Das Bild der anderen

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Das Bild der anderen

Von Reiner Bernstein, 06.02.2013

Eine kürzlich präsentierte Studie stellt in Schulbüchern beider Konfliktparteien einseitige Fakten und die Gegenseite anschuldigende Darstellungen fest.

Gemischte Ergebnisse hat eine Studie palästinensischer und israelischer Schulbücher mit finanzieller Unterstützung des US-State Department erbracht, die vom «Council of Religious Institutions of the Holy Land (CRIHL)» mit Moslems, Juden und Christen in einer Pressekonferenz am 4. Februar 2013 in Jerusalem vorgestellt wurde. Unter Rückgriff auf Analysetechniken jenseits pädagogisch-analytischer Methoden sei es das Ziel gewesen, eine «Kultur des Friedens zu schaffen», erklärte dazu Bruce Wexler, der an der Yale University den Lehrstuhl für Psychiatrie innehat und gemeinsam mit Sami Adwan (Bethlehem University) und Daniel Bar-Tal (Tel Aviv University) gemeinsam mit israelischen und palästinensischen Experten über drei Jahre die Arbeit betreut hat.

Verfestigung des eigenen nationalen Narrativs

Die Studie überprüfte 94 palästinensische Schulbücher aus der Westbank und dem Gazastreifen sowie 74 Schulbücher des israelischen säkularen und religiösen Bildungssystems. Während in den israelischen Texten 20 Fälle mit «extremer negativer Charakteristik» der anderen Seite festgestellt worden seien, stellen die Autoren sechs solcher Fälle in Palästina fest. Die historischen Vorgänge seien nicht falsch oder fabriziert, aber ausschnitthaft präsentiert worden, um das nationale Narrativ der eigenen Gemeinschaft zu stärken, lautet der generelle Eindruck.

So habe ein ultraorthodoxes Buch Israel als ein «kleines Land im Meer von siebzig Wölfen» bezeichnet, während ein säkulares Buch erläutert habe, dass der Staat Israel seit seiner Gründung Frieden durch Verhandlungen mit arabischen Staaten gesucht habe, dieser aber wegen der arabischen Ablehnung, Israels Recht auf Existenz anzuerkennen, gescheitert sei. (Auffällig ist hier die fehlende Erwähnung der arabisch-palästinensischen Komponente des Konflikts.)

In palästinensischen Schulbüchern hingegen würden häufig die zionistische Bewegung und der Staat Israel als Quelle palästinensischer Probleme bezeichnet. «Die zionistische Okkupation und die Usurpation Palästinas und der Rechte seines Volkes machen das Herzstück des Konflikts im Nahen Osten aus», heisst es dort. Eine andere Stelle laute: «Grossbritannien suchte die Hilfe der Juden, seine imperialistischen Bestrebungen durchzusetzen, und deshalb begannen die Juden, in Palästina einzuwandern.»

Zum Kartenmaterial führten die Wissenschaftler aus, dass in 58 Prozent der palästinensischen Schulbücher aus der Zeit nach 1967 Palästina in den Grenzen zwischen Mittelmeer und Jordan ohne Erwähnung Israels eingezeichnet sei und dass in 78 Prozent der israelischen Schulbücher keine Hinweise auf die «Grüne Linie» (die Grenze vor dem Junikrieg 1967) sowie die Westbank und den Gazastreifen vorhanden seien.

Palästinensische Vorbehalte

Einige palästinensische Einwände hätten den Wert der Studie in Frage gestellt, weil sie die Hetze ins Zentrum des Konflikts positioniert hätten: Bei der Feindschaft zwischen Palästinensern und Israelis gehe es nicht um Gefühle oder um Missverständnisse, sondern das palästinensische Volk werde bis heute seines Landes beraubt. Diese Dinge müssten angesprochen werden, wenn es einen gerechten und umfassenden Frieden geben solle. So ist Nadia Hijab, die Direktorin der palästinensischen Organisation Al-Shabaka (Das Netzwerk), zitiert worden. Der Politologe Nathan J. Brown (George Washington University) habe eingewendet, dass Schulbücher nicht zwingend politisches Verhalten auslösen. Das Gegenteil sei der Fall: Israel habe alle Textbücher in der Westbank und im Gazastreifen zwischen 1967 und den Osloer Vereinbarungen (1993/95) zensiert, und herausgekommen seien Textbücher der Palästinensischen Autonomiebehörde, deren Benutzer für die erste (1987 bis 1992) und zweite Intifada (2000 bis 2004) gesorgt hätten.

Quellen: Naomi Zeveloff: Palestinian Textbooks Don’t Vilify Jews, New Study Reveals, in «Forward» 04.02.2013; Naomi Zeveloff: U.S. Funding Rigorous Study of Palestinian and Israeli Textbook Incitement, in «Forward» 27.06.2011. «Forward” ist eine US-amerikanisch-jüdische Zeitung.

Vgl. dazu Nurit Peled-Elhanan: Palestine in Israeli School Books. Ideology and Propaganda in Education. I.B. Tauris: London 2012

@Gast # 2
Wenn Sie etwas kritisieren wollen, dann bitte nicht den berichtenden Journalisten, sondern die Autoren der Studie.
«Council of Religious Institutions of the Holy Land (CRIHL)» mit Moslems, Juden und Christen in einer Pressekonferenz am 4. Februar 2013 in Jerusalem vorgestellt wurde.
Haben diese etwa geschummelt oder können Sie sich vorstellen, dass an dieser Kritik etwas dran ist?
Ich kann es, denn Israel verhält sich wie eine schreckliche Besatzungsmacht gegenüber den Palästinensern. Von den Besiedelungsproblemen gar nicht zu reden!

Herr Bernstein sieht Israel nur durch die antiisraelische Brille. In Israel war als übler und dümmlicher Kritiker von Israel bekannt, heute kennt ihn dort niemand mehr. Sein Bericht über Schulbücher entspricht nicht den Tatsachen. Warum Journal 21 diesen abgehalfterten "Journalisten" noch zulässt, ist mir ein Rätsel.

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