Das ist das Ende

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Das ist das Ende

Von René Zeyer, 11.06.2014

Jetzt geht’s aber rund: Der Schweizer Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar verkündet nicht weniger als «Das Ende des Kapitalismus». Dabei ist’s doch bloss der Euro.

Schweizer, Professor an der Universität Hamburg und Direktor des Weltwirtschaftsinstituts (WWI), das zu seinen Gesellschaftern die Handelskammer Hamburg zählt – das ist nicht gerade die wissenschaftliche Ecke, aus der man Sätze erwarten würde wie: «Der Kapitalismus ist am Ende. Was seine Gegner nicht vermochten, schafft nun die Europäische Zentralbank (EZB).» Straubhaar greift in «Die Welt» zum ganz grossen Hammer. Wäre Karl Marx auf Facebook, würde er den «gefällt mir»-Knopf drücken. Alle Daumen hoch.

Im Prinzip richtig

Straumann regt sich fürchterlich über die Einführung von Negativzinsen für bei der EZB geparktes Geld auf. Denn «ein positiver Zins ist – neben dem Geld an sich – das Herz des Kapitalismus, das Wachstum und Fortschritt antreibt». Wer Zinsen bekommt, verzichtet heute, um morgen mehr zu haben. Zinsen kaufen Zeit. Sie ermöglichen es, Konsum und Produktion zwischen Gegenwart und Zukunft zu tauschen. Soweit alles richtig.

Nochmals der Professor im O-Ton: «Negative Zinsen sind das Ende einer Wirtschaft, in der Gläubiger sparen, um Schuldnern zur Vorfinanzierung von Konsum und Investitionen Geld gegen eine Entschädigung vorübergehend zur Verfügung zu stellen.» Genau, aber dürfen die Völker wirklich die Signale aus Hamburg so verstehen, dass es auf zum letzten Gefecht geht?

Fehlalarm

Was Straubhaar hier beschreibt, manche mögen das bedauern, ist aber nicht das Ende des Kapitalismus, sondern höchstens ein weiterer Sargnagel für den Euro. Denn was die EZB versucht, ist, die Banken anzuhalten, billige Kredite an die Wirtschaft zu vergeben. Dabei gibt es aber zwei Probleme.

Zunächst einmal haben die USA, im Vergleich, ihren Bankensektor nach der Fastkernschmelze von 2008 kräftig aufgeräumt, Hunderte von maroden Instituten sind verschwunden. Demgegenüber wanken in Europa noch jede Menge Zombie-Banken herum, die ganz andere Probleme als die Vergabe von neuen Krediten haben.

Wichtiger noch: Wer als Privathaushalt oder als Unternehmen keine Ertragschancen sieht, verschuldet sich nicht neu, sondern baut Schulden ab. Wenn man mit einer Aktie mehr verdienen kann als mit einer Wertsteigerung der dahinterstehenden Firma, weil sich die Börsenkurse durch Gratisgeld völlig von der Realität abgekoppelt haben, dann haut man sein Geld doch wenn schon lieber da rein.

Oder nochmal anders: Wenn ein Wettbewerb zwischen Staat, Unternehmen und Haushalten entsteht, wer wie schnell Schulden abbauen kann, dann kann es keine Konjunktur geben. Wenn ein Haushalt heute ertragreich sparen kann, um sich morgen mehr zu leisten, dann tut er das – dies die Auswirkung des zurzeit fehlenden Zinsertrags. Wenn die Angst besteht, dass morgen alles viel teurer werden könnte, dann wird heute konsumiert – so die Auswirkung von Inflation. Wenn die Hoffnung besteht, dass morgen alles viel billiger werden kann, dann wird zugewartet – das wiederum ist die Auswirkung von Deflation.

Nicht der Kapitalismus ist am Ende

Dass sich Chinesen, Mitglieder der grössten kapitalistischen Wirtschaftsmacht der Welt, vor Lachen am Boden wälzen würden, wenn sie diese Untergangsprophezeiung des Professors aus Hamburg zur Kenntnis nähmen, mag noch kein endgültiges Argument gegen sie sein.

Aber einen gewissen Eurozentrismus muss man ihm schon vorwerfen. Er beschreibt einfach, dass man in der Eurozone eigentlich alles falsch macht, was man falsch machen kann. Das ist nicht mal die alleinige Schuld der EZB. Denn sie versucht ja nur, mit allen Mitteln eine Fehlgeburt am Leben zu halten. Sie erreicht es mit allen Wunderwerken des modernen High Tech Financial Engineering.

Der Versuch, eine Leiche künstlich am Leben zu erhalten, ihr Geld in die Adern zu pumpen, bis die Blutgefässe platzen, in der Hoffnung, endlich einen Herzschlag, also Konjunktur, Wachstum, zu hören, hätte etwas Rührendes. Wahrscheinlich liest man in Bankerkreisen eher selten Adorno: «Es gibt kein richtiges Leben im falschen.» Aber das ist nicht mal das Schlimmste.

Alle zahlen die Zeche

Die Verkündung des Endes des Kapitalismus aus fachlichem Mund ist auch nur der Ausdruck einer immer mehr um sich greifenden Verzweiflung. Denn selbst eine Professorenrente ist nicht mehr sicher, genauso wenig wie alle Spar- und Geldanlagen in Euro.

Aber bevor die Eidgenossen zu früh jubeln: Der Schweizerfranken ist durch die Anbindung an den Euro mittels Untergrenze mit dessen Schicksal verklammert. Die Schweizerische Nationalbank kann man ohne weiteres als den grössten Hedgefonds der Welt bezüglich des Euros bezeichnen. Wie der Euro, wie die EU, wie die Schweiz aus dieser Nummer wieder rauskommen wollen, da ist guter Rat wahrlich teuer. Aber immerhin: Es wird ohne Ende des Kapitalismus abgehen.

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Kommentare

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Es stellt sich nur die Frage wann und wie der Kapitalismus untergeht - mehr nicht.

"Die Verkündung des Endes des Kapitalismus aus fachlichem Mund ist auch nur der Ausdruck einer immer mehr um sich greifenden Verzweiflung."

Diese Verzweifelung der Verzeifelten könnte durchaus das Ende des Kapitalismus bedeuten. Irgendwann ist die kritische Masse erreicht. Der Kapitalismus ist nicht darauf aufgebaut diese kritische Masse zu verringern.

Was wir heute haben, ist schon lange kein Kapitalismus mehr. Zum einen sind die Realmärkte gerade in der Schweiz und der EU de facto immer regulierter und "politischer" zur Wahrung von Sonderinteressen (Gewerkschaften, Bauern, Umweltschützer, Gewerbekartelle etc.). Zum anderen sind die Finanzmärkte seit über 40 Jahren de facto ausser Kraft zugunsten einer Klüngelei zwischen Polikern und Banken. Genau genommen seit der Loslösung des Dollar vom Gold durch Nixon 1971, und dann durch die Aufhebung des Bankentrennsystems durch Clinton Ende der 90er. Beides hatte den Zweck, der Politik die einfachere Finanzierung von Populismus zu erleichtern - Kriege, neue Sozialsysteme und Renten für alle und jeden, "friedenssichernde Währungssysteme" wie den Euro etc. Die Banken finanzieren das alles gern, weil der Staat als Sicherheit den Steuerzahler bieten kann - der kann sich bekanntlich kaum wehren. Das alles ist das Gegenteil von Kapitalismus, und hoffentlich geht dieses System einmal wieder zu Ende.

Es geht um die Ankurbelung der Wirtschaft. In den USA beginnt dies dank billigem Geld zu wirken. Wieso soll das in Europa nicht funktionieren? Die grosse Kunst wird darin bestehen auf die Geldbremse zu stehen wenn die Wirtschaft zu laufen beginnt. Bis dies geschieht, können sich Aktienbesitzer und verschuldete Liegenschaftenbesitzer freuen. Mieter profitieren von relativ tiefen Mieten und geringem inflationsfreien Wachstum. Zu erwartende steigende Preise und ev. steigende Zinsen sowie fallende Aktienkurse wird das Verteilungskarusell erneut wenden. Das mag für Ökonomen, die ändernde Verteilungseffekte ausklammern, schwindelerregend sein. Weder der Kapitalismus noch der Euro werden vermutlich untergehen. Massive Anpassungsprozesse sind bereits gelaufen. Neue Verwerfungen sind zu erwarten. Zu hoffen ist, dass die Politik die Nerven behält und ein nachhaltiges Wirtschaften im Auge behält. Eine minimale Glaubwürdigkeit bleibt für stabile Demokratien ein zentrales Ziel.

Wirkt das Geldankurbeln es wirklich in den USA? Ich habe meine starken Zweifel. Von den unzähligen Billionen, die die FED in Banken investierte, gingen keine 20 Prozent in die echte Wirtschaft. Finde leider gerade die Zahlen nicht. Ich meinte, es waren nur etwa 8 oder 9 Prozent, die von den Banken über Kredite geflossen.
Wenn sie diese Billionen direkt in die Wirtschaft gepumpt hätte, wären die 50 Millionen Amis nicht auf Essensmarken angewiesen.

Was die Schweizerfrankenanbindung an den Euro betrifft, steht nirgends geschrieben, dass man diese Anbindung nicht jederzeit auflösen könnte. Dann würden die ungefähr 2 Billionen Vermögen die man auf Knopfdruck bei der Anbindung vernichtete, wieder erschaffen. Mit den 2 Billionen hatte man die Schweizer Wirtschaft m. E. besser ankurbeln können, als mit der Anbindung an einen gigantischen Trümmerhaufen.

Die Chinesen kriegen es übrigens auch nicht viel besser hin als die EU. Die chinesischen Grossbanken, die zu den grössten der Welt gehören, sind teilweise noch Blasengefährdet als westliche Banken. Wenn ich nur an die gigantischen Geisterstädte denke, wo niemand drin wohnt - alles über Kredite erschaffen. Wenn ich wetten müsste, wer die Weltwirtschaft killt, dann würde ich auf chinesische Banken tippen. Letzten Herbst war es ja schon fast so weit. Wenn der Staat nicht rigoros eingegriffen hätte, und jetzt will China ihre Währung auf den Markt werfen, das kann nicht gut kommen.

Der Kapitalismus (Handel auf Basis des Kapitals) ist im Grunde nichts schlechtes. Man müsste nur endlich seine seit über hundert Jahren bekannten Fehler korrigieren.
1. Der Zins und Zinseszins muss weg und 2. das Giralgeld ebenso. Über Silber oder Goldpreisanbindung und andere Alternativen wie das Fliessgeldsystem kann man dann in Ruhe diskutieren.

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