Der Islam unter dem Druck der Niederlage im Sechstagekrieg

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Der Islam unter dem Druck der Niederlage im Sechstagekrieg

Von Arnold Hottinger, 12.06.2017

Die arabische Niederlage vor 50 Jahren führte zu einer Radikalisierung des Islams. Der westliche Versuch, die Jihadisten mit kriegerischen Mitteln zu bekämpfen, war eher kontraproduktiv.

Das fünfzigjährige Jubiläum des grossen Sieges der Israeli über die Araber im Sechstagekrieg hat viele Kommentare hervorgerufen. Die meisten davon zeigten auf, wie sehr dieser Sieg und seine Folgen das Selbstverständnis der Israeli verändert haben, und ebenso wie stark er sich auf das Verhältnis der Israeli zu ihren Gegnern und Opfern, den Palästinensern, auswirken sollte.

Weniger oft wurde eine zweite Folge des Sechstagekriegs angesprochen, nämlich seine Auswirkungen auf den Islam. Der fundamentalistische Islam und die aus ihm hervorgegangenen Jihadisten-Gruppierungen haben durch die Niederlage im Sechstagekrieg bedeutenden Auftrieb erhalten, so dass sie 50 Jahre später das Gesicht der Religion in ihrer Gesamtheit veränderten.

Man kann dies schlagwortartig zusammenfassen: Vor dem Krieg ging das Selbstverständnis der arabischen Muslime weitgehend Hand in Hand mit ihrem Nationalismus. Durch die Niederlage wurde der Nationalismus soweit diskreditiert, dass der arabische Islam sich von ihm lossagte und trennte. In der Folge sollten islamische Gruppen und Gruppierungen entstehen, die ihren Islam an Stelle des diskreditierten Nationalismus setzten und von ihm erwarteten und erhofften, dass er die islamischen Völker zu Macht, Glanz und Ansehen zurückführen werde.

Nationalismus und Islam vereint

In den Jahrzehnten vor dem Sechstagekrieg hatten Islam und Nationalismus im Zeichen des Unabhängigkeitsringens gegen die Kolonialherren zusammengefunden und einander gegenseitig gestützt.

Besonders deutlich war dies im Falle Algeriens zu erkennen. Dort war durch die französische Kolonisierung die arabische Sprache weitgehend marginalisiert worden. Die Schul- und Bildungssprache war Französisch geworden. Die gebildeten Algerier, sogar die Nationalisten unter ihnen, lasen französisch geschriebene Zeitungen. Die Umgangssprache, der algerische arabische Dialekt, war lebendig geblieben. Doch ihre Verbindung zum klassischen Arabisch war weitgehend abgebrochen. Sogar die algerischen Schriftsteller schrieben französisch. Die Brücke zum klassischen Arabisch und zur modernen arabischen Schriftsprache wurde fast nur noch durch die Gottesgelehrten aufrecht erhalten, die sich von Berufs wegen mit dem Koran und seinem klassischen Arabisch beschäftigten und daher auch den Zugang zur moderneren arabischen Literatur und literarischen Sprache bewahrten.

Die damaligen Gottesgelehrten, am berühmtesten Ben Badis (1885-1940) mit seiner „Association des Oulémas Algériens“, unterstützten nach Kräften den Widerstand der algerischen Bevölkerung gegen die Kolonialherren. Die Freiheitskämpfer der Nationalen Befreiungsfront (FLN) feierten ihrerseits die Religionsgelehrten als Bewahrer der Eigenständigkeit der Algerier gegenüber den nicht-muslimischen Kolonialisten.

Auch in der übrigen arabischen Welt

Wegen der Härte und langen Dauer des algerischen Unabhängigkeitsringens (1954–62) trat dort die Zusammenarbeit der Gottesgelehrten und der Freiheitskämpfer besonders deutlich hervor. Doch sie existierte durchaus auch in Syrien, als dieses Land sich gegen die fremde Oberherrschaft, ebenfalls der Franzosen, mehrmals erhob, und sogar in Libanon, wo vorübergehend Christen und Muslime zusammenfanden, um die französische Oberherrschaft abzuschütteln.

Ebenso traten in Ägypten die Nationalisten und die Gottesgelehrten zusammen auf, um den Widerstand gegen Grossbritannien anzufeuern. Dies schon nach dem Ersten Weltkrieg mit Saad Zaghlul und erneut nach dem Zweiten Weltkrieg in der Befreiungsagitation – und auch noch zur Zeit Abdel Nassers bei der Nationalisierung des Suezkanals.

Der Islam als Werkzeug

Nasser selbst sah seine „Revolution“ als eine Bewegung innerhalb von drei Kreisen: dem engeren ägyptisch-nationalen, dem weiteren pan-arabischen und dem weltweit ausgebreiteten des Islams. Nasser bemühte sich auch darum und bewirkte, dass die islamischen Gottesgelehrten der Azhar nicht nur seine Erhebung gegen die englischen Kolonialisten billigten und befeuerten, sondern sogar seinen „arabischen Sozialismus“ als im Sinn des Islams wirkende Bewegung bestätigten.

Als die ägyptischen Muslimbrüder, ursprünglich privilegierte Mitläufer des neuen Regimes der Offiziere, ihre eigenen politischen Ansprüche geltend machten, wurden sie von Nasser und seinen Sicherheitsdiensten weitgehend eliminiert. Womit klar gestellt wurde, dass in jenem Regime der Nationalismus der Offiziere dominierte und der Islam als von ihnen kontrolliertes und eingesetztes Werkzeug zu dienen hatte.

Die Niederlage des Nationalismus förderte den Islamismus

Erst mit der Niederlage von 1967 trennten sich die Wege der beiden Mächte, weil der verlorene Krieg die nationalistischen Offiziere soweit diskreditierte, dass die muslimischen Kräfte sich von der wenig glaubwürdig gewordenen nationalistischen Ideologie abwandten und einen eigenen islamischen Weg in die Zukunft suchten.

Wenn man auf die Türkei schaut, so stellte Atatürk den Islam der Türkei unter seine staatliche Aufsicht, nachdem er in der kurzen Zeit des Unabhängigkeitskrieges (1919–1923, primär gegen die Griechen gefochten, die Hilfe der islamischen Kräfte für seine Sache genossen hatte. Doch in der Folgezeit, als nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten freien Wahlen durchgeführt wurden, zeigte es sich, dass die islamischen Kräfte nach wie vor präsent waren und mit ihren Stimmzetteln reagierten, wenn türkische Politiker sie ansprachen. Dies führte zu Jahrzehnten des Ringens zwischen den säkular ausgerichteten Militärs (1961–2002) und politischen Parteien, unter denen die islamisch ausgerichteten langsam aber stetig an Bedeutung gewannen, sobald frei gewählt werden konnte. Bis zu der Zeit, in der Erdogan sich mit pro-islamischen Mehrheiten durchsetzen konnte und schliesslich eine führende Position und ein Machtmonopol für sich selbst erlangte.

Langsamer Umbruch in der Türkei

Im Gegensatz zu der arabischen Entwicklung gab es in der Türkei eine lange Periode, in der der Nationalismus sich durchsetzen und halten konnte, indem er die Vormacht über den Islam ausübte. Bis die islamischen Tendenzen soweit zunahmen, dass sie – als Stütze von Erdogan und gestützt auf ihn, die Führung erlangten.

In der Türkei war es nicht der Sechstagekrieg gewesen, eine arabische, keineswegs eine türkische Niederlage, der den Nationalismus diskreditierte. Stattdessen lief ein langsamer Prozess ab, der über 15 Jahre des politischen Ringens hinweg in eine islamisch gefärbte Einmannherrschaft mit neo-osmanischen Zügen einmündete.

Islamische „Revolution“ in Iran

Auch auf Iran wirkte sich der Sechstagekrieg nicht aus, obwohl es auch dort zu einer Rückkehr des schiitischen Islams in das politische Leben kommen sollte. Dies geschah in Iran durch die islamische Revolution Khomeinis von 1979 gegen den bisherigen Schah der Pahlawi-Dynastie, die ihrerseits den persischen Islam über 55 Jahre hinweg einer nationalistischen Führung unterstellt hatte.

In der Türkei und in Iran hielten sich säkulare Regime über einen längeren Zeitraum hinweg. In der Türkei ging die Rückkehr zu einer mehr islamisch gefärbten Herrschaft schrittweise mit hin und zurück vor sich. In Iran wurde sie durch einen plötzlichen Umsturz hervorgerufen, der zustande kam, weil der Schah den Bogen einer engen Zusammenarbeit mit den amerikanischen „Neo-Kolonialisten“ überspannt hatte.

Fremdbedingter Abbruch des Nationalismus

In der arabischen Welt jedoch war es der Sechstagekrieg, der den Übergang von einer vorwiegend nationalistischen zu einer primär durch islamische Kräfte bewegten und aufgerührten Gesellschaft bewirken sollte. Es war die Niederlage, die bewirkte, dass die islamische Reaktion gegen die früheren nationalistischen Ziele und Ideale sehr plötzlich zustande kam, daher eher führungslos – im Gegensatz zu den durch Khomeini und Erdogan angeführten Bewegungen – und dass sie schliesslich zum Durchbruch kam, als blosse Oppositionsbewegung gegen bestehende zunehmend ent-ideologisierte Einmannherrschaften von etablierten Kräften, die keine politische Verwurzelung zu erlangen vermochten.

Der „Wahhabismus“ als Ideologie

Die „Re-Islamisierung“ der arabischen Gesellschaften, die durch die Niederlage bewirkt wurde, erwies sich als besonderer Art. Als Reaktion auf die Niederlage trug sie besonders ausgeprägte politische Züge. Sie erhob den Anspruch, die Niederlage und darüber hinaus alle die Zustände und Gegebenheiten, die zu ihr beigetragen hatten, wettzumachen. Sie neigte daher radikalen Tendenzen zu. Diese verstärkten sich durch die Kämpfe gegen die etablierten Machthaber, die in beiderseitiges Blutvergiessen einmündeten.

Der „Krieg gegen den Terrorismus“ der Amerikaner (seinerseits eine Reaktion auf den jihadistischen Anschlag Bin Ladens gegen New York und Washington) bewirkte eine weitere Radikalisierung und Ausbreitung der blutgetränkten islamistischen Ideologie. Sie fand einen Nährboden in der puritanischen Lehre, des „Wahhabismus“ (so benannt nach ihrem Gründer, Muhammad Ibn Abdul Wahhab 1702/3–1792), die sich in Arabien festgesetzt und ausgebreitet hatte und dort durch das Petroleum zu Geld und Einfluss gekommen war. Diese „puritanische“ Tendenz des Islams lehrt die Rückkehr zum reinen Islam, so wie er angeblich zu Zeiten des Propheten bestanden habe, und sie fordert die Ausmerzung aller späteren Entwicklungen und Abwandlungen der Religion, wie es in einer dem weitgehend geschichtslosen Beduinentum nahen Gesellschaft auf der Arabischen Halbinsel des 18.Jahrhunderts nahe lag.

„Rückkehr zum Propheten“ nach eigener Auslegung

Diese Lehre wurde von den arabischen Kreisen ausserhalb der Halbinsel übernommen, welche einen „islamischen Staat“ als Ersatz und Nachfolger des diskreditierten nationalistischen anstrebten. Dass die Saudis viel Geld ausgaben, um sie zu fördern, half zu ihrer Ausbreitung mit. Doch es lag in erster Linie am Inhalt dieser Lehre, dass die Sucher nach einem Ersatz und Nachfolger des Nationalismus gerade sie übernahmen.

Die geforderte Rückkehr in eine Frühzeit und zu einer Gesellschaft, die längst vergangen war, erlaubte es den islamistischen Ideologen, weitgehend selbst zu bestimmen, was ihrer Ansicht nach den wahren Islam ausmachte, den sie einführen wollten und ihrer Gesellschaft aufzuerlegen gedachten. Sie forderten, dass dieser angeblich „wahre Islam“ ihres Ermessens alle ihnen und ihrem Machtstreben nützlichen Züge trage und dass aus ihm all das entfernt werde, das – wie sie annahmen – ihrer erhofften Machtergreifung nicht dienen würde. Diesen Islam ihres Ermessens schmückten sie aus mit äusseren Merkmalen, etwa dem Bart und der Frauen-Verschleierung, die dazu dienten, die Gruppe ihrer Anhänger abzusondern und sichtbar zu unterscheiden von allen Aussenseitern, die sie als schlechte oder ungläubige Muslime erklärten.

Radikalisierung durch Niederlage

Die betonte Schroffheit des Übergangs – bedingt durch die plötzliche und unerwartete Niederlage – diente dazu, die Anhänger der islamistischen Jihadisten möglichst scharf zu trennen von den Normal-Bürgern und Normal-Muslimen der arabischen Länder und erlaubte es, sie als „Ungläubige“ abzutun (Fachausdruck: „takfir“), die im Falle des Widerstands ums Leben gebracht werden konnten. Im Gegensatz dazu erlaubte es die graduelle und langsame Rückkehr zu einer islamischeren Gesellschaft in der Türkei, eine gewisse Vielfalt der Auslegungen und Verständnisse der Religion zu bewahren sowie die schroffe Diskriminierung von Aussenseitern aller Art zu vermeiden. Während die islamische „Revolution“ Khomeinis ebenfalls – wie die anti-nationalistische Reaktion in der Arabischen Welt – eine strenge Regulierung und ein eng umschriebenes Machtmonopol der islamistischen Machthaber bewirkte.

Ausdehnung auf Kreise der Unzufriedenen

Die Auswirkungen der Sechstage-Niederlage blieben zunächst auf die arabische Welt beschränkt. Doch von ihr aus griffen sie später über auf andere islamische Staaten, in denen Minderheiten mobilisiert werden konnten, die mit den bestehenden Realitäten unzufrieden waren und sich bereit fanden, eine radikale Umsturzideologie zu übernehmen und als Instrument zu gebrauchen, um einen Machtwechsel anzustreben. Solche Minderheiten fanden sich in Afrika bis nach Nigeria und in Asien bis in die Philippinen, den russischen Kaukasus und Zentral-Asien bis hin zu den von China beherrschten Uiguren, sowie Minderheiten unter den Muslimen Europas.

Der Versuch, diese Ideologie durch kriegerische Mittel zu bekämpfen, der primär von den Amerikanern ausging, hat bisher eher zu ihrer Ausbreitung und ihrem Wachstum sowie zu einer noch schärferen Radikalisierung beigetragen, als dass er sie hätte ausmerzen können.

Kommentare

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Ein guter Artikel, bis auf den letzten Absatz.
Die Amerikaner haben Wahhabiten, Deobandis und artverwandtes häufiger unterstützt als bekämpft und tun dies immer noch.
Bekämpft wird diese Ideologie von Arabern, Iranern, Chinesen, Indern, Pakistanern, Usbeken, Russen, Philippinos, Tschetschenen, Serben, Kurden und anderen. Aber sicher nicht vom Westen.

Vielen Dank, Herr Hottinger, für all Ihre Artikel. Solche Perlen sind im heutigen fast-food-Journalismus nicht mehr zu finden.

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