Das Kreuz mit der Demokratie

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Das Kreuz mit der Demokratie

Von Armin Wertz, 01.03.2013

Berlin möchte Europa vor der italienischen Infektion bewahren. Bloss nicht! Etwas Anarchie verträgt es durchaus. Oder sollten etwa die CIA-Praktiken im Kalten Krieg das Vorbild für marktwirtschaftliche Disziplinierung sein?

Der deutsche Michel ist stolz auf seine Wirtschaft. Die deutsche Wirtschaft schnurrt und fluppt wie ein geöltes Rädchen. Davon hat der deutsche Michel mit seinen Dumpinglöhnen, die zum Leben zu niedrig und zum Sterben zu hoch sind, zwar nichts. Aber wenn es den Boni-Empfängern gut tut, dann tut’s wahrscheinlich Deutschland gut. Und darauf kann man ja stolz sein. Das sollen uns die andern erst mal nachmachen!

Ungeliebter Primus

Nun stellt sich aber dummerweise heraus, dass die andern uns gar nicht kopieren wollen. Das bringt den deutschen Michel mächtig auf. Er überschlägt sich geradezu. In Italien «schläft die Vernunft“, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Rom. «Der Sanierer Monti, der Liebling der Europäer, hat enttäuschend abgeschnitten», der Sozialdemokrat Bersani hatte bei den Wahlen zur Abgeordnetenkammer «knapp die Nase vorn, im nicht weniger wichtigen Senat liegt er gleichauf mit Berlusconis Mitte-rechts-Allianz. Und dann ist da noch der sogenannte Komiker Grillo… Soviel Klamauk war nie.»

«Warum blo tun die Italiener sich und dem Kontinent das an», fragte die Süddeutsche Zeitung staatstragend und regierungsnah und träumte vermutlich mit vielen anderen Deutschen einen deutschen Traum von Stabilität, Reformen, Ordnung, Disziplin und all den andern Sekundärtugenden, die der deutsche Michel so sehr liebt, dass er dafür gelegentlich sogar die ganze Welt mit Krieg überzieht. Doch nun heisst es: «Aus der Traum. Nur jeder zehnte Italiener stimmt für Monti. Die Wahlen werden zur Opera buffa. Ein gerissener Faun und ein tobender Clown sind die Überraschungssieger.»

Und einer der deutschen Obermichels, der gelegentlich auch mal die Kavallerie in die Schweiz schicken möchte, um dort ebenfalls für deutsche Ordnung zu sorgen, war «geradezu entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben."

Deutschland und Rest-Europa

«Berlin ist alarmiert, dass die ‚Infektion‘ der italienischen Krise den Rest Europas» anstecken könnte, beobachtete die spanische Zeitung El País. Offenbar ist man in Madrid nicht so aufgeregt. Aber die Spanier haben ja auch noch nie geglaubt, an ihrem Wesen könne die Welt genesen.

Es ist schon ein Kreuz mit der Demokratie. Zumindest aus deutscher Sicht. Es ist ja nicht das erste Mal, dass der deutsche Michel die Welt nicht mehr versteht. Erst wählen die Franzosen einen Herrn François Hollande, einen Linken, der ganz sicher den Euro gefährdet. Dann mault halb Europa über die guten Ratschläge und Anweisungen, die Berlin so grosszügig verteilt. Dann schmeisst der Papst den Bettel vorzeitig hin, nicht weil er alt und gebrechlich ist, sondern weil er «mit seinem Versuch, die Kirche zu säubern, gescheitert» ist, wie die streng katholischen Spanier von El País erkannt haben. Tja, und jetzt die Clowns in Italien.

Die sollten sich alle einmal ein Beispiel an Berlin nehmen. Dort sitzen – wie es sich gehört – überwiegend Studienräte und andere Beamte im Parlament, die sich risikolos von ihrem Arbeitsplatz beurlauben lassen können und ihren Anspruch auf den alten Job erst nach mehr als zwei Legislaturperioden (wenn die Pension eh gesichert ist) Abwesenheit verlieren können. Das sind ordentliche Volksvertreter und keine Clowns, denn Beamte und besonders Lehrer sind allemal klüger als Clowns. Obwohl, so erinnert man sich, so etwas Ähnliches gab’s ja schon einmal, allerdings nicht in Italien sondern in den Vereinigten Staaten, bei unserer Führungsnation. Es ist schon dreissig Jahre her, da liessen wir uns von einem zweitklassigen Hollywoodmimen führen, der es schaffte, den bis dahin grössten Schuldenberg seines Landes in Friedenszeiten anzuhäufen. Damals, so mag man sich erinnern, schlief der deutsche Michel selig. Jedenfalls schrie niemand Zeter und Mordio.

Vorbild CIA

Was also tun mit den italienischen Clowns oder mit den Italienern? Man könnte sich ein Beispiel an Henry Kissinger nehmen, der einst aus dem für ihn so enttäuschenden Wahlsieg des Sozialisten Salvador Allende in Chile 1970 die Lehre zog: «Ich sehe nicht ein, dass wir zusehen sollten, wie ein Land als Folge der Unverantwortlichkeit seiner eigenen Bevölkerung kommunistisch wird. Die Angelegenheit ist viel zu wichtig, als dass man die Entscheidung darüber den chilenischen Wählern überlassen kann.» Also, Herr Steinbrück, wozu haben wir unsere Kavallerie?

Freilich, eleganter wären verdeckte finanzielle Zuwendungen an alle Parteien, für die keine Clowns kandidieren. Das hat damals in den ersten drei Dekaden nach dem Krieg gut funktioniert. Damals unterstützte die CIA die Christdemokraten und andere antisozialistische Parteien und Gewerkschaften in Italien jährlich mit zwanzig bis dreissig Millionen Dollar. Auch grössere Unternehmen könnten ihren Beitrag für die Errettung Italiens leisten, so wie einst Exxon oder Mobile Oil. Exxon, soviel ist verbürgt, verteilte zwischen 1963 und 1972 Spenden in Höhe von 46 Millionen Dollar an die Democrazia Cristiana, und Mobile Oil gab jährlich eine Million an die richtigen Stellen. Sendezeiten im Fernsehen sind äusserst wichtig, zumal einer der Clowns unbegrenzt darüber verfügt.

Da muss gegengehalten werden, so wie damals nach dem Krieg. Weil damals im italienischen Fernsehen politische Werbung verboten war, kaufte die CIA Sendezeiten bei Monte Carlo TV und im Schweizer Fernsehen, die beide in Italien empfangen werden konnten, wo sie antikommunistische Kommentare und Berichte ausstrahlten, die von der Redaktion der Mailänder Il Giornale Nuovo verfasst waren, die eng mit der CIA zusammenarbeitete. «Wir hatten zu jeder Zeit mindestens eine Zeitung in jeder ausländischen Hauptstadt», gab die CIA zu, wie einem Bericht der New York Times vom 26. Dezember 1977 zu entnehmen ist.

Auch Papstwahlen sind manipulierbar

Auch bei der Papstwahl sollte kein Risiko eingegangen werden. Es war doch eine schöne Zeit, als wir Papst waren. Menschenmassen jubelten uns zu. Und wann jubelt die Welt schon einem Michel zu? Auch ein Konklave kann beeinflusst werden, oder? Mindestens einmal hat es geklappt. Man erinnere sich an Giovanni Batista Kardinal Montini. Ein ausgezeichneter Mann, einer der engsten Mitarbeiter Eugenio Pacellis (Papst Puis XII.) und hervorragender Organisator der italienischen Rattenlinie, die über den Brennerpass nach Tirol und von dort nach Triest, Genua, Verona oder Rom führte, und für zahlreiche Verfolgte – von Klaus Barbie bis Josef Mengele – zum rettenden Fluchtweg wurde. Als Dank für diesen hilfreichen Beitrag zur Operation Headache/Boathill erhielt er später, als er sein Herz für Waisenkinder entdeckt hatte, reichlich CIA-Unterstützung für seine Kinderheime. Das war aber vor 1963, als er Papst Paul VI. wurde.

Aber eigentlich, nö, Berlin sollte die Italiener endlich in Ruhe lassen. Es ist doch irgendwie tröstlich, dass es irgendwo in Europa noch ein wenig Anarchie gibt, und noch nicht alle auf den deutschen Michel hören. Den beschrieb Erich Mühsam schon vor 80 Jahren so:

Wer dem Staat sein Dasein weiht,

Schnallt den Riemen eng und enger.

Sein Gesicht wird lang und länger.

Denn der Staat übt Sparsamkeit

Wieder beim Gehaltsempfänger.

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Kommentare

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Die Jeder-bitte-nur-ein-Kreuz 2 Spiele haben jene, die Deutsche sein wollen weil sie am meisten davon haben (der konsistenteste Citoyen ist immer der Bourgeois), bereits verloren. Natuerlich hat sich der ideelle Gesamtkapitalist gut gemerkt, warum im Einzelnen das falsch gelaufen ist. Wer hat diese Spiele denn gewonnen? Jedenfalls nicht Deutschlands Nachbarn: die sind bestenfalls ohne groessere Gebietsverluste aus dem Schlamassel herausgekommen. Erstaunlicherweise konnten sich sogar Nachfolgestaaten deutscher Gruendungen wie Slowakei und Kroatien re-etablieren, mit deutscher Hilfe und zugunsten des deutschen Marktes. Gewonnen hat, zunaechst einmal, ganz klar das Land, das sich imer am laengsten rausgehalten hatte und nach dem zweiten Spiel antikommunistisch positionierte, da die Sowjetunion nach Gewinn einiger Festlandkolonien ihm begann die (alleinige) Supermachtposition streitig zu machen. Achsenmaechte wie Deutschland, Japan und Italien kamen unter dessen Fittiche, wurden dort in ihrem Antikommunismus bestaerkt (auch indem ihre kommunistischen Bewegungen mit allen Mitteln verfolgt wurden) und durften teilweise sogar wieder militaerisch mitmachen. Aber das ist nicht Deutschlands neuer Dreh. Auch dass die Unterrichtssprache an der Mitteleuropaeischen Polizeiakademie (Mittelmaechte plus Italien, Ostgebiete und Balkan) aus gutem Grunde Deutsch ist, ist eher nichts womit man angibt, sondern noch der alte Adam, den man am liebsten mit einem feigen Blatt bedeckt. Beim dritten Spiel moechte Deutschland, gemeint sind die ganz oben gennannten Pofitbourgeois-Patriotencitoyens, gerne erst mal die Regeln schreiben, die Deutschland regional und weltweit eine aehnliche Hegemonie verschaffen wie seinem Ziehgluckenvorbild - aber diesmal mit Friedensdividende (der Nobelpreis ging an die EU, um Deutschland zu bestaerken, Kriege nicht mehr gegen andere Erstweltlaender zu fuehren und seine Nachbarn auch etwas friedlicher in seinen Markt einzubinden als die vorigen Male) - und ansonsten hochintelligenten Distanzwaffen gegen alle, gegen die Deutschland nicht verlieren kann. Demokratie stoert da wenig. Im Gegenteil ist es eine hervorragende Uebung, mit flachen Hierarchien ganz entspannt immer weniger Staat immer effizienter einzusetzen fuer - na wessen Ziele wohl - wenn die Nachbarn sich noch mit der alten Form der Entscheidungsfindung herumplagen und daher immer einen Schritt hinterher sind. Anarchie kann vieles bedeuten. Aber sie zu erzeugen, war bisher nicht als das Ziel von Wahlen bekannt. Es wird auch keine Regierung dem Neoliberalismus trotzen, ohne den Kapitalismus staatlich zu organisieren. Aber diese Systeme, links wie rechts, scheitern oder existieren auf Kosten der Substanz, nicht zuletzt leidet die Bevoelkerung Not, die sich nicht mit Embargos allein erklaeren laesst. Wer das Scheitern solcher Gebilde schade findet, sollte trotzdem eine Lehre daraus ziehen - wer Staatlichkeit als Ziel statt als Mittel auffasst, braucht aber keine Hilfe mehr. Die Domestizierung Deutschlands musste versagen, seine Beseitigung wurde verschenkt, die Loesung weiter bei umliegenden Staaten zu suchen, geraet in die Naehe des Untertanengeistes, der die Loesung der eigenen Probleme an eine Macht delegiert, die das Individuum selber nicht zu haben meint. Und daran ist bestimmt nicht nur die DCIA schuld. Kein Staat funktioniert mit ueberwiegend negativer Motivation. Die Sehnsucht nach gesellschaftlicher Teilhabe erzeugt Wunschdenken, das nur noch bedient werden muss. Du bist Deutschland. Dienen. Wir. Geht doch. In die Ostzone. Kommunisten. Ach so, die gibts ja nicht mehr. Also wir hier jetzt oder sie ueberall und immer, so einfach ist das. Warum sollen die in Italien uns schon wieder die Drecksarbeit abnehmen?

Bravo! … nur eine kleine Korrektur: Sie scheinen den (traditionell dummen und obrigkeitshörigen) "deutschen Michel" mit seiner Obrigkeit in einen Topf zu werfen, was ihm m.E. Unrecht tut. Denn auch heute gibt es wieder die AnFührer (= die reGIERende politische Klasse aus Marionetten), die Propaganda-Maschinerie (s. die von Ihnen zitierten Zeitungen, nahezu jedes andere Mainstream-Medium inkl. TV/Radio käme noch dazu) und die "Mitläufer" … nur dass man zur Errichtung einer Diktatur, in der Finanzkapital und Staat verschmelzen (= Mussolinis "Faschismus"-Definition) heute keine marschierenden Massen und Panzer mehr braucht – jedenfalls nicht im zivilisierten Europa: Krieg führt man nur bei den Barbaren – sondern Talk- und Kochshows im TV, volksdümmliche Musik, Doping-Orgien (äh, ich meine natürlich: Sportereignisse) und Rosamunde-Pilcher-Filme, um den deutschen Michel auf seiner Couch ruhig zu stellen. Ist viel ungefährlicher, als ihn in Form von Marschkolonnen auf die Strasse zu holen, denn da kann die Stimmung auch mal kippen …

Also, nicht Verführer und deren Strippenzieher* mit den (sich freiwillig einlullen lassende) Verführten verwechseln, bitte.

*PS: SEHR erhellend der Bericht der Bundesregierung über die Kontakte mit Bankstern von (vor allem) Deutscher Bank und Goldman Sachs in den letzten Jahren. Aber sowas kommt in DE ja nicht durch Journalisten ans Licht, sondern durch die Linksextremen, Kommunisten und "Altstalinisten" … verkehrte Welt, oder?

Bravo! … nur eine kleine Korrektur: Sie scheinen den (traditionell dummen und obrigkeitshörigen) "deutschen Michel" mit seiner Obrigkeit in einen Topf zu werfen, was ihm m.E. Unrecht tut. Denn auch heute gibt es wieder die AnFührer (= die reGIERende politische Klasse aus Marionetten), die Propaganda-Maschinerie (s. die von Ihnen zitierten Zeitungen, nahezu jedes andere Mainstream-Medium inkl. TV/Radio käme noch dazu) und die "Mitläufer" … nur dass man zur Errichtung einer Diktatur, in der Finanzkapital und Staat verschmelzen (= Mussolinis "Faschismus"-Definition) heute keine marschierenden Massen und Panzer mehr braucht – jedenfalls nicht im zivilisierten Europa: Krieg führt man nur bei den Barbaren – sondern Talk- und Kochshows im TV, volksdümmliche Musik, Doping-Orgien (äh, ich meine natürlich: Sportereignisse) und Rosamunde-Pilcher-Filme, um den deutschen Michel auf seiner Couch ruhig zu stellen. Ist viel ungefährlicher, als ihn in Form von Marschkolonnen auf die Strasse zu holen, denn da kann die Stimmung auch mal kippen …

Also, nicht Verführer und deren Strippenzieher* mit den (sich freiwillig einlullen lassende) Verführten verwechseln, bitte.

*PS: SEHR erhellend der Bericht der Bundesregierung über die Kontakte mit Bankstern von (vor allem) Deutscher Bank und Goldman Sachs in den letzten Jahren. Aber sowas kommt in DE ja nicht durch Journalisten ans Licht, sondern durch die Linksextremen, Kommunisten und "Altstalinisten" … verkehrte Welt, oder?

Hallo,

könnte ich bitte eine Quelle für das Mühsam-Zitat bekommen?

Gruß,

Kurt David Landesbediensteter Ba-Wü

Kompliment! Wunderbar getroffen.

Der Wertz hört sich an wie ein 18jähriger! "Her mit der Anarchie, für ganz Europa und dann wird sich endlich mal was ändern".

Dabei kann nur Deutschland und die Schweiz mal ordentlich was an "Anarchie" vertragen, die anderen sind eh schon voll davon. Nur dann haben WIR wieder die alten "Clowns und Komiker" wie vor über 70 Jahren. Und die sind kein bisschen lustig! Das will doch keiner mehr, schon gar nicht der "deutsche Michel".

Der "deutsche Michel" IST Italiener, Spanier, Grieche usw. ein bisschen Schweizer, Engländer, ja auch Türke und sicher auch ein bisschen blöd! Der einzige Unterschied zu den andern ist, dass er sich gerne was sagen lässt, aus Faulheit/Dummheit. Auch wenn es dann dumm für ihn ausgeht. Und das kann er dann auch noch gut rechtfertigen.

Der Text vom Wertz stimmt, wenn überhaupt, dann nur für die "Großkopferten", die BRD-Elite. Aber Vorsicht, die haben alle Häuser (Villen oder Schlösser) in der Schweiz und mächtig viel Kohle dort vergraben!

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