Der grosse Treck

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Der grosse Treck

Von Journal21, 05.09.2015

Tausende Syrer, Iraker und Afghanen treffen an diesem Wochenende in Deutschland ein.

Die bayerische Polizei rechnet damit, dass an diesem Wochenende zehntausend Asylsuchende mit Sonderzügen in Bayern eintreffen werden. Die ersten Flüchtlinge sind schon am Samstagmorgen am Münchner Hauptbahnhof angekommen. Die Ankunft ist laut Behördenangaben "generalstabsmässig vorbereitet".

500 Freiwillige kümmern sich um die Ankommenden. Die Helfer verteilen Obst, Wasser - und Plüschbären für die völlig erschöpften Kinder. "Eine tolle Solidaritätskundgebung findet da statt", erklärt ein Augenzeuge. Eine Solidaritätswelle, die im Kontrast steht zu den wüsten, teils rassistischen Ausfällen in den sozialen Medien und Leserbriefen.

Als die Flüchtlingen mit den Zügen in München einfuhren, wurden sie von den Helfern und Passanten spontan mit Applaus bedacht. Mehrere Münchnerinnen und Münchner brachten Geschenke mit. Einige der Flüchtlinge halten Pakakte mit Fotos von Angela Merkel hoch. Ein Knabe hält einen Karton hoch: "Thank Germany". Vor dem Hauptbahnhof wird den Ankommenden zugejubelt.

Die Flüchtlinge werden am Starnberger Flügelbahnhof kurz medizinisch gescreent. Da viele völlig erschöpft sind, wartet man mit der Registrierung. "Rechtliche Fragen sind jetzt zunächst nicht so wichtig", erklärt Regierungspräsident Hillenbrand. Mit Bussen werden sie dann in die vorbereiteten Unterkunftszentren geführt. 

Drei junge Frauen am Sonntag früh im Frankfurter Hauptbahnhof. (Foto: Keystone/EPA/Frank Rumenhorst)
Drei junge Frauen am Sonntag früh im Frankfurter Hauptbahnhof. (Foto: Keystone/EPA/Frank Rumenhorst)

Kuscheltiere für die Kinder

Die meisten Flüchtlinge sind am Freitag und in der Nacht zum Samstag an der österreichisch-ungarischen Grenze eingetroffen. Bis Samstagmittag sind laut österreichischen Polizeiangaben fast 7'000 Asylsuchende an der Grenze angekommen. Die österreichischen Behörden rechnen damit, dass an diesem Wochenende weitere 3'000 nach Österreich gelangen.

Hilfsorganisationen und viele freiwillige Helfer sind auch in Österreich auf die Ankunft vorbereitet. Dutzende Ärzte und Dolmetscher sind im Einsatz.

Zahlreiche österreichische Helfer versorgen die erschöpften Flüchtlinge mit trockenen Decken, Kuscheltieren, Brot, Suppe, Obst und Mineralwasser. Viele der Ankommenden hatten tagelang nicht mehr richtig gegessen. Mehrere hundert hatten bei strömendem Regen an der Autobahn zwischen Budapest und Wien im Freien übernachtet. Zuvor hatten sie tagelang am Budapester Bahnhof Kletil campiert.

"Refugees welcome"

Viele der Flüchtlinge brechen bei ihrer Ankunft in Österreich in Tränen aus. „Refugees welcome“ steht auf Transparenten, die Österreicherinnen und Österreicher hochhalten. Einige Migranten singen und halten den Fotografen und Kameraleuten stolz ihre völlig erschöpften kleinen Kinder entgegen. Die meisten dieser Menschen haben sich inzwischen mit Bussen und Zügen auf den Weg nach Deutschland gemacht.

Fast alle Flüchtlinge stammen aus den Kriegsgebieten in Syrien, aber auch aus dem Irak und Afghanistan. Unter den Geflüchteten befinden sich sehr viele junge Menschen und Familien mit kleinen Kindern.

Zu Fuss auf der Autobahn

Ungarn hat hundert Busse bereitgestellt, um die in Budapest gestrandeten Flüchtlinge an die österreichische Grenze zu transportieren.

Sie finden in Budapest einen Platz in einem Bus, der sie nach Österreich bringt. (Foto: Keystone/EPA)
Sie finden in Budapest einen Platz in einem Bus, der sie nach Österreich bringt. (Foto: Keystone/EPA/Boris Rössler)

Etwa 2000 Menschen hatten sich zu Fuss auf den Weg über die Autobahn Richtung Österreich gemacht. Zuvor herrschten in Budapest chaotische Zustände. Der rechtsgerichteten Regierung Orban gelang es nicht, die Situation zu beruhigen. Ungarische Sicherheitskräfte gingen teils mit Schlagstöcken gegen die Gestrandeten vor.

Österreich und Deutschland hatten am Samstag vereinbart, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen und wegen des Massenansturms auf langwierige Registrierungen zu verzichten.

In Luxemburg diskutieren am Samstag die EU-Aussenminister über eine neue Flüchtlingsstrategie.

Der ungarische Ministerpräsident Victor Orban warnte die Europäer davor, dass sie „eine Minderheit auf ihrem eigenen Kontinent“ werden könnten. Orban wehrt sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Zwischen Ungarn und Serbien liess Orban einen dreieinhalb Meter hohen Zaun bauen.

Auf dem Zürcher Helvetia-Platz haben über 2'000 Menschen ihre Solidarität mit den Flüchtlingen bekundet.

(J21/Agenturen/Augenzeugen)

Kommentar zu der Zuschrift Judith van der Linde:
weil 1956/1968 viel weniger Menschen gekommen sind ( Ungarn gesamthaft ca 12.000 Personen - Vergleich: am letzten Wochenende sind 20.000 allein von Wien nach Deutschland eingetroffen) - weil diese Menschen Europäer waren, ausgebildet und aus dem gleichen Kulturkreis wie Westeuropäer - weil die Integration in das Wirtschaftsleben sowie ins Alltagsleben keine Konflikte verursachte.

Asyl, Asyl über alles.
Wohlstand adieu.

Das Problem wird neben der Unterbringung dann tatsächlich der Alltag voller Formalitäten und überlasteter Behörden werden. Deutschlands Verfahren sind sklerotisch und unfelxibel. Das wird jetzt auffallen. Erst sind Flüchtlinge erfreut, dann werden sie frustiert, dann konsterniert und irgendwann ist Ihnen dann auch mal egal, was deutsche Behörden sagen, weil sie die nur als verschleppend und behindernd kennenlernen. Positiv könnte man sagen: es wird ein frischer Wind durch die Amtsstuben wehen. Abe es wird jede Menge Kollateralschäden geben, vermute ich.

So gut wie jetzt ging es uns noch nie,
sagte die Gans kurz vor den Weihnachten.

Die europäischen Grenzen sind offen, und das Angebot vergrössert laufend die Nachfrage. Allein in Libyen warten derzeit 600 000 bis eine Million Menschen auf die Überfahrt. Sie folgen den politischen Signalen aus dem Norden. Der gedeckte Tisch wartet schon.

Es ist nur die Spitze des Eisbergs. In Afrika lebt rund eine Milliarde Menschen. Das Wohlstandsgefälle zwischen Nord und Süd wird trotz jahrzehntelanger Entwicklungshilfe immer grösser. Die Migrationskosten sind nicht hoch genug, um Abwanderungswillige abzuschrecken. Weil ausserdem die europäischen Grenzen durchlässig geworden sind, hat sich eine Art Schneeballsystem ergeben, ein sich selbst verstärkender Zustrom an Menschen, der vor allem deshalb immer grösser wird, weil ihn die Zielstaaten nicht verhindern.

Erschreckend ist ein Blick in die Statistik. Die aktuellen Uno-Zahlen beleuchten das Jahr 2014; der aktuelle Andrang ist noch nicht einmal erfasst. Die Zuwachsraten sind enorm. Es geht längst nicht nur um Syrer. Die zweitgrösste Gruppe in Europa sind die aus ihrer friedlichen Heimat abwandernden Serben, mit einem Zuwachs von 65 Prozent im letzten Jahr. Der halbe Balkan setzt sich gegenwärtig in Richtung Ungarn in Bewegung. Alles Verfolgte? ­Afrikanische Staaten wie Nigeria, Ghana, Mali, Sudan oder Senegal produzieren Flüchtlinge mit jährlichen Zuwachsraten im dreistelligen Prozentbereich. Eritrea verzeichnet einen Exodus an Asylanten, obschon im Land kein Krieg mehr herrscht.

Was folgt auf glückliches Ankommen in Mutti-Merkels-Land?: Des Alltags Müh' und Not. Wer sprach von Zufriedenheit und Dankbarkeit?

Seien wir doch einfach froh, das wir in einer friedlichen Land leben. Wer weiss, vielleicht werden wir auch einmal selbst froh sein, wenn uns geholfen wird.

Wie kommen auf einmal tausende Menschen vor den Budapester Hauptbahnhof? Solange nicht gründlicher recherchiert wird und die gesamte Schlepper- und Menschenhändlerkette in diesem lukrativen Geschäft offen gelegt wird, geht es immer so weiter. Die Menschen allerdings, die in Syrien oder den Nachbarländern nicht über das nötige "Kleingeld"für eine Reise nach Europa verfügen, diese kämpfen ums überleben ohne Presserummel und Willkommens-PR.

Wenn die Migranten aus den muslimischen Ländern demnächst in München ankommen, gerade zu Beginn des Oktoberfests, wird der Kulturschock gross sein. Denn bei der Wiesn geht es doch Hauptsächlich um Bier saufen und Schweinshaxen essen, oder?

Fast jeder möchte den Flüchtlingen helfen, besonders
den jungen Familien aus Syrien. Jeder sieht gerne die
glücklichen Gesichter. Nur ob die Begeisterung bei dem
10-millionten Ankömmling immer noch so groß ist?
Noch hat es fast keine sichtbaren Kosten verursacht,
keine Steuererhöhung, keine Erhöhung der Sozialabgaben,
keine Erhöhung der Gebühren. Wie lange bleibt das so?
Amerikanische Indianer haben die ersten Europäer auch
freundlich empfangen, nicht ahnend wie das weiter geht.

Wir hatten 1956 die Flüchtlingswelle aus Ungarn, 1968 die aus der Tschechoslowakei und die Schweizer haben diese Menschen aufgenommen und integriert (zum eigenen Nutzen ...). Warum sollte das heute nicht mehr gehen?

Gerne möchte ich ein wenig Vorausdenken:
wie wird man die eintreffenden Menschen an den Bahnhöfen in Wien und München bejubeln, wenn permanent täglich weitere 10.000 ankommen werden?
Wie kann Deutschland jedes Jahr 800.000 neu Eintreffenden aufnehmen?
Was kommt nach der erster Hilfe, was wird die Perspektive der bald Millionen sein?
Werden sich enorme Parallelgesellschaften entwickeln?

Gemäss Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes warten 4 Millionen Leute aus Syrien im grenznahen Ausland auf "Weiterreise", 7 Millionen sind noch in Syrien auf der Flucht.

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