Der Charme des Unzeitgemässen

Stephan Wehowsky's picture

Der Charme des Unzeitgemässen

Von Stephan Wehowsky, 16.08.2012

Das Liebenswerte gedeiht in Nischen. Dort wird es leicht unterschätzt und bisweilen zertrampelt. - Ein Plädoyer für die einfachen Schweizer Hotels.

Der Chef von "Schweiz Tourismus", Jürg Schmid, erklärte vor kurzem in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (23. Juli 2012), dass in Anbetracht der ohnehin schwierigen Lage der Schweizer Hotellerie die einfachen Hotels kaum Überlebenschancen hätten. Sie seien zu klein, zu wenig komfortabel und überhaupt zu zahlreich.

Man könnte auch sagen: zu altmodisch. In Anbetracht des weltweiten Massentourismus mit den weltweit vergleichbaren, also standardisierten Angeboten wirken sie geradezu skurril, wie aus der Zeit gefallen. Welche „Zielgruppe“ soll sich darin noch wohlfühlen? Anstatt auf Gruppen zu zielen, bemühen sich die kleinen Gasthäuser um Gäste. Kann man Managern erklären, was so wunderbar an diesen alten Hotels ist?

"Fliessend warm und kalt Wasser"

Ich will es versuchen. Am liebsten mag ich die - auch in den einfachen Hotels immer seltener werdenden - Zimmer, die sich hartnäckig gegen jede Renovierung gesträubt haben. Im Laufe der Jahrzehnte ist dieses oder jenes verändert worden, ein neuer Bodenbelag, eine neue Tapete, irgendwie wurde auch etwas an der Beleuchtung getan, aber es ist doch immer noch das alte Zimmer geblieben. Ausgestattet mit einem Waschbecken - früher wurde darauf mit einem Schild „Fliessend warm und kalt Wasser“ an der Front des Hauses hingewiesen - und die Toilette ist über den Gang zu erreichen.

Ein solches Zimmer erzählt Geschichten. Ich stelle mir vor, welche Gäste hier über die Jahrzehnte eingekehrt sind, manche von ihnen wahrscheinlich immer wieder. Die Liebe zur Landschaft, zum Wandern, zum Skifahren: Irgendwie hat das alles noch etwas Einfaches gehabt. Der Komfort war zweitrangig, denn man war ja in den Ferien.

Programmierte Erlebnisse

Heute wird in den Prospekten viel vom „Erlebnis“ geschwärmt. Damit ist nicht das Überraschende gemeint, sondern das Programmierte. Erlebnisse sind Teil der vorbereiteten Komfortzone. Also dürfen sie den pauschal buchenden Gästen nichts abverlangen.

Ich habe nichts gegen den Komfort, aber ebenso liebe ich den Kontrast dazu. In den einfachen Gasthöfen muss man sich immer ein bisschen anpassen. Als ich einmal kurz vor dem Glaspass in einer richtigen Biker-Beiz übernachtete, war die Gaststube voll. „Setz dich da an den Tisch zu dem Ehepaar.“ Es war laut und ein bisschen rau, und mein Zimmer war klein und gemütlich, direkt unter dem Dachgiebel, das Fenster mit einem rot-weiss-gemusterten Vorhang versehen.

Unerwarteter Musikgenuss

In einem Gasthof auf der Älggi-Alp – hochgeschätzt, denn die Älggi-Alp ist der geographische Mittelpunkt der Schweiz – trudelten nach und nach die Wanderer ein, die es sich durch das diesmal besonders schlechte Sommerwetter nicht verdriessen liessen und ihre einfachen Schlafgemächer bezogen. Wireless-Lan oder ein Spa-Bereich wurden von diesen Wanderern ganz sicher nicht vermisst. Müsste man sie mit den „überflüssigen“ Unterkünften dann gleich mit abschaffen?

Und in Müstair sollte gegenüber einem traditionellen Gasthof eine Kapelle aufspielen. Die Durchfahrtsstrasse war gesperrt, Tische und Bänke waren aufgestellt und eine kleine Bar eingerichtet. Als ich das sah, schwante mir nichts Gutes, aber als die überwiegend aus Bläsern bestehende Kapelle anfing, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Die Musica Concordia Müstair hatte ein schönes Repertoire, überhaupt nicht provinziell, und das Können war durch eine Prise Humor wunderbar gewürzt.

Ich konnte das nur erleben, weil ich zufällig in einem einfachen Hotel gerade an diesem Ort war. Ein 4- oder 5-Stern-Hotel befindet sich in aller Regel nicht an einem Dorfplatz, auf dem heimische Kapellen aufspielen. Oder man hat ein bestehendes Haus so lange „aufgewertet“, bis es zur Unkenntlichkeit dem „gehobenen“ Geschmack gut zahlender Gäste gleichgemacht ist.

"Erlebniszentren" statt Erlebnis

Übrigens passte auch die Küche zu dem Ganzen. Traditionell, ohne Getue, aber alles mit Sorgfalt, einfach gut und zu einem vernünftigen Preis. Und ich mag auch die Art, wie ich in solchen Gasthäusern empfangen und bedient werde. Ich spüre immer wieder, wie ich als einzelner Reisender, der sich gerade für dieses Haus mit den liebevoll renovierten Zimmern entschieden hat, geschätzt werde.

Damit das Ganze wieder in unsere Zeit passen würde, müsste aus Sicht der Manager des Massentourismus wohl Folgendes geschehen: Diese Häuser und Gaststätten müssten, weil nicht mehr zeitgemäss, nach und nach verschwinden. Dann liessen sich Museen eröffnen, in denen man besichtigen und vielleicht in besonderen „Erlebniszentren“ hautnah spüren kann, wie man früher in der Schweiz reiste, beherbergt und bewirtet wurde. Vielleicht kriegten die Ausstellungsmacher dann auch den typischen Geruch wieder hin, der einen in den traditionellen Häusern willkommen heisst.

Low Budget

Aber lassen wir die Polemik. Man könnte auch, so sagte es jedenfalls Jürg Schmid, die einfachen Hotels irgendwie zusammenlegen. Solche Vorschläge klingen immer wieder gut. Dabei sollte man inzwischen gelernt haben, dass Zusammenlegungen meist nicht so effizient wie erhofft sind, aber mit Sicherheit auf eines hinauslaufen: Einheitsbrei. Der liesse sich dann aber noch unter „Low Budget“ verkaufen.

Warum ist es so schwer, das Besondere gerade an der einfacheren Schweizer Hotellerie zu schätzen, zu würdigen und entsprechend in die Werbung einzubeziehen? Im gängigen Managerjargon ist gerade die Parole „Stärken stärken“ en voque. Dazu müssten die Tourismusmanager sie allerdings erst einmal entdecken. Ist der Reiz des Einfachen nicht auch etwas, was zum Charme der Schweiz gehört?

Aber das zu sagen, klingt in Anbetracht des Massentourismus und der damit gesetzten „Standards“ arg nostalgisch. Wobei noch anzumerken ist, dass das, was heute als modern gilt, schneller veraltet, als sich die Zeitgenossen in der Tourismusbranche träumen lassen.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Wie recht Sie haben! Mit diesen Herbergen ist es wie mit den Wörtern: Sie leben aus sich selber, sie atmen, sie klingen, sie haben Inhalt. Sie sind echt, nicht zugekauft, sie haben Charakter, folgen nicht einem beliebigen, von teuer bezahlten PR-Leuten erfundenden Konzepten. Es sind Originale - mit Kanten und Schönheiten, vor allem aber auch mit Überraschungen, d.h. lebensvoll. Erinnerungsschwer sind sie auch bis in den Duft einer Stube hinein, bis ins Leuchten von Augen und den Tonfall einer gastgebenden Stimme. Alles das ist nicht massentauglich, aber menschlich und darum zutiefst friedfertig, befriedigend, freundlich. Und d a s ist gute Qualität, was ja nichts anderes meint als gute Beschaffenheit. Wie blass, bleich, lebenlos, ja - ziemlich tot sehen da die von irgendwelchen gastgewerblichen Funktionären verliehenen Sterne aus.

Ich liebe sie -nein, nein nicht Sie, sondern diese Art Ferien zu machen : Als Jugendlicher wurde ich ab Mitte der 60er-Jahre regelmässig in die kleine Pension D. hoch über dem Domleschg mitgeschleppt. Dass das Interireur von "vor dem Krieg" stammte, kümmerte mich wenig : Ich liebte das Böhnli-Spiel mit unserer Hausherrin, die Ausflüge mit ihr in die "Schwämme" oder Kräuter. Ich liebte das Plumpsklo als letzten Freiraum. Und dass ich mindestens einmal pro Saison aus meinem Bett mit "sehr runder" Matratze aus einer Höhe vom einem Meter fiel, gehörte schon zum Alltag.

Meinen ersten Ferien ohne meine Eltern verbrachte ich exakt dort. Allerdings beanspruchte ich nun das "Elternschlafzimmer" für mich : Neue Katzen, neue Spiele, neue Wanderrouten - bleiben mir ewig in Errinnerung.

Ich bin dieser Art einfach zu Leben (oder eben Ferien zu machen) - mindestens mit dem Herzen treu geblieben : Ich finde sie weiter - wie Sie - hier, rund um die Schweiz herum (und letztlich auch im Valleé de Joux) : Die Suche wird aufwendiger, sie wird irgendwann zum "Fulltimejob" - aber : Sie bleibt befriedigend !

Herzlichen Dank (auch) für diesen Beitrag

  1. Im Frühtau zu Berge wir geh´n, fallera, es grünen die Wälder, die Höhn, fallera. Wir wandern ohne Sorgen singend in den Morgen noch ehe im Tale die Hähne kräh´n. 2.Ihr alten und hochweisen Leut, fallera, ihr denkt wohl wir sind nicht gescheit, fallera, Wer wollte aber singen, wenn wir schon Grillen fingen in dieser herrlichen Frühlingszeit? 3.Werft ab alle Sorgen und Qual, fallera, und wandert mit uns durch das Tal, fallera, Wir sind hinausgegangen, den Sonnenschein zu fangen: Kommt mit und versucht es auch selbst einmal !

Low-Cost Ways To Green Your Lifestyle. Nischen, Verstecktes und Abenteuer garntiert! Der orwellsche ÜBERWACHUNGSALBTRAUM wird zum "ALPEN - TRAUM " besonders für Kinder!.....so geil!

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren