Das Glück des ersten Sonntags

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Das Glück des ersten Sonntags

Von Laura Weidacher, 19.06.2011

Von Laura Weidacher (Text und Fotos) Ein nach aussen unspektakuläres, im Inneren aber höchst intensives Kunstprojekt öffnet im jurassischen Städtchen Porrentruy jeden ersten Sonntag im Monat die Tore eines der ältesten Häuser der Stadt. Nur immer an diesem einen Tag sind zeitgenössische Kunstprojekte in den jahrhundertealten Mauern des Maison Turberg zu entdecken.

Eingang Maison Turberg

Der Besuch des palastartigen, mächtigen Bürgerhaus, 1569 erbaut, und seine Lage am Rande des Altstadtkerns von Porrentruy wären allein schon eine Reise wert. Nach dem Sieg der Reformation verlegte der Bischof von Basel 1521 seinen Sitz nach Porrentruy (oder zu Deutsch Pruntrut) und gab damit der Hauptstadt der Ajoie neuen Auftrieb. Sein Sommerschloss errichtete er in der heutigen Kantonshauptstadt Delémont oder Delsberg. Als der im Jura heute noch legendäre Bischof Blarer von Wartensee 1591 die Jesuiten mit ihrem breiten Schulwesen nach Porrentruy zog, etablierte sich in der kleinen Stadt ein bis heute noch wirksames selbstbewusstes Bildungs- und Kulturbürgertum und führte zur, auch heute manchmal zitierten, stolzen Stadtbezeichnung Porrentruys als „Athen des Juras“.

Die bewegte Geschichte eines Bürgerhauses

Der vor erst knapp 32 Jahren gegründete Kanton Jura aber ist arm und kann seinen denkmalpflegerischen Aufgaben nur partiell gerecht werden. So drohte - nach all seiner bewegten Geschichte - das mächtige Maison Turberg (benannt nach der Druckerei, die im 19. Jahrhundert darin etabliert gewesen war) zu verfallen. Bis sich – und das scheint bezeichnend für das heutige jurassische Selbstverständnis - ein Künstler mir jurassischen Wurzeln seiner annahm. Die Stiftung des Malers und Konzeptkünstlers Remy Zaugg, geboren in Courgenay und im Raum Basel und im nahen Elsass arbeitend (auch hier wieder wirksam die Linie Basel-Ajoie!) kaufte das Maison Turberg und beauftragte das bekannte Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron mit den Renovierungsarbeiten. Leider starb Remy Zaugg 2005, und die Stiftung wurde mangels Mitteln eingestellt. Die grosse Ungewissheit, was nun mit dem halbfertig umgebauten, riesigen Renaissancegebäude zu geschehen hatte, das weiter Kunst und Kultur zur Heimstatt dienen sollte, wurde endlich durch den Kauf eines Basler Kunstfreundes beendet. Das Haus blieb zwar bis heute im Stande der stillgelegten Renovierungsarbeiten, beherbergt aber seit 2009 das Projekt „Le 1er dimanche“. Und gerade diese Aura von Halbfertigem, Provisorischem innerhalb so geschichtsträchtiger, scheinbar für die Ewigkeit errichteter Mauern verleiht allen zeitgenössischen Kunstprojekten ungemeinen Reiz.

Künstler-Initiative und Rettung

Drei Künstler hatten das Projekt im Sinne einer Zwischennutzung des Hauses ins Leben gerufen und betreuen es bis heute, ehrenamtlich und ohne jegliche Subvention. Es sind dies die Basler Künstlerinnen Christine Dürr, Catrin Lüthi K und der Kunstmaler Paul Zoller. Auf 300 Quadratmetern pro Stockwerk sowie im historischen Estrich können die eingeladenen Künstler oder Künstlerkollektive schalten und walten.

Den Organisatoren sind mit dieser Künstlerinitiative nicht nur eindrückliche Begegnungen mit Kunst zu verdanken, sondern auch das regelmässige Sich-Wiederfinden in den alten, zum Teil halbfertigen Räumen, zu Gesprächen am aus eigenen Mitteln grosszügig bereitgestellten Buffet – mit einem Wort: der ideale kulturelle Sonntagsauftakt, der inzwischen von einer leider noch nicht allzu grossen, aber eingeschworenen Gemeinschaft aufgesucht wird.

Künstler im Turnus-Wechsel

Das Konzept ist so einfach wie einleuchtend: Jeden Monat wird relativ kurzfristig ein oder eine neue/r Künstler/in eingeladen, einige Räume, egal in welchem Stockwerk, zu bespielen bzw. mit Kunstwerken auszugestalten. Dafür muss dasjenige Kunstprojekt, das bereits am längsten zu sehen war, weichen. Dieser sanfte Wechsel erlaubt es dem Publikum, nicht nur immer wieder Neues zu sehen, sondern den schon länger anwesenden Kunstwerken nochmals oder je nachdem auch zum ersten Male zu begegnen.

Blick in die Installationsräume von Alex Silber Company: vorne: Reservat (Detail); hinten: Matrix (Foto auf Nextilon, DSP-Print, Grafik) © Pro Litteris. Foto: Alex Silber
Blick in die Installationsräume von Alex Silber Company: vorne: Reservat (Detail); hinten: Matrix (Foto auf Nextilon, DSP-Print, Grafik) © Pro Litteris. Foto: Alex Silber

Am ersten Sonntag des Monats Mai stiess der bekannte Konzeptkünstler Alex Silber alias Alex Silber Company zu den bereits eingerichteten Räumen von Nesa Gschwend (Objektkunst, Video und Performance), Lynn Catania Voeffray (Radierungen) und Christophe Bregnard (Plastiken). Wenn man, aus der eindrücklichen Videoprojektion Nesa Gschwends im Dachgeschoss kommend, Lynn Catania Voerffrays sensible und fast japanisch anmutende Radierungen bewundert, daneben des jungen Christophe Bernards phantastische gerundeten Objekte, stösst man im ersten Stock des Hauses auf Alex Silbers ebenso einleuchtende wie sperrige Installationen, die in dem Satz gipfeln: „Die Wahrheit ist konkret ein Gegenstand zum Mitnehmen.“ Das unscheinbare Objekt unter einer Plexihaube von 1986-2011 steht auf dem Boden eines unfertigen Raumes, der wie alles hier sowohl Poesie wie auch Verfall und eine alles überwindende Hoffnung ausstrahlt. Die Hoffnung nach Phantasie und Wahrheit in der Kunst. Jeden ersten Sonntag im Monat.

Das Juni-Buffet An der Wand: Land Current, Radierung von Lynn Catania Voeffray
Das Juni-Buffet An der Wand: Land Current, Radierung von Lynn Catania Voeffray

Der neueste Künstlerbeitrag ist jeweils ungefähr eine Woche vor dem 1. Sonntag im Monat auf der Webside im Internet einsehbar (www.le1erdimanche.ch). Dieses Mal ist es Andrea Wolfensberger, die derzeit im Kunstmuseum Solothurn ausstellt.

Maison Turberg, rue Pierre-Péquignat 42, 2900 Porrentruy. Le1erdimanche@farbica.com

Geöffnet jeweils 12-17 Uhr, ohne Sommerpause. Nächster Öffnungstermin: Sonntag, 3. Juli 2011 Anfahrt mit S3 von Olten/Basel.

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