Das «Wunderwerk» der deutschen Einigung

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Das «Wunderwerk» der deutschen Einigung

Von Reinhard Meier, 20.06.2021

Fritz Pleitgen hat den epochalen Umbruch zur deutschen Einheit vor über drei Jahrzehnten an vorderster Front miterlebt. In seinen Erinnerungen lässt er jenen glückhaften Prozess, mit dem niemand gerechnet hatte, noch einmal aufleben.

Vor 32 Jahren, im November 1989, ist die Berliner Mauer gefallen und ein Jahr später waren die Bundesrepublik und die beiden deutschen Nachkriegsstaaten offiziell zu einem gemeinsamen Staatswesen vereinigt. Während Jahrzehnten waren sie politisch und durch Stacheldraht nahezu hermetisch voneinander getrennt gewesen. Für viele Menschen in Europa und in aller Welt ist heute die Existenz der Berliner Republik eine Selbstverständlichkeit und die Realität der untergegangenen DDR kaum noch im Bewusstsein präsent.

Das Ende der «deutschen Frage»

Der bekannte Fernsehjournalist und spätere WDR-Intendant Fritz Pleitgen führt uns in seinen Erinnerungen vor Augen, was für ein unglaublicher Umbruch sich mit dem Prozess der deutschen Einheit in Europa abspielte. Und er ruft uns ins Gedächtnis zurück – oder macht jenen Lesern, die die das nicht mitbekommen haben, klar – dass die Überwindung der deutschen Teilung ein absoluter Glücksfall war, mit dem zur damaligen Zeit so gut wie niemand gerechnet hatte. Deshalb auch der Titel seiner Rückschau: «Eine unmögliche Geschichte». Der Untertitel lautet: «Als Politik und Bürger Berge versetzten». Wer sich nach dem Zweiten Weltkrieg näher mit der sogenannten deutschen Frage beschäftigte und einigermassen Bescheid wusste über die machtpolitischen Konstellationen in Europa und dessen tiefe ideologische Spaltung, dem musste die Auflösung dieses Zustandes tatsächlich wie eine unmögliche Herkulesarbeit oder wie ein unrealistischer Traum vorkommen. Vor 32 Jahren ist dieser Traum ganz plötzlich Wirklichkeit geworden.

Noch im Jahre 1987 war Pleitgen auf einer Elbfahrt mit dabei, die der WDR entlang der deutsch-deutschen Grenze organisiert hatte. Mit auf dem Schiff waren unter anderen Prominenten auch der von der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann und der Schriftsteller Stefan Heym, der als Pensionär noch immer in der DDR lebte, sich aber mit dem Honecker-Regime als linker Kritiker ebenfalls überworfen hatte. Niemand, der im Rahmen dieser Sendung in Ost- oder Westdeutschland zur Frage einer möglichen deutschen Wiedervereinigung befragt wurde, habe «auch nur angetippt», dass dieses Ziel in nächster Zeit erreicht werden könnte, erinnert sich der Autor.

Erfahrungen in Moskau und Ostberlin

Pleitgen hatte die scheinbar unverrückbare politische Kluft zwischen West- und Osteuropa und die deutsche Teilung in langen Korrespondentenjahren in Moskau und in Ostberlin und später in Washington erlebt. Kurz vor Beginn des unerwarteten deutschen Einigungsprozesses war er aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt. So konnte er als erfahrener Fernsehreporter über das «Schicksalsjahr 1989», in dem die Berliner Mauer plötzlich durchlässig wurde und zusammenfiel, an vorderster Front und in teilweise direktem Kontakt mit zentralen Akteuren des dramatischen Geschehens berichten. Es seien damals für Politikjournalisten «paradiesische Zeiten» gewesen, schreibt Pleitgen, denn nach Jahren mürrischer Politikverdrossenheit «erlebten wir eine «Hochkonjunktur des politischen Interesses, wie sie uns vorher nur Willy Brandt mit seiner Ostpolitik beschert hatte».

Am Tag nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 konnte Pleitgen ein Interview mit dem SED-Politbüromitglied Günter Schabowski führen, der mit der offenbar unüberlegten Bemerkung über die sofortige Maueröffnung den unkontrollierten Massenandrang auf die Grenzübergänge ins Rollen gebracht hatte. Schabowski gab sich dabei zwar «betont locker, mit Berliner Dialekt und Charme», wie es in den Erinnerungen des Journalisten heisst, aber seine scheinbar feste Überzeugung, dass die DDR noch lange weiterexistieren werde, wurde durch die sich überstürzenden Ereignisse schnell widerlegt.

Schon vier Monate nach dem Mauerfall, am 18. März 1990, wurden in der DDR zum ersten und letzten Mal freie Wahlen durchgeführt. ARD, ZDF und das DDR-Fernsehen hatten ihre Wahlstudios «einträchtig nebeneinander» im Ostberliner Palast der Republik (der später abgerissen und durch einen Neubau des Berliner Schlosses ersetzt wird) eingerichtet. Helmut Kohls CDU erzielte bei dieser Wahl mit rund 40 Prozent der Stimmen einen überraschend klaren Sieg. Pleitgen erinnert daran, dass Kohl zuvor auch in der eigenen Partei stark angeschlagen war und im September 1989, kurz vor dem Mauerfall, einen internen Putschversuch parieren musste. Die unerwarteten Massenproteste in der DDR, die Öffnung der Grenzen und die Perspektive einer neuen deutschen Einheit verhalf dem CDU-Kanzler auf breiter Front zu einem grossartigen Comeback.

Respekt für Kohl, Gorbatschow und Reagan

Am 3. Oktober 1990 tritt das jetzt demokratisch gewählte DDR-Parlament nach Artikel 23 des deutschen Grundgesetzes der Bundesrepublik bei. Und schon Anfang Dezember finden gesamtdeutsche Bundestagswahlen statt, bei der die von Kohl geführte Koalition von CDU/CSU und FDP eine deutliche Mehrheit gewinnt. Fritz Pleitgen nennt die so vollkommen unerwartet zustande gekommene deutsche Einheit ein «Wunderwerk der Politik», über das man auch heute noch im Abstand mehrerer Jahrzehnte nur staunen könne. Der Autor betont dabei, dass es in hohem Masse der «Tat- und Vorstellungskraft von Helmut Kohl zu verdanken» sei, dass dieses Werk gelingen konnte. Er habe als damaliger Bundeskanzler das «Zusammenfallen glücklicher Umstände» rigoros und umsichtig genutzt. Das schnörkellose Lob für den «Kanzler der Einheit» zeugt für die Fairness des Zeitzeugen Pleitgen, denn er verhehlt in seinem Buch nicht, dass er in seiner journalistischen Arbeit und als SPD-Mitglied mit dem Politiker Kohl und seiner CDU häufig übers Kreuz lag.

Eine entscheidende Voraussetzung für das Gelingen der deutschen Einheit war gleichzeitig der Umstand, dass in der Sowjetunion zuvor Michail Gorbatschow die Macht übernommen hatte. Der neue Mann war bereit, völlig vom Wege seiner Vorgänger abzuweichen. Allerdings hatte der neue Kremlchef noch 1988 den Gedanken an eine deutsche Wiedervereinigung klar zurückgewiesen. Pleitgen war dabei, als Gorbatschow nach einem Gespräch mit Kohl im nordkaukasischen Flecken Schelesnowodsk die Einwilligung der Sowjetunion zum Zusammenschluss von West- und Ostdeutschland bekanntgab und obendrein auch die Mitgliedschaft des neuen Deutschlands in der Nato akzeptierte. Das war am 16. Juli 1990. Pleitgen nennt dieses Datum den «vermutlich besten Tag der deutschen Geschichte».

Auch Ronald Reagan, einem anderen Akteur jener Umbruchjahre, mit denen Pleitgen als Fernsehreporter direkt in Kontakt kam, zollt der Autor in der Rückschau fairen Respekt. Reagan regierte während Pleitgens Korrespondentenjahren in Amerika im Weissen Haus. Dessen Politik konnte der deutsche Journalist in manchen Punkten wenig Sympathie entgegenbringen. Immerhin schätzte er dessen «gewinnende Selbstironie» und seine Fähigkeiten als «grosser Geschichtenerzähler». Und er räumt unumwunden ein, dass Reagan mit seiner Aufforderung an Gorbatschow in Berlin, die Teilungsmauer niederzureissen, völlig richtig lag. «Wir Fachleute des Ost-West-Geschehens hingegen sahen darin nur leere Propaganda eines ahnungslosen Amis», schreibt Pleitgen.

Die Möglichkeit des Guten in der Politik

In der Rückschau nach dreissig Jahren zieht der Autor eine positive Bilanz der deutschen Wiedervereinigung, deren Vorgeschichte und Zustandekommen er so intensiv miterlebte hatte. In den Anfangsjahren ist der Ablauf dieses Vereinigungsprozesses von vielen Betroffenen bitter kritisiert worden. Inzwischen aber sei «viel zusammengewachsen, was zusammengehört», urteilt er mit Bezug auf ein berühmtes Zitat von Willy Brandt.

Fritz Pleitgen bezeichnet die Jahre des Aufbruchs und der Befreiung in Ost- und Mitteleuropa vom Joch des Sowjetimperiums als eine «berauschende Zeit», in der es Politik und Bürgern gemeinsam gelang, «Berge zu versetzen». Seine Erinnerungen aus persönlichem Erleben, flüssig und anschaulich geschrieben, oft mit einer feinen Prise Humor, lassen sich auch als Gegenerzählung zu jenen Schwarzmalern lesen, die die Zeitgeschichte als eine Kette von Enttäuschungen und Versagen wahrnehmen. Die glückhafte Überwindung der deutschen Teilung beweist vielmehr: Nichts ist unmöglich in der Politik. Dies hält Pleitgen als Fazit fest.

Eingefügt hat der Autor auch einen sachlichen Bericht über seine Krebserkrankung, die während der Niederschrift seines Buches entdeckt worden ist. Als langjähriger Präsident der Deutschen Krebshilfe ist es ihm ein grosses Anliegen, für eine möglichst frühe Erkennung dieser Krankheit zu werben und das Thema zu enttabuisieren. Pleitgen ist es nach einer schweren Operation gelungen, das Buch fertigzuschreiben. Diese Anstrengung sei, wie das sein Arzt voraussagte, zu einer wirksamen Therapie geworden.

Fritz Pleitgen: Eine unmögliche Geschichte. Als Politik und Bürger Berge versetzten. Berlin: Herder-Keyser, 2021.

 

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