Das Gift der Prosa Ernst Jüngers

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Das Gift der Prosa Ernst Jüngers

Von Stephan Wehowsky, 25.10.2011

Am 22. Oktober 1941 ermordete die deutsche Besatzungsmacht in Frankreich 50 Geiseln. Der Schriftsteller Ernst Jünger war bei der Erschiessung dabei und hat Aufzeichnungen angefertigt. Die sind jetzt in Buchform erschienen und werden von feinsinnigen Betrachtungen begleitet, die im Grunde ein Skandal sind.

Die deutsche Okkupation wurde zunächst von der Mehrheit der Franzosen fatalistisch hingenommen, aber im Jahre 1941 kam es immer häufiger zu Anschlägen und Attentaten der Partisanen. Die Deutschen reagierten darauf mit Erschiessungen von Gefängnisinsassen oder willkürlich aufgegriffenen Zivilisten.

Der damalige Oberbefehlshaber der deutschen Besatzungsmacht, Otto von Stülpnagel, hatte zunächst wenig Skrupel bei den Geiselerschiessungen. Nach und nach hielt er sie aber für „unzweckmässig“, „schädlich“ und für „politisch ausserordentlich unklug“. Statt dessen begann er als Revanche mit der Deportation der Juden. Auf sein Geheiss musste zudem die jüdische Gemeinde von Paris eine Milliarde Francs als Entschädigung zahlen.

Fund in Marbach

Am 21. und 22. Oktober 1941 fanden wieder Attentate auf deutsche Soldaten sowie den Feldkommandanten Hotz in Nantes und den Kriegsverwaltungsrat Reimers in Bordeaux statt. Hitler tobte und verlangte die Erschiessung von 150 Geiseln. Stülpnagel handelte die Zahl auf "nur" 50 herunter und beauftragte den Hauptmann und Literaten Ernst Jünger, das Geschehen um die Geiselerschiessung am 22. Oktober 1941 in einer Art Tagebuch zu protokollieren. Hinter diesem Auftrag stand sein mehr oder weniger offen geäussertes Missbehagen an dieser Praxis. Kurz nach der Erschiessung meldete Stülpnagel sich krank und demissionierte.

Das Manuskript von Jünger, zu dem auch seine Übersetzungen der Abschiedsbriefe der Geiseln gehören, galt lange Zeit als verschollen. Er hatte es versteckt gehalten und das Original im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 vernichtet. Nun ist aber ein bislang unbekannter Durchschlag im Literaturarchiv Marbach aufgetaucht. Diese Schrift mit dem Titel, „Zur Geiselfrage. Schilderung der Fälle und ihrer Auswirkungen“, wurde jetzt vom Verlag Klett-Cotta herausgebracht. Dazu muss man wissen, dass sich der Verlag Klett-Cotta der Herausgabe der Jüngerschen Werke schon seit Jahrzehnten mit besonderer Hingabe widmet.

Der Brief von Guy Môquet

Dieses Buch enthält gleich zwei Vorworte. Eines stammt vom Filmregisseur Volker Schlöndorff, das andere vom Bonner Politikwissenschaftler Sven Olaf Berggötz. Eine Besonderheit liegt zudem darin, dass Volker Schlöndorff zur diesjährigen Buchmesse einen Film über die Geiselerschiessung unter dem Titel „Das Meer am Morgen“ für die ARD produziert hat. Dieser Film beruht nach Angaben Volker Schlöndorffs ganz wesentlich auf der Schilderung Jüngers, aber es sollen auch Elemente aus Heinrich Bölls früher Erzählung „Vermächtnis“ eingeflossen sein.

Aus heutiger Sicht ist die Hauptperson unter den 50 Opfern der damals gerade mal 17-jährige Guy Môquet, der einen Abschiedsbrief an seine Mutter hinterlassen hat. 1944 hat Louis Aragon sein Gedicht „La rose et le réséda“ Guy Môquet und drei weiteren Widerstandskämpfern gewidmet.1946 ist eine Pariser Metro-Station nach ihm benannt worden.

Dieser Brief ist auf Geheiss Nicolas Sarkozys Unterrichtsstoff an allen Schulen Frankreichs und wird dort jedes Jahr am 22. Oktober verlesen. Als Sarkozy das erste Mal der Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Besuch abstattete, versäumte er es nicht, kurz zuvor das Résistance-Denkmal im Bois de Boulogne zu besuchen und dort den Brief Môquets von einer 17-jährigen Schülerin verlesen zu lassen.

Vorspiegelung von Esprit

Diese Spitze ist geradezu wohltuend, verglichen mit dem, was Schlöndorff, Berggötz und noch unzählige andere aus Jüngers Schrift und diesem Fall gemacht haben und machen. Dafür gibt es einen gemeinsamen Nenner: Es wird dort Tiefsinn vermutet, wo es sich um Verbrechen und nichts anderes handelt, vorausgesetzt, die Täter spiegeln so etwas wie Esprit vor. Darin war Jünger der bis heute unübertroffene Meister.

Wie hypnotisch Jünger immer noch wirken kann, zeigt Schlöndorff in seinem Vorwort, das in einer leicht gekürzten Fassung von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 19. Oktober 2011 abgedruckt wurde: „Ernst Jünger hat nicht nur mit der Akribie eines Kriminalkommissars die Ereignisse aufgezeichnet – insbesondere ging es um lange Verhandlungen mit dem Führer, der zunächst die sofortige Erschiessung von 150 Geiseln verlangt hatte – sondern auch in sehr persönlicher Weise die Haltung der Menschen im Angesicht des Todes beschrieben.“ - Verhandlungen mit dem Führer? Wie rettungslos tief muss sich Schlöndorff in Jünger versenkt haben, um nicht zu merken, dass man heute wohl kaum noch von «dem Führer» - wohlgemerkt ohne Anführungszeichen – schreibt oder spricht.

Diese Bemerkung ist keine Erbsenzählerei. Denn im Anschluss an diesen Satz fügt Schlöndorff - wiederum ohne jede Distanzierung - folgendes Zitat aus der „Geiselfrage“ an: „In Nantes sind die ersten Geiseln bereits hingerichtet worden. Ohne Zwischenfälle, ohne Gewaltanwendung, in äusserster Disziplin und Ordnung. Alle sprechen mit Hochachtung vom Mut und der Würde der Hingerichteten. Keiner hat sich abfällig oder mit Hass unseren Soldaten gegenüber verhalten. Der Mensch scheint erst im Angesicht des Todes zu seiner wahren Grösse zu finden. Er verabschiedet den Willen, gibt die Hoffnung auf. Da steigen andere Signale auf.“

Humanität als Spucknapf

Dass die nackte Gewalt die beste Therapie ist, wusste Jünger schon aus dem 1. Weltkrieg zu berichten: „In Stahlgewittern“. Dort heisst es anlässlich der Schilderung eines Trinkgelages nach geschlagener Schlacht: „In diesen Männern war ein Element lebendig, das die Wüstheit des Krieges unterstrich und doch vergeistigte, die sachliche Freude an der Gefahr, der ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Im Laufe von vier Jahren schmolz das Feuer ein immer reineres, ein immer kühneres Kriegertum heraus.“ (1)

André Gide notierte am 1. Dezember 1941 in seinem Tagebuch: „Das Buch von Ernst Jünger über den Krieg von 14 ist unbestreitbar das schönste Kriegsbuch, das ich gelesen habe.“ Und der Verlag Gallimard hat Werke von Ernst Jünger in die „Bibliothèque de la Pléiade“ aufgenommen, einer Art Pantheon der Literatur, das einem Schriftsteller wie Thomas Mann versperrt blieb. Einzig Georges-Arthur Goldschmidt, Träger des Geschwister-Scholl-Preises, hat gegen diese Nobilitierung Jüngers energisch seine Stimme erhoben. Die masochistische Verehrung Jüngers in Frankreich kann mit den Ungereimtheiten zusammenhängen, die der Historiker Marc Bloch in der französischen Mentalität im Jahr 1940 ausgemacht hat (2). Oder sie liegt daran, dass es in Frankreich nie eine Aufarbeitung der Vichy-Vergangenheit gegeben hat. Darüber mag man spekulieren.

Man mag auch darüber spekulieren, was François Mitterand und Helmut Kohl dazu gebracht hat, gleich zweimal gemeinsam bei Jünger in Wilfingen aufzukreuzen – 1993 und 1995 zu dessen 100. Geburtstag. Und es mag auch noch im Bereich der Geschmacksurteile liegen, dass Jünger im Jahre 1982 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhalten hat. Aber anders als Jünger hätten Goethe „Vernunft, Moral, Humanismus nicht als Spucknäpfe gedient“, merkte Rudolf Augstein, vom Käfersammler und Tagebuchschreiber Jünger sonst durchaus beeindruckt, an.

Keine Verantwortung

Absolut indiskutabel aber ist es, sich von Jünger in den intellektuellen und zugleich moralischen Sumpf ziehen zu lassen und den Aufenthalt dort mit einem geistigen Höhenflug zu verwechseln. In ihren Vorworten zitieren sowohl Volker Schlöndorff wie Sven Olaf Berggötz durchaus zustimmend einen Tagebucheintrag Jüngers, in dem es heisst, es handele sich bei seiner Schrift über die „Geiselfrage“ um einen „Einblick in eine unmögliche Lage, in der man eigentlich nur Fehler machen kann, ob man handelt oder nicht handelt.“

Entsprechend schreibt Schlöndorff: „Allen Beteiligten scheint es jedoch gelungen zu sein, dieses Massaker als reinen Verwaltungsakt zu behandeln, für den sich letztlich niemand verantwortlich fühlte.“ Wenigstens macht Schlöndorff darauf aufmerksam, dass die Soldaten die Möglichkeit gehabt hätten, die Mitwirkung an der Exekution zu verweigern.

Die doppelte Würde

Was Schlöndorff und der Politikwissenschaftler Berggötz in ihren feingeistigen Betrachtungen vollkommen übersehen, ist die schlichte Tatsache, dass im Zusammenhang mit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen die Erschiessung von Geiseln ohne ein Gerichtsurteil als Kriegsverbrechen verurteilt worden ist. (3) Was will man da noch diskutieren?

Offenbar sehr viel. So schreibt Sven Olaf Berggötz, Jünger habe „die starre und nüchterne Chronologie der Ereignisse durch das Hinzufügen der Briefe zugleich sublimiert, zu einem bleibenden Zeugnis gemacht.“ Das lag Ernst Jünger ganz gewiss. Schliesslich hatte er 1922 einen Essay mit dem Titel publiziert: „Der Kampf als inneres Erlebnis“. Ein paar Sätze weiter paraphrasiert Berggötz den FAZ-Feuilletonredakteur Lorenz Jäger dahingehend, „dass man die Bedeutung der Geiselerschiessungen für Ernst Jüngers endgültige Abwendung vom nationalsozialistischen Regime kaum überschätzen kann – noch wichtiger jedoch sei, dass Jünger damit den erschossenen Geiseln die Würde zurückgegeben hat.“ Wie das? Hatte Jünger nicht selbst geschrieben: „Alle sprechen mit Hochachtung vom Mut und der Würde der Hingerichteten.“ - Dank ihrer Erschiessung und der jüngerschen Beschreibung hätten die Geiseln jetzt also eine doppelte Würde.


(1) Klett-Cotta, 1990, 32. Auflage, S. 158f

(2) Marc Bloch, Die seltsame Niederlage: Frankreich 1940, S. Fischer Verlag 1992

(3) Jörg Friedrich, Das Gesetz des Krieges, Piper 1993, S. 934/939

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@R.J.Merkle Sehr geehrter Herr R.J Merkle, stellen Sie sich vor, der heutige Zeitgeist mit seinen durch Demokratien und Rechtsstaaten verursachten Greuel, würde in zwanzig Jahren neu beurteilt. ( Ich hoffe früher!) Begleitende Literatur unter dem Motto im "Nachhinein" neu aufgearbeitet. Würde dann wirklich noch jemand verstehen dass US-Amerika das Den Haager Kriegsverbrechertribunal durch nichtakzeptieren lächerlich gemacht hat? Wir wissen es nicht.....leider.

Sehr geehrter Herr Wehowsky,

als jemand, der sich der Gnade seiner späten Geburt durchaus bewusst ist, wage ich nichtsdestotrotz, Ihnen zu diesem ausgezeichneten Artikel zu gratulieren, mithin dergestalt eine Position zu beziehen, die gewiss nicht der Schelte entbehrt. (Motto: Es ist billig, im Nachhinein alles besser zu wissen.) Es blieb mir stets ein Rätsel, weshalb sich Jünger der ungeteilten Begeisterung vieler Literaturwissenschaftler, Philosophen, Politiker u. dgl. m. erfreuen durfte. Wes' Geist dieser 'Intellektuelle' war, über den es in der Wochenzeitschrift «Die Zeit» weiland trefflich hiess (aus dem Gedächtnis zitiert), er mache keine Anstalten, nicht 100 zu werden, möge folgendes Textexzerpt (Jünger, Ernst: In Stahlgewittern, 44. Aufl., Stuttgart 2006, S. 101) illustrieren: "Diese kurzen Streifzüge, bei denen man das Herz fest in die Hand nehmen musste, waren ein gutes Mittel, den Mut zu stählen und die Eintönigkeit des Grabendaseins zu unterbrechen. Der Soldat darf sich vor allem nicht langweilen." Krieg als mannhaftes Divertissement zu verharmlosen und jegliche in diesem Kontext begangene Grausamkeit zu ästhetisieren, vermag vielleicht im Feuilleton einige Artikel zu füllen und durchaus unterhaltsame Sprachspiele hervorzubringen. Mit Reflexion, einer essentiellen Aufgabe des Feuilletons, hat dies nun gar nichts zu schaffen. Einige Fragen sind m. E. zu beantworten: Was verhindert eigentlich, Jünger endlich auf dem Boden der nüchternen Fakten zu lesen? Sind Jüngers Tagebücher ernstlich bar jedweder moralischer Kritik zu lesen? Sind die überheblich elitären, zweifelsfrei antidemokratischen, von Pathos geschwängerten Tagebücher (sowie teilweise seine Romane und späteren Schriften) tatsächlich gänzlich unpolitischen Charakters, jenseits aller Moral und Ethik? Selbstredend ist mir bekannt, dass Jünger kein Nazi war. Darum ist mir auch nicht zu tun. Kritisches Nachdenken über jeden Text sollte von jedem Leser, nachgerade jedem Liebhaber von Literatur, eingefordert werden dürfen. Hierzu ist eine distanzierte Haltung des Rezipienten unabdingbar. Sowohl Schlöndorff als auch Berggötz müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie ebendieser Haltung in ihren Vorworten ermangeln. Dieses ist schlicht nicht statthaft.

Freundliche Grüsse

Rudolf J. Merkle

Dies, wie es möglich ist zu leben, wenn doch die Elemente dieses Lebens uns völlig unfasslich sind? Wenn wir immerfort im Lieben unzulänglich, im Entschließen unsicher und dem Tode gegenüber unfähig sind, wie ist es möglich dazusein? Rainer Maria Rilke Im Januar und Februar 1926 schrieb Rilke der Mussolini-Gegnerin Gallarati Scotti drei Briefe nach Mailand, in welchen er die Herrschaft Benito Mussolinis lobte und den Faschismus als ein Heilmittel pries. Über die Rolle der Gewalt war sich Rilke dabei nicht im Unklaren. Er war bereit, eine gewisse, vorübergehende Gewaltanwendung und Freiheitsberaubung zu akzeptieren. Es gelte auch über Ungerechtigkeiten hinweg zur Aktion zu schreiten.

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.

Und ich ( cathari ) sah in Raron trotz all dem, einige noch lebende Regierungschefs zu Rilkes Grab pilgern. Was soll man dazu sagen? Vielleicht sind Kunst und Überzeugung doch zwei verschiedene Dinge.....Im Nachhinein könnte man ja klüger sein...oder nicht?

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