Das Ponzi-Schema in Vollendung

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Das Ponzi-Schema in Vollendung

Von René Zeyer, 26.03.2013

10 Milliarden für Zypern ist ja eigentlich ein Klacks. Aber wo kommt der her? Aus einem klassischen Schneeball-System à la Ponzi oder Madoff.

Die meisten von uns erinnern sich noch an die guten alten Kettenbriefe oder Schenkkreise. Man zahlt einen mehr oder minder überschaubaren Betrag ein, verbreitet die Sammelaktion weiter – und schwups, innert kürzester Zeit bekommt man das Vielfache des eigenen Einsatzes ausbezahlt. Selbst wenn jeder nur zwei weitere Dumme überzeugen muss, braucht es, das ist eben exponentielles Wachstum, nach nur 20 Runden bereits eine Million Beteiligte. Und kurz danach müsste die gesamte Weltbevölkerung mitmachen. Aber wirklich, darauf fallen doch nur Blödköpfe rein.

Das Ponzi-Schema

Schon raffinierter ist das erstmals im grossen Stil von Charles Ponzi in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts praktizierte und seither nach ihm benannte Betrugssystem. Anlegern werden fabulöse Gewinne versprochen, die – natürlich streng geheim – durch ein raffiniertes Geschäftsmodell generiert werden. Wer seinen Profit ausbezahlt haben will, kriegt ihn sofort und diskussionslos. Nur: Diese Gewinne werden durch die Einlagen neuer Kunden finanziert. Bis es kracht. Darauf fallen bis heute, wie Madoff im grossen Stil zuletzt bewiesen hat, sogar Grossanleger und Banken rein.

Das Gelddruck-Schema

Nun gibt es aber eine Institution, die etwas kann, was Schenkkreise, Ponzis und Madoffs nicht können: bei Bedarf selber Geld drucken. Banken können zwar Werte erfinden, daraus Ableitungen herstellen, die sogenannten Derivate, und die ganze Zockerei noch bis zum Faktor 80 oder mehr hebeln. Aber auch da gilt: Früher oder später ist Kassensturz, Zahltag. Pleitetag. Nur eine Notenbank oder Nationalbank hat dieses Problem nicht. Sie verfügt über eine Zaubertaste. Wenn draufgedrückt wird, gibt es plötzlich mehr Geld. Eine Million, eine Milliarde, zehn, hundert. Abrakadabra.

Im Prinzip

Natürlich kann nun ein Herr Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, nicht einfach beschliessen, dass es danach lustig ist, heute mal 10 Milliarden neue Euros in die Welt zu setzen. Denn man weiss ja: Irgendwie muss die gesamte Geldsumme in einer Währung etwas mit der realen Wirtschaftswelt zu tun haben. Wird in rauen Mengen neues Geld in Umlauf gebracht, und dem steht nicht ein adäquates Anwachsen der Wirtschaftsleistung gegenüber, gibt es Inflation. Im Prinzip. Eben wenn das Geld in Umlauf kommt.

Der Taschenspielertrick

Was passiert aber, wenn von der Notenbank neues Geld dafür verwendet wird, «unbegrenzt» Staatsschuldpapiere aufzukaufen? Dann gerät es ja nicht in Umlauf, es entsteht keine Inflation. Die Staaten sind ihre Schulden losgeworden, bzw. sie haben für ihre Schuldpapiere, die niemand mehr haben wollte, einen Abnehmer gefunden. Das ist doch super, da soll noch jemand sagen, es gebe kein Perpetuum mobile. Mehr Schulden, mehr Euro, keine Geldentwertung, wieso sind wir da nicht schon früher draufgekommen? Wieso machen wir uns eigentlich Sorgen um Zypern, Griechenland, Portugal, Spanien, Italien? Ganz einfach: Weil auch das im wahrsten Sinne des Wortes ein Taschenspielertrick ist. Aus der linken Tasche wandert Geld in die rechte, dafür wandern Schuldpapiere nach links.

Was sind Schulden?

Schulden sind gekaufte Zeit. Schulden beinhalten das Versprechen, sie in einem vereinbarten Zeitraum wieder zurückzuzahlen, normalerweise mit einem Risikozuschlag, den Zinsen. Möglich wird das, indem die Schulden eine zusätzliche Wertschöpfung bewirken, die in einem überschaubaren Zeitraum, im Wirtschaftsleben ist Payback in fünf Jahren eine bewährte Regel, ihre Tilgung erlauben. Das gilt natürlich auch für Staaten. Die zahlen ihre Schulden durch zukünftiges Wachstum des BIP zurück, das eine entsprechende Steigerung des Steuersubstrats beinhaltet. Schöne Theorie.

Die Schuldenfalle

Was passiert aber, wenn Staaten bis über beide Ohren verschuldet sind, sich zudem in einer schweren Rezession befinden und durch die Aufnahme neuer Schulden nur noch tiefer in eine Depression geraten? Eine Zeitlang gar nichts, wenn die Notenbank ihren Taschenspielertrick anwendet. Die EZB, und nicht nur sie, sagt: Hübsch, wir drucken Geld wie Heu, kaufen Staatsschuldpapiere auf wie blöd – und es gibt keine Inflation. Wir verstehen zwar auch nicht, wieso das möglich ist, aber wenn’s funktioniert, dann gibt es doch keinen Grund, nicht weiterzumachen.

Das Pyramidenproblem

Aber all diese Geldpyramiden, ob es ein Schneeballsystem, ein Ponzi-Schema, ein Madoff-Trick oder eine Notenbank-Taschenspielerei ist, haben ein Problem gemeinsam. Wenn das Prinzip von Anfang an falsch ist, kann es im Nachhinein nicht mehr repariert werden. Man kann die Riesenlawine nicht mehr zum Schneeball zurückrollen. Man kann auch nicht eine Pyramide einfach auf den Kopf stellen. Ausser, man glaubt an Wunder.

Kommentare

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Parallele zu Finews’ “Champagner für den Finanzplatz!“?

René Zeyer spricht mir wieder einmal aus dem Herzen. Und ohne es zu wollen, antwortet er einem anderen, sonst hochgeschätzten Kollegen - und eben, manchmal irregeleitetem Phantasten, dem verdienten Redaktor von Finews, Claude Baumann. Denn letzterer nahm kürzlich (27.3.13) den SIF-Bericht "Finanzstandort Schweiz - Kennzahlen" (März 2013) für einen selbst-täuschenden Kommentar zum Anlass – so als ob die nackten Beschäftigungszahlen des Schweizer Finanzplatzes Entwarnung signalisieren würden.

Mein unten wiedergebener drei-teiliger Kommentar mag zwar zu einer Titeländerung beigetragen haben (statt dem ursprünglichen selbst-zufriedenen "Champagner für den Finanzplatz!", nunmehr etwas nüchterner "Eine Job-Bilanz der grossen Banken"). Mein Kommentar hingegen wurde zensuriert - d.h. nur der dritte Teil wurde veröffentlicht (http://www.solami.com/iconoc.htm#Kasandra ). Wie mir Claude zustimmend erläuterte, beschied ihm sein Webmaster, dass dieser das Kommentarsystem so angelegt habe, dass pro Artikel und Person nur 1 - zudem auf 1000 Anschläge beschränkter - Beitrag zugelassen werde. Woraufhin ich Claude empört daran erinnerte, dass sein und mein und unser ganzes Tun und Lassen immer mehr auf die Bekämpfung der Schäden ausgerichtet sei, welche williy-nilly durch unsere dienstbaren administrativen und technischen Geister verursacht werden. Und dass es an der Zeit sei, unsere Verantwortung als Prinzipale wahrzunehmen. Dass es nicht angehe, dass die uns zur Zudienung berufenen Personen und Organisationen - wie IT-Spzialisten, OECD, und sogar privaten Bruderschaften GAFI/FATF und Egmont-Gruppe - den Tarif durchgeben sowie selbst-zudienende Richtlinien, Leitplanken und Standards setzen würden. Und dass wir im Gegenteil endlich wieder die Führung übernehmen und unseren Untergebenen zeigen müssten, wo der Bartli den Most zu holen habe. Denn: wie sonst sollte es uns gelingen, das anvertraute Erbe intakt weitergeben zu können?

Kasandras lagen falsch - wirklich? Teil I Nicht dass ich ein Monopolist der guten Ideen, richtigen Analysen und Prognosen wäre, oder uneinsichtig mich besseren Erkenntnissen nicht anzuschliessen vermöchte. Aber die Missachtung der qualitativen gegenüber den quantitativen Dimension relevanter Vorgänge hat schon Edgar Salin als irreführende Modellschreinerei gegeisselt. Demselben SIF-Bericht vom 21.3.2013 entnehme ich z.B. nichts über das - eben unmessbare aber gleichwohl massgebendere - Vertrauen der Kunden und Mitarbeiter in ihre Bank, in den Markt und in die Entwicklungen der Rahmenbedingungen. Hinweise auf den realen mittleren Lohnabbau fehlten. Und ich fand dort auch keine Tabellen über die Entwicklung der Eigenkapitalrendite, der Gesamtentschädigung im Finanzbereich und der sich öffnenden Schere zwischen Mindest- und Maximalverdiener. Hingegen findet man dort Tabellen, welche indirekte qualitative - und alles andere als zu Champagner Anlass gebende - Signale vermitteln,

Teil II Hier einige ernüchterndere SIF-Angaben. Sie stehen dem irreführenden Eindruck entgegen, welche die nackten Zahlen über die Beschäftigungsentwicklung im Finanzsektor vermitteln: Wertschöpfung des Finanzsektors, in Mio. Franken: 44’746 für 2007, 34’881 für 2012, sank in gleicher Periode von 12,4 auf 10,3% des BIP; das Interbankengeschäft mit dem Ausland: von 900 Mia Franken 2006 auf 540 im Jahre 2012 reduziert; Steueraufkommen der Banken: 5’057 für 2006, und 1’251 für 2010. Zu den Fehlentwicklungen im Finanzbereich habe ich schon 1998 meine Philippika "Titanic hélvétique" veröffentlicht (www.solami.com/ubs.htm#Titanic ). Und schon an der UBS-GV vom April 2007 kritisierte ich, dass "von den Personalgesamtausgaben der UBS von rund 23.5 Milliarden 53%, also rund 12,5 Milliarden Franken, als Boni ausgerichtet worden" sind. Der Sprengfaktor (Durchschnitt zu Maximum) sei 188, und das der heutigen 1:12-Initiative entsprechende Verhältnis sei 1:554.

Teil III Mao hat ein Min-/Maxlohn-Verhältnis von 1:30, Hans Küng eines von 1:100 als vertretbar postuliert. Bis zum Fall der Berliner Mauer erhielten die Hälfte der Manager stets weniger als das 56-fache des mittleren Lohnes. Wie bei der Laffer-Kurve gibt es wohl auch bei der Lohnschere ein Optimum. Und wie beim Wasser besteht die Gefahr von system-schädigenden Erosionen, wenn das Gefälloptimum überschritten wird. Die Zeiten von substanz-fressenden und KMU-feindlichen Eigenkapitalrenditen der Titanic-Banken von 20% und mehr sind vorbei. Frühpensionierung ist angesagt für all jene, die unsere Wirtschaft an die Wand gefahren haben. Ebenso Ent-Amerikanisierung & Re-Helvetisierung des Finanzplatzes mittels Lex Helvetica Banking (www.solami.com/helvetica.htm ). Die verheerenden IRS- (QI, FATCA), OECD-, GAFI/FATF- & Egmont-Dikdate sind allesamt abzulehnen; sie leisten nur weiteren Erpressungen und Souveränitätsverlusten Vorschub (…/fatcavorlage.htm).

Draghi, Schäuble usw. wissen sehr gut, worum es geht, um die Rettung von Großvermögen und erteilten Großkrediten, es ist eine Herauszögerung des Unvermeidlichen mit Versuchen, jetzt die Masse dafür haften zu lassen, indem man sich das eine oder andere einfallen lässt: Sozialabbau, Entlassungen, Preiserhöhungen..es wird jemand für diese ganze Zockerei bezahlen, es dauert ein wenig aber die, die gezockt haben,werden keine Opfer bringen müssen. Dazu sind ja die Politiker da...

Wieder einmal mehr ein ausgezeichneter Artikel von ihnen Herr Zeyer.

Völlig richtig, aber warum wollen die Zuständigen (Draghi, Schäuble, et alii) dies nicht einsehen? Ist ihre Bildung der unseren überlegen? Wenn ja, inwiefern?

schön erklärt, endlich einmal eine Erklärung, die auch ein nicht VWLer versteht. Vielen Dank

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