Bilder nicht einfach eins zu eins herauskopieren. Daher sind diese beiden Medien, Foto und Video, komplementär und überschneiden sich nicht. Das sagen übrigens auch die Kameramänner.

Gehört es nicht zunehmend zu den Anforderungen, dass Fotografen auch Videos abliefern?

Es ist richtig, dass Fotografen inzwischen auch Videos aufnehmen. Diese Videos werden zum Teil auch auf entsprechende Angebote im Web verteilt. Unsere Fotografen werden zunehmend die Videofunktion ihrer Kameras nutzen.

Das Porträt ist in meinen Augen eine Königsdisziplin der Fotografie. Wie steht es damit jetzt?

Die Porträtfotografie erfordert eigene Fähigkeiten. Es gibt hervorragende Dokumentaristen, die weniger gut porträtieren und umgekehrt. Für ein gutes Porträt muss es eine persönliche Beziehung, eine Vertrauensbildung geben. Manche Fotografen sind auf beiden Feldern hervorragend.

Können die hochtechnisierten und entsprechend voluminösen Kameras den Prozess des Porträtierens stören?

Natürlich können die grossen Kameras heute etwas aggressiv wirken, zumal wenn der Porträtierte dahinter das Gesicht des Fotografen nicht sehen kann. Entsprechend ist es sehr wichtig, wie sich der Fotograf verhält. Nimmt er sich Zeit? Zeit ist für mich ein entscheidender Faktor. Wenn er erst einmal eine persönliche Beziehung aufgebaut hat, fällt die Kamera kaum noch ins Gewicht.

Übrigens hat mir ein Fotograf einmal geraten, vor dem Fotografieren von fremden Menschen die Kamera offen hinzulegen und erst einmal zu warten. Da fängt dann etwas an zu spielen. Die Leute fassen Vertrauen zum Fotografen, sehen die Kamera daliegen und fragen: „Wann machen Sie ein Foto von mir?“

Man muss die Kamera hin und wieder weglegen, um im Kontakt zu bleiben. Und es gibt Momente, in denen man kein Bild machen sollte. Es braucht Musse. Der Fotograf ist immer noch sehr viel wichtiger als das Kameramodell, das er benutzt.

Wie hat sich die wirtschaftliche Situation der Bildagenturen verändert?

Im Verlagsbereich hat natürlich ein starker Konzentrationsprozess stattgefunden. Früher hatten wir viele unabhängige Zeitungskunden. Heute sind es bis auf wenige Ausnahmen noch drei Verlagshäuser.

Wir haben es neben den Print- zunehmend mit Onlinemedien zu tun. Das wirkt sich auch auf die Geschwindigkeit unserer Arbeit aus. Früher hatten die Zeitungen alle in etwa die gleiche Deadline; heute haben wir immer Deadline. Damit die Onlinemedien gelesen werden, brauchen sie ständig neue Bilder.

Kompensiert die Nachfrage auf dem Onlinemarkt die Verluste im Printbereich?

Es gilt die Faustregel, dass ein Bild im Onlinebereich zehnmal weniger wert ist, also entsprechend weniger einbringt, als in einem Printprodukt. Dieses Verhältnis wird sich hoffentlich noch etwas verbessern, aber die Orientierung an den Onlinemedien zwingt uns zu einer straffen Arbeitsweise.

Wie steht es um das „fotografische Gedächtnis“, also um das Archivieren der Bilder?

Das ist ein Riesenthema. Wenn ich Sie beim Wort nehme, dann kann ich sagen, dass sich das fotografische Gedächtnis nicht wesentlich verändert hat, denn es gibt immer wieder Bildikonen, die bleiben. Diese Ikonen kennt mehr oder weniger jeder, der sich mit Pressefotografie beschäftigt und sie sind Ausdruck der jeweiligen Zeit.

Mein Lieblingsbeispiel aus der alltäglichen Pressefotografie ist die Fussballweltmeisterschaft 2006. An einem solchen Anlass sind etwa 300 Fotografen rund ums Spielfeld gruppiert. Bei diesem WM-Final gab es eine Szene, die alle kennen: der Stoss von Zidane mit dem Kopf an die Brust seines italienischen Gegenspielers. Es gab nur einen oder zwei Fotografen, die diese Szene fotografiert haben. Zwei von 300 Leuten!

Zum Technischen der Archivierung: Das ist ein Problem. Wir haben es mit einer Vielzahl von Bildern zu tun. Die grosse Masse der Bilder versuchen wir mit Methoden wie zum Beispiel der Volltextsuche zu bewältigen. Und dann haben wir das Problem der Haltbarkeit. Wir wissen nicht, wie stabil die Festplatten sind, und wir wissen nicht, wie auf lange Sicht die Frage der Kompatibilität der jetzigen Formate mit späteren gelöst werden wird. Ein sauber verarbeiteter Schwarzweiss-Print auf richtigem hochwertigen Papier ist dagegen nahezu unbeschränkt haltbar – also über 100 Jahre.

Die digitale Bildbearbeitung eröffnet heute viele Eingriffsmöglichkeiten - von der Retusche störender Gegenstände bis zur „kreativen“ Gestaltung mittels diverser digitaler Filter. Wie gehen ihre Fotografen damit um?

Wir haben die ganz strenge Regel, dass in die Gestaltung der Bilder nachträglich nicht mehr eingegriffen werden darf. Für die Bildagenturen haben sich da sehr strenge Codes durchgesetzt. Vorbildlich ist in dieser Hinsicht der im Internet einsehbarer Ethik-Code der Agenturen AP und Reuters. Dazu kommt noch Folgendes: Entfernt ein Fotograf von seinem Bild zum Beispiel einen Gegenstand aus einem Raum, weil der die Bildkomposition beeinträchtigt, werden wir in kürzester Zeit Internetkommentare von denjenigen haben, die auch am Ort waren und die Manipulation bemerken und entsprechend anprangern.

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