Dem einstigen Bambini-Land fehlen die Bambini

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Dem einstigen Bambini-Land fehlen die Bambini

Von Heiner Hug, 04.06.2021

Italien hat im letzten Jahr 384’000 Einwohner verloren. Das entspricht der Bevölkerungszahl von Florenz.

Mariella studiert Medizin an der Römer Universität La Sapienza. Um das Studium zu finanzieren, arbeitet sie ab und zu als Pflegerin in einer renommierten Privatklinik.

Ob sie einst Kinder haben wolle, fragte ein Bekannter die 24-Jährige. «Sei matto, bist du verrückt? Voglio vivere, ich will leben, ich will keine Kinder.»

Tiefste europäische Geburtenrate

Wie Mariella denken viele junge Frauen in den grossen Städten. Seit sieben Jahren gebären die Italienerinnen immer weniger Kinder. Jetzt beschleunigt sich der Prozess. Auf sieben Neugeborene pro tausend Einwohner kommen 13 Todesfälle. Das gab kürzlich das Statistische Amt Istat bekannt.

Die durchschnittliche Anzahl der Kinder pro Frau ist in Italien die niedrigste in diesem Jahrtausend: 1,24. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies eine Abnahme von 0,3 Kinder pro Frau. In keinem europäischen Land liegt die Geburtenrate so tief. Im EU-Durchschnitt liegt sie bei 1,54 Kindern pro Frau, in der Schweiz bei 1,48.

«Und jetzt sterben wir aus»

Zum Vergleich: 1850 hatte eine Frau in Italien im Durchschnitt 5,47 Kinder. Erst während des Ersten Weltkrieges sank die Zahl unter die 4er- und während des Zweiten Weltkrieges unter die 3er-Grenze. Noch 1946 hatte das teils in Ruinen liegende Italien die höchste Geburtenrate in Europa. Es war das Land der vielen Bambini. «Und jetzt sterben wir aus», wie es in Kommentaren ­– zynisch übertrieben – heisst.

Am 1. Januar 2021 lebten in Italien 59’257'566 Menschen (28’864’088 Männer und 30’393’478 Frauen). Im Jahr zuvor waren es 59’641’488.
Also: Minus 384’000 Menschen. Florenz zählt 382’000 Einwohner, Bologna 388’000. Stirbt jetzt jedes Jahr eine ganze Stadt weg?

«Übergangsgeld»

Mit einem «Übergangsgeld» (assegno unico)  soll jetzt die Geburtenrate erhöht werden. Ein entsprechendes Dekret verabschiedete die Regierung am Donnerstag. Eltern, die ein oder zwei Kinder haben, erhalten ab dem 1. Juli einen monatlichen Höchstbetrag von je 167.50 Euro. Ab dem dritten Kind erhöht sich der Betrag um 30 Prozent.

Diese Massnahme gilt vorerst bis zum 31. Dezember. Dann soll sie im Rahmen der Steuerreform eingeführt werden und bestehende Abzüge und Boni ersetzen.

126’000 Corona-Tote

Doch der Grund für die schrumpfende Bevölkerung ist nicht nur die abnehmende Geburtenrate. Im letzten Jahr sind über 75’000 Menschen an Corona gestorben (inzwischen sind es 126’000).

Der Bevölkerungsschwund findet in allen Regionen statt, am meisten in Süditalien. Überdurchschnittlich betroffen sind auch das Aostatal, Ligurien und das Piemont. Einzig im Trentino-Südtirol wurde ein minimer Bevölkerungszuwachs registriert.

Keine Chance in Bella Italia

Mitverantwortlich für den Bevölkerungsschwund ist die Abwanderung. Vor allem gut ausgebildete junge Menschen sehen in Bella Italia keine Chance und wandern aus. In vielen EU-Staaten und auch in der Schweiz werden sie zum Teil mit offenen Armen empfangen.

Laut dem Statistischen Amt haben in den letzten zehn Jahren 899’000 Italienerinnen und Italiener das Land verlassen. 23 Prozent von ihnen haben einen Universitätsabschluss. Allein im Jahr 2019 waren es 122’000 (+4,5% im Vergleich zum Vorjahr). Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Bergamo. In Wirklichkeit könnte die Zahl noch viel höher sein, da viele der Ausgewanderten nach wie vor in Italien angemeldet sind.

Lieber einen dummen Cousin

Italien geht damit viel «brain» verloren. In Italien spricht man von «cervelli in fuga» ­– Gehirne auf der Flucht. «Wenn du verarmen willst», lautet ein zynisches Bonmot im Belpaese, «gehe an die Universität und lege einen Doktortitel ab.» Es wimmelt im Land von arbeitslosen oder sehr schlecht bezahlten Akademikern.

Grund für die Abwanderung ist die wirtschaftliche Lage. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 10 Prozent, bei den Jungen bei über 30 Prozent. Dazu kommt die Klientel-Seuche, die noch immer in ganz Italien grassiert. Man stellt eher einen Cousin an, der nichts kann, anstatt jemanden, der eine gute Ausbildung hat ­– aber eben kein Cousin ist. Viva la famiglia.

Weniger Aiusländer

Für Ausländer wird das Land immer weniger attraktiv. Sie kompensieren den Bevölkerungsrückgang nur teilweise. Aus anderen Ländern sind im Jahr 2020 221’000 Menschen nach Italien gezogen; 142’000 haben sich abgemeldet. Dieser positive Saldo von 79’000 ist der niedrigste Wert in diesem Jahrtausend.

Das hindert die Rechtspopulisten nicht daran, ins Land hinauszuschreien, dass Italien von den Ausländern bedroht sei. Nicht die Immigration bedrohe Italien, sondern die jährliche Abwanderung, erklärt der Sizilianer Peppe Provenzano, der in der Regierung Conte II Minister für Süditalien war. Die Zahl der aus Afrika über das Meer gekommenen Flüchtlinge sank 2019 um 28 Prozent.

Sinkende Lebenserwartung

Vor allem die Corona-Seuche hat die durchschnittliche Lebenserwartung der Italiener und Italienerinnen – im Vergleich zum Vorjahr – um 1,2 Jahre gedrückt.

Männer sind stärker betroffen: Ihre durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt sinkt – statistisch gesehen – auf 79,7 Jahre. Das sind 1,4 Jahre weniger als im Vorjahr. In der Lombardei fällt sie für Männer um 2,6 Jahre (Stichwort: Bergamo).

Bei Frauen beträgt die Lebenserwartung bei der Geburt 84,4 Jahre (1,0 Jahre weniger als im Vorjahr).

Übrigens: Im letzten Jahr waren 17’935 Menschen in Italien über hundert Jahre alt. Davon sind 15’009 Frauen – 2’926 sind Männer.

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