Das Labyrinth von Banarghatta

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Das Labyrinth von Banarghatta

Von Roger Bernheim, 03.12.2011

Das schöne Altersgedicht des Dichters Hans Sahl (1902-1993) „Ich gehe langsam aus der Welt hinaus“ endet mit den Worten: „... als wär ich nie gewesen oder kaum.“ Und der österreichische Schriftsteller Jean Améry (1912-1978) schrieb in seinem Werk über das Alter zum Thema Tod: „...es wird alles sein wie die Liebes- und Schmerzensnächte des Verstorbenen: so gut, als sei es nie gewesen.“

Sahl und Améry waren Juden. Bestimmt kannten sie das Gebet, das die Juden bei der Abdankung eines Verstorbenen als erstes sprechen. Es beginnt mit den Worten: „Der Mensch, ob ein Jahr er gelebt, oder eine Fülle der Jahre über ihn hingegangen – was bleibt von ihm? Als wär er nie gewesen, verschwindet er.“ In einem andern Altersgedicht von Hans Sahl („Ich weiss, dass ich bald sterben werde“), stellt dieser die Frage, die sich wohl Jeder und Jede einmal stellt: „…Was bleibt von all dem, das ich tat und lebte?“ Er gibt auch gleich seine Antwort darauf: „Nur eine Kleinigkeit: Ein Mensch fand statt.“

In der Tat: Ein Mensch fand statt. Man wird geboren, findet statt und stirbt. Wir wissen nicht weshalb und wozu unser Stattfinden stattfindet, werden wohl kaum je eine Antwort darauf finden. Es scheint sinnlos zu sein, und es liegt wohl an uns, so meine ich, ihm einen Sinn zu geben; und wenn es uns gelingt, uns in dem uns selber gegebenen Sinn einzurichten und ihn zu erfüllen, haben wir damit, wenn wir nicht Shakespeare, Mozart oder Einstein heissen, zwar nichts Nennenswertes bewirkt, aber wenigstens unser Stattfinden in einer uns befriedigenden Weise gelebt – vielleicht sogar zum Wohle der Gesellschaft oder unserer Familie. Aber nachher, wenn das Stattfinden stattgefunden hat und man begraben oder eingeäschert ist, was dann? Die Kinder erinnern sich an uns, und wenn wir Glück haben die Enkel auch noch gelegentlich. Nachher – auf einem Grabstein ein Name, der allmählich zur Unleserlichkeit verwittert. Und es kräht kein Hahn danach, ob wir stattgefunden haben oder nicht. Es ist, als wären wir nie gewesen.

Man kann weiter fragen: Was wäre, wenn der Urknall oder Gottes Wort nicht stattgefunden hätte. „Eine dumme Frage“, höre ich sagen. In der Tat: vernünftige Menschen stellen solche Fragen nicht. Goethe hätte die Frage entschieden von sich gewiesen und tadelnd auf die Pflichten des Tages und auf die Untugend aller Zeitverschwendung verwiesen. Aber soll man denn immer vernünftig sein? Ein bisschen Unvernunft von Zeit zu Zeit kann doch recht schön sein. Und was jene Frage betrifft: Zwecks Gehirngymnastik kann man sich die Frage ja mal stellen. Also:

Was wäre, wenn der Urknall oder Gottes Wort nicht stattgefunden hätte? Bestünde dann nichts, keine Gestirne, keine Rosen, nicht einmal ein Hahn, der danach krähen würde, nur ein unendliches Nichts? Und gäbe es dann einen Gott, der den Befehl „Es werde“ später einmal sprechen könnte? Wohl kaum, da es ja mit Gott als Bewohner kein Nichts wäre. Vielleicht wäre es eine Leere, ein umgrenzter Raum wie eine leere Flasche, und Gott wäre ausserhalb dieser Leere anzusiedeln. So hat sich der vorsokratische griechische Philosoph Anaximander vor 2500 Jahren das Göttliche vorgestellt: als das Allumfassende.

Ich höre den Vorwurf, ich verführe nach einer menschlichen, irdischen Denkungsart und Logik; möglicherweise gebe es eine andere, gleichsam überirdische, metaphysische Logik, die sich dem Verständnisvermögen unserer Vernunft entziehe, aber jene Fragen beantworten würde? Der Apostel Paulus jedenfalls war davon überzeugt: „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott“, schrieb er den Korinthern. Aber das bringt mich einer Antwort nicht näher.

In Banarghatta, einem Dorf bei Bangalore, steht hinter einem alten Tempel ein Labyrinth. Es ist kein Irrgarten nach europäischem Muster. Es führt nicht durch mannshohe Taxushecken, die den Blick auf das Ziel versperren. Es stellt einen nicht vor Weggabelungen, an denen man sich entscheiden müsste. Es ist ein indisches Labyrinth. Man kann sich darin nicht verirren. Es besteht aus einem einzigen, mit Steinen markierten Pfad, der an jedem Punkt ganz überschaubar ist. Er windet sich zwanzigmal oder mehr um einen Mittelpunkt herum, nähert sich ihm, entfernt sich wieder davon, führt erneut ihm entgegen und kehrt sich wieder von ihm ab, immerfort so weiter in trunkenen Kreisen und führt am Ende wieder an den Ausgangspunkt zurück. Das Ziel ist stets sichtbar, und man kommt mehrmals nahe daran heran. Aber man erreicht es nie.

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