Der Fado und die Vertreibung aus der Alfama

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Der Fado und die Vertreibung aus der Alfama

Von Thomas Fischer, Lissabon - 11.05.2021

In einer musikalischen Dokumentation zeigen eine Filmemacherin aus Genf und eine ungarische Journalistin, wie die Menschen in Lissabons Altstadt mit dem Tourismus-Boom umgehen und wie sogar der Fado mit der Zeit geht.

„Wir werden in unserem eigenen Film zu Statisten“, klagt die sympathische junge Fado-Sängerin Marta Miranda, die in Lissabons labyrinthischer Altstadt Alfama ihr Revier und ihr Publikum hat. In keinem Reiseführer fehlt eine Beschreibung dieses Quartiers mit den steilen Treppen und krummen Gassen, das vom wuchtigen Kastell São Jorge zum Ufer des Tejo-Flusses hin abfällt. Als die aus Genf stammende Filmemacherin Céline Costa Carlisle vor gut zwanzig Jahren nach Portugal zog, unterhielten sich die Menschen im Quartier noch von Fenster zu Fenster, erinnert sie sich. Von dieser Gemütlichkeit ist aber viel verloren gegangen.

Die Stimme derer, die keine Stimme haben

Wie die Alfama sich in den letzten Jahren vor der Pandemie verändert hat, zeigt Céline Costa Carlisle gemeinsam mit der ungarischen Journalistin Judit Kalmár in der musikalischen Dokumentation „Silêncio – Vozes de Lisboa“ (Stille – Stimmen aus Lissabon, 2020). Es handelt sich hierbei um eine teils per Crowdfunding ermöglichte Eigenproduktion, die gerade beim Online-Festival DOK.fest München (05.-23. Mai) auf dem Programm steht.

Die 86-jährige Ivonne singt weiter. (Filmstill aus „Silêncio“)
Die 86-jährige Ivonne singt weiter. (Filmstill aus „Silêncio“)

„Silêncio que se vai cantar o fado“ (Ruhe, denn jetzt kommt Fado) ist in Fado-Lokalen zu hören, wenn Solistinnen oder Solisten den feinfühligen und oft nostalgischen Gesang anstimmen. Just in ärmeren Quartieren – das war einst auch die Alfama – ist der Fado beheimatet. Wo bis vor wenigen Jahren noch einfache Leute lebten und teils äusserst niedrige Mieten zahlten, logierten bis zur Pandemie immer mehr Touristen. Als eine der Hauptfiguren im Film musste sogar die jetzt 86-jährige Fado-Sängerin Ivone Dias ihre Wohnung in der Alfama aufgeben und in einen Vorort von Lissabon ziehen.

Vertrieben, aber nicht verstummt

Vor dem Hintergrund der unbezahlbaren Mieten und der Gentrifizierung zeigt der Film mit Liebe zum Quartier und zu seinen Menschen, wie die Fado-Texte mit der Zeit gehen. Sie beschreiben, in welche unsichere Zukunft die Menschen des Quartiers blicken. Gerade jetzt, sagt eine der Figuren im Film, ist der Fado die Stimme derjenigen, die sonst keine Stimme haben. Und er bleibt die Stimme jener Fadistas, die auch nach dem Umzug in die Vororte nicht verstummten.

Der Film entstand noch in der Zeit, da Menschen keine Schutzmasken tragen mussten und sich mit den in Portugal üblichen Wangenküsschen begrüssen konnten. Mittlerweile sind auch die Touristen rar geworden. Sie werden früher oder später wieder ins Quartier strömen, die ganz alten Zeiten aber sind definitiv passé. Als Einstimmung auf einen Besuch in Lissabon empfiehlt sich umso mehr dieser Film, bei dem auch Herz und Witz nicht zu kurz kommen.

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