Das Erbe des Eduard von Heydt

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Das Erbe des Eduard von Heydt

Von Dagmar Wacker, 23.04.2013

Eduard von der Heydt, dessen Sammlung aussereuropäischer Werke das Rietberg-Museum in Zürich begründete, wird dort in einer Ausstellung als visionärer Sammler und facettenreiche Persönlichkeit geehrt.

„Eduard von der Heydt war eine der aussergewöhnlichsten Sammlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in Europa. Sein Engagement für die Zusammenschau von europäischer und aussereuropäischer Kunst sowie sein Beruf als Bankier führten vor dem Hintergrund der drei Brüche der deutschen Zeitgeschichte 1918, 1933 und 1945 zu einer wechselvollen, zuweilen bizarren Lebensgeschichte“, so die Einführung zu seiner anlässlich der Ausstellung erschienenen Biographie .

Geschäftstüchtiger Sammler

Die Schlüsselwerke der Sammlung, die die europäische Moderne, sowie Werke aus Indien, Asien, und Afrika umfasst, werden nun In Zürich zum ersten Mal zusammen gezeigt. Sie gilt unter Experten, besonders was die aussereuropäischen Werke angeht, als ausserordentlich vielfältig und umfasste zeitweilig gegen 3.000 Objekte. Visionär war damals auch seine Art, Sammler- und Bankierstätigkeit zu koordinieren.

Viele Werke erstand er kostengünstig „en bloc“, lieh sie bald an Museen aus, was ihren Wert steigerte, und nutzte diese Werte dann als Sicherheit für neue Ankäufe. Ein Vorgehen, dass seitdem im Kunstmarkt gang und gäbe ist.

Der Frauenakt im Hotelzimmer

Die Ausstellung zeichnet in sechs Räumen mit 180 Kunstwerken anhand seiner Wohnsitze in Zandvoort, Amsterdam, Berlin, und Ascona sein Leben auch atmosphärisch nach, indem sie mit Kunstwerken aus den diversen Kulturräumen jeweils Interieurs kreiert, die seinen Wohnräumen nachempfunden sein könnten. Heydt liebte es, seine Kunstwerke um sich zu haben. Das zeigte auch sein ständiges Zimmer im Hotel Baur au Lac in Zürich, dessen Ausstattung einmal von der Geheimpolizei dokumentiert wurde, wie auch die Tatsache, dass, wenn er sich in Berlin aufhielt, ein Frauenakt von Cézanne, den er dem dortigen Museum ausgeliehen hatte, in sein Hotelzimmer im Esplanade geliefert werden musste.

Die Büste von der Heydts im ersten Ausstellungsraum zeigt weder ein eindruckvolles Profil, noch einen Charakterkopf; eher ein angenehmes Rundgesicht mit weichen Zügen. Es ist das Gesicht eines Mannes, der lieber laviert als konfrontiert, sich eher strategisch abwartend verhält, als sich brachial durchzusetzen. Doch vielleicht konnte er nur so den Grossteil seiner Sammlung durch die Wirren der 30ger und 40ger Jahre retten; indem er vorsichtig beidseitig Allianzen aufbaute und bedacht war möglichst wenig zu brüskieren. Dass diese Werke der Nachwelt erhalten bleiben sollte und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, das war seine Mission.

Der Kaiser zu Gast

Johannes Itten, Künstler und Kunstpädagoge, der die Sammlung für die Stadt Zürich sicherte, hat Heydt auch auf seinem letzten Wohnsitz in Ascona besucht und ihn auf dem Monte Verità inmitten seiner illustren Gästeschar erlebt. Er beschrieb, was sich hinter der Fassade des freundlich lächelnden Gastgebers verborgen haben könnte:

„Eduard v.d. Heydt empfing seine vielen Besucher aus aller Welt mit freundlichem Lächeln und distanzierter Höflichkeit. Hinter dieser Maske blieb sein eigenstes Denken und Fühlen in chinesischer Hintergründigkeit verborgen. Die Gesprächsthemen sucht er – als wohlerzogener Weltmann – immer seinem Gast anzupassen“

Eduard von der Heydt
Eduard von der Heydt

Ein Leben als Weltmann war dem 1882 in durch die Textilindustrie reich gewordene Wuppertal-Eberfeld in eine gutsituierte und international tätige Bankiersfamilie geborene auch vorgezeichnet. Er studierte er Ökonomie in Freiburg und Genf, machte ein Bankvolontariat in New York, und diente bei den kaiserlichen Garde Ulanen in Potsdam. 1909 war er Bankier in London, dann im 1. Weltkrieg an der Westfront. 1915 bis 1919 war er Legationsrat an der deutschen Gesandtschaft im Haag. 1920, nach der Heirat mit einer wohlhabenden Bankierstochter, gründete er eine Bank in Amsterdam mit Filiale in Berlin. Im Hause Heydt in Zandvoort in Holland wohnte zeitweise Kaiser Wilhelm II. 1926 erwarb er den Monte Verità oberhalb Ascona, den er zu einem Treffpunkt internationaler Prominenz machte. 1937 wurde der Auslanddeutsche Schweizer Staatsbürger.

"ars una"

Doch seine spezielle Lebenshaltung, die ihn zum als „Buddha vom Monte Verità“ werden liess, brachte er von seinen frühen Aufenthalten in den USA mit. Dort war er mit der „New Thought“ Bewegung in Kontakt, gekommen, die - gestützt auf die Lehren von Lao Tse-, praktische Regeln zur Lebensführung vermittelte. Seine zutiefst humanistische Gesinnung, die jedem seiner Kunstwerke die gleiche Bedeutung verlieh, ob nun europäischer oder aussereuropäischer Provenienz, so dass er den Ausdruck der "ars una" prägte, hat sicher dort seine Entwicklung gefunden.

Am ehesten erfährt man den Menschen wahrscheinlich im Gespräch mit seinem Freund, dem Berufsdiplomaten Werner Freiherr von Rheinbaben, das 1958 auf dem Monte Verità stattfand. Das Buch ist inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich. Seine Weltsicht wird da dokumentiert, seine Haltung zu politischen Entwicklungen, aber auch seine Gedanken zur Kunst. Allerdings sind diese Äusserungen so vielschichtig, dass sich der Verleger vorsichtshalber von seinem Autor distanzierte.

Von Wuppertal zum Monte Verità

Doch mögen gewisse Handlungen von der Heydts auch zwiespältig erscheinen, so dienten sie doch dazu Sammlung und Vermögen weitgehend zu erhalten um sie, in seinem humanistisches Verständnis, der Öffentlichkeit zukommen zu lassen. Sein allen zugängliches Vermächtnis umfasst heute das "Von der Heydt- Museum" in Wuppertal, das Museum Rietberg in Zürich, Werke in Museen und Sammlungen im In-und Ausland, sowie die "Fondazione Monte Verità". Der Berg mit seinen Gebäuden und einem finanziellen Legat , wo von der Heydt wahrscheinlich seine glücklichsten Jahre verlebte, wurde dem Kanton Tessin vermacht mit der Auflage dort Kulturförderung zu betreiben.

Dies wird jetzt wieder versucht. Die erste "Primavera Locarnese" veranstaltete dort letzten Monat einen Event, bei dem europäische Geistesgrössen wie Claudio Magris, Peter Sloterdijk , Mario Botta und Hans Magnus Enzensberger zu Wort kamen. Dieses Ereignis wäre ganz sicher nach dem Geschmack von Eduard von Heydt gewesen.

Die Fragen, die Bernd Kulawik gestellt hat, sind ganz und gar berechtigt. Ausführliche Antworten darauf findet man in der gerade im Prestel Verlag München erschienenen Biographie ( ISBN-13: 978-3791342047). Bedauerlicherweise hat Frau Wacker zwar daraus zitiert, doch einen Hinweis auf das Buch versäumt. Als Herausgeber des Buches wäre ich dankbar, wenn dies nachgeholt würde.

Bitte den Text noch einem korrigieren: Er steckt voller den Sinn verdunkelnder Fehler.

PS: Und was man gern wüsste: Was waren denn die kontroversen Ansichten? Wie arrangiert man sich als Sammlern z.B. mit Verbrechern in Berlin, um seine Kunstsammlung zu retten … während Millionen Menschen umkommen? Durch welche Art Finanzgeschäfte ist v.d.H. reich geworden – und wer hat den Reichtm mit seiner Hände Arbeit erschaffen? … nun gut, die letzte Frage wird kaum noch zu beantworten sein …

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